mini|Heinrich Splieth: Paul Zech (1920) Paul Zech (* 19. Februar 1881 in Briesen, Westpreußen; † 7. September 1946 in Buenos Aires) war ein deutscher Schriftsteller.

Leben und Schaffen Vorbemerkung Zech hatte die Angewohnheit, seinen Lebenslauf nach Belieben zu manipulieren. Deshalb enthalten praktisch alle älteren Kurzbiografien, die man in Anthologien, Literaturgeschichten, Lexika, Klappentexten u. Ä. findet, zahlreiche Unrichtigkeiten. Nach den Recherchen von Brigitte Pohl (1977), Arnold Spitta (1978), Matías Martínez (1989), Uwe Eckardt (1996), Bert Kasties (1999) und vor allem Alfred Hübner (2021) ergibt sich folgendes Bild:

Herkunft und Anfänge Zech war das älteste der sechs überlebenden Kinder (von insgesamt 22) eines aus Briesen gebürtigen Seilers und dessen aus Müncheberg (Ostbrandenburg) gebürtiger Frau. Wenn er später in Kurt Pinthus’ Anthologie Menschheitsdämmerung (Berlin 1919) über sich schreibt „Auch nicht Weichselianer bin ich (obwohl bei Thorn geboren), vielmehr Dickschädel aus bäurisch westfälischem Blut“, so ist dies Fiktion.Zitiert nach Kasties’ Zech-Ausgabe (s. u.), Band I, S. 8 f.

Mit etwa fünf Jahren kam er in die Pflege von Verwandten mütterlicherseits in Müncheberg. Mit etwa zehn kehrte er zurück nach Briesen, wo er mit vierzehn die Volksschule abschloss. Danach begann er wahrscheinlich eine Bäckerlehre, die er abbrach. Eine höhere Bildung erlangte er nicht, entgegen der Angabe, er habe „mit schlechten Examina“ neben „Leichtathletik“ auch „Griechisch“ betrieben (vgl. Pinthus). In den erhaltenen Schülerlisten des Gymnasiums im westpreußischen Graudenz, das er besucht haben will, ist er ebenso wenig verzeichnet wie in denen der Wuppertaler Gymnasien. Sein angebliches Studium an verschiedenen Universitäten und die Promotion zum Dr. phil. sind ebenfalls erfunden.

Um 1898 zog er, wie so viele junge Leute aus seiner Region, gen Westen, sicher auf der Suche nach Arbeit und kaum aus der „Begierde, das Elend unterer Menschenschichten zu erfahren“, wie er in Wilhelm Haas’ Anthologie Antlitz der Zeit. Sinfonie moderner Industriedichtung (Berlin 1925) von sich schreibt.Zitiert nach Kasties, I, S. 9 f. Hierbei hielt er sich offenbar einige Zeit – eher kürzer als die angeblichen „zwei reichsten Jahre [seines Lebens]“ (vgl. Pinthus) – im belgischen Kohlerevier auf, vermutlich in Charleroi. Dass er auch in „Bottrop, Radbod, Mons, Lens“ (vgl. Pinthus) bzw. „Belgien, Nordfrankreich, England“ (vgl. Haas) gearbeitet habe, trifft ebenso wenig zu wie die Behauptung, dass er während seiner Bergarbeiterzeit als Gewerkschafter nach Paris gereist sei, oder dass er „Bergbaubeamter“ gewesen sei.

Ab ca. 1901 findet man ihn, vom Militärdienst offenbar befreit, in Barmen, ab ca. 1902 in Elberfeld, Stadtteilen des heutigen Wuppertal.Zu Zechs Zeit im Wuppertal vgl. vor allem U. Eckardt. Was ihn dorthin geführt hatte, ist unbekannt. Unzutreffend ist jedenfalls seine Angabe (vgl. Haas), er sei hier schon aufgewachsen als Kind eines „bäuerlichen Schulmeisters“ „auf einem Berg […] mit schroffer Felswand“ über dem Fluss und habe „um 1890–1894“ den Geschichten eines Großvaters, des „ollen Steigers Karl“, gelauscht.

Belegt dagegen ist, dass er spätestens seit 1901 Lyrik verfasste: Einige auf dieses Jahr datierte Gedichte haben sich in einem Poesiealbum erhalten. Es sind Aussagen von damaligen Bekannten überliefert, wonach er Anschluss an literarisch interessierte Personen und Kreise zu finden versuchte.

In Elberfeld heiratete er im Juli 1904 die Schusterstochter Helene Siemon, die er geschwängert hatte. Er zog bei ihr und ihrer verwitweten Mutter ein und wurde im Oktober Vater. Auf der Heiratsurkunde und der Geburtsurkunde seines Sohnes figuriert er als „Lagerist“; auf der Geburtsurkunde seiner 1906 geborenen Tochter ist er „Konditor“.

Neben seiner Berufstätigkeit verfasste er mit beachtlichem Fleiß Gedichte, die ihm ab 1904 immer öfter von den Feuilletons lokaler und regionaler Zeitschriften abgenommen wurden. 1907 wurde er zum jährlichen Lyrikwettbewerb „Kölner Blumenspiele“ eingeladen und erhielt dort eine „lobende Erwähnung“. 1910 bis 1912 – inzwischen stand er im Elberfelder Adressbuch als „Korrespondent“ bzw. „Zeitungskorrespondent“ – schrieb er zahlreiche Buchbesprechungen für eine Elberfelder Zeitung, ohne dort jedoch Redakteur zu sein, wie er später einmal angab. In diesen Jahren (seit 1906) unterhielt er eine wohl nur platonische Beziehung zu der jungen Elberfelder und dann, ab 1911, Essener Lehrerin Emmy Schattke.

Hauptthema seiner frühen Lyrik war ganz traditionell die Natur, wie der Sammelband Schollenbruch zeigt (1912). Erst ab ca. 1909 bearbeitete er, offenbar angeregt durch den Arbeiterdichter Heinrich Kämpchen, mit zunehmender Häufigkeit die Themen Großstadt und Arbeitswelt in expressionistischer Schreibweise. Hierbei versuchte er durchaus, ein Neuerer zu sein, auch wenn er weiterhin konventionelle Formen, insbesondere das Sonett, verwendete. Um dieselbe Zeit begann er mit der Abfassung von Erzählungen in ebenfalls expressionistischem Stil, die im Milieu der Bergarbeiter spielen, aber die dargestellte Realität durch Einbezug mythisch-mystischer Elemente, wie des „schwarzen Baals“, des bösen Gottes der Schlagwetter, in oft beklemmender Weise verfremden.

Die Zeit der Anerkennung 1909 trat Zech in Briefkontakt mit seiner angeblichen „Elberfelder Stadtnachbarin“ und Jugendfreundin Else Lasker-Schüler, die aber schon seit 1894 in Berlin lebte und die er persönlich erst 1910 bei ihrem Besuch in Elberfeld kennenlernte. Sie bestärkte ihn auf seinem neuen Weg und eröffnete ihm über ihren Gatten Herwarth Walden Publikationsmöglichkeiten in dessen literarischer Zeitschrift Der Sturm sowie weiteren literarischen Blättern. In diesem Kontext fand Zech z. B. Eingang in Der Kondor, die erste, 1912 von Kurt Hiller herausgegebene, Lyrikanthologie des Expressionismus.

Auf Lasker-Schülers Rat wagte er im Juni 1912 (zunächst ohne Familie, die er im November nachholte) den Sprung nach Berlin, wo sie ihm die ersten Schritte erleichterte. Er schloss sich Literatenkreisen an, wobei er seinen dann langjährigen Brieffreund Franz Werfel kennenlernte. 1913 wurde er Mitbegründer einer Zeitschrift, Das neue Pathos, die jedoch nie regelmäßig erschien und 1920 eingestellt wurde. Ebenfalls 1913 publizierte er die Gedichtbändchen Das schwarze Revier und Sonette aus dem Exil. Auch erste Nachdichtungen französischer Gedichte (Émile Verhaeren und Léon Deubel) erschienen 1913. Dass er beide Autoren von Begegnungen in Paris her gekannt habe, ist Fiktion. Denn seine finanzielle Lage war prekär und erlaubte keine größeren Reisen. Das Stipendium der Schiller-Gesellschaft, das er 1914 erhielt, war allenfalls ein Existenzminimum.

1914 erschienen die Gedichtbändchen Die eiserne Brücke und Die rotdurchrasten Nächte. Das letztere gibt vor – vielleicht wegen der z. T. erotischen Gedichte, die es enthält – Übertragungen des kaum bekannten, 1913 durch Selbstmord in der Seine geendeten Léon Deubel zu bieten, besteht aber überwiegend aus Originaltexten Zechs. Es ist der erste von mehreren Fällen, wo er weitgehend oder gänzlich eigenständige Texte als Übertragungen ausgab.Vgl. hierzu die in der Kettwiger Zeitung vom 27. April und 4. Mai 1932 ausgefochtene Kontroverse mit Günther Mauntz, der 1930 in Bonn über Deubel promoviert und Zech vergeblich um die Originalvorlagen etlicher „Übertragungen“ gebeten hatte, die er keinem ihm bekannten Text Deubels zuordnen konnte.

Nach Beginn des Krieges 1914 verfasste Zech patriotische Gedichte. Er wurde gemustert, aber zurückgestellt. 1915 wurde er dann eingezogen, zunächst als Schreibtischsoldat in Berlin. Etwas später kam er an die Front, erst an die Ost-, dann an die Westfront. Nachdem er Erfahrungen im Bergbau angegeben hatte, war er vor allem mit dem Ausheben und Sichern von Schützengräben befasst. In einem Brief an Stefan Zweig beschreibt er seine Erfahrungen aus der „Hölle von Verdun“ und der Schlacht an der Somme. Im Sommer 1916 erlitt er Verletzungen bei einer Verschüttung im Schützengraben und erhielt das Eiserne Kreuz.

Im gleichen Jahr erregte er Aufsehen durch einen angeblich an ihn gerichteten Brief von Verhaeren, in dem der kurz zuvor tödlich verunglückte belgische Autor nicht mehr als der Deutschenhasser auftrat, zu dem er 1914 geworden war, sondern als versöhnungsbereiter Pazifist. Die in der Berliner Vossischen Zeitung abgedruckte vorgebliche Übersetzung des Briefes wurde rasch als Fälschung Zechs erkannt und löste sogar eine deutsch-belgische Kontroverse aus, an der sich Politiker und die Presse beteiligten.

Ab 1917 tat Zech wieder Dienst als Soldat, aber dank einer Empfehlung nur hinter der Front, diesmal bei der Obersten Heeresführung, die im französischen Laon residierte. Hier verfasste er Propagandatexte, konnte aber darüber hinaus an eigenen Werken arbeiten. Es gelang ihm, bei Laon eine Aufführung von Lessings Minna von Barnhelm zu organisieren.

Hatte er 1917 die noch teilweise patriotische Gedichtsammlung Helden und Heilige publiziert, ließ er 1918 (als Privatdruck) das kriegskritische Bändchen Vor Cressy an der Marne. Gedichte eines Frontsoldaten erscheinen, allerdings unter dem Pseudonym „Michel Michael“. Die ebenfalls zunehmend pazifistischen Tagebuchaufzeichnungen, die er in den Kriegsjahren machte, erschienen erst 1919 als Das Grab der Welt. Eine Passion wider den Krieg.

Die Jahre unmittelbar nach dem Krieg bedeuteten den Höhepunkt der literarischen Karriere Zechs. 1917 hatte ihm sein Novellenband Der schwarze Baal Anerkennung als Erzähler verschafft. 1918 erhielt er für seine Lyrik den Kleist-Preis, 1919 war er in der legendären expressionistischen Gedichtanthologie Menschheitsdämmerung von K. Pinthus mit zwölf Texten recht gut vertreten. 1919 erschien eine um weitere Novellen vermehrte Neuausgabe von Der schwarze Baal.

Wirtschaftlich war seine Lage, zumindest vorübergehend, erfreulich. Denn nach der Revolution von November 1918 war er, zurück in Berlin, aber offiziell noch Soldat, Leiter eines der SPD und der USPD nahestehenden „Werbedienstes für die Sozialistische Republik“ geworden, der finanziell bestens ausgestattet war. Auf diesem Posten verdiente „Dr. Zech“, wie er sich nun gern titulierte, eine Weile sehr gut. Zugleich konnte er mit Hilfe eines Vorschusses auf sein Gehalt ein Häuschen mit Seegrundstück im heutigen Bestensee, südöstlich von Berlin, kaufen, das er im Oktober 1919 mit seiner Familie bezog.

Bald jedoch lief seine Stelle beim Werbedienst aus, wobei er zusätzlich Ärger wegen finanzieller Unstimmigkeiten bekam. 1921 konnte er eine Beschäftigung bei der Deutschen Eisenbahnreklame nur kurzfristig ausüben, denn aufgrund psychischer Probleme musste er einige Monate in einer psychiatrischen Klinik verbringen. Auch in den nachfolgenden Jahren wurde er mehrfach stationär behandelt. Seit 1919 führte er ein Doppelleben, indem er bei seiner Familie zunehmend nur noch Gastrollen gab, meistens aber in Berlin lebte, wo er mit der Sängerin Hilde Herb liiert war, allerdings wieder knapp bei Kasse war und in einer schäbigen Berliner Pension logierte. Ab 1923 wohnte er bei seiner Partnerin, die er nunmehr gern als seine Frau ausgab.