mini|Georg Ernst Stahl Georg Ernst Stahl (* 21. oder 22. Oktober 1659Als Geburtsjahr wird häufig fälschlich das Jahr 1660 angegeben. Allerdings enthält das Taufbuch von St. Johannis in Ansbach folgende Angaben: Anno 1659, 22. Octobris: GEORG ERNST STAHL, Herrn JOHANN LORENZ STAHLS, Fürstl. Hofrats-Sekretary. Zeuge: Herr GEORG NIKOLAUS MOHR, Fürstl. Cammerats (vgl. Bernward Josef Gottlieb: Vitalistisches Denken in Deutschland im Anschluss an Georg Ernst Stahl. In: Klinische Wochenschrift, 21. Jg., Nr. 20, Mai 1942, S. 445–448). in Ansbach; † 14. Mai 1734 in Berlin) war ein deutscher Alchemist, Chemiker, Mediziner, Hof- und Leibarzt sowie Metallurg, der als Professor der Medizinischen Fakultät in Halle (Saale) wirkte. Als Chemiker entwickelte er die Theorie vom hypothetischen „Phlogiston“, als Mediziner war er Vertreter der auch als frühe Form eines psychodynamischen KrankheitskonzeptsRobert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Von der Volksmedizin zu den unkonventionellen Therapien von heute. Beck, München 1996, ISBN 3-406-40495-2, S. 267. angesehenen Anima-Lehre.

Leben und Wirken Georg Ernst Stahls Großeltern waren Johann Burkhard Meelführer (1603–1637; Sohn von Johannes Meelführer) und die Pfarrerstochter Anne Margaretha Cöler (andere Schreibweise Köhler) (1607–1652).Johanna Geyer-Kordesch: Pietismus, Medizin und Aufklärung in Preußen im 18. Jahrhundert. Das Leben und Werk Georg Ernst Stahls. Max Niemeyer, Tübingen 2000, ISBN 3-484-81013-0. G. E. Stahls Eltern, miteinander seit dem 28. April 1655 verheiratet, waren Johann Lorenz Stahl (1620–1698), seines Zeichens Hofratssekretär in Ansbach, dann ab 1664 Konsistorialsekretär und 1672 Ehegerichtssekretär (nach anderen Quellen evangelischer Pfarrer) in Ansbach und seine Mutter Marie Sophie Meelführer (1635–1680).Genealogie, S. 54. (PDF-Datei; 368,47 kB).

Nach Besuch des Gymnasiums in Ansbach, das damals mit der Mark Brandenburg (als Fürstentum Ansbach) assoziiert war, studierte Stahl ab 1679 in Jena Medizin und Chemie, zusammen mit Friedrich Hoffmann jr. (1660–1742), der ihm später half, einen Ruf für seine Professur in Halle (Saale) zu erlangen.Heinz Schott: Die Chronik der Medizin. Augsburg 1997, S. 198. Stahl war ein gottesfürchtiger Mensch und durch den im lutherischen Ansbach vorherrschenden Pietismus geprägt.Martin Brecht, Klaus Deppermann, Ulrich Gäbler: Geschichte des Pietismus. In: Der Pietismus im achtzehnten Jahrhundert. (Band 2). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, S. 302 ff. Er hörte intensiv Vorlesungen von Georg Wolfgang Wedel. Im Jahre 1684 wurde Stahl in Jena promoviert; der Titel seiner Dissertation lautet De intestinis: eorumque morbis ac symptomatis, cognoscendis & curandis. Kurz darauf habilitierte er sich an der Universität Halae Magdeburgicae mit dem Titel Propempticon inaugurale, de fistula lacrymali (1702) und nahm eine Lehrtätigkeit auf.

1687 wurde er Hofarzt des Herzogs Johann Ernst von Sachsen-Weimar und erhielt 1694 eine Stelle als Professor der Medizin an der im Jahr zuvor neu gegründeten Universität Halle. In Halle (Saale) heiratete er 1694 Catharina Margarethe Miculci (1668–1696) aus Zerbst. Sie starb im Wochenbett, das frisch geborene Töchterchen drei Monate später. Seine zweite, ihm 1705 angetraute Frau Barbara Eleonore Tentzel (1686–1706) aus Halle (Saale) ereilte – kaum 20 Jahre alt – das gleiche Schicksal. Beide Schicksalsschläge beeinflussten den Charakter dieses sensiblen Menschen nachhaltig. Gegner nannten ihn deshalb einen Misanthropen, da er sich im gesellschaftlichen Umgang starr und verschlossen gezeigt haben soll. Durch seinen Dogmatismus versammelte er keinen ernstzunehmenden Kreis von Schülern um sich. Als einen seiner bedeutendsten Schüler nennt Stahl den auch durch Albrecht von Haller gerühmten Johann Simon Bauermüller, welcher in Würzburg Garnisonsmedikus sowie Professor für Anatomie und Chirurgie wurde.Henning Bärmig: Die Personalbibliographien der an der Medizinischen Fakultät der Alma Mater Julia zu Würzburg von 1582 bis 1803 lehrenden Professoren mit biographischen Angaben. Medizinische Dissertation, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 1969, S. 36 f. Ein weiterer in Würzburg tätig gewordener Schüler Stahls war der 1699 in Halle promovierte Anatom Johann Michael Glaschke († 1731).Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg (Druck: Bonitas-Bauer), Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 391–393. Der Hallenser Mediziner Johann Juncker war einer der eifrigsten Verteidiger von Georg Ernst Stahl. Einen wichtigen Einfluss hatte er auf die Schule von Montpellier.

Im Jahr 1715 wurde Stahl als Leibarzt des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm I. berufen und ihm die Position als Präsident des Collegium-Medicum in Berlin angetragen. Dies führte zur Errichtung einer Ausbildungsstätte für Medizin.Karlheinz Fischer: Vom Werden der Chemie (Bild-Text-Material). Lehrmaterial zur Ausbildung von Diplomlehrern Chemie. 3., erw. Auflage. Potsdam 1987. Am 27. September 1725 erließ Friedrich Wilhelm I., der sogenannte Soldatenkönig, das Allgemeine und neu geschärfte Medicinal-Edict. Den Entwurf zu diesem Edikt hatte Stahl in Zusammenarbeit mit dem brandenburgischen Leibarzt Johann Theodor Eller erstellt. Erstmals wurde damit die Ausbildung der Apotheker gesetzlich geregelt.

Sein umfangreiches Werk – Stahl hinterließ insgesamt fast 240 Publikationen – ist in teilweise unverständlicher Weise formuliert, was, obgleich die deutsche Klinik durch die Stahlsche Schule beeinflusst war,Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 32. eine weitreichende Rezeption verhinderte.

Familie Georg Ernst Stahl war drei Mal verheiratet. Seine erste Ehe schloss er mit Catharina Margaretha Miculcin (± 1668; † 15. Mai 1696 Halle (Saale)). Seine zweite Ehe schloss er am 12. Februar 1705 in Halle (Saale) mit Barbara Eleonora Tentzel (* 27. Mai 1686 in Halle; † 17. April 1706 ebenda), der Tochter des kurfürstlich brandenburgischen Steuerrats in Halle (Saale) Johann Christian Tentzel. Seine dritte Ehe ging er 26. Februar 1711 in Halle (Saale) mit Regina Elisabeth Wesener (* 30. September 1683 in Halle (Saale); † 10. November 1730 ebenda), der Tochter des Stadtarztes in Halle Wolfgang Christoph Wesener (1640–1706), ein. Von den Kindern kennt man: Johann August Stahl (* 9. Dezember 1694 in Halle (Saale)) Christina Catharina Sophia Stahl (* April 1696 in Halle (Saale); † 17. Juli 1696 ebenda) Eleonora Stahl (* 12. April 1706 in Halle (Saale); † 16. Oktober 1708 ebenda) Regina Ernestina (* 9. Januar 1712), verheiratet mit Johann August Arends (1702–1747) Georg Ernst Stahl der Jüngere (* 6. Mai 1713 in Halle (Saale), † 1772 in Berlin), Arzt in Berlin, verheiratet mit Johanna Elisabeth Schrader (1725–1763), Tochter des Apothekers Johann Christoph Schrader (1683–1744). Johann Christoph Stahl (* 10. August 1714 in Halle (Saale)) Catharina Charlotta Louisa Stahl (1717–1784) verh. 1735 mit Johann Samuel Friedrich von Böhmer (1704–1772) königlich preußischer Hofrat u. Prof. jur. Uni. Halle Sophia Rosina Stahl verh. 1740 mit dem Hofkriminalrat und Postrat in Berlin Johann Georg Buchholtz (1714–1771) in Berlin

Wissenschaftliche Beiträge und Ansichten Stahl’sche Chemie Stahl tritt in seiner Fundamenta chymiae dogmaticae et experimentalis (1723) für eine Trennung einer chymia experimentalis und einer chymia rationalis ein.

Sein Prinzip der genauen Entsprechung von Zerlegung (vergleiche Analytische Chemie) und Zusammensetzung (Synthese) zur chemischen Bestimmung eines chemischen Körpers, stellte einen Fortschritt für die sogenannte chymia experimentalis dar; für Stahl ein Prinzip, dem er konsequent bei seinen Arbeiten folgte.

Phlogistontheorie Stahl, der seit dem 25. Juni 1700 der Leopoldina angehörte,J. D. F. Neigebaur: Geschichte der kaiserlichen Leopoldino-Carolinischen deutschen Akademie der Naturforscher während des zweiten Jahrhunderts ihres Bestehens. Friedrich Frommann, Jena 1860, S. 202 (Digitalisat) war neben Johann Joachim Becher ein Hauptbegründer der (bei Verbrennungen einen aus den verbrennenden Körpern freigesetzten Wärmestoff postulierenden)Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 251–253. Phlogistontheorie, die erst durch Antoine Lavoisier widerlegt und mit der Entdeckung des Sauerstoffs zu Fall gebrachtGeorg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Historische Studie. [Gewidmet der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie]. Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1876; Neudruck mit dem Untertitel Historische Studie über das 18. Jahrhundert aus dem Jahre 1876 und mit einem Vorwort von Rolf Winau: Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1978, ISBN 3-540-08751-6, S. 377. wurde. Außerdem entwickelte Stahl (spekulativeChrista Habrich: Zur Geschichte der klinischen Enzymdiagnostik und ihren naturwissenschaftlichen Voraussetzungen. In: Christa Habrich, Frank Marguth, Jörn Henning Wolf (Hrsg.) unter Mitarbeit von Renate Wittern: Medizinische Diagnostik in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Heinz Goerke zum sechzigsten Geburtstag. München 1978 (= Neue Münchner Beiträge zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften: Medizinhistorische Reihe. Band 7/8), ISBN 3-87239-046-5, S. 549–572, hier: S. 549 und 551.) Theorien zu Gärungserscheinungen. Auf chemischem Gebiet leistete er wertvolle Beiträge zu den Verwandtschaftsreihen der Metalle. Ihm gelang es, Essigsäure durch Ausfrieren des Wassers zu konzentrieren. Im Jahre 1723 stellt er Essigsäure erstmals durch die Umsetzung von festen Acetaten mit Schwefelsäure dar. Er entdeckte viele Eigenschaften der Metalle und Metalloxide und ordnete die Säuren nach ihrer Stärke.

Ein bedeutender Beitrag war die Phlogistontheorie, welche die erste umfassende Theorie in der in Entstehung begriffenen Wissenschaft der Chemie darstellte. Obgleich sie den Vorgang der Verbrennung unrichtig interpretierte und dazu führte, dass viele Entdeckungen, unter anderem auch die von Sauerstoff und Stickstoff, falsch interpretiert wurden, fasste sie mit den Begrifflichkeiten ihrer Zeit erstmals eine chemische Umwandlung bzw. einen Redox-Prozess zusammen. Gemessen am damaligen Stand der Erkenntnis und den verfügbaren empirischen Daten war seine Annahme plausibel. Der Begriff des Elements war noch im Entstehen, Stoffe waren noch nicht klar abgegrenzt und unterschieden. Auch war keineswegs klar, dass die Verbrennung die Folge einer chemischen Reaktion zweier Körper ist, bei der Energie frei wird. Aus heutiger Sicht könnte man das Phlogiston daher am ehesten mit solch frei werdender Energie vergleichen (siehe dazu Exotherme Reaktion).Jaime Wisniak: Phlogiston: The rise and fall of a theory. Indian Journal of Chemical Technology, Vol. 11, September (2004) S. 732–743, online (PDF; 89 kB). Sie wurde schließlich von Antoine Lavoisier widerlegt.