mini|Nettovermögen deutscher Haushalte 2017 an bestimmten Punkten der Vermögensverteilung mit relativer Armutsschwelle für Vermögensarmut (in Euro). Das Vermögen beim 50ten % entspricht dem mittleren Vermögen in Deutschland. Das Armutsrisiko beim Vermögen wird hier anhand einer relativen Armutsschwelle von 60 % des Medians bestimmt analog zum Armutsrisiko für Einkommen. Im Gegensatz zur Armutsrisikoquote beim Einkommen liegen keine allgemein verbindlichen Definitionen für Vermögensarmut vor.

Der Begriff der relativen Armut bezeichnet Armut im Vergleich zum jeweiligen sozialen (auch staatlichen, sozialgeographischen) Umfeld eines Menschen.

Armutsgrenze

Relative Armut bezieht sich auf verschiedene statistische Maßzahlen für eine Gesellschaft. Häufig wird dabei auf ein bestimmtes Verhältnis des gewichteten individuellen Einkommens zum Median des Netto-Äquivalenzeinkommens abgestellt. Üblich sind in Politik und Forschung Armutsgrenzen bei 40 %, 50 % oder 60 % des Medians. Wenn das gewichtete Nettoeinkommen der Haushalte oder Individuen unter diese Grenze fällt, gelten sie als arm. Die Armutsquote misst dann das Verhältnis dieser Gruppe zur Gesamtbevölkerung. Das Komplementär zur Armutsgrenze ist die Reichtumsgrenze.

Absolute Armut im Vergleich zur Relativen Armut Man unterscheidet einen absoluten und einen relativen Armutsbegriff. Der erste wird heute noch im entwicklungspolitischen Kontext verwendet und misst die tatsächliche Unterausstattung von Haushalten oder Individuen mit Einkommen (siehe Absolute Armutsgrenze). Der zweite Begriff sagt hingegen über den tatsächlichen materiellen Lebensstandard der Menschen nichts aus, sondern misst lediglich den Abstand ihrer Ausstattung mit Einkommen zum gesellschaftlichen Standard.

Bei der Berechnung der Armutsquote werden die Unterschiede der Einkommen und der Lebenshaltungskosten innerhalb der betrachteten Gesamtbevölkerung außer Acht gelassen.

Wie bei jeder statistischen Größe ergeben sich verschiedene Ergebnisse, je nachdem, welche Gesamtmenge der Messung zugrunde gelegt wird. Wird der Maßstab der Armutsquote kleinteiliger angelegt, also nicht die Bevölkerung des Staates, sondern die einer kleineren regionalen Einheit (Region, Bundesland usw.) als Gesamtbevölkerung betrachtet, treten Unterschiede stärker zutage, die innerhalb der jeweiligen regionalen Einheit bestehen – etwa Unterschiede zwischen Bewohnern von Großstädten und ihrem Umland.

Datenquellen Um Einkommensverteilungen und Armut zu messen, sind disaggregierte Daten aus Haushaltserhebungen notwendig. Dafür stehen in Deutschland verschiedene Erhebungen der amtlichen Statistik zur Verfügung: Der Mikrozensus zeichnet sich durch eine sehr große Stichprobe aus und ist eine Pflichterhebung, wodurch auch Daten über sehr arme und sehr reiche Personen erfasst werden. Allerdings erfolgt hier die Einkommensmessung nur sehr grob über eine Selbsteinschätzung des laufenden monatlichen Nettoeinkommens. Wesentlich präziser sind die freiwilligen amtlichen Erhebungen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe und EU-SILC. Diese erfassen alle Einkommensarten im Detail, so z. B. auch unregelmäßige Einkommensbestandteile wie Weihnachtsgeld. Die europaweit harmonisierte Statistik EU-SILC bietet zudem die Möglichkeit internationaler Vergleiche. Für alle drei amtlichen Erhebungen werden auf Anfrage Datenfiles für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt.

Eine nicht-amtliche, aber häufig genutzte Quelle ist das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Diese wird jährlich erhoben und zeichnet sich ebenfalls durch eine detaillierte Einkommenserfassung aus. Auch für das SOEP besteht die Möglichkeit der Beantragung von Forschungsdatensätzen.

Da Bezieher hoher Einkommen erfahrungsgemäß selten an freiwilligen Erhebungen teilnehmen, lässt sich die Verteilung ihrer Einkommen am ehesten mit Daten aus der Einkommensteuerstatistik messen. Diese wird allerdings nur alle drei Jahre erstellt und ist wegen ihres Umfangs und ihrer Komplexität nur für erfahrene Forscher geeignet.

Kritik Die vom Statistischen Bundesamt angegebenen Reichtums- und Armutsquoten sind nur bedingt aussagekräftig, da die zugrundegelegten Daten aufgrund der Erhebungsmethode mittels freiwilliger Selbstauskunft einer Bevölkerungsstichprobe im Fünfjahresrhythmus fehlerbehaftet sind (Einkommens- und Verbraucherstichprobe EVS). Der größte Teil der Selbstständigen- und Vermögenseinkommen wird mangels unzureichender Datenlage wegen abnehmender Auskunftsbereitschaft der Befragten bei zunehmendem Einkommen und Vermögen nicht erfasst und deshalb nur Haushaltsnettoeinkommen bis zur Abschneidegrenze von 18.000 €/Monat in den Berechnungen berücksichtigt. Die höchsten Einkommen sind in den Verteilungsberechnungen nicht enthalten und die nicht entnommenen Gewinne Selbstständiger werden nicht erhoben. Ebenfalls nicht einbezogen sind Personen in Gemeinschaftsunterkünften, beispielsweise Bewohner von Pflegeheimen sowie Obdachlose.Statistisches Bundesamt: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe – Aufgabe, Methode und Durchführung. S. 9. In: Fachserie 15 Heft 7, Wirtschaftsrechnungen. Artikelnummer: 2152607089004, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2013.Statistisches Bundesamt: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe – Einkommensverteilung in Deutschland. S. 7. In: Fachserie 15 Heft 6, Wirtschaftsrechnungen. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2012.

Regelmäßig sind dadurch die statistisch erhobenen Gesamteinkommen Selbstständiger und aus Vermögen, beispielsweise Kapitalerträge und Mieten, niedriger als die tatsächlichen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR). Die tatsächliche Ungleichverteilung ist deshalb größer als die errechnete, offiziell veröffentlichte, denn die auf diese Weise statistisch ermittelten Reichtumsquoten und auch die Armutsquote sind niedriger als die tatsächlichen.

2008 betrug die Abweichung der statistischen Selbstständigen- und Vermögenseinkommen der EVS mit 139 Mrd. Euro zu der gleichartigen Einkommensumme von 477 Mrd. Euro der VGR rund 338 Mrd. Euro. Rund 71 % dieser Einkommen wurden durch die EVS nicht erfasst und sind in den Verteilungsrechnungen und somit in den Ungleichverteilungsmaßen wie beispielsweise dem Gini-Index nicht dargestellt. Laut Statistischem Bundesamt „deutet dies auf eine grundsätzliche Problematik der Messung von Selbstständigen- und Vermögenseinkommen in (freiwilligen) Haushaltserhebungen hin“.Statistisches Bundesamt: Qualität der Ergebnisse der EVS 2008. In: Fachserie 15 Heft. 7, Wirtschaftsrechnungen. Einkommens- und Verbrauchsstichprobe. Aufgabe, Methode und Durchführung. S. 39. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2013.

Einfluss von Veränderungen auf die Armutsgrenze Die Armutsgrenze wird von WHO, OECD und EU mithilfe des Medians berechnet. Bei einer Berechnung der Armutsgrenze mittels des arithmetischen Mittels (Durchschnitt im engeren Sinne) würde der Wegzug oder Vermögensverlust eines Reichen den Durchschnitt senken und die relative Armut in einem Land verringern und umgekehrt käme es zu einer Erhöhung der relativen Armut, wenn ohne Veränderungen bei anderen Einkommensbeziehern ein Nicht-Armer sein Einkommen steigern könnte. Dieser Kritikpunkt trifft auf manche Wohlfahrtsfunktionen zu.

Reiche werden reicher → keine Veränderung. Wenn hingegen – wie bei der Methode der EU – der Median verwendet wird, dann haben Einkommens-Veränderungen bei Personen, deren Einkommen vor und nach der Veränderung oberhalb bzw. unterhalb des Medians liegen, keinerlei Einfluss auf den Median und die Armutsgrenze. Wie sich die Einkommen der Spitzenverdiener (genauer: die Einkommen der ca. 49 % Besserverdienenden) entwickeln, ist damit für die Armutsgrenze unerheblich. Mittelverdiener verdienen mehr → mehr Menschen gelten als arm. Die Anzahl der Menschen, die als „relativ arm“ gelten, vergrößert sich jedoch dann, wenn sich die Einkommen der Mittelverdiener erhöhen, aber die der unteren Einkommensgruppe gleich bleiben. Dies liegt an der Abhängigkeit dieser Armutsdefinition vom Median; dieser ist das Einkommen derjenigen Personen, die mit ihrem Einkommen in der Mitte der Gesellschaft liegen (also weniger oder gleich viel wie 50 % der Bevölkerung verdienen und mehr oder gleich viel wie die anderen 50 %). Alle verdienen 10 % mehr → Anzahl der relativ Armen konstant. Wer jetzt weniger als einen gewissen Prozentsatz des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat (z. B. 60 %), würde auch in dem Fall, dass sich alle Einkommen z. B. um 10 % erhöhen, weniger als diesen Prozentsatz vom Durchschnitt haben. In Relation zu den anderen Personen (relativ) bliebe er auch weiterhin einer, der vergleichsweise wenig hat, also „relativ arm“ ist. Änderungen der Erhebungsmethoden, Vollständig- oder Unvollständigkeit der Daten → siehe Abschnitt oben: Datenquellen – Kritik.

Weitere Definitionen Anstelle des Medians kann auch die von Amartya Sen und James Foster vorgeschlagene Wohlfahrtsfunktion verwendet werden, die bei Sen auf dem Gini-Koeffizient und bei Foster auf einem Theil-Index basiert.Amartya Sen: On Economic Inequality (Enlarged Edition with a substantial annexe „On Economic Inequality“ after a Quarter Century with James Foster), Clarendon Press, Oxford 1997, ISBN 0-19-828193-5.

Neuere Ansätze der empirischen Sozialforschung versuchen Armut auf mehreren Dimensionen zu erfassen und die Dichotomie arm/nicht arm durch die Verwendung der Fuzzy-Set-Theorie zu überwinden.Pi Alperin, Maria Noel: A comparison of multidimensional deprivation characteristics between natives and immigrants in Luxembourg.

Folgen der relativen Armut in den Industrieländern Relative Armut macht sich auch durch eine soziokulturelle Verarmung bemerkbar, womit der Mangel an Teilhabe an bestimmten sozialen Aktivitäten als Folge des finanziellen Mangels gemeint ist (wie z. B. Theater- oder Kinobesuch, Klassenfahrten).

Gesundheit Armut führt bei Kindern und Erwachsenen zu geringeren Gesundheitschancen und höheren Krankheitsrisiken, wie die systematische Übersicht von Klaus Hurrelmann und Matthias Richter zeigt.Klaus Hurrelmann, M. Richter: Gesundheits- und Medizinsoziologie. Beltz Juventa, Weinheim, ISBN 978-3-7799-2605-4, 2013, S. 28–42.

Familienleben Arbeitslosigkeit und Armut führen oft zu einer Beeinträchtigung der Qualität der ehelichen Partnerschaft.Rand D. Conger u. a.: Linking economical hardship to Marital Quality and Instability. In: Journal of Marriage and the Family. 52, 1990, S. 643–656. Es kommt zu häufigen Konflikten, geringer gegenseitiger Unterstützung und einer geringen Zufriedenheit mit dem Partner. Diese Krisen in der Partnerschaft beeinträchtigen die Fähigkeit der Eltern, auf die Bedürfnisse ihrer Kinder angemessen zu reagieren. Die Eltern sind in diesem Falle weniger unterstützend. Es kommt zu einem restriktiven und inkonsistenten Erziehungsverhalten.M. Nietfeld, R. Becker: Harte Zeiten für Familien. Theoretische Überlegungen und empirische Analysen zu Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und sozio-ökonomischer Deprivation auf die Qualität familialer Beziehungen Dresdner Familien. In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation. 19, 1999, S. 369–387 (beschäftigt sich mit der Frage, wie Familien mit Armut umgehen). Familien, die durch den Mann in patriarchalischer Art und Weise dominiert werden, können schlechter mit Armut umgehen.

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