Kolonialtruppen waren militärische Formationen, die von den europäischen Kolonialmächten in überseeischen Kolonien stationiert wurden und im Gegensatz zu Kolonialpolizeien nicht nur der Aufrechterhaltung der kolonialen Herrschaft, sondern auch der Kriegführung gegen andere Kolonialmächte oder der Erweiterung der Kolonialherrschaft in Kolonialkriegen dienten. Die letzten europäischen Kolonialtruppen wurden 1974 nach der Beendigung des Portugiesischen Kolonialkriegs aufgelöst. mini|Französische Kolonialtruppen um 1900 (zeitgenössische Darstellung)

Zeitgenössische Definition Kolonialtruppen, dauernd im Interesse von Kolonien verwendete und dort ständig garnisonierende Truppen. Ihre Organisation hängt von Größe, Lage, politischer und wirtschaftlicher Bedeutung pp. der betreffenden Kolonie wie auch des Mutterlandes ab.

(vgl. Eintrag Kolonialtruppen, in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Bd., 11, 6. Aufl., Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1905, S. 290)

Charakter von Kolonialtruppen Vor allem aus klimatischen Gründen, aber auch zur Schonung eigener humaner Ressourcen für die Kriegführung in Europa bildeten die Kolonialmächte Truppen und Hilfstruppen aus Eingeborenen, die besser an das Klima und Terrain angepasst waren als Europäer oder Nordamerikaner. In den Tropen, insbesondere in der Karibik, waren die Verluste durch klimatische Einflüsse und Krankheiten unverhältnismäßig hoch. So betrug die jährliche Sterberate der britischen Garnisonen in Britisch-Honduras und Jamaika zwischen 1808 und 1828 15,5 %.

Diese lokal aufgestellten Truppen wurden oftmals auch in anderen Kolonialgebieten eingesetzt. Der französische Militärtheoretiker André Beaufre unterschied grundsätzlich drei Modelle europäischer Kolonialtruppen: das britische, französische und spanische.

In der Frühzeit der Koloniegründungen gab es ein Konglomerat von

staatlichen (Söldner)Truppen, Söldnertruppen der Handelskompanien (z. B. Britische Ostindien-Kompanie, Niederländische Ostindien-Kompanie), Siedlermilizen indigenen Hilfstruppen, Aufgeboten aus afrikanischen Sklaven bzw. deren Nachkommen.

Im 19. Jahrhundert wurden die Kompanien aufgelöst und ihre Truppen übernommen bzw. verstaatlicht. Die im 19. Jahrhundert in den meisten europäischen Staaten eingeführte Wehrpflicht wurde in der Regel nicht dazu genutzt, Kolonialtruppen zu verstärken, da der Dienst in den Kolonien aus diversen Gründen in der Bevölkerung wenig populär war.

Der Einsatz eingeborener Hilfstruppen beschränkte sich nicht auf die Bekämpfung Aufständischer, sondern sie wurden auch gegen konkurrierende Kolonialmächte eingesetzt. Dies wirkte sich auch auf die Art der Kriegführung aus, so z. B. 1640 im Niederländisch-Portugiesischen Krieg in Brasilien, als die portugiesischen Truppen die eindringenden Holländer mit Hilfe von indianischen Hilfstruppen und einer Guerillataktik attackierten:

Die von den Portugiesen verfolgte Guerillataktik mit Angriffen aus dem Hinterhalt und der rücksichtslosen Behandlung Gefangener hatte Prinz Johann Moritz und seine Führung dazu veranlasst, entschieden die Einhaltung europäischer Kriegsregeln zu fordern, andernfalls massive Repressalien gegen die Zivilbevölkerung anstünden. Umgekehrt wurden die Niederländer von den Autoritäten in Bahia und dem Klerus als „Piraten“ verteufelt und beschuldigt, sich mit den menschenfressenden Tapuja-Indios verbündet zu haben. In der Tat entsprach die Form des militärischen Konflikts nicht den europäischen Gepflogenheiten, selbst wenn man unterstellt, daß während des Dreißigjährigen Kriegs auch in Europa die kriegsrechtlichen Bestimmungen nicht eingehalten wurden.

Horst Pietschmann, Portugal – Amerika – Brasilien, S. 76f.

Kolonialtruppen nach Staaten Belgien Die Force Publique im Belgisch-Kongo rekrutierte sich aus afrikanischen Söldnern und europäischen Söldneroffizieren; zeitweise diente in ihr auch der preußische Berufsoffizier Hermann von Wissmann. Sie war maßgeblich an den Kongogräueln beteiligt und wurde im Ersten Weltkrieg gegen die Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika und im Zweiten Weltkrieg in Nordafrika gegen das deutsche Afrikakorps eingesetzt. 1960 war sie entscheidend am Putsch gegen Patrice Lumumba beteiligt.

Britisches Weltreich mini|Madras Army Vor 1858 setzte sich das Trio der Presidency Armies in Indien (Bengal Army, Bombay Army und Madras Army) zum geringeren Teil aus „europäischen“ Einheiten, regulären indischen Truppen und indischen Hilfstruppen zusammen. Das britische Modell war idealtypisch in der Britische Indienarmee verwirklicht und orientierte sich am Konzept der indirekten Kolonialherrschaft („indirect rule“).

Die Indienarmee diente dem Empire auch als globale militärische Eingreifreserve. So waren Einheiten der Armee im Jahre 1900 zeitgleich im Boxeraufstand in China, in Britisch-Somaliland, im Zweiten Burenkrieg in Südafrika und im Krieg um den goldenen Stuhl an der Goldküste eingesetzt. Um 1930 besaß die Indienarmee eine Personalstärke von gut 300.000 Mann einschließlich eigener Luftstreitkräfte. Neben der Royal Navy, die von einem weltweit angelegten Stützpunktsystem aus operierte, war die Indienarmee das zweite Standbein globaler britischer Herrschaft (siehe auch Indische Armee im Zweiten Weltkrieg).

Nach der Eingliederung der europäischen Regimenter des Presidency Armies in die britische Armee ab 1858, wie zum Beispiel der 2nd Bengal (European) Fusiliers, ließ die britische Armee eine große Zahl ihrer regulären Truppen durch Indien und andere überseeische Besitzungen rotieren, um die lokalen Kolonialkräfte zu verstärken.

Neben der Indienarmee waren in den amerikanischen, afrikanischen und pazifischen Kolonien Kolonialtruppen stationiert, die sich meist aus „weißen“ Siedlern rekrutierten. Hinzu kamen lokale Milizen und gegen Ende des 19. Jahrhunderts regionale Seestreitkräfte wie die australische (Royal Navy Auxiliary Squadron, ab 1887) oder die indische Marine.

Eine Besonderheit unter den britischen Kolonialtruppen bildeten die Westindien-Regimenter, die sich ausschließlich aus der indigenen Bevölkerung der karibischen Kolonien oder afrikanischen Sklaven rekrutierte. Daher besaß die britische Regierung das Recht, gegenüber aus Afrika eintreffenden Sklavenhändlern als Erstkäufer aufzutreten. Aufgrund dieses Verfahrens wurden zwischen 1795 und 1808 gut 13.400 Soldaten rekrutiert. Am Ende der Koalitionskriege existierten 12 Westindien-Regimenter. Da sich das Personal außerordentlich resistent gegen Tropenkrankheiten zeigte, wurden die sie auch in Westafrika eingesetzt, so in Sierra Leone. Als einzige britische Kolonialtruppe trug sie eine Zuavenuniform. Das Westindien-Regiment existierte in unterschiedlicher Formation und Stärke von 1795 bis 1927 und erneut von 1958 bis 1962. Nach seiner Auflösung bildete es den Kern der Jamaica Defence Force und der Trinidad and Tobago Defence Force.

Deutsches Reich Deutsche Kolonialtruppen existierten lediglich von 1889 bis 1919. Diese als Schutztruppen bezeichneten Einheiten waren in Kamerun (Schutztruppe für Kamerun), Deutsch-Südwestafrika (Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika) und Deutsch-Ostafrika (Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika) stationiert. Sie waren nie Teil des Reichsheers und unterstanden auch nie dem Preußischen Kriegsministerium als de facto Reichskriegsministerium, sondern hintereinander dem Auswärtigen Amt, dem Reichsmarineamt und ab 1907 dem soeben gegründeten Reichskolonialamt und dem Oberkommando der Schutztruppen.

mini|Ost-Afrika Da der europäische Kriegsschauplatz und der erwartete Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland im deutschen militärischen Denken absolute Priorität besaß, wurden die Schutztruppen als lästige Bürde betrachtet, die unnötig personelle und materielle Ressourcen verschlangen, ohne in einem zukünftigen (europäischen) Krieg auch nur eine taktische Bedeutung zu besitzen. Daher wurde in Deutschland nie wie in Frankreich oder Italien ein zentrales Depot errichtet, in dem die zukünftigen Kolonialtruppen nach einheitlichen Richtlinien ausgebildet und auf den Einsatz in den Kolonien vorbereitet werden konnten. Wie in anderen Kolonialarmeen auch, bestanden die Schutztruppen mit Ausnahme von Deutsch-Südwestafrika praktisch ausschließlich aus afrikanischen Söldnern, die in Deutsch-Ostafrika als Askaris bezeichnet wurden.

Wie in anderen Marinen der Kolonialmächte wurden die deutschen Seebataillone in Kiel (I. Bataillon), Wilhelmshaven (II. Bataillon) und Cuxhaven (III. Stammbataillon) auch als koloniale Eingreifreserve betrachtet und eingesetzt, vor allem im Aufstand der Herero und Nama. In Tsingtau diente das III. Seebataillon als ständige Besatzung der Festung.

Die deutschen Schutztruppen wurden aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags aufgelöst und fanden weder in der Reichswehr noch der Wehrmacht institutionelle Nachfolger. Pläne für Kolonialtruppen in der Zeit des Nationalsozialismus kamen nicht zur Ausführung.

Frankreich mini|Cipahis troupes indigènes Seit dem 17. Jahrhundert waren in Frankreich die 1622 aufgestellten Marinetruppen (Troupes de Marine) die Hauptträger kolonialer Eroberungen. Vor allem die Kolonialkriege in Nordafrika ab den 1830er Jahren führten zur Aufstellung zahlreicher indigener Truppen bzw. Hilfstruppen: Zuaven, Senegalschützen, Tirailleurs algériens Tirailleurs marocains, Tirailleurs tonkinois (in Indochina), Tirailleurs tunisiens, Marokkanische Gum (Goumiers marocains), Spahis

Von 1900 bis 1961 verfügte Frankreich in der Armée coloniale eine genuine Kolonialarmee, die in den nordafrikanischen Kolonien stationiert war. Eine französische Besonderheit war und ist die Französische Fremdenlegion. Sie wurde speziell für die Kriegführung in Nordafrika aufgestellt und bestand ausschließlich aus „weißen“ europäischen Söldnern, die von französischen Offizieren kommandiert wurden. Sie war auch das Vorbild für die Spanische Fremdenlegion.

Italien

Die Kolonialtruppen des Königreichs Italien bestanden von 1885 bis 1943. Jede italienische Kolonie hatte eine eigene Kolonialtruppe mit der Bezeichnung Regio Corpo Truppe Coloniali (RCTC) oder „Königliches Kolonialtruppenkorps“. Diese setzten sich hauptsächlich aus einheimischen lokalen Askaris zusammen, die bei Bedarf auch in anderen Kolonien eingesetzt wurden.

Niederlande Die Königlich Niederländische Ostindien-Armee setzte sich sowohl aus niederländischen Soldaten, europäischen Söldnern und vor allem indigenen Truppen zusammen. Der deutsche Anteil am europäischen Kontingent betrug Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts bis zu 20 %, vor 1850 offenbar sogar um die 50 %. Im Kriegsfall wurde die Armee durch so genannte Schuttereyen (Niederländisch: Schützengesellschaft oder Schützenverein), eine Kolonisten-Miliz, unterstützt.

Zur Guerillabekämpfung wurde 1890 eine besondere Polizeieinheit gegründet, das Korps Marechaussee te voet (Marechaussee-Korps zu Fuß), dessen Mannschaften und Unteroffiziere sich aus Ambonesen und Javanesen rekrutierte.

Portugal Auch Portugal rekrutierte Indianer und afrikanische Sklaven als Hilfstruppen. Eine besondere Rolle spielten die Bandeirantes in Brasilien. Im Ersten Weltkrieg kämpften Kolonialtruppen in Mosambik vergeblich gegen die Schutztruppe Deutsch-Ostafrika unter Paul von Lettow-Vorbeck.