mini|Abgestorbene Fichten im Erzgebirge (1998)
Als Waldsterben (auch: neuartige Waldschäden) werden Schädigungen des Waldes bezeichnet, die seit etwa 1980 großflächig auftreten. Das Verbreitungsgebiet umfasst Mittel-, Nord- und Osteuropa. Charakteristisch ist, dass sich die Schadensbilder im Wald unabhängig von Klima, Standort und waldbaulichen Praktiken zeigen. Die Symptomatik differiert zwischen Holzarten, Regionen und Forstorten.
Typische Merkmale des geschädigten Waldes: Auflichtung des Kronenbereichs aufgrund vorzeitigen Blattfalls Ausbildung weniger und kleinerer Blattorgane sowie Verzweigungsanomalien, geringe Reproduktionsfähigkeit des Wurzelsystems und verminderte Interaktion mit Mykorrhiza-Pilzen Absterben von Feinwurzeln
Eine einzelne auslösende Ursache des Waldsterbens konnte nicht ermittelt werden. Zentral scheinen die komplexen Wirkungen verschiedener Luftschadstoffe zu sein. Neuerdings sterben vermehrt ältere Bestände und Einzelbäume zahlreicher Baumarten, was in Zusammenhang mit dem Klimawandel gesehen wird.
Hintergrund mini|Völlig devastierter Waldhang im tschechischen Erzgebirge 1998 – Ursache für dieses großflächige Absterben waren die Rauchgase aus veralteten Braunkohlekraftwerken. mini|„Rettet den Wald“-Denkmal, aufgestellt 1985 anlässlich des 25. Hessentags in Alsfeld
Der Begriff Waldsterben spiegelte gesellschaftlich die in den 1980er Jahren speziell in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und in der Schweiz verbreitete Besorgnis wider, dass der Waldbestand in Gefahr sei und die Wälder in naher Zukunft großflächig vom Absterben bedroht seien.Hansjörg Küster: Geschichte des Waldes. C. H. Beck, 1998, ISBN 3-406-50279-2, Kapitel 22, „Waldsterben“ Die Besorgnis bezog sich nicht auf spezielle neue Waldschadensbilder, sondern darauf, dass die Symptomatik in Gebieten fern von nennenswerten Emissionsquellen auftrat, eine weite geographische Verbreitung einnahm und mehrere Baumarten davon betroffen waren. Dies wurde Mitte der 1970er Jahre festgestellt und seitdem insbesondere in Mittel- und Nordeuropa öffentlich angesprochen.Ivo Willimann, Helena Egli-Broz: Ökologie: Einführung in die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur. Compendio Bildungsmedien 2010, ISBN 978-3-715-59446-0, S. 140; online in Google Bücher mini|hochkant|Kampagne „Rettet den Wald“: Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1985Das Waldsterben war in den 1980er-Jahren eines der bedeutendsten Umweltthemen in den deutschsprachigen Ländern. In der Bundesrepublik Deutschland hatte die Debatte um das Absterben des Waldes erhebliche politische, industriepolitische und gesellschaftliche Auswirkungen und gilt als einer der Gründe für den Aufstieg der Partei der Grünen. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre gab es quer durch die westdeutsche Gesellschaft sowie in der gesamten Parteienlandschaft einen Konsens über die Dringlichkeit und Schwere des Themas.Roland Schäfer, Birgit Metzger: Was macht eigentlich das Waldsterben? In: Patrick Masius, Ole Sparenberg, Jana Sprenger (Hrsg.): Umweltgeschichte und Umweltzukunft. Zur gesellschaftlichen Relevanz einer jungen Disziplin. Göttingen 2009, S. 201–228, S. 206/208. Als Ursache stand saurer Regen im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Mögliche weitere Ursachen wie falsche Bestockung oder zeitweise Trockenheit wurden lange nicht diskutiert. Infolge der Waldsterbensdebatte wurden politische Maßnahmen ergriffen, die eine deutliche Verringerung der Emissionen bewirkten. Es lässt sich nicht sagen, wie sich der Zustand des Waldes ohne Einführung dieser Maßnahmen entwickelt hätte.
Aus Sichtweise der Umweltgeschichte ermöglicht die Waldsterbensdebatte einen vertieften Blick auf Gesellschaft und Politik der Bundesrepublik Deutschland der 1980er Jahre.
Das Waldsterben weist nicht nur typische Charakteristika eines modernen Umweltproblems auf, sondern war deutlich in die damalige historische Krisensituation eingebettet. In dem Sinne sei das Waldsterben über den Umweltaspekt hinaus ein Bestandteil der Zeitgeschichte.Roland Schäfer, Birgit Metzger, in Patrick Masius, Ole Sparenberg, Jana Sprenger (Hrsg.): Was macht eigentlich das Waldsterben? Zur gesellschaftlichen Relevanz einer jungen Disziplin. (PDF; 4,1 MB), Graduiertenkolleg Interdisziplinäre Umweltgeschichte, Umweltgeschichte und Umweltzukunft (2009)
Nach den Ergebnissen eines von Roderich von Detten geleiteten Forschungsprojekts zum Waldsterben sei die außerordentliche emotionale Intensität der Debatten insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland nicht alleine von der forstbotanischen Realität her zu verstehen. Von einigen KritikernDas sogenannte Waldsterben. Rudi Holzberger. Verlag: Eppe 2002, ISBN 3-89089-750-9, Erstauflage 1995 als Dissertation in Konstanz wurde das Waldsterben als reines Medienphänomen betrachtet, welches ein übertriebenes, apokalyptisches Szenario heraufbeschworen und Alarmismus ausgelöst hätte.
Dass die Waldsterbensdebatte Ende der 2010er wieder in den Medien erschien, ist in direktem Zusammenhang mit dem Paradigma der Klimakrise zu sehen, die nun die öffentliche Diskussion beherrschte. So verkündete der Bund Deutscher Forstleute – wie das in der Zeit auch viele Länder und Kommunen machten – einen „Klimanotstand für den Wald“.Klimakatastrophe: BDF ruft Klimanotstand für den Wald aus. In: forstwirtschaft-in-deutschland.de, 16. Juli 2019.
Begriff mini|300px|Durch Borkenkäferbefall und Trockenheit abgestorbene Fichten auf dem Brocken (Harz)
Der Begriff Waldsterben ist mindestens seit 1921 nachweisbar; ein Zusammenhang mit der Schädigung durch Insekten wurde spätestens 1934 gesehen. Baumsterben ist seit dem Jahr 1897 belegt.
Zwischen dem Waldsterben und den frühen „Rauchschäden“ bestehen Parallelen im Schadensbild. Ende der 1970er wurden die Braunkohlevorkommen in der Bundesrepublik Deutschland, der DDR und ČSSR vermehrt genutzt. Wegen mangelndem technischen Umweltschutz entstanden Schäden, die an die Rauchschäden aus der Frühzeit der Industrialisierung erinnerten.waldsterben.uni-freiburg.de Und ewig sterben die Wälder Roland Schäfer – „Lamettasyndrom“ und „Säuresteppe“: Das Waldsterben und die Forstwissenschaften 1979–2007.
Neu war die Vorstellung eines sterbenden Waldorganismus – statt sterbender Einzelbäume. Die Grundlage boten holistische Konzepte wie der 1922 eingeführte Dauerwald-Begriff des Forstwissenschaftlers Alfred Möller. Bevor der Begriff Waldsterben geprägt wurde, wandelte sich die Sicht auf das Problem und machte es zu einem emotional behafteten Thema. Die kulturgeschichtliche Bedeutung des „deutschen Waldes“ und die Sorge vor einem Atomkrieg etablierten das Waldsterben als überparteiliches Kollektivsymbol.Rezension, Johannes Zechner: Rezension zu: von Detten, Roderich (Hrsg.): Das Waldsterben. Rückblick auf einen Ausnahmezustand. München 2013, in: H-Soz-u-Kult, 9. Dezember 2013.
Fachwissenschaftlich wurde der Begriff nicht lange verwendet und bald durch neuartige Waldschäden abgelöst, wohingegen er im allgemeinen Sprachgebrauch weiterhin verankert ist.Fast vergessene Debatten der Umweltgeschichte Was macht eigentlich das Waldsterben? Roland Schäfer, Birgit Metzger, in Masius, Patrick Sparenberg, Ole Sprenger, Jana (Hrsg.): Umweltgeschichte und Umweltzukunft Zur gesellschaftlichen Relevanz einer jungen Disziplin. Universitätsverlag Göttingen, ISBN 978-3-940344-69-4, S. 201–221.
Ab Mitte der 2010er spricht man auch von „neuartigem Baumsterben“, und der Begriff Waldsterben wurde weniger verwendet. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) grenzt das durch die Klimakrise bedingte Waldsterben der 2010er Jahre als „Waldsterben 2.0“ gegenüber dem Waldsterben der 80er Jahre ab.BUND: „Waldsterben 2.0“
Verlauf mini|hochkant=2|Entwicklung der Waldschäden in der Bundesrepublik Die wissenschaftlichen Betrachtungen zum Waldsterben lassen sich in drei Phasen aufteilen.
Frühe 1980er Jahre Ab 1979 warnten die Forstwissenschaftler Bernhard Ulrich und Peter Schütt vor einem bevorstehenden bzw. stattfindenden Waldsterben und forderten eine Verbesserung der Luftreinhaltung. Massenmedien griffen diese Warnungen auf; eine Titelgeschichte des Spiegel im November 1981 brachte dem Thema den öffentlichen Durchbruch.Spiegel, Hausmitteilung Betr.: Waldsterben 1/1994 In den Heften 47, 48 und 49 erschien ein dreiteiliger BerichtSpiegel-Archiv Ausgabe 47/1981
Mitte 1983 war das Waldsterben auch als Forschungsgegenstand etabliert. Als Konsens der Ursachen etablierte sich ein Stresskomplex mit regional unterschiedlicher Gewichtung unter entscheidender Mitwirkung von Luftverunreinigungen wie dem sauren Regen. Damit wurden die durchaus unterschiedlichen und auch kontrovers diskutierten Wirkungspfade und Schadstoffe zusammengefasst. Im Jahr 1983 (kurz nach dem Amtsantritt des Kabinett Kohl I) wurde die öffentliche Debatte besonders intensiv geführt. Bei der Landtagswahl in Hessen am 25. September 1983 zogen erstmals Die Grünen in ein Landesparlament ein. Der Bundestag beschloss effektive Maßnahmen zur Luftreinhaltung, die über das Bundes-Immissionsschutzgesetz zur Luftreinhaltung von 1971 hinausgingen. Dazu zählte der Einbau von Rauchgasentschwefelungsanlagen in Kraftwerken, die die Hauptemittenten von Schwefeldioxid waren.
Die Bezeichnung „neuartige Waldschäden“ galt zunächst als Euphemismus, hat sich aber nach 1983R. Schäfer, B. Metzger: Was macht eigentlich das Waldsterben? In: P. Masius u. a. (Hrsg.): Umweltgeschichte und Umweltzukunft: Zur gesellschaftlichen Relevanz einer jungen Disziplin. Universitätsverlag Göttingen, 2009, ISBN 978-3-940344-69-4, S. 210. für die festgestellten Schadensbilder etabliert. In der Forstwissenschaft wird seitdem nicht mehr von einem Waldsterben gesprochen.
Späte 1980er Jahre 1983/84 bis 1992 setzte eine Normalisierung des Umgangs der Forstwissenschaftler mit dem Waldsterben ein, das zunehmend weniger politisch und emotional besetzt war. In der Bundesrepublik Deutschland befand man 1984 gut ein Drittel des Waldes für geschädigt, was alle denkbaren Waldschäden subsumiert. Diese Waldschäden wurden zunehmend primär als wissenschaftliche Fragestellung behandelt, viele der vermeintlichen Waldsterbe-Symptome stellten sich als Fehldeutungen heraus; als Indikatoren für den Waldzustand verblieben hauptsächlich Kronenverlichtungen und Blatt- bzw. Nadelvergilbungen, die in jährlichen Waldzustandserhebungen und laufenden Untersuchungen quantitativ erfasst wurden. Die Beschäftigung mit den Waldschäden in der Forschung reduzierte sich danach erheblich.
1990er und 2000er Jahre In der dritten Phase, von 1992 bis in die 2000er Jahre, differenzierte sich die reine Waldschadensforschung in eine breiter angelegte Waldökosystemforschung. Trotz intensiver Forschung konnte keine abschließende Wirkungskette ermittelt werden, die gemeinsame Hauptursache wurde in Luftschadstoffen gesehen, die über große Distanzen transportiert werden.