mini|hochkant=1|Länder und Regionen, in denen inselkeltische Sprachen einen offiziellen Status haben (nicht deckungsgleich mit Gebieten, wo sie tatsächlich gesprochen werden)

Die keltischen Sprachen (das Keltische) bilden einen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie. Keltische Sprachen werden heute hauptsächlich auf den Britischen Inseln und in Frankreich in der Bretagne gesprochen. Die mit Abstand meistgesprochene Sprache von diesen ist das Walisische. Schrumpfende Gemeinschaften muttersprachlicher Sprecher finden sich noch in Kanada, hauptsächlich in der Provinz Neuschottland, und in Patagonien (Argentinien) in der Provinz Chubut. Weitere Gebiete, in denen eine keltischsprachige Diaspora existiert, sind die USA, Australien und Neuseeland. Alle keltischen Sprachen mit Ausnahme des Walisischen sind von der UNESCO als bedrohte Sprachen eingestuft.

Als Ursprung der keltischen Sprachen wird eine rekonstruierte Vorläufersprache, das Urkeltische, angesetzt. Keltische Sprachen und keltische Völker waren in der Antike bis vor der Zeitenwende in weiten Teilen Europas und in Kleinasien beheimatet, viele Unterzweige und Einzelsprachen sind dann nach und nach ganz ausgestorben.

Gliederung des Keltischen

Die Genealogie der verschiedenen keltischen Sprachen aus dem Urkeltischen oder Protokeltischen ist aufgrund der spärlichen Datenlage für die überlieferten festlandkeltischen Einzelsprachen umstritten, da alle ausgestorben sind. Robert William Elsie (1979)Robert William Elsie: The Position of Brittonic. A Synchronic and Diachronic Analysis of Genetic Relationships in the Basic Vocabulary of Brittonic Celtic. Dissertationsschrift, Universität Bonn 1978, Bonn 1979, S. 166. versuchte, für das britannische Keltisch (p-keltische Sprachen) durch einen Wortschatzvergleich die Verwandtschaft zu anderen indogermanischen Sprachzweigen zu bestimmen. Dabei wurde mittels statistischer Verfahren untersucht, wie viel vom keltischen Grundwortschatz in anderen indogermanischen Sprachzweigen Entsprechungen hat. Elsie erhielt als Ergebnis folgende Rangfolge:

Germanisch (61,0 %) (Lateinisch) Italisch (55,2 %) Indoiranisch (52,3 %) Griechisch (50,9 %) Baltisch (45,0 %) Slawisch (43,0 %) Armenisch (34,9 %) Albanisch (25,6 %) Tocharisch (21,5 %) Hethitisch (14,0 %)

Seit Carl Friedrich Lottner (1861)Carl Friedrich Lottner: Celtisch-italisch. Beiträge zur vergleichenden Sprachforschung auf dem Gebiete der arischen, celtischen und slawischen Sprachen 2 (1861), S. 309–321. und Alois Walde (Über älteste sprachliche Beziehungen zwischen Kelten und Italikern) aus dem Jahre 1917 hat es die Überlegung gegeben, dass der keltische Zweig möglicherweise zusammen mit dem italischen den erschlossenen Italo-Keltischen Zweig innerhalb der indogermanischen Sprachen bildet.Wolfram Euler: Die Frage der italisch-keltischen Sprachverwandtschaft im Lichte neuerer Forschungen. In: George E. Dunkel et al. (Hrsg.): Früh-, Mittel-, Spätindogermanisch. Akten der IX. Fachtagung der indogermanischen Gesellschaft vom 5. bis 9. Oktober 1992 in Zürich. Reichert, Wiesbaden 1994, ISBN 3-88226-735-6, S. 37–51.Wolfram Euler, Konrad Badenheuer: Sprache und Herkunft der Germanen – Abriss des Protogermanischen vor der Ersten Lautverschiebung. Inspiration Un Limited, London/Hamburg 2009, ISBN 978-3-9812110-1-6, vgl. v. a. Kapitel 1.2.4.: Germanen, Kelten und Italiker. Nach Haarmann (2016)Harald Haarmann: Auf den Spuren der Indoeuropäer: Von den neolithischen Steppennomaden bis zu den frühen Hochkulturen. C. H. Beck, München 2016, ISBN 3-406-68825-X. ist diese Theorie jedoch nicht genug belegt, er sieht im Keltischen eine eigenständige indogermanische Sprachgruppe.Harald Haarmann: Lexikon der untergegangenen Sprachen. C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-47596-5, S. 71.Tim de Goede: Derivational Morphology: New Perspectives on the Italo-Celtic Hypothesis. Dissertationsschrift, Universität Leiden, 2014.Wolfram Euler: Sprachgruppen mit naher Verwandtschaft. Methodenreflexion und -kritik. Res Balticae 11, 2007, S. 7–28.Leszek Bednarczuk: The Italo-Celtic Hypothesis from the Indo-European Point of View. In: Proceedings of the First North American Congress of Celtic Studies. Ottawa 1988, S. 179–189. Eine ähnliche Meinung vertritt Schmidt (1992).Karl-Horst Schnmidt: Latein und Keltisch: Genetische Verwandtschaft und areale Beziehungen. In: O. Panagl, T. Krisch (Hrsg.): Latein und Indogermanisch. Innsbruck 1992, S. 29–51.

Zeittiefe der Keltischen Sprachgruppe

Laut Haarmann (2016)Harald Haarmann: Auf den Spuren der Indoeuropäer: Von den neolithischen Steppennomaden bis zu den frühen Hochkulturen. C. H. Beck, München 2016, ISBN 3-406-68825-X. ist das Keltische eine eigenständige indogermanische Sprachgruppe,Harald Haarmann: Lexikon der untergegangenen Sprachen. C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-47596-5, S. 71. deren Ausgliederung aus dem Urindogermanischen etwa 2000 v. Chr. eingesetzt hat.

mini|500px|Rekonstruktion und Verzweigung keltischer Sprachen, in der eine engere italo-keltische Verwandtschaft angenommen wird.

Das Inselkeltische Die lebenden bzw. wiederbelebten inselkeltischen Sprachen, ebenso wie ihre dokumentierten ausgestorbenen Varianten, werden in die beiden Gruppen britannisch und goidelisch unterteilt.

Der britannische Zweig Die britannischen Sprachen (auch brythonische Sprachen genannt) gehören in die Gruppe der p-keltischen Sprachen und umfassen unter anderem: das Walisische (die heute am häufigsten gesprochene keltische Sprache) das Kumbrische (im 11. Jahrhundert ausgestorben) das Kornische (ausgestorben, schwach wiederbelebt) das Bretonische (gelangte von den Britischen Inseln (Cornwall) nach Westfrankreich (Bretagne) und gehört daher zu den inselkeltischen Sprachen, obwohl es heute ausschließlich auf dem Festland gesprochen wird)

Über die Zuordnung des nur sehr spärlich und unsicher belegten Piktischen, das bis ins Mittelalter im heutigen Schottland gesprochen wurde, gibt es keinen Konsens. Es sind Argumente vorgebracht worden, dass es ebenfalls zum britannischen Zweig des Keltischen gehören könnte,Katherine Forsyth: Language in Pictland, Spoken and Written. In: E. H. Nicoll, Katherine Forsyth (Hrsg.): A Pictish Panorama: The Story of the Picts. S. 7–10. Pinkfoot Press, 1995, ISBN 1-874012-10-5. seit langem existieren aber auch Spekulationen über eine Verbindung zu nicht-indogermanischen (speziell afroasiatischen) Sprachen;Vgl. Diskussion und Literaturverweise in Philip Baldi, Richard Page: Review: Europa Vasconica-Semitica (...). In: Lingua 116 (2006), S. 2183–2220, insbesondere S. 2196 f. in neueren wissenschaftlichen Gesamtdarstellungen der keltischen Sprachen findet man das Piktische ausgespart.Anders Richardt Jørgensen: Celtic. In: Thomas Olander (ed): The Indo-European Language Family. Cambridge UP 2022, doi:10.1017/9781108758666, S. 135–151. Nur S. 135: „Pictish, Tartessian and Lusitanian will be excluded, either due to the fragmentary attestation or because it is highly unlikely that the language belongs to the Celtic branch of Indo-European.“Keine Erwähnung des Piktischen in: Jared Klein, Brian Joseph, Matthias Fritz (Hrsg.): Handbook of Comparative and Historical Indo-European Linguistics, Band 2 (= HSK, 41-2). De Gruyter Mouton, Berlin/Boston 2017, e-ISBN 978-3-11-052387-4. Darin: Teil XI Celtic, S. 1168–1297.

Der goidelische Zweig Die goidelischen Sprachen, die zu den q-keltischen Sprachen gehören, gliedern sich in: das Irische (Amtssprache in der Republik Irland) das Schottisch-Gälische (eine der Amtssprachen im autonomen Landesteil Schottland des Vereinigten Königreiches) das Kanadisch-Gälische (im 19. Jahrhundert die dritthäufigste Sprache in Kanada) das Manx (im 20. Jahrhundert ausgestorben und gegenwärtig wiederbelebt) das Shelta (eine Mischsprache mit starkem gälischen Bezug) Gälisch gelangte im frühen Mittelalter von Irland nach Schottland und im 19. Jahrhundert auch nach Kanada.

Das Festlandkeltische Festlandkeltische Sprachen können ebenfalls wie die inselkeltischen dem q-Keltischen bzw. dem p-Keltischen zugeordnet werden. Alle festlandkeltischen Sprachen sind ausgestorben.

Die meisten belegten Sprachen sind p-keltisch, nämlich: das Gallische das Norische das Galatische das Lepontische (die älteste überlieferte keltische Sprache aus dem 6. Jahrhundert v. Chr.) Daneben als einzige q-keltische Sprache auf dem Festland: das Keltiberische

Abgrenzungskriterien von anderen indogermanischen Sprachen Die belegten ausgestorbenen und lebenden keltischen Sprachen können auf frühere Sprachstufen zurückgeführt werden, die alle folgende Merkmale aufwiesen:

Wandel der Plosivlaute Indogermanisches /p/ Schwund des indogermanischen Bilabials /p/: idg. *ph₂tḗr ‚Vater‘ → air. athir, awal. -atr Spirantisierung zu /x/ vor Plosiven: idg. *séptm̥ ‚sieben‘ → air. secht, gall. sextan.

In p-keltischen Sprachen wurde später ein sekundäres /p/ aus /kʷ/ gebildet, im q-keltischen Irisch ist der Laut /p/ nur in Lehnwörtern und Wörtern mit bestimmten Lautkombinationen (z. B. /b/ + /h/ > /p/) vorhanden (vgl. idg. kʷri-n-h₂- ‚kaufen, tauschen‘ → urkelt. kʷri-nă- → air. crenaid : wal. prynu).

Indogermanisches /gʷ/ Bilabialisierung des Labiovelars /gʷ/ zu /b/: idg. *gʷh₃eu- → ir. bó ‚Kuh‘, mwal. bu ‚Kühe‘.

Umbau des Vokalsystems Lange primäre Mittelvokale lange Mittelvokale /ē/ und /ō/ wurden zu /ī/ bzw. /ā/ ~ /ū/ (je nach Position im Wort): idg. *h₃rēǵs ‚König, Fürst‘ → air. rí, gall. rīx, wal. rhi; idg. *deh₃nus ‚Schenkung‘ → vorurkelt. *dōnus → urkelt. *dānus → air. dán, wal. dawn

Lange sekundäre Mittelvokale sekundäre /ē/ (< /ei/) und /ō/ (< /eu/, /ou/, /au/) wurden aus alten Diphthongen neu gebildet: idg. *Hreidʰ- ‚reiten‘ → urkelt. *rēd-o- → air. réidid urkelt. *lousk-o- → späturkelt. *lōsk-o- → ir. luasc ‚schwingen‘, wal. llusgo ‚schleppen‘

Liquidvokalisierung Vokalisierung der indogermanischen silbentragenden Liquiden l̥ und r̥ je nach Lautumgebung zu /al/, /li/ oder /lā/ bzw. /ar/, /ri/ oder /rā/. Konsonant-Sonorant-Laryngal-Konsonant (KSHK) → KSaHK → KSāK: idg. *pl̥h₁nos ‚voll‘ → urkelt. *φlānos → ir. lán ‚viel‘, wal. llawn ‚voll‘ Konsonant-Liquida-Plosiv → KLiP: idg. *pl̥th₂-nós ‚weit‘ → urkelt. *φlitanos → air. lethan, bret. ledan; idg. *ḱr̥d-jo- → urkelt. *kridion → air. cride ‚Herz‘, wal. craidd ‚Mitte, Zentrum‘ Konsonant-Sonorant + nicht-Plosiv → KaSnP: idg. *mr̥wós ‚tot‘ → ir. marbh, wal. marw

Weitere sprachliche Merkmale Die typischen Merkmale der heutigen keltischen Sprachen wie die Anlautmutationen der inselkeltischen Sprachen oder auch die phonemische Palatalisierung in den goidelischen Sprachen sind auf spätere Entwicklungen zurückzuführen. In den belegten festlandkeltischen Sprachen sind diese Entwicklungen nicht eindeutig (Mutationen) bzw. nicht (Palatalisierung) nachweisbar. Diese Merkmale können daher nicht als gemeinkeltisch betrachtet werden.

Ursprüngliche Ausbreitung und Quellen mini|500px|Keltische Sprachräume im Verlauf der Zeit oder die Verbreitung keltischer Völker und Sprachen: 340px|mini|Die Verbreitung der germanischen Sprachen bzw. Dialekte im VergleichHermann Kinder, Werner Hilgemann: Penguin Atlas of World History. Teil 1: From Prehistory to the Eve of the French Revolution. 2., verbesserte Auflage. Penguin Books, London 1978; Übersetzung von Ernest A. Menze aus Dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Karten und chronologischer Abriss. Band 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. Dtv, 1977.750 v. Chr. – 1 n. Chr.: