mini|Roger Bacon, scholastischer Philosoph und Vorläufer des modernen Empirismus. Als Empirismus wird eine Reihe von philosophischen Theorien bezeichnet, die in der Erkenntnistheorie die sinnliche Erfahrung zum einzigen gültigen Ursprung allen Wissens, Glaubens und ästhetischen Erlebens machen. Der Empirismus steht im Gegensatz zu Positionen des Rationalismus und zu bestimmten Formen des Platonismus, die davon ausgehen, dass wir vor jeder Erfahrung über Wissen, Ideen oder Prinzipien verfügen würden oder diese nicht-sinnlich wahrnehmbar sind.

Der moderne Empirismus in der westlichen Tradition wurde unter anderem von den Philosophen Francis Bacon, John Locke, Condillac, George Berkeley und David Hume begründet. Er geht davon aus, dass Wissen auf der Akkumulation von Beobachtungen und messbaren Tatsachen beruht, aus denen sich durch eine induktive Logik allgemeine Gesetze ableiten lassen, die folglich vom Konkreten zum Abstrakten führen (Induktion). Damit verbunden ist eine starke Tendenz zur Metaphysikkritik, zum Naturalismus und zu einer Kritik von Offenbarungsglauben.

Der Empirismus hatte nicht nur Auswirkungen auf die Philosophie und Erkenntnistheorie, sondern auch auf verschiedene andere Forschungsfelder: insbesondere Wissenschaftstheorie, Logik, Psychologie, Kognitionswissenschaft, Ästhetik und Linguistik. Im 19. und 20. Jahrhundert erlebte der Empirismus durch den Positivismus und den Logischen Empirismus neuen Aufschwung.

Definitionen

Philosophische Position Der Empirismus bezeichnet eine philosophische Position, die besagt, dass alles menschliche Wissen, Überzeugungen und Präferenzen direkt oder indirekt aus der inneren oder äußeren Sinneserfahrung abgeleitet werden. Der Empirismus steht damit im Gegensatz zum Rationalismus oder Idealismus. Das Motto des Empirismus kann man im folgenden lateinischen Satz formulieren: „nihil est in intellectu quid non fuerit in sensu.“ (Nichts ist im Verstand, das nicht vorher durch die Sinne erfasst worden wäre). Metzler Lexikon Philosophie, spektrum.de. Ursprünglich aus Thomas v. Aquin, De veritate (q. 2 a. 3 arg. 19. Online: corpusthomisticum.org), wird der Satz ein Leitgedanke in John Lockes Essay Concerning Human Understanding (1689), 1. Buch, wenngleich er ihn nicht wortgetreu verwendet.

Historisch gesehen wurde der Empirismus mit dem Konzept der tabula rasa in Verbindung gebracht, demzufolge der menschliche Geist bei der Geburt „leer“ ist und seine Gedanken erst durch spätere Erfahrungen entwickelt.

In der Wissenschaftstheorie legt der Empirismus den Schwerpunkt auf Beweise durch die Erfahrung, insbesondere auf die in Experimenten gewonnenen Erkenntnisse. Es ist ein grundlegender Bestandteil der wissenschaftlichen Methode, dass alle Hypothesen und Theorien anhand von Beobachtungen der natürlichen Welt geprüft werden müssen, anstatt sich ausschließlich auf apriorische Überlegungen, Intuition oder Offenbarung zu stützen. Der Empirismus, geht davon aus, dass „Wissen auf Erfahrung beruht“ und dass „Wissen vorläufig und probabilistisch ist und einer ständigen Überprüfung und Falsifizierung unterliegt“. Empirische Forschung, einschließlich Experimenten und validierten Messinstrumenten, leitet die wissenschaftliche Methode an.

Empirismus und Rationalismus mini|Gottfried Wilhelm Leibniz gilt als einer der bedeutendsten rationalistischen Philosophen und Gegenspieler des Empirismus. Empirismus wird oft als Gegensatz zum Rationalismus oder Idealismus definiert. Allerdings ist dieser Gegensatz nicht einfach zwischen Anhängern der Vernunft und Anhängern der Erfahrung, da Empiristen nicht bestreiten, dass die Vernunft im Erkenntnisprozess eine Rolle spielen kann. Sie lehnen lediglich die Vorstellung ab, dass es rein rationales oder apriorisches Wissen geben könnte, und betonen die experimentelle Methode.

Darüber hinaus unterstützt der Empirismus in einigen Fällen (insbesondere bei Berkeley) nicht die These, dass die Außenwelt unabhängig von uns existiert, sondern verteidigt stattdessen in diesem Punkt den Idealismus. Es ist bei Berkeley ein Idealismus, der sich gegen den Materialismus wendet.

Der Empirismus geriet in eine Kontroverse mit dem Rationalismus von:

René Descartes, der für die Angeborenheit der Ideen argumentierte; Gottfried Wilhelm Leibniz, der für die Existenz analytischer Wahrheiten eintrat, die von der sinnlichen Erfahrung unabhängig sind; Immanuel Kant, der für die Position argumentierte, dass die Erfahrung durch apriorische Strukturen der Subjektivität wie Raum, Zeit und Kategorien bedingt sei, wodurch das, was er synthetische Urteile a priori nannte, möglich werde.

Mit Kant ist außerdem eine dritte Position hinzugekommen, die ihrem Selbstverständnis nach den starren Gegensatz von Empirismus und Rationalismus aufhebt und beide Lager miteinander versöhnt (). Kant beschrieb die Einseitigkeiten des Empirismus und des Rationalismus und versuchte, diese durch seinen eigenen Ansatz der Transzendentalphilosophie bzw. des sog. „Kritizismus“ zu überwinden. In der Einleitung zu seinem erkenntnistheoretischen Hauptwerk, der Kritik der reinen Vernunft, bezeichnet er seinen transzendentalphilosophischen Entwurf als geeignet, um Empirismus und Rationalismus zu verbinden.

Geschichte

Antike

Medizin und Skeptizismus mini|Sextus Empiricus, berühmter Skeptiker und Anhänger der empirischen Schule Der Empirismus stellte eine philosophische Strömung in der Antike dar. Er manifestierte sich besonders in der empirischen Medizin, die ihrerseits Sextus Empiricus stark beeinflusste. Die Sekte der Empiriker, die im zweiten Jahrhundert v. Chr. von Philinos von Kos gegründet wurde, lehnte die zentrale Idee der Medizin der „Dogmatiker“ ab, der zufolge man die verborgenen Ursachen von Krankheiten bestimmen kann. Da sie sich an das Offensichtliche hielten, erkannten die Empiriker nur drei Verfahren an:

Die αὐτοψία / autopsía, „Beobachtung durch sich selbst“ ; Die ἱστορία / historía, „von anderen gemachte und schriftlich überlieferte Beobachtung“ ; Der „Übergang zum Gleichen“.

Es scheint jedoch nicht, dass diese Form des Empirismus bei der Entwicklung der in England entstandenen Bewegung eine Rolle gespielt hat, außer vielleicht bei Hume über den Einfluss des Skeptizismus.

Epikureismus Epikurs Theorie steht dem Empirismus nahe und wurde von Kant unter diesem Etikett eingeordnet. In der epikureischen Erkenntnistheorie stammt alles Wissen aus der Empfindung, die durch die Simulakren verursacht wird, die von den äußeren Körpern erzeugt werden.

Aristoteles und die tabula rasa Von Aristoteles übernahm John Locke die Vorstellung des Geistes als tabula rasa, der Eindrücke wie Wachs aufnimmt. Aristoteles verstand Wissen als Abstraktion intelligibler Formen von sinnlich wahrnehmbaren Objekten, wobei die Abstraktion in der Auslöschung von Besonderheiten besteht, um eine universelle Definition zu erhalten. Die Seele empfängt also die intelligiblen Formen passiv (obwohl sie sie alle im Potenzial, im Zustand des Möglichen, enthält): Es ist das natürliche Objekt, das die direkte Ursache der Erkenntnis ist. Die Empfindung aktualisiert in der Seele (dem Intellekt) die intelligible Form (Quiddita), die im natürlichen Objekt der rationalen Struktur oder Substanz entspricht.

Johannes Philoponos erinnert in Bezug auf die Seele nach Aristoteles an Folgendes: „Aristoteles stellt sie durch eine unbeschriebene Tafel dar und nennt sie im eigentlichen Sinne Lernvermögen. Platon hingegen stellt sie durch eine beschriebene Tafel dar und nennt sie das Vermögen, sich durch Erinnerung zu unterrichten.“

Mittelalter Was das mittelalterliche Denken betrifft, so hat man in Wilhelm von Ockham einen Vorläufer des Empirismus gesehen, weil er nur singuläre Entitäten in der Welt zulässt, d. h. Tatsachen, die Gegenstand der Erfahrung sind. So muss sich jede Erkenntnis letztlich auf eine unmittelbare und singuläre, „intuitive“ Erfahrung zurückführen lassen. Man kann auch Roger Bacon erwähnen, für den „keine Rede Gewissheit geben kann, alles beruht auf der Erfahrung“.

Renaissance: Francis Bacon mini|Francis Bacon gilt als der Vater des modernen Empirismus Francis Bacon (1561–1626) gilt als der Vater des Empirismus in seiner modernen Form. Er stellte als Erster die Grundlagen der modernen Wissenschaft und ihrer Methoden dar. In seiner Untersuchung von Fehlschlüssen war sein bester Beitrag die Doktrin der Idolen. Außerdem schreibt er im Novum Organum (oder „neue Logik“ im Gegensatz zu der von Aristoteles), dass uns Wissen in Form von Naturobjekten zukommt, wir aber unsere eigenen Interpretationen über diese Objekte durchsetzen.

Bacon zufolge werden unsere wissenschaftlichen Theorien so konstruiert, wie wir die Objekte sehen; der Mensch ist also bei der Erklärung von Hypothesen voreingenommen. Für Bacon ist „die wahre Wissenschaft die Wissenschaft von den Ursachen“. Im Gegensatz zur aristotelischen Logik, die eine Verbindung zwischen allgemeinen Prinzipien und besonderen Tatsachen herstellt, verlässt er das deduktive Denken, das von den durch die Autorität der Alten angenommenen Prinzipien ausgeht, zugunsten einer „Interpretation der Natur“, bei der die Erfahrung das Wissen tatsächlich erweitert. Bacon befürwortet also eine Methode, die auf experimenteller Arbeit beruht. Er sagt, dass die „Empirie“ die Grundlage für die Entwicklung des Menschen ist:Die, welche die Wissenschaften bearbeiteten, waren entweder Empiriker oder Dogmatiker. Jene sammeln und verbrauchen nur, wie die Ameisen; Letztere aber, welche mit der Vernunft beginnen, ziehen wie die Spinnen das Netz aus sich selbst heraus. Das Verfahren der Bienen steht zwischen beiden; diese ziehen den Saft aus den Blumen in Gärten und Feldern, aber behandeln und verdauen ihn durch eigne Kraft. (…) Deshalb können auf das engere und festere Bündniss beider Vermögen, des Versuchenden nämlich und des Denkenden, was bis jetzt noch nicht bestanden hat, die besten Hoffnungen gebaut werden.

Neuzeit: Moderner Empirismus mini|Thomas Hobbes, bedeutender empirischer Philosoph, der dem Cartesianismus widersprach Der moderne Empirismus ist eine philosophische Bewegung, die in England entstand. Er hat seine Wurzeln im 16. Jahrhundert und erreicht seine Hochphase hauptsächlich im 16. und 17. Jahrhundert. Laut dem Wissenschaftssoziologen Robert K. Merton gelangte der Empirismus aufgrund seiner engen Verbindung mit der protestantischen und puritanischen Ethik in die Wissenschaft. Die Entwicklung der Royal Society in London, die 1660 von Protestanten gegründet wurde, sei ein Beispiel dafür: „Die Kombination von Rationalität und Empirie, die in der puritanischen Ethik so offensichtlich ist, bildet das Wesen der modernen Wissenschaft“, erläutert Merton.

Ursprünglich konnte der Empirismus als Materialismus verstanden werden (für Francis Bacon und Thomas Hobbes), da er bei der Entstehung der modernen Wissenschaft (mit Galileo Galilei) eine der Formen der Opposition gegen die Scholastik war. Obwohl Empirismus und Materialismus oft Hand in Hand gehen, gibt es keine notwendige Verbindung zwischen den beiden (wie Berkeleys Immaterialismus und James’ Spiritualismus zeigen).

Der Empirismus definierte aus der Erfahrung und der Logik abgeleitete Erkenntnisweisen, die sich von der Offenbarung befreiten. Der Empirismus begleitete somit die Entstehung der modernen Wissenschaft, die durch ihre Mathematisierung und den massiven Einsatz der experimentellen Methode gekennzeichnet war. Newtons Beitrag zur Wissenschaft ist in diesen empiristischen intellektuellen Kontext eingebettet.

Die französische und englische Aufklärung (bzw. Schottische Aufklärung) sind überwiegend empiristisch geprägt, im Gegensatz zur deutschen Aufklärung, die einerseits weniger atheistisch und andererseits idealistischer ist.