Der Stürmer, ab 1932 mit dem Untertitel „Deutsches Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit“, war eine am 20. April 1923 vom späteren NSDAP-Gauleiter von Franken Julius Streicher in Nürnberg gegründete und herausgegebene antisemitische Wochenzeitung. Sie erschien am 22. Februar 1945 letztmals. Der Stürmer bediente sich einer besonders hetzerischen Sprache und zeichnete sich durch drastische – bei Schilderungen von „Rassendelikten“ pornographische – Berichte, Bilder und Karikaturen aus. Die Zeitung war keine offizielle NS-Publikation, sondern Streichers Privatbesitz. Der Internationale Militärgerichtshof schätzte die Auflagenhöhe zwischen 1935 und 1939 auf 700.000 Exemplare, die Sondernummern zu den Reichsparteitagen auf mindestens zwei Millionen Stück. Das Blatt diente der propagandistischen Vorbereitung und Rechtfertigung des Holocaust.

Inhalt und Form Julius Streicher hatte das Blatt ursprünglich aufgrund interner Kämpfe in der Nürnberger NSDAP-Ortsgruppe gegründet. Später nutzte er es publizistisch auch in seiner jahrelangen politischen und vor Gericht ausgetragenen Auseinandersetzung mit Nürnbergs liberalem Oberbürgermeister Hermann Luppe. Schließlich trat die antisemitische Hetze immer mehr in den Vordergrund und war bald praktisch alleiniges Thema.

Entsprechend war das Hauptcharakteristikum der Stürmer-Reportagen der Kampf gegen die „Degeneration der nordisch-germanischen Rasse“ durch „Rassenschande“. Inhalt des Stürmers waren daher überwiegend geradezu pornographische, oft sadistische Schilderungen von Vergewaltigungen und anderen Formen von sexueller Nötigung deutscher (nichtjüdischer) Frauen durch Juden.Franco Ruault: Neuschöpfer des deutschen Volkes. S. 239.

Um seine Leser davon zu überzeugen, dass es die Absicht „der Juden“ sei, die „nordisch-germanische Rasse“ zu schädigen, bediente sich der Stürmer eines umfassenden Systems der sexuellen Denunziation. Der anthropologische Grund für die sexualverbrecherischen Aktivitäten des Juden sei dessen tierhafte Triebhaftigkeit, die zu einer krankhaften Verführungssucht disponiere. Um diese zu befriedigen, sei ihm jedes Mittel recht. Der Jude vergreife sich nicht nur an „arischen“ Mädchen und Frauen, sondern sei auch unermüdlich darauf aus, Kinder zu schänden. Sodomitische Handlungen, homosexuelle Aktivitäten und alle nur erdenkbaren Perversionen seien dem Juden als Mittel recht, die arische Rasse zu vernichten. Schon die jüdischen Schüler und Lehrlinge hätten nichts anderes im Sinn, als die Gleichaltrigen zu der verhängnisvollen Masturbation anzuleiten, um deren gesunde Entwicklung zu gefährden. Die Erwachsenen wiederum würden durch die immense Produktion pornografischer Medien von Juden in ihrer geistig-sittlichen Orientierung verweichlicht und gefährdet. Durch Prostitution und Mädchenhandel würden syphilitische Beschwerden und andere Geschlechtskrankheiten gezielt auf die Arier übertragen, um diese zu vernichten.Friedrich Koch: Sexuelle Denunziation. Die Sexualität in der politischen Auseinandersetzung. 2. Aufl., Hamburg 1995, ISBN 3-434-46229-5, S. 64–95.

Oft basierten die Artikel auf Berichten von Lesern, die den vollen Namen der jüdischen Beschuldigten wiedergaben; teilweise erschienen die Artikel auch in Form von aktuellen Berichterstattungen über zeitgenössische Kriminalfälle bzw. Gerichtsverhandlungen. Für diese Denunziationen gab es im Blatt eine eigene Rubrik namens Briefkasten. Unter der personalisierenden Anrede „Lieber Stürmer“ wurden hier Menschen an den Pranger gestellt, die nicht mit „Heil Hitler“ grüßten oder in als jüdisch markierten Geschäften einkauften.Alexander Schmidt, Melanie Wager: Der Stürmer. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 6: Publikationen. De Gruyter Saur, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-025872-1, S. 671 f.

Neben der stereotyp sexualisierten Darstellung von Juden als potentiellen Sexualverbrechern, deren Absicht darin liege, die „deutsche Rasse“ zu schädigen, gab es auch Berichte über eine angebliche jüdische Weltverschwörung, deren Ziel es sei, beispielsweise mittels Rauschgift, Alkohol oder Hypnose, dem „deutschen Volk“ wirtschaftlich, kulturell, moralisch und militärisch zu schaden.

Auch religiöse Themen bildeten einen Teil des antisemitischen Repertoires des Stürmers, beispielsweise in Gestalt von Juden als Ritualmördern, Gottesmördern und Urfeinden des Christentums. Dabei wurde auf antijudaistische Mythen über rituelle Menschenopfer, Brunnenvergiftung und Ähnliches zurückgegriffen.Franco Ruault: Neuschöpfer des deutschen Volkes. S. 230.

Darüber hinaus gab es diffamierende Artikel über jüdische Ärzte, Anwälte, Kaufleute und Viehhändler aus Nürnberg und Umgebung. Ziel dieser Artikel war, so Dennis E. Showalter, die Kennzeichnung des Juden als „böser Nachbar“ und damit die Übertragung eines abstrakten antisemitischen Feindbildes auf identifizierbare Mitglieder der Gesellschaft.

Allgemein wurde Juden böse Absicht bei all ihren Handlungen unterstellt, gleichzeitig wurden sie aber als hinterlistig, feige, verlogen, heuchlerisch, geizig und habgierig dargestellt. Der Stürmer sah es also als seine Aufgabe an, seinen Lesern anschaulich vorzuführen, wie „die Juden“ wirklich seien, und so an der wirtschaftlichen, sozialen und physischen Exklusion dieser „Untermenschen“ aus der „Volksgemeinschaft“ der „Herrenrasse“ aktiv mitzuwirken. Gleichzeitig befeuerte und inspirierte der Stürmer auf unterschiedliche Weise judenfeindliche Aktionen seiner Leserschaft in Eigeninitiative: Er „fungierte als Triebfeder des Hasses, als Quellengrundlage für eigenständige antisemitische Hetze und propagandistische Betätigung, als Mittel der Denunziation und als Instrument aktiver Verfolgung“.Carl-Eric Linsler: Die Drohpostkampagne gegen Jakob Feibelmann und die Zeitschrift Der Stürmer. Zur Dynamik von Judenverfolgung und antisemitischer Propaganda in Eigenregie. In: Jüdisches Museum Augsburg Schwaben (Hrsg.), Feibelmann muss weg. Ein antisemitischer Vorfall aus der schwäbischen Provinz, Leipzig 2022, S. 60–85, hier S. 83.

Mittels antisemitischer Karikaturen wurden auch Impfungen verteufelt.Pia Lamberty, Katharina Nocun: Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik. Quadriga, Köln 2022, S. 207.

Um die Französische Republik zu diffamieren, verhöhnte der Stürmer Mitte der 1930er Jahre die Nationalallegorie der „Marianne“, indem er diese Nationalfigur als wesensbedingt verträumt und naiv und deshalb anfällig für jüdische Manipulationen darstellte.

Ausrichtung Neben dem Kampf gegen den Nürnberger Oberbürgermeister, dem sich der erste Jahrgang widmete, wurden viele andere Themenbereiche angeschnitten. In der Fülle unterschiedlichster Artikel, Meldungen und Berichte war zunächst keine klare Ausrichtung oder inhaltliche Ordnung erkennbar.Daniel Roos: Julius Streicher und „Der Stürmer“ 1923–1945. Schöningh, Paderborn 2014, S. 88.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung richtete sich das Blatt verstärkt international aus. Dazu wurden sich mit der „Judenfrage“ beschäftigende Artikel diverser internationaler Zeitschriften und Magazine zumeist komplett zitiert und propagandistisch ausgeschlachtet. Als zweites dominierendes Thema wurde die „Ritualmordpropaganda“ forciert. Basierend auf Streichers kruder Konstruktion eines „Menschenschächtgesetzes“ wurde ein jüdischer Mordplan gegen die nichtjüdische Menschheit unterstellt. Nachdem am 17. März 1929 in Unterfranken ein fünfjähriger Junge tot mit einer Halswunde aufgefunden worden war, behauptete Otto Hellmuth im Stürmer, es habe sich um einen „jüdischen Blutmord“ zur „Gewinnung von Menschenblut“ gehandelt.Roland Flade: Die Würzburger Juden von 1919 bis zur Gegenwart. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände. Theiss, Stuttgart 2001–2007, Band III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 529–545 und 1308, hier: S. 534. Das dritte und in jeder Ausgabe nach der Machtübernahme präsente Hauptthema war der Kampf gegen die Rassenschande, das dem Blatt den Ruf einer pornografischen Hetzschrift einbrachte.Daniel Roos: Julius Streicher und „Der Stürmer“ 1923–1945. Schöningh, Paderborn 2014, S. 256 ff., S. 263.

Ein zentraler Punkt in Streichers antisemitischer Propaganda war von Anfang an ein „Sexualantisemitismus“. Auf dieser Grundlage forderte er umfassende Sexualverbote zwischen Juden und Nichtjuden. Dazu bekannte er sich zum kontagionistischen Theorem, das Artur Dinter in seinem 1917 erschienenen „sexualantisemitischen“ Roman Die Sünde wider das Blut popularisiert hatte. Danach reiche ein vaginaler Samenerguss eines jüdischen Mannes, um den Blutkreislauf einer „deutschblütigen“ Frau so nachhaltig zu verändern, dass alle ihre zukünftigen Nachkommen jüdische Bluts- und Erbanteile enthalten. Diesen Vorgang nannte Streicher „Imprägnation“. Das 1935 erlassene Reichsbürgergesetz stand jedoch im Widerspruch zu Streichers „Theorie der Imprägnation“ und bremste deshalb die sexualantisemitisch-propagandistische Ausrichtung des Stürmer. Auch das Rassenpolitische Amt der NSDAP bezeichnete Streichers Theorie als „Irrlehre“ mit der Begründung, wenn „eine Arierin“ durch einmaligen Geschlechtsverkehr mit einem Juden zur Jüdin werde und das an weitere Nachkommen vererbe, dann müsse auch „jede Jüdin, die Geschlechtsbeziehungen mit einem Arier hat, Arierin werden können. Die Judenfrage könnte dann allerdings eine sehr einfache Lösung finden, aber leider ist das nicht der Fall.“ Der nationalsozialistische Rassengedanke basiere, wie die Behörde bekräftigte, auf „der Tatsache, das [sic!] die rassischen Merkmale eines Menschen durch die Vererbung bestimmt sind“. In den folgenden Jahren wurden im Stürmer weniger Berichte über die „Verseuchung“ deutscher Frauen und Mädchen veröffentlicht, wenngleich weiter vehement gegen „jüdische Rassenschänder“ und sogenannte gemischtrassige Verbindungen gewettert und mehrfach die Wirksamkeit des Blutschutzgesetzes wegen erfasster „Rassenschande“-Delikte in Frage gestellt wurde.Myriam Spörri: Reines und gemischtes Blut: Zur Kulturgeschichte der Blutgruppenforschung, 1900–1933. transcript, Bielefeld 2013, S. 83 f.

Layout und Druck Die in den Artikeln vermischten Themen von Gewalt und Pornografie, die oft von vulgär-antisemitischen Karikaturen von Philipp Rupprecht (Pseudonym: Fips) oder von Fotos begleitet wurden, um die im Text dargestellten antisemitischen Stereotype auch visuell zu illustrieren, gaben dem Stürmer den Charakter eines reißerischen Boulevardblatts. Gerade die Karikaturen, die seit Ende 1925 auf beinahe jeder Ausgabe der Zeitschrift zu sehen waren, „stellten das Markenzeichen und einen der wichtigsten Erfolgsfaktoren“ des Stürmer dar. Pornographische und antisemitische Inhalte wurden gemischt.Carl-Eric Linsler: Stürmer-Karikaturen. In: Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Band 7: Wolfgang Benz (Hrsg.): Literatur, Film, Theater und Kunst. Berlin 2015, S. 477.; Karl-Heinz Reuband: In: Historical Social Research, Ausgabe 126, S. 216.

Der Stürmer erschien im Oktavformat mit einer Größe von 42 × 31,8 cm. Der zweispaltig umbrochene Text war durch großformatige Zwischenüberschriften in Themenbereiche untergliedert. Umrahmt hervorgehoben war der Aufruf, sich der Erlösungsbewegung der NSDAP anzuschließen, Stürmer-Werbung zu betreiben, den Völkischen Beobachter und den Deutschen Volkswillen zu lesen.Daniel Roos: Julius Streicher und „Der Stürmer“ 1923–1945. Schöningh, Paderborn 2014, S. 22 f.