Türkische Literatur ( oder ) beschreibt die Literatur in türkischer Sprache von ihren frühesten bekannten Zeugnissen über ihre Entwicklung und erste Blütezeit während des Osmanischen Reichs bis hin zur Literatur der modernen türkischen Republik. Die klassische türkische Literatur und Dichtung hat Werke von weltliterarischem Rang hervorgebracht. Der moderne türkische Schriftsteller Orhan Pamuk wurde 2006 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Geschichte

Vorislamische Zeit

mini|Die ersten beiden Seiten aus dem Manuskript Irk Bitig in alttürkischer Schrift in der British Library in London Literarische Werke aus der vorislamischen Zeit der Turkvölker sind eher spärlich, da während dieser Phase wenig niedergeschrieben wurde und eher von mündlichen Überlieferungen Informationen bekannt sind. Greifbar wird sie erst durch die Orchon-Inschriften der Kök-Türken in Zentralasien in alttürkischer Sprache, die in alttürkischer Runenschrift auf Stelen gemeißelt wurden. Früheste Funde dieser Inschriften stammen aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. Weitere bekannte Grab- und Gedenkinschriften sind zum Beispiel die Kül-Tigin-Inschrift über den alttürkischen Staatsmann Kül Tigin, welche in der Nähe des Orchon-Flusses in der Mongolei entdeckt wurde. Ebenso wichtige Inschriften wurden unter anderem in China im autonomen Gebiet Xinjiang, in Sibirien, in Kirgisistan am Yssyk-See, welche auch Yssyk-Schriften genannt werden, gefunden. Eines der ersten noch vollständig erhaltene in alttürkischer Runenschrift geschriebene Manuskript aus dem 9. Jahrhundert wurde in Turpan in China während archäologischen Arbeiten entdeckt. In dem Buch geht es um Wahrsagerei und um Schamanismus und Buddhismus. Das Buch mit dem Titel Irk Bitig (Signatur Or.8212/161) befindet sich in der British Library in London. Weitere wertvolle Funde, die in Turpan und Qoco entdeckt wurden, sind die in diversen Alphabeten westasiatischer oder indischer Herkunft, zumeist aber in der altuighurischen Schrift abgefassten Manuskripte Sekiz Yükmek und Altun Yaruk (Goldglanz-Sutra). Letzteres ist in Fragmenten von Handschriften und Blockdrucken ab dem 10. Jahrhundert erhalten. Ein fast vollständiger Blockdruck stammt aus dem Jahr 1687.

Früheste Zeugnisse aus der islamischen Zeit: Kutadgu Bilig und Mahmud al-Kāschgharī Zu den frühesten erhaltenen Werken aus der islamischen Zeit in Turksprachen gehört ein Fürstenspiegel, das Kutadgu Bilig, um 1069/70 von Yusuf Chass Hādschib aus Balasagun dem Karachanidenherrscher Harun Bughra-Khan gewidmet. Der von seinem Lehrer AvicennaOtto Alberts: Der Dichter des in uigurisch-türkischem Dialect geschriebenen Kudatku-Bilik (1069–1070 n. Chr.) ein Schüler des Avicenna. In: Archiv für Geschichte der Philologie. Neue Folge 7 (Berlin), S. 319–336. beeinflussteArslan Terzioğlu: İbn Sina (Avicenna) im Lichte der jüngsten Forschung. (Übersetzung: Ali Vicdan Doyum) In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 18, 1999, S. 111–131; hier: S. 116 f. Text behandelt die Ansichten des Autors und seiner Gesellschaft, und stellt einzelne Aspekte des Lebens im Karachanidenreich dar. Während die Einleitung sich auf den Islam bezieht, finden sich im Text selbst erst wenige Bezüge auf die neue Religion. Der Text enthält bereits zahlreiche Lehnwörter aus dem Arabischen und Persischen. Obwohl in Zentralasien entstanden, wird das Kutadgu Bilig als frühes Dokument aus einer Gesellschaft angesehen, aus der sich nur kurze Zeit später die Seldschuken lösten, um nach Westen zu ziehen, und wird daher an den Anfang der türkischen literarischen Tradition gestellt.

Des Weiteren gibt es einige Werke des Mahmud al-Kāschgharī. Sein Hauptwerk ist die „Sammlung der Dialekte der Türken“ (dīwān lughāt at-turk), entstanden in den Jahren 1072–1094 in Bagdad. Es ist ein besonders wichtiges Werk für das Studium der türkischen Sprachen, der Kultur und der Geschichte des Mittelalters. Neben der Funktion eines Türkisch-Arabisch-Wörterbuchs bietet das Werk zahlreiche historische, folkloristische und geographische Einzelheiten. Das Werk zählt außerdem 21 oghusisch-türkische Stämme auf und ist eine der historischen Quellen über die Oğuz. Die meisten Oğuz-Stämme sind Jahrhunderte später im osmanischen Anatolien auffindbar.

Seldschukenzeit Das bekannteste Werk aus rum-seldschukischer Zeit ist das Ġarībnāme („Buch des Seltsamen“) des Sufi-Scheichs ʿĀšiq Pascha (ʿAlī bin Muḫliṣ, 1272–1332). Es besteht aus über 10.000 Doppelversen (Masnawī), die in zehn Kapitel (bāb), diese wiederum in zehn Unterkapitel eingeteilt sind. Jedes Kapitel beschäftigt sich mit einem Thema, das mit seiner jeweiligen Zahl zusammenhängt. So werden im 4. Kapitel unter anderem die vier Elemente und im 5. Kapitel die fünf Sinne abgehandelt. Die Themen sind moralischer und philosophischer Natur. Das Grab (Türbe) des in der Nachfolge von Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī (1207–1273) stehenden Dichters in Kırşehir wurde zu einem Pilgerort.Franz Taeschner: Die osmanische Literatur. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. Erste Abteilung. Fünfter Band. Erster Abschnitt. Turkologie. Brill, Leiden 1982, S. 271f

Aus vorosmanischer Zeit sind Versepen mündlich überliefert worden. Das große türkische Volksepos ist „Dede Korkut“, das von dem Kampf der Turkstämme gegeneinander und gegen das christliche Oströmische Reich berichtet. Das Versepos von Seyyid Battal Ghazi aus dem 13. Jahrhundert enthält neben türkischen auch arabische und persische Einflüsse und gibt in märchenhafter Weise Epen aus der Frühgeschichte wieder. Parallel zur entstehenden türkischen Hochliteratur hatte die – oft von Erzählern (Meddah) vorgetragene – Volksliteratur während der gesamten Zeit Bestand.

Osmanische Zeit Entstehung einer literarischen Tradition: 1450–1600 mini|Manuskriptseite aus einer Ausgabe des Dede Korkut, 15. Jh.

Etwa seit dem 12. Jahrhundert ist eine eigenständige literarische Tradition in Anatolien nachweisbar. Die frühesten Zeugnisse sind in der mystischen Literatur („tasavvuf edebiyatları“) der Derwisch-Tekke und der Volksliteratur der Städte („halk edebiyatları“) und der Landbevölkerung („aşık edebiyatları“) erhalten. Ende des 15. Jahrhunderts waren die großen Epen wie die Geschichte des Dede Korkut, die Geschichte der Saltukiden („Saltukname“) und das Heldenepos um Battal Gazi („Battalname“) schriftlich festgehalten. Seit dem 16. Jahrhundert waren mystische Gesänge in der Tradition des Sufismus als İlahi bekannt.

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts ist die Auseinandersetzung osmanischer Autoren mit der neuen Rolle ihres Landes auch in Bezug auf die Literatur dokumentiert: In seinem Buch über die „Acht Himmel“ („heşt bihişt“) führt Sehi Bey (1470–1549) die Entstehung einer besonderen anatolischen Dichtkunst auf die Naturgegebenheiten Westanatoliens zurück. 1566 schrieb Aşık Çelebi, dass das Klima Anatoliens zur Dichtung verleite. Von ihren Zeitgenossen als „şu'arâ-yi Rum“ („Dichter von Rum“) von Dichtern anderer Kulturen unterschieden, sind die Autoren heute als „Osmanlı“ oder „Dīwān“-Dichter bekannt. Diese Bezeichnung setzt voraus, dass Anatolien oder Rum (der westliche Teil Anatoliens mit der Hauptstadt Istanbul) als etwas Besonderes wahrgenommen wurde, und dass die anatolische Dichtung von ihren Autoren in diesem Bewusstsein geschaffen wurde. Im Verlauf entwickelte sich eine eigene Sprache der Hochliteratur, die sich zunehmend professioneller gestaltete und schließlich in der Erstellung eines Schriftenkanons mündete.

Mit der politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung des Osmanischen Reichs entstanden neue politische und gesellschaftliche Eliten innerhalb der städtischen Kultur, für die die Kenntnis der arabischen und persischen sowie der wachsenden türkischen Literatur unverzichtbarer Bestandteil ihrer Bildung und ihres Selbstverständnisses wurde. Biografische Dichterlexika in der Nachfolge Sehi Beys oder Aşık Çelebis erschienen im 16. Jahrhundert in großer Zahl und waren nicht nur als literarische Zeugnisse bedeutsam, sondern dienten ihren Lesern auch als Vorbild für eigene Dichtungen. Die Fähigkeit, Verse und Prosa zu verfassen („şi'r ü inşa“) und die Förderung der Dichtkunst gehörte zu den Kennzeichen der gebildeten islamischen Elite.

Der neu entstehende Hof in Istanbul, die wirtschaftliche Prosperität, vor allem auch das sich neu bildende Erziehungssystem zog zahlreiche Gelehrte aus dem westpersischen Chorasan sowie, noch vor der Eroberung des Mamlukensultanats 1517, aus Damaskus und Kairo in die großen Städte Westanatoliens. Die Sultane von Mehmed II. bis Süleyman I. verliehen Preise an einzelne Dichter und zahlten ihnen ein regelmäßiges Einkommen. In dieser Zeit waren die osmanischen Herrscher die wichtigsten Förderer der Literatur ihres Landes, wenn nicht der islamischen Welt. Weitere Zentren der osmanischen Literatur entstanden in den ehemaligen Hauptstädten Bursa und Edirne sowie an den Höfen der Beyliks von Konya, Amasya und Manisa.

Unter dem zentralisierenden Einfluss des Sultanshofs, doch in intensivem gleichzeitigen Austausch mit der schriftlichen persischen und arabischen Literatur sowie der mündlich überlieferten Erzähltradition entstand eine gemeinsame literarische Identität. Die Autoren identifizierten sich nicht anhand ihrer ethnischen Herkunft oder ihres Berufs, sondern nahmen Künstlernamen (, mahlas) an, unter dem sie ihren Lesern bekannt waren, und begriffen sich als Teil einer „Gemeinschaft der Liebenden“ („ehl-i 'işk“).

Dichtung mini|Seite aus einem Dīwān des Mahmud Abdülbâkî, 1595

Ein zentrales Thema der osmanischen Dichtung war die Liebe zu Gott, dem Propheten, dem Förderer des Dichters oder zu einer geliebten Frau. Literarischen Ausdruck von weltliterarischer Bedeutung fand die Liebe in der Gedichtform des Ghasel.

Die lyrische Form der Qasīda (Kaside) hatte ursprünglich überwiegend religiöse Inhalte und diente dem Zeugnis der Einheit Gottes (tevhid), der Bitte um Vergebung (münacaat) oder dem Lobpreis des Propheten (naat) oder der vier rechtgeleiteten Kalifen. Gedichtsammlungen, Dīwāne, werden häufig mit religiösen Kasiden eingeleitet, dann folgen Lobgedichte auf Förderer, Freunde und Geliebte, religiöse Feste, eine Thronbesteigung oder andere Anlässe. Auch politische Botschaften können Thema sein.

Versromanzen (Masnawī) stellen die am weitesten verbreitete lyrische Form schon in der frühen türkischen Literatur dar und wurden im Lauf des 15. und 16. Jahrhunderts zum Bestandteil der Hochliteratur. Zum Ende des 16. Jahrhunderts waren zahlreiche Versionen der Geschichten von „Leyla und Mecnun“ oder „Yusuf und Züleyha“ entstanden. Von früheren, in und an fernen oder imaginären Zeiten und Orten spielenden Erzählungen wie „Varka und Gülşah“ oder „Hüsref und Şirin“ unterscheiden sich die Masnawī dieser Epoche in der innovativen Schilderung aktiv handelnder weiblicher Charaktere. Ebenfalls populär waren Verserzählungen der Heldentaten von Sultanen, Prinzen oder Fürsten (gazavatnameler), in denen manchmal auch die Dichter als Hauptpersonen auftreten.

Einer der großen Schriftsteller des 16. Jahrhunderts ist Bâkî, auch unter seinem Ehrentitel „Sultan der Dichter“ (sulṭānü ş-şuʿarāʾ) bekannt. Sein bekanntestes Werk, und eine der berühmtesten Elegien der osmanischen Literatur, ist eine Trauerode (mers̠īye) auf den Tod Süleymans I.