mini|Ehemalige Benediktinerabtei Zwiefalten mini|Luftbild des Münsters (1985)

Das Zwiefalter Münster Unserer Lieben Frau ist eine barocke Kirche, die bis 1803 Klosterkirche der Benediktinerabtei Zwiefalten war. Seit 1812 ist sie Pfarr- und Wallfahrtskirche. Sie gehört zur Seelsorgeeinheit Zwiefalter Alb im Dekanat Reutlingen-Zwiefalten der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Das Zwiefalter Münster ist einer der größten barocken Kirchenräume Deutschlands. mini|hochkant|Das Münster Zwiefalten

Geschichte Beim Vorgängermünster des heutigen Münsters handelte es sich um eine dreischiffige, kreuzförmige, romanische Pfeilerbasilika mit Vorhalle, die einen dreiteiligen, gerade abschließenden Chor besaß und an die Klostergebäude nach dem Hirsauer Bauschema angefügt war. Über der Vierung der Basilika, die am 13. September 1109 geweiht wurde, befand sich ein Turm. Im 15. und 17. Jahrhundert wurden am Langhaus Kapellen angebaut. Nachdem 1688 das Kloster im Stil des Barocks neu errichtet worden war, beschloss der Abt Augustin Stegmüller, das romanische Münster abzubrechen und es durch einen neuen und größeren Bau zu ersetzen, der den steigenden Pilgerstrom bewältigen sollte.

1739 begann der Chor- und Turmbau, am 11. Juli 1740 folgte die Grundsteinlegung für das Langhaus. Baumeister waren die Brüder Josef und Martin Schneider. Als sie sich weigerten, die Kirche einzuwölben, übergab man den Bau nach einem Gutachten dem Münchener Architekten Johann Michael Fischer, dessen neuer Plan für die Abteikirche einen der bedeutendsten Bauten des ausgehenden Barocks schuf. 1747 wurde das Gewölbe geschlossen und 1765 war das Gebäude weitestgehend fertiggestellt, so dass die Kirche am 1. September geweiht werden konnte. 1785 war der Bau endgültig vollendet. Seitdem fanden hier keine größeren Veränderungen statt.

Architektur

Äußeres mini|hochkant|Münster Unserer Lieben Frau Die Klosterkirche wurde als einschiffige Wandpfeilerkirche nach dem Vorarlberger Münsterschema mit Seitenkapellen und Emporen sowie mit einem kurzen Querhaus, einer Kuppel über der Vierung und mit Chor mit geradem Abschluss errichtet. Am Chor entstanden zwei große Türme mit Kuppel- und Laternenabschlüssen. Die flache Pilastergliederung der Turmuntergeschosse wird in der Wandgestaltung des Langhauses und Querhauses fortgesetzt. Die mächtige Westfassade aus grauem Naturstein (Gauinger Kalktuff) folgt dem klassischen Typus Johann Michael Fischers. Über der hohen Sockelzone, deren Höhe der der Seitenportale entspricht, erhebt sich eine korinthische Säulenordnung. Diese Säulenordnung, die römische Triumphbögen zitiert und nach vorne schwingt, teilt die Schaufassade in drei Teile. Über dem Hauptportal ist der heilige Benedikt von Nursia (um 480 bis 547) von dem Bildhauer Johann Joseph Christian (1706–1777) zu sehen. Seitlich zu seinen Füßen halten zwei Putten ein Buch und eine Mitra in Händen, Attribute, die Benedikt als ersten Abt des von ihm begründeten nach seiner Regel lebenden Benediktinerordens ausweisen. Der Text, der sich auf der aufgeschlagenen Seite lesen lässt, ORATORIUM HOC SIT, QUOD DICITUR – Das Oratorium (Haus des Gebets) sei das, was sein Name besagt, entstammt der von Benedikt verfassten Ordensregel (Kap 52), er gilt heute für jeden, der eintritt. Auf den seitlichen Teilen des gesprengten Dreieckgiebels über dem zentralen Rundbogenfenster oberhalb der Benediktskulptur knien die Grafen Luithold von Achalm als Mönch und Kuno von Wülflingen als Ritter, die beiden Stifter des Klosters. Wem zu Ehren die Kirche errichtet wurde, erläutert die Inschrift in der Kartusche des gebrochenen Giebels. D(omino) O(ptimo) M(aximo)Die Abkürzungen des Originals sind in Klammern aufgelöst MARIÆ VIRGINI DEIPARÆ DIVISQUE TUTELARIBUS ZWIFULDA SERVATA D(at) D(onat) D(edicat)Dem besten und grössten Gott/ der Jungfrau Maria und Gottesgebärerin/ und seinen Schutzheiligen schenkt und widmet das gerettete Zwiefalten (dieses Gotteshaus) mini|hochkant|Die Türme des Münsters Der Figurenschmuck darüber (Johann Joseph Christian) gibt die Genannten bildlich wieder. Auf dem Giebelscheitel thront ein filigranes Metallkreuz. Darunter befindet sich in einer Nische eine große Marienstatue mit Kind. Die Schutzpatrone der Kirche Stephanus (links) und Aurelius (rechts), heute Kopien, schmücken die Eckvoluten des Hauptgiebels. Mit 96 m Länge ist sie die längste Kirche Fischers und übertrifft damit auch Ottobeuren, nach dem Raumvolumen Fischers größter Bau.Schütz, Bernhard: Die kirchliche Barockarchitektur in Bayern und Oberschwaben: 1580 - 1780, München 2000, S. 49.

Das Innere mini|Blick durch das Schiff vom Langhaus zum Chor Der Grundriss ist vierteilig: querrechteckige Vorhalle, Langhaus zu vier Jochen mit begleitenden Abseiten, großes Querhaus, gerade schließender Chor. Das Langhaus stellt sich als weiträumiger Tonnensaal dar. Beherrschendes Element sind hier die Wandpfeiler, an deren Stirnen jeweils zwei kolossale Stuckmarmorsäulen mit vergoldeten korinthischen Kapitellen stehen. Zwischen den Säulen spannen sich vorwölbende Emporenbrüstungen auf schräggestellten Arkadenbögen. Darunter befinden sich Kapellenräume auf ovalem Grundriss. Diese sind niedriger als die oben liegenden Emporen: Die Emporen setzen deutlich unterhalb der Säulenkapitelle an. Besonders charakteristisch für Zwiefalten sind die strahlend weißen Gebälkblöcke mit vorkragender oberen Gebälklage. Die Gewölbe setzen erst nach einer zwischengeschalteten Attikazone an. Gedeckt werden die Abseitenräume von Quertonnen, in den Kapellen mit Stichkappen, in der Emporenzone ohne Stichkappen. Einschwingende Bögen der Emporenarkaden – ein von dem Architekten Johann Michael Fischer oft benutztes Motiv – leiten zur durchgehenden, nicht von Gurtbögen unterbrochenen Wölbungszone mit dem riesigen Fresko über.

Die Querarme bieten ein anderes Bild. Sie schließen flach, haben aber abgeschrägte Ecken. Einfache Halbsäulen gliedern die Wände. Die Wölbung besteht hier aus einer Quertonne, die sich nach außen einwölbt. Ein großes Fenster beleuchtet das Querhaus hell. Darunter liegen die Querhausaltäre. Mehrsäulige Vierungspfeiler markieren die Vierung. Über ihr erhebt sich die Vierungskuppel. Der leicht eingezogene Mönchschor wird durch einen prächtigen Gitter-Lettner vom Gemeinderaum getrennt. Vor glatten Wänden ohne Öffnungen erhebt sich das Chorgestühl. Die Wölbung setzen hier von einem Gesims beidseits eines großen Rundbogenfensters an. An den Chor schließt sich in gleicher Breite der Hochaltarraum an, was diesen sehr groß wirken lässt. Wie im Langhaus so stehen auch im Chor gedoppelte Stuckmarmorsäulen. Der Hochaltar ist an seiner Rückseite als Opfergangsaltar ausgebildet.

Im Überblick ist die Gestaltung der Räume differenziert. Die Vierung wirkt quadratisch, ist aber leicht in der Länge gestreckt. Das Hochaltarhaus ist aus dem Quadrat leicht in die Breite gestreckt. Der Chor ist nur leicht eingezogen, so dass die westliche Vierungsarkade um ein Geringes breiter ist als die östliche.

In Zwiefalten kommen mehrere Einflüsse zusammen. Der Wandpfeilersaal ist eine Reverenz an das in Oberschwaben verbreitete Vorarlberger Münsterschema, Türme in den Winkeln von Querhaus und Chor sind ein Motiv mittelalterlicher schwäbischer Sakralarchitektur, die Idee des Querschiffs und der flach schließende Chor werden vom romanischen Vorgängerbau übernommen.

Maße

Höhe der Fassade: 45 m Breite der Fassade: 35 m Höhe der Türme: 94 m Länge der Kirche: 94 m Breite des Langhauses: 30 m Breite des Querhauses: 32 m Spannweite der Kuppel: 17 m Scheitelhöhe der Kuppel: 28 m

Ausstattung (Auswahl) mini|hochkant|Gnaden- und Kreuzaltar mit dem Bildnis Unserer Lieben Frau mini|links|hochkant|Prophet Ezechiel mini|hochkant|Kanzel mini|Orgelfresko (Ausschnitt) mini|links|Vision der Erweckung und Rettung mini|hochkant|Verehrung der Gottesmutter durch den heiligen Benedikt und Ordensbrüder (Langhausfresko)

Das ikonographische Programm stammt weitgehend von Abt Benedikt Maunz 1744–1765, dem Bauherrn des MünsterneubausNur in Konzept–Notizen erhalten, vgl. Nicolaj van der Meulen, Der parergonale Raum, Zum Verhältnis von Bild, Raum und Performanz in der spätbarocken Benediktinerabtei Zwiefalten, Wien, Köln, Weimar 2016, S. 405. Den Gesamteindruck prägt die bildnerisch-malerische Gestaltung durch den Bildhauer Johann Joseph Christian, den Kunstschreiner Martin Hermann (Villingen), den Stuckateur Johann Michael Feichtmayr und die Maler Franz Joseph Spiegler und Andreas Meinrad von Ow.

Langhaus Beim Betreten des Innenraums wird der Blick des Besuchers unmittelbar auf das Gnadenbild der Muttergottes mit Kind in der Mittelachse vor dem Mönchschor gelenkt. Die Skulptur, um 1430 entstanden, ist barock umgestaltet (Christian). In einem weithin sichtbaren goldenen Strahlenkranz stehend, unterhalb des Gekreuzigten und über dem Tabernakel, gehört sie zum Volksaltar, der am Ende der Vierung in den Gitter-Lettner zum erhöhten Mönchschor integriert ist.

Die prominente Kanzel-Ezechiel-Gruppe am südwestlichen und nordwestlichen Vierungspfeiler wird der Zusammenarbeit von Christian und Feichtmayr verdankt. Das Kanzelgebilde (rechts) reicht vom Baum der Erkenntnis mit Früchten und Schlange als Kanzelfuß über Kanzelkorb und Schalldeckel, auf dem die Skulpturen des Moses und Johannes des Täufers angebracht sind, bis zum Kreuzbaum mit dem Gekreuzigten. Der Kanzelkorb selbst ist wie ein Bühnenbild gestaltet. Der Betrachter sieht sich gespenstigem Totengebein gegenüber, Skeletten und Knochen, die mit Muskeln, Sehnen und Haut überzogen sind. Auf sie zeigt die alabaster-weiße Stuckfigur am Kanzelpendant auf der anderen Seite des Kirchenschiffs. Es ist Ezechiel, der Prophet der Babylonischen Gefangenschaft, dessen Zukunftsvision der Erweckung und Rettung Israels (Ez 37, 1-14) an der Kanzel ins Bild gesetzt ist und plastisch schildert, wie die ausgetrockneten Gebeine, die das verbannte Volk Israels bedeuten, durch den Geist Gottes zu neuem Leben erweckt werden und Israel wieder in sein Land zurückkehren wird. Die drei vollplastischen Frauengestalten am Kanzelkorb, die inmitten des Totenfeldes den lebendig werdenden Skeletten aufhelfen, sind durch ihre Attribute als Personifikationen der christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe gekennzeichnet (1 Kor 13,13). Am Schalldeckel schwebt der Geist Gottes als Heilig-Geist-Taube in einer Wolkenaureole und vier vergoldete Putten als Personifikationen der vier Winde (Ez 37,9) pusten mit aufgeblasenen Backen und beleben die Toten. Alt- und Neutestamentarisches ist miteinander verwobenDie Ezechielstelle gehört zum Kanon der Lesungen der katholischen Liturgie auch heute, in vorkonziliarer Zeit war sie eine der 11 Lesungen, die am Karsamstag vorgetragen wurden, um an die Befreiung Israels aus der Gefangenschaft, das Lebendig-Werden in der christlichen Taufe und die Auferstehung der Toten zu erinnernDer Ezechieltext im Tanach gilt wie die Exodusgeschichte in der Tora als Rettungsgeschichte des Judentums. Vgl. Ezechiels Auferstehungsvision an der Knesset-Menora von Benno Elkan in Jerusalem