miniatur|Ein Römer liest eine Schriftrolle - Von einem Sarkophag im Garten der Villa Balestra, Rom
Die Geschichte der Schrift umfasst viele unterschiedliche Schriften, die in verschiedenen Regionen der Welt entstanden sind (siehe Schriften der Welt). Einige Schriften haben sich über Jahrtausende verändert und zu den in der Gegenwart verwendeten Schriften weiterentwickelt. Allgemein ist die Schrift ein Zeichensystem, mit dem ein Schreiber, Schriftproduzent (Sender), eine Nachricht mittels eines Mediums zeitlich und/oder örtlich getrennten Lesern, Rezipienten (Empfängern), zugänglich machen kann. Die wesentliche Voraussetzung ist dabei, dass für den Empfänger das Zeichensystem dekodierbar ist.
Schriften lassen sich kategorisieren; so können zur groben Übersicht unterschieden werden: Piktographie oder Bilderschrift: Piktogramme (einfache Abbildungen) haben die Bedeutung des Dargestellten. Logographie oder Wortschrift: die meist bildhaften komplexen Grapheme entsprechen einzelnen Morphemen (Wörter, Begriffe, „Ideen“) der jeweiligen Sprache. Syllabographie oder Silbenschrift: suprasegmentale Grapheme bezeichnen Silben (Lautkombinationen) der jeweiligen Sprache. Alphabetschrift oder Buchstabenschrift: einzelne, segmentale Grapheme entsprechen Phonemen (einzelnen Lauten) der jeweiligen Sprache. Dabei sind aber viele Schriften nicht direkt einer dieser Varianten zuordenbar, sondern sind Mischformen mit verschiedenen Anteilen.
Altorientalische Schriften mini|500px|Rekonstruktion der Entwicklung des Schreibens ab ca. 3500 v. Chr. bis 1000 v. Chr. basierend auf der Hypothese, dass die sumerische Keilschrift im Vergleich zu den Ägyptischen Hieroglyphen die ältere Schriftform sei (vgl. Kretische Hieroglyphen, Luwische Hieroglyphen; Elamische Schriften, Indusschrift). Unklar ist die Stellung der Protosinaitischen Schrift als Vorläuferschrift aus der Hieratischen Schrift bzw. den Ägyptischen Hieroglyphen.Geoffrey Barraclough, Norman Stone: The Times Atlas of World History. Hammond Incorporated, Maplewood, New Jersey 1989, ISBN 978-0-7230-0304-5, S. 53. ( auf archive.org) Nicht berücksichtigt ist hier die außerhalb Eurasiens entstandene Maya-Schrift.
Mesopotamische Keilschrift miniatur|Replik einer Keilschrift-Tontafel
Im 4. Jahrtausend v. Chr. entwickelten sich in Mesopotamien, ein Gebiet zwischen Euphrat und Tigris, die ersten Stadtstaaten der Sumerer. Etwa um 3300 v. Chr. entstand zunächst eine Bilderschrift, bestehend aus rund 900 Piktogrammen und Ideogrammen, die in Ton geritzt wurden. In Uruk wurden ca. 2700 v. Chr. die ersten Tontafeln mit Keilschrift hergestellt. Diese ersten schriftlichen Aufzeichnungen waren in erster Linie landwirtschaftliche Listen und Tabellen, die als Gedächtnisstütze für die Buchführung und als Informationen über die soziale Verwaltung des Staates genutzt wurden (siehe Bibliothek in Mesopotamien). Durch die Aufzeichnungen wurde deutlich, dass die Sumerer sowohl Eigentumsurkunden wie auch ein Zahlensystem und Zahlungsmittel erfunden hatten und darüber hinaus Zinsen und Darlehen kannten.
Die Entwicklung der Keilschrift konnte über Abschriften auf jeweils einer Tontafel, die Tempelschüler bei ihren Lehrern machten, nachvollzogen werden. Anfänglich handelte es sich bei den verwendeten Zeichen um Piktogramme, um vereinfachte bildhafte Darstellungen eines Gegenstandes oder Wesens. In der Folge wurden mehrere dieser Zeichen miteinander verbunden, um einen komplexeren Gedankengang zu formulieren, die Geburtsstunde von Ideogrammen. Die Form der Keilschriftzeichen wurde schon sehr früh in Registern festgelegt.
Durch jahrhundertelange Weiterentwicklung und Veränderung hatten die Piktogramme um 2900 v. Chr. ihre ehemalige Funktion und ihren ursprünglichen Bezug verloren. Nun konnte ein einzelnes Zeichen je nach Sinnzusammenhang verschiedene Bedeutungen haben. Im nächsten Entwicklungsschritt wurde nur noch eine Bedeutung mit einem Zeichen in Verbindung gebracht. So entwickelten sich aus 1.500 Piktogrammen 600 Zeichen, die regelmäßig verwendet wurden. Mit der Zeit bezogen sich die verwendeten Zeichen immer mehr auf die Lautwerte der Wörter, die gesprochen wurden. Es wurden Schriftzeichen nach dem Rebus-Prinzip dargestellt: ein Zeichen stand nicht mehr für das dargestellte Objekt, sondern für ein ähnlich gesprochenes Wort (Logogramm). In Sumer entstand über lange Zeiträume hinweg eine Verlautlichung (Phonetisierung) der Zeichen. Um ein eindeutiges Lesen möglich zu machen, wurden Deutzeichen (Determinative) eingeführt, um die Zeichen nach Objektbedeutung und Lautbedeutung zu klassifizieren.
Die um 2350 v. Chr. beginnende Vorherrschaft der semitischen Akkader führte dazu, dass um 2000 v. Chr. nur noch Akkadisch gesprochen wurde. Die Keilschrift konnte nun sowohl Akkadisch als auch das alte Sumerisch darstellen, das inzwischen zu einer heiligen Sprache geworden war. Das Königreich Babylon (ab 1760 v. Chr.) und das Assyrer-Reich im Norden übernahmen ebenfalls die Keilschrift. Nun konnte alles in der Schrift festgehalten werden. Ein Briefwechsel zwischen den Völkern entstand, eine Einrichtung, die man heute als Post bezeichnen würde, und Umschläge aus Ton. Neben dem Rechnungswesen und anderen wichtigen Informationen wurden religiöse Hymnen, Wahrsagesprüche und Literatur (Mythen und Versdichtungen wie das Gilgamesch-Epos) aufgeschrieben. Es bildete sich der privilegierte Stand des Schreibers heraus, der durch seine Arbeit das Ansehen eines Aristokraten erlangen konnte. Im Staatswesen konnten Schreiber machtvolle Positionen besetzen, da Zugang zu einer Vielzahl an Informationen bestand. Schreiberschulen wurden eingerichtet, deren Disziplin und Strenge auch anhand von Hausaufgaben dokumentiert wird.
Die Verbreitung der Keilschrift verlief im Norden bis nach Armenien, wo Urartäisch gesprochen wurde, im Süden bis nach Palästina, wo Kanaanäisch die vorherrschende Sprache war.
Schriftmedien Die vorherrschenden Schriftmedien in Mesopotamien waren zu dieser Zeit (3000 v. Chr. bis 500 v. Chr.) vor allem weicher Ton oder Stein, in dem die Schrift vor allem an Reliefs eingemeißelt wurde. Es werden aber auch Texte mit einem Stichel in Silberplatten geprägt. Zunächst wurde bei Ton ein spitzer Griffel verwendet, mit dem jedes Zeichen aus dem Ton herausgekratzt werden musste. Diese Methode wurde aufgegeben und ein Werkzeug mit stumpfem Ende eingeführt: der Keil in Form eines Schilfrohr- oder Holzgriffels. Dies war vor allem für längere Texte vorteilhaft.
Elamische Strichschrift
Kurz nach der sumerischen Schrifterfindung findet man auch in Elam (im Südwesten des heutigen Iran) seit 3050 und bis 2800 v. Chr. eine eigene Bilderschrift, die der etwas älteren archaischen sumerischen aus Uruk sehr ähnlich ist und wie diese fast nur Wort- und Zahlzeichen verwendet. Hauptfundort ist Susa mit 1600 Tontafeln, vereinzelte Funde gibt es im ganzen südwestlichen, aber auch verstreut im östlichen Iran. Die Schrift konnte bisher nicht entziffert werden, doch gleichen die Tafeln in ihrer Struktur und wahrscheinlich auch im Inhalt den archaischen sumerischen Tafeln, die ausschließlich für Zwecke der Wirtschaftsverwaltung verwendet wurden. Die elamische Bilderschrift enthält etwa 1000 Zeichen, die in rund 5000 Varianten vorkommen.
Im 23. Jahrhundert v. Chr. entwickelten die Elamer eine eigenständige Silbenschrift, die wegen ihres linearen Duktus „Strichschrift“ oder „Linearschrift“ (englisch Linear Elamite) genannt wird. Erhaltene Texte in der elamischen Strichschrift sind spärlich und fast auf die Regierungszeit Puzur-Inšušinaks (Ende des 23. Jahrhunderts) beschränkt. Gefunden wurden bisher etwa 40 Stein- und Ziegelinschriften, eine auf einer Silbervase. Inhaltlich handelt es sich bei den Strichinschriften meist um Weihe-Inschriften. Die Schrift besitzt als reine Silbenschrift nur 103 Zeichenformen, von denen 40 jeweils nur ein einziges Mal belegt sind (Wort-Silben-Schriften wie die mesopotamische Keilschrift benötigen einen wesentlich größeren Zeichenvorrat).
Elamische Keilschrift Parallel zur Strichschrift und vor allem nach 2200 v. Chr. setzte sich zunehmend die sumerisch-akkadische Keilschrift auch in Elam durch, die meisten Texte waren allerdings zunächst noch in akkadischer Sprache verfasst (die Schreiber waren möglicherweise Akkader). Die mesopotamische Keilschrift wurde dann – seit der mittelelamischen Zeit (1900–1100 v. Chr.) – von den Elamern zunehmend vereinfacht, indem sie die Anzahl der Zeichen reduzierten, meist einfache Zeichen mit möglichst wenig Keilen aussuchten, die Ideogramme weitgehend fallen ließen und sie durch eine fast rein phonetische Silbenschreibung ersetzten. Die Mehrdeutigkeit der mesopotamischen Zeichen wurde stark reduziert, für ein und dieselbe Silbe wurde in der Regel nur noch ein Zeichen verwendet. Somit gelang den Elamern die Schaffung einer eigenständigen, wesentlich einfacheren Form der Keilschrift, die allerdings die „Feinheiten“ der elamischen Phonetik (zum Beispiel Konsonantencluster, Verwendung von Doppelkonsonanten, Nasalierung u. a.) kaum adäquat wiedergeben konnte. Zur Zeit des altpersischen Reichs (etwa 550 bis 330 v. Chr.) hatte die elamische Keilschrift schließlich nur noch 132 Zeichen, darunter 27 Ideogramme und Determinative. Die graphischen Unterschiede zwischen den elamischen Keilzeichen und ihren – inzwischen meist identifizierten – mesopotamischen Vorgängern sind erheblich.
Luwische Hieroglyphenschrift In der Bronzezeit und in der Eisenzeit lebten in Kleinasien verschiedene indoeuropäische Bevölkerungsgruppen. Um 1600 v. Chr. entstand das Großkönigreich der Hethiter, das um 1200 v. Chr. zusammenbrach. Die Hethiter hatten die akkadische Keilschrift in einer nordsyrischen Ausführung übernommen. In dieser Schrift wurden auch Texte in anderen Sprachen festgehalten, so auch Luwisch. Als Luwier wird heute die Bevölkerung bezeichnet, die in Südostkleinasien und in Nordsyrien westlich des Euphrats lebte und Sprecher der luwischen Sprache war. Ein auffälliges Merkmal luwischer Keilschrifttexte ist die Plene-Schreibung gedehnter Vokale, dazu wird der Vokal in der Schrift wiederholt.
Neben der Keilschrift der Hethiter existierte aber auch noch eine eigenständige luwische Hieroglyphenschrift, die sich bis mindestens 2000 v. Chr. in Form von Beamtensiegeln zurückverfolgen lässt. Längere Hieroglypheninschriften entstanden im letzten Jahrhundert des hethitischen Reichs. Nach dessen Zusammenbruch verschwand die Keilschrift aus Kleinasien und die Verbreitung der luwischen Hieroglyphenschrift nahm zu. Auf dem Gebiet der Luwier haben sich vor allem monumentale Königsinschriften, aber auch auf Bleistreifen geschriebene Briefe erhalten. Die Schrift, die insgesamt rund 350 Zeichen umfasste und noch bis ca. 600 v. Chr. in Gebrauch war, bestand sowohl aus Logogrammen als auch aus Silbenzeichen, wobei sich zuerst die Logogramme und danach aus diesen die Silbenzeichen entwickelten.
Persische Keilschrift Die (alt)persische Keilschrift ist die jüngste und einfachste Form der Keilschrift. Das bekannteste Dokument dieser Schrift ist die dreisprachige sogenannte Behistun-Inschrift des Königs Darius I. (549–486 v. Chr.) auf einer Felswand in der Nähe des persischen Ortes Behistun. Darin behauptete Darius, der Erfinder dieser Schrift zu sein. Da die persische Keilschrift nicht die offizielle Schrift des Perserreichs war, war sie vermutlich auch eine bewusste Neuschöpfung. Sie bestand aus lediglich 41 Zeichen, davon waren 36 Phonogramme, 5 häufig gebrauchte Logogramme und 1 Trennungszeichen.
Altägyptische Schriften Hieroglyphenschrift miniatur|Ägyptische Hieroglyphen an einem Tempel Die frühesten Funde ägyptischer Hieroglyphen stammen aus dem Zeitraum um 3200 v. Chr. Bis ca. 390 n. Chr. blieb die Schrift im Wesentlichen erhalten, die Anzahl der verwendeten Zeichen erhöhte sich aber von etwa 700 auf 5000.