Ruttershausen ist ein Ortsteil der Stadt Lollar im mittelhessischen Landkreis Gießen, bis Ende 1971 war es eine eigenständige Gemeinde. Ruttershausen hat etwa 1.300 Einwohner (Stand 2006) und liegt zwischen den Universitätsstädten Gießen und Marburg unmittelbar an der Lahn, 10 km nördlich von Gießen, 22 km südlich von Marburg. Der Ort wurde 1256 erstmals urkundlich erwähnt (als Ruthartishusen), ist aber wahrscheinlich schon in fränkischer Zeit gegründet worden. Der Ortskern und Siedlungsschwerpunkt liegt westlich der Lahn. Zur Gemarkung Ruttershausen gehört der Kirchberg östlich der Lahn mit einer kunsthistorisch bedeutsamen spätgotischen Hallenkirche, die die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes darstellt. Der Kirchberg war ein früher Gerichtsort und das Zentrum eines Kirchspiels, dem außer Ruttershausen etliche umliegende Dörfer und Gemeinden angehörten.

Geographische Lage mini|Lahnbrücke von 1901, die inzwischen fast ausschließlich dem innerörtlichen Verkehr dient. Sie löste im Rahmen des Baus der Main-Weser-Bahn Vorgängerbauten aus Holz ab

Ruttershausen liegt in einer breiten Niederterrassen-Ackerebene des Lahntals, der sogenannten Talweitung von Ruttershausen. Der schon an seinem Bebauungstyp als Real-Erbteilungsdorf erkennbare Ort ist vorwiegend zu einem Wohnplatz für Arbeiter und Angestellte geworden, zunächst mit Arbeitsplätzen in Lollar (Buderus-Werke), dann aber auch in Gießen, Wetzlar und Marburg. Der moderne Siedlungsausbau erfolgte seit den 1970er Jahren hangauf gegen den Lützel- und Altenberg. In Ruttershausen gibt es nur noch einen hauptberuflichen Agrarbetrieb, einen Aussiedlerhof in Kirchberg. Der Ort dürfte schon in fränkischer Zeit als rechtslahnische Sicherung der hier den Fluss auf einer Furt querenden alten Höhenstraße Herborn – Amöneburg bestanden haben, die zwischen dem Altenberg und dem Lützelberg hindurch nach Ruttershausen – Kirchberg und weiter über Staufenberg – Mainzlar führte, wo sie Anschluss an die „Langen Hessen“ fand.

Bis zum Bahnbau 1846/47 floss die Lahn in einem Bogen unmittelbar am Fuß des Kirchberger Kopfes vorbei, so dass zwischen diesem und Ruttershausen eine breite Aue lag, von der aus bei Hochwasser das auf der Niederterrasse gelegene Dorf oft überschwemmt wurde. Mit dem Abschneiden der Flussschlinge durch die Bahntrasse wurde ein neuer, geradliniger Verlauf erzielt, der direkt am Dorf vorbeiführt. Seitdem war Ruttershausen gegen Hochwasser weitgehend geschützt, da die Wassermassen schneller abfließen konnten.

Gegenüber Ruttershausen erhebt sich auf dem östlichen Lahnufer unmittelbar aus der Lahnaue die steile Felskuppe des Kirchbergs. Die naturräumliche wie kultur- und politisch-geographische Lage lässt die Lahntalenge von Ruttershausen-Kirchberg zur deutlichen Abgrenzung zwischen dem Marburger und Gießener Lahntal werden. Seine exponierte Lage – die wegen der Lahnbegradigung heute nicht mehr so deutlich erkennbar ist – prädestinierte den Kirchberg wohl schon in germanischer Zeit für die Anlage einer Gerichts- und Kultstätte.

Geschichte mini|hochkant|Die Evangelische Kirche Kirchberg

Vor dem 12. Jahrhundert Das Gebiet um Lollar und Staufenberg war schon in der Altsteinzeit von Neandertalern besiedelt. Dafür gibt es mehrere archäologische Belege, insbesondere die Funde vom Totenberg beim nahe gelegenen Staufenberg-Treis (datiert 120.000–80.000 v. Chr.).

Für Ruttershausen selbst wird als frühester Fund eine Axt aus der Jungsteinzeit genannt, die auf die Zeit zwischen 4000 und 3000 v. Chr. datiert wurde. Allerdings sind weder der genaue Fundort, noch der Zeitpunkt des Fundes (vor 1938, da in diesem Jahr erstmals erwähnt), noch der Verbleib geklärt. Den ältesten gesicherten archäologischen Beleg für Ruttershausen stellen zwei bronzezeitliche Hügelgräber aus der Zeit um 1500 v. Chr. im Ruttershäuser „Wehrholz“ dar. Die keltische Besiedlung begann in diesem Gebiet um 800 v. Chr., bestes Beispiel ist die Keltenburg auf dem Dünsberg. Auf dem Altenberg bei Ruttershausen gab es wahrscheinlich auch eine keltische Siedlung, von ihr sind aber bisher keine Bodenfunde nachgewiesen.

Das Gebiet um Ruttershausen gehörte in der fränkischen Zeit (600–800 n. Chr.) zum Oberlahngau, der seinen Verwaltungssitz auf der Amöneburg hatte. Als untere Verwaltungseinheit bestand möglicherweise schon das später so genannte Centgericht Kirchberg. Der Kirchberger Felsen über der Lahn, auf dem heute die um 1500 erbaute spätgotische Hallenkirche steht (siehe Kirchberg), wurde wahrscheinlich bereits in vorchristlicher Zeit als germanische Kult- und Gerichtsstätte genutzt. Dort wurde später im Zuge der Christianisierung zwischen 700 und 800 eine erste Kirche errichtet (allerdings ist die vermutete Gründung durch iro-schottische Mönche des Bonifatius-Schülers Lullus um 780 ungesichert). Für eine fränkische oder sogar vorfränkisch-germanische Gründung spricht die frühe Bedeutung Kirchbergs als Mittelpunkt eines wahrscheinlich von Mainz aus eingerichteten Kirchspiels und als Gerichtsort (Centgericht). In seiner für die Siedlungs- und Territorialentwicklung wesentlichen Bedeutung als frühestes Kirchspielzentrum an der Nordbegrenzung des Gießener Beckens ist Kirchberg das Gegenstück zu Großen-Linden für das südliche Gießener Becken. Die territorialen Auseinandersetzungen um diese Schlüsselstelle zwischen Hessen und dem Erzbistum Mainz verlagerten sich im 14. Jahrhundert auf eine solche zwischen Hessen und Nassau.

12. bis 14. Jahrhundert 1158: Aus dem früheren Oberlahngau hatte sich inzwischen die Grafschaft Gleiberg gebildet, die im Jahre 1158 an die Merenberger fiel.

1227: Der Ruttershäuser Kirchberg wird erstmals in einer Urkunde vom 2. März 1227 erwähnt, in der ein Plebanus (Gemeindepfarrer) Reinherus de Kyrberg als Zeuge in einem Rechtsstreit unterschreibt.

1256: Ruttershausen wird erstmals im Testament des Konrad von Merenberg erwähnt. Dieser war einer der Herren auf der Burg Gleiberg und vermachte darin seine Besitztümer ... in villa Ruthartishusen ... (im Dorf Ruttershausen)Arthur Wyss: Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei Hessen. Band 1–3. Leipzig 1879–1899. Band I. Nr. 139, S. 110. an den Deutschen Orden in Marburg. Diese Urkunde ist vom 1. Oktober 1256 datiert und befindet sich heute im Hessischen Staatsarchiv in Marburg. Die Urkunde sagt lediglich aus, dass zu diesem Zeitpunkt der Ort mit der Siedlungsform villa bezeichnet wurde. Der Ortsname erklärt sich daher, dass ein Mann namens Hrouthart eine Siedlung gegründet hatte, es sich also um die Siedlung des Hroudharts handelt.Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Namenbuch. Dissertation. Göppingen 1973. S. 320. Eine gleichnamige Siedlung, heute Wüstung, gab es bei Laubach. 1328: Die Merenberger Grafen sterben im Mannesstamm aus, das Gericht Kirchberg mit Ruttershausen fällt durch Heirat der Erbin Gertrud von Merenberg an Johann I., der 1355 das Haus Nassau-Weilburg begründete.

1366: Johann I. von Nassau-Weilburg lässt eine Burg bei Kirchberg bauen, die bereits 1370 vom hessischen Landgrafen Heinrich II. wieder zerstört wird und dabei „20 wehrhafte Männer zu Gefangenen machte“.

1396: Am 21. Juli 1396 tauscht Landgraf Hermann II. von Hessen mit seinem Schwager Philipp I. von Nassau-Weilburg die Hälfte von Großen-Linden gegen die Hälfte des Gerichts Kirchberg. Es entsteht das Gemeine Land an der Lahn (gemein bedeutet hier gemeinsamer Besitz).

15. bis 17. Jahrhundert 1495–1508: Die heutige spätgotische Hallenkirche in Kirchberg wird erbaut. Dabei werden Teile eines Vorgängerbaues, insbesondere des Turmes, verwendet, ebenso die aus den Jahren 1310, 1380 und 1432 stammenden Glocken.

1527: Im Kirchspiel Kirchberg – und damit in Ruttershausen – wird die Reformation eingeführt.

1568: Nach dem Tod Landgraf Philipps des Großmütigen, der letztmals alle hessischen Lande unter seiner Regentschaft vereinigt hatte, wird die Landgrafschaft unter seinen vier Söhnen aufgeteilt. Das Gemeine Land an der Lahn kommt mit dem übrigen damaligen Oberhessen an Landgraf Ludwig IV. von Hessen-Marburg.

1577: In Kirchberg wird erstmals eine Schule eingerichtet, die aber nur kurzzeitig bis 1582 besteht. 1586 erhalten die Kinder von Ruttershausen das Recht, in Staufenberg zur Schule zu gehen.

1585: Das Gemeine Land an der Lahn wird zwischen Hessen-Marburg und Nassau-Weilburg aufgeteilt. Damit geht das Gericht Kirchberg in den alleinigen Besitz von Hessen-Marburg über.

1591: Wilhelm Dilich veröffentlicht in diesem Jahr seine Synopsis descriptionis totius Hassiae mit 50 Federzeichnungen hessischer Städte. Darunter befindet sich auch eine Ansicht von Staufenberg mit dem Kirchberg, der Lahn und Ruttershausen im Vordergrund. Auf dieser Zeichnung, gleichzeitig die älteste Ansicht des Dorfes, sieht man bereits eine Brücke über die Lahn und in Ruttershausen den Turm des adeligen Gutshofes.

1604: Nach dem Tod von Landgraf Ludwig IV. wird die Landgrafschaft Hessen-Marburg unter seinen beiden Neffen, den Landgrafen von Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt, aufgeteilt. Ruttershausen gehört seitdem zu Hessen-Darmstadt. Um das oberhessische Erbe werden in der Folge langwierige kriegerische Auseinandersetzungen („Hessenkrieg“) zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt geführt.

1618–1648: Der Dreißigjährige Krieg trifft auch Ruttershausen und Kirchberg mit verheerenden Folgen. Im Kirchspiel wütet die Pest 1629 derart massiv, dass die Toten nicht mehr registriert werden, 1635 sterben mehr als 250 Personen daran. 1636 lagern schwedische Truppen im Kirchspiel, 1640 fügen bayrische Truppen Ruttershausen und den umliegenden Dörfern großen Schaden zu.

1645–1648: Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges kulminiert die Auseinandersetzung um das oberhessische Erbe im regionalen Hessenkrieg. Dabei wird Ruttershausen bis auf wenige Gebäude eingeäschert und auf dem Kirchberg wird der Pfarrhof verwüstet. Im Laufe dieser kriegerischen Auseinandersetzung wird auch die Burg Gleiberg zerstört (1646) und am 27. Mai 1647 die Staufenberger Oberburg „sambt dem Thurm gantz übern Haufen geworfen und eingeäschert“. 1620, zu Anfang des Dreißigjährigen Krieges, hatte Ruttershausen 125 Einwohner, 1640 noch 81 und 1660, zwölf Jahre nach Kriegsende, nur noch 72. Erst 1740 waren es wieder 140 Einwohner.

18. Jahrhundert 1748–1752: Ein fast 50-jähriger Streit zwischen Ruttershausen und Odenhausen um ein 20 Morgen großes Stück Wald oberhalb des Wehrholzes wurde 1748 beendet. Ruttershausen erhielt zwölf Morgen, Odenhausen acht. Eine ähnliche Auseinandersetzung entstand um den Mausberg (Ruttershäuser Kopf), der zwar zu Ruttershausen gehörte, aber in der Odenhäuser Gemarkung und damit auf nassauischem Hoheitsgebiet lag. Die dort 1750 neu erlassene Forstordnung verbot den Ruttershäusern die Beweidung. Der Streit zog sich bis in das Jahr 1752 hin, danach wurden der Ruttershäuser Besitz am Mausberg und die damit verbundenen Weiderechte endgültig anerkannt.

1756–1763: Der Siebenjährige Krieg trifft auch Oberhessen hart. Im August 1757 marschiert eine 15.000 Mann starke Armee durch das Kirchspiel Kirchberg. 1758 kommt es zu einem Scharmützel vor der Tiefenbach. 1759 liegen sich über vier Monate lang Franzosen auf der linken Lahnseite und Engländer und Braunschweiger auf dem rechten Lahnufer gegenüber. Obwohl es dabei zu keinen Kampfhandlungen kommt, ist der Schaden groß. Die Versorgung dieser Armeen fordert der Bevölkerung das letzte ab und zieht auch den Wald in starke Mitleidenschaft.