mini|Grenzverlauf zwischen Deutschland und Polen mini|Nördliches Ende der deutsch-polnischen Grenze an der Ostsee mini|Marsch der polnischen Delegation für das Görlitzer Abkommen über die Frankfurter Oderbrücke mini|hochkant|Erinnerung an den Beitritt Polens zum Schengen-Raum am Dreiländereck Polen – Tschechische Republik – Deutschland am Südende der Oder-Neiße-Grenze Die Oder-Neiße-Grenze, früher auch Oder-Neiße-Demarkationslinie oder kurz Oder-Neiße-Linie genannt, heute die deutsch-polnische Grenze, verläuft die Oder entlang bis zur Einmündung der Lausitzer Neiße und folgt dann dieser bis zur tschechischen Grenze. In ihrem nördlichsten Abschnitt verläuft sie durch Landgebiete; ganz im Norden teilt sie die Insel Usedom. Die Grenze ist 460,4 km lang. Davon entfallen auf den Landabschnitt 51,1 km, der Wasserabschnitt bei den Flüssen und Kanälen misst 389,8 km, bei den inneren Meeresgewässern sind es 19,5 km sowie im Hoheitsgewässer der Ostsee sechs Seemeilen (11,1 km).Christian Killiches: , Landesvermessung und Geobasisinformation Brandenburg (LGB), Ausgabe 2/1998, S. 2 (41).
Schon vor der Entscheidung der Alliierten über eine vorläufige Nachkriegsordnung im Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 unterstellte die Sowjetunion das deutsche Gebiet östlich der Oder und der Lausitzer Neiße (mit Ausnahme des Königsberger Gebiets, nördliches Ostpreußen) den Verwaltungsorganen der Republik Polen. Die Regierungen Großbritanniens und der USA erhoben gegen diese einseitige Entscheidung Protest. In den Potsdamer Beschlüssen stimmten die Staatsoberhäupter der drei Alliierten schließlich dennoch darin überein, dass der polnische Staat diese Gebiete verwalten solle, und bestimmten, dass die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens erst in einer noch bevorstehenden Friedensregelung getroffen werden solle. Dahingehend sollten diese Gebiete nicht als Teil der sowjetisch besetzten Zone betrachtet werden.
Hierdurch sollte etwa ein Viertel des deutschen Staatsgebietes in den Grenzen von 1937 unter vorläufige polnische beziehungsweise sowjetische Verwaltung gestellt werden. De facto wurden diese Gebiete dauerhaft vom bisherigen deutschen Hoheitsgebiet abgetrennt. Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa hatten zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen. Dass Polen die unter polnische Verwaltung gestellten deutschen Ostgebiete in das Vertreibungsgebiet einbezog, wurde von den Westalliierten hingenommen. Bis 1950 waren etwa 90 Prozent der deutschen Bevölkerung dieser Gebiete davon betroffen.
Westlich dieser neuen Grenze befanden sich von 1945 bis 1949 die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands sowie anschließend bis 1990 die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Bereits kurz nach ihrer Gründung schloss die DDR mit Polen das Görlitzer Abkommen vom 6. Juli 1950, das die Oder-Neiße-Linie als endgültige „deutsch-polnische Staatsgrenze“ anerkannte. Diese wurde im offiziellen Sprachgebrauch „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ genannt, obwohl Stettin westlich der Oder liegt. Die ebenfalls 1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland erkannte erst 20 Jahre später am 7. Dezember 1970 im Warschauer Vertrag die „bestehende Grenzlinie“ unter dem Vorbehalt einer Änderung im Rahmen einer Friedensregelung als faktisch „unverletzliche“ westliche Staatsgrenze der Volksrepublik Polen an.
Seit dem 3. Oktober 1990 ist die Oder-Neiße-Grenze die Ostgrenze des wiedervereinigten Deutschlands. Der Verlauf der Grenze wurde nach 1951 nicht mehr verändert.
Deutschland, Polen und Sowjetunion bis 1945 Die nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Potsdamer Beschlüsse unter polnische Verwaltung gestellten Gebiete des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1937 umfassten die östlich von Oder und Neiße gelegenen Gebiete der preußischen Provinzen Pommern, Brandenburg, Nieder- und Oberschlesien (als Teile Schlesiens), den Osten des sächsischen Landkreises Zittau sowie den südlichen Teil Ostpreußens. Die Bevölkerung in diesen Gebieten und in der seit dem Versailler Vertrag selbständigen Freien Stadt Danzig war bis auf polnischsprachige Anteile in Oberschlesien (11 %), Danzig (4 %) und Ostpreußen (2 %, meist Masuren) bis 1945 deutschsprachig.
Das nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 wiedererstandene Polen hatte auf der Friedenskonferenz von Versailles die Einverleibung ganz Oberschlesiens, Posens, Westpreußens, Danzigs und des südlichen Ostpreußens gefordert. Die Ansprüche wurden mit den polnischsprachigen Bevölkerungsanteilen begründet und damit, dass diese Gebiete in früheren Jahrhunderten unter polnischer Herrschaft gestanden hatten. Sie konnten im Friedensvertrag nicht vollständig durchgesetzt werden, zumal die Volksabstimmungen in Oberschlesien, im Abstimmungsgebiet Marienwerder und im Abstimmungsgebiet Allenstein Mehrheiten für den Verbleib bei Deutschland ergaben. Der endgültige Grenzverlauf in Ostoberschlesien wurde erst 1922 bestimmt.
mini|hochkant=1.4|Grenzverläufe Polens zwischen den beiden Weltkriegen und danach. Grüne Linie: von den Westalliierten am 8. Dezember 1919 als Demarkationslinie zwischen Sowjetrussland und Polen verkündete, auf dem ethnographischen Prinzip basierende Curzon-Linie. Blaue Linie: die nach Kriegsende bis 1923 durch Eroberungen unter General Józef Piłsudski (Ostgalizien 1919, Wolhynien 1921 und Wilna-Gebiet 1920/1922) unter Missachtung der Curzon-Linie zustande gekommene Grenze, die bis zum 1. September 1939 galt. Braune Linie: deutsch-sowjetische Demarkationslinie vom 28. September 1939. Rote Linie: die heutige Staatsgrenze Polens; im Westen (links) die Oder-Neiße-Linie. Türkisfarbene Fläche: ab 1923 polnisches Staatsgebiet. Gelbe Fläche: von Polen als Kompensation für den Verlust der Gebiete östlich der Curzon-Linie geltend gemachte Ostgebiete des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 („Westverschiebung“).
Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges definierten die beiden Diktatoren Adolf Hitler und Josef Stalin in einem geheimen Zusatzprotokoll die politisch-territorialen Interessensphären des Deutschen Reichs und der Sowjetunion durch Vereinbarung einer deutsch-sowjetischen Demarkationslinie. Diese Demarkationslinie orientierte sich weitgehend an der 1919 von den Westalliierten verkündeten, auf dem ethnographischen Prinzip beruhenden Curzon-Linie (vgl. die nebenstehende Grafik). Auf das Verfahren, bei der Festlegung der Ostgrenze Polens das ethnographische Prinzip walten zu lassen, hatte sich Russland bereits 1915 unter seinem Ministerpräsidenten Iwan Logginowitsch Goremykin mit Roman Dmowski geeinigt.Paul Roth: Die Entstehung des polnischen Staates – Eine völkerrechtlich-politische Untersuchung (= Öffentlich-rechtliche Abhandlungen, hrsg. von Heinrich Triepel, Erich Kaufmann und Rudolf Smend, Heft 7), Verlag Otto Liebmann, Berlin 1926, S. 4, Fn 3.
Im geheimen Zusatzprotokoll wurden die von Polen 1919 bis 1921 eroberten Gebiete östlich der Curzon-Linie (Ostgalizien 1919, Wolhynien 1921, ehemals russisch-litauisches Gouvernement Wilna 1920/22), die bis zu den Teilungen Polens 1772–1795 zu Altpolen gehört hatten, der sowjetischen Interessensphäre zugesprochen (vgl. Sowjetische Besetzung Ostpolens).
In den von Deutschland annektierten Gebieten Polens sowie in Teilen des Generalgouvernements verfolgten die Nationalsozialisten das Ziel einer vollständigen Germanisierung. Große Teile der polnischen Bevölkerung wurden aus diesen Gebieten vertrieben. Teile der polnischen Elite wurden ermordet und viele Polen zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich verschleppt.
Im Dezember 1942 nannte Władysław Sikorski, der Ministerpräsident der polnischen Exilregierung in London, in einem Memorandum die Oder die „natürlich gegebene Sicherheitslinie“ Polens.Oder-Neiße-Linie. In: Carola Stern, Thilo Vogelsang, Erhard Klöss und Albert Graff (Hrsg.): dtv-Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert. dtv, München 1974, Bd. 3, S. 587.
Alliierte Deutschlandpolitik bis zur Potsdamer Konferenz Hauptthema der drei Alliierten auf der Teheran-Konferenz im Winter 1943 war die Aufteilung Deutschlands. Stalin wollte die Gebiete östlich der Curzon-Linie (die mehrheitlich von Weißrussen und Ukrainern bewohnten Teile Ostpolens) behalten, die Sowjetrussland nach dem verlorenen polnisch-sowjetischen Krieg von 1920 im Rigaer Friedensvertrag von 1921 an Polen abgetreten hatte. Er strebte einen Grenzverlauf zwischen Sowjetunion und Polnischer Republik an, der bis auf den Bezirk Bialystok und einige Gebiete am Fluss San dem entsprach, den er schon im Ribbentrop-Molotow-Pakt vereinbart hatte. Polen sollte dafür auf Kosten Deutschlands im Westen entschädigt werden und einen Teil des Territoriums erhalten, das der Friedensvertrag von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg als deutsch anerkannt hatte. Stalin verlangte die Oder als Westgrenze und die Curzon-Linie als Ostgrenze Polen, was einer Westverschiebung Polens gleichkam.
Als auf der Jalta-Konferenz im Februar 1945 das Thema der deutschen Teilung fortgesetzt wurde, waren bereits Vorentscheidungen gefallen. General de Gaulle hatte im Dezember 1944 in Moskau gegenüber Stalin erklärt, er habe nichts gegen eine deutsche Grenze an Oder und Neiße. Churchill hatte im britischen Unterhaus erläutert, dass es Polen zum Vorteil gereiche, wenn es im Westen Gebiete erhielte, die reicher seien als die, die es im Osten abtreten müsse. Am 15. Dezember 1944 hielt er eine Rede, in der er die „völlige Vertreibung“ der Deutschen aus den künftigen polnischen Westgebieten propagierte. Großbritannien billigte gegenüber der polnischen Exilregierung die Oderlinie einschließlich Stettins.Alfred Grosser: Das Deutschland im Westen, München 1988, ISBN 3-423-10948-3, S. 19 ff. Nur scheinbar war die Grenzfrage noch offen, strittig war nur noch ihr genauer Verlauf. Churchill und Roosevelt sprachen in Jalta von der „Oder-Grenze“, Stalin von „Oder und Neiße“. Die polnische Exilregierung fürchtete, bei einer Zustimmung zur Oder-Neiße-Grenze Ostpolen zu verlieren, und hielt an der Grenze des Rigaer Friedens im Osten fest. Im Westen verlangte sie Ostpreußen, Danzig, Oberschlesien und einen Teil Pommerns. Stalin hatte im Juli 1944 mit dem Lubliner Komitee eine kommunistische Regierung für Polen eingesetzt, die die Curzon-Linie im Osten akzeptierte. In einem geheimen Vertrag hatte es sich auf die Oder-Neiße-Grenze festgelegt.Peter Graf Kielmansegg: Nach der Katastrophe. Eine Geschichte des geteilten Deutschlands, Siedler Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-88680-329-5, S. 22 ff. Eine Regelung für den nördlichsten Abschnitt der polnischen Grenze wurde dem Komitee in Aussicht gestellt. Am 28. August 1944 hatte dessen Vorsitzender Edward Osóbka-Morawski erstmals öffentlich die Oder als polnische Westgrenze gefordert. Auch der Präsident der tschechoslowakischen Exilregierung Beneš machte sich zum Fürsprecher einer Westverschiebung Polens auf Kosten Deutschlands und zugunsten der Sowjetunion.Jörg K. Hoensch: Geschichte der Tschechoslowakei. Kohlhammer, Stuttgart [u. a.] 1992, ISBN 3-17-011725-4, S. 121. Auf der Jalta-Konferenz wurde schließlich die Grundsatzentscheidung über die Zukunft Polens und der deutschen Ostgebiete von Stalin, Churchill und Roosevelt getroffen, ohne jedoch den Verlauf der deutschen Ostgrenze schon festzulegen. Deutschland sollte aufgeteilt, Polen nach Westen verschoben werden.
Es ist unklar, ab wann für Stalin feststand, wo die neue Westgrenze Polens verlaufen sollte und wann die Westalliierten Kenntnis über den tatsächlichen späteren Verlauf der Grenze erlangten. Ein Zufallsfund in einem Moskauer Archiv belegt, dass Stalin noch im Sommer 1944 auf einer von ihm mit einem Stift bearbeiteten Karte die Oder und die Glatzer Neiße als Westgrenze markiert hat.Niederschlesien wäre deutsch geblieben, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. März 2007.
Beginn der Westverschiebung bis zur Potsdamer Konferenz