mini|hochkant=1.4|Otto Haeckel: Kameramänner vor dem Berliner Schloss (Foto 1907)

Die Mediengeschichte erforscht und beschreibt erstens die Entwicklung verschiedenartiger Medien und die technischen Bedingungen ihrer Entstehung und Verbreitung sowie zweitens ihren Einfluss auf historischen Wandel in allen gesellschaftlichen Bereichen, vorrangig der Politik, Wirtschaft und Kultur. Sie ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld der Geschichts-, Kommunikations- und Medienwissenschaften.

Der im deutschsprachigen Raum uneindeutige Begriff Medien bezieht sich in der Mediengeschichte zumeist auf die Geschichte der Massenmedien, wobei darunter sowohl schriftbasierte, visuelle, auditive und digitale Informationsträger und Kommunikationsmittel als auch der Journalismus und der Rundfunk verstanden werden. Erst die Verbreitung von Massenmedien hat die Voraussetzung für Öffentlichkeit und eine „kommunikative Sphäre der freien Meinungsäußerung, der Kritik und der Entscheidungsfindung für alle gesellschaftlichen Bereiche“ geschaffen.

Forschungsfeld Die Mediengeschichte ist ein interdisziplinäres Forschungsgebiet der Geschichtswissenschaft, hier insbesondere der Kultur- und Sozialgeschichtsschreibung, außerdem der Kommunikations- und Medienwissenschaften. Die Reflexion über Medienentwicklungen reicht bis in das späte 17. Jahrhundert zurück, als erste Studien über die Entwicklung und Bedeutung einzelner Zeitungen veröffentlicht wurden. Seit den 1920er Jahren beschäftigte sich die zuerst in den USA aufkommende Kommunikationswissenschaft mit Funktionsweisen der Public Opinion, während sich diese Disziplin in Deutschland erst in den 1960er Jahren etablierte. Sie brachte vornehmlich soziologische und politikwissenschaftliche Gegenwartsanalysen hervor und untersuchte dabei meist die Entwicklung und Verbreitung einzelner Mediengattungen. In Abgrenzung dazu etablierte sich seit den 1980er Jahren die kulturwissenschaftlich geprägte Medienwissenschaft auch mit historischen Bezügen zu den Film-, Theater- und Literaturwissenschaften.

Der in Deutschland seit den 1960er Jahren gebräuchliche Begriff Medien wird in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen unterschiedlich aufgefasst. Im deshalb nicht klar abgrenzbaren Forschungsfeld Mediengeschichte werden als Medien meist Massenmedien verstanden.Jürgen Wilke: Mediengattungen, online unter: ieg-ego.eu (Europäische Geschichte Online) (abgerufen am 17. Januar 2023)

Die Mediengeschichte erforscht und beschreibt erstens unter dem Begriff der Historizität die historische Entwicklung von Massenmedien und die technischen Bedingungen ihrer Entstehung und Verbreitung. So werden Medien zunächst als technische Mittel aufgefasst, „die zur Verbreitung von Aussagen an ein potentiell unbegrenztes Publikum geeignet sind. […] Aber nicht nur die Technik selbst wird mit ihm bezeichnet, sondern auch die Produkte dieser Technik und die jeweiligen Institutionen, die mit der Produktion und Verbreitung solcher Aussagen beschäftigt sind.“Jürgen Wilke: Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. Köln u. a. 2008.

Zweitens werden unter dem Begriff der Medialität im Anschluss an die Studien von Marshall McLuhan die Rezeption von Medien und ihre Wirksamkeit und Einflussnahme auf historische Entwicklungen und Kommunikationsprozesse in den Blick genommen. „Medien sind dabei nicht einfach ein virtueller Spiegel von etwas ‚Realem‘, sondern selbst Teil sozialer Wirklichkeiten. Die Familie vor dem Fernseher oder zeitungslesende Politiker sind ebenso real wie die Medien selbst, ihre Inhalte oder ihre Produzenten.“Frank Bösch: Mediengeschichte. Vom asiatischen Buchdruck zum Computer. Frankfurt am Main 2019.

In der Geschichtswissenschaft hat das Interesse an Mediengeschichte auch vor dem Hintergrund des cultural turn erst in den 1990er Jahren stärker zugenommen.Frank Bösch, Annette Vowinckel: Mediengeschichte, online unter: docupedia.de (abgerufen am 17. Januar 2023) Als Schwerpunkte der zahlreichen Veröffentlichungen nennt der Medienhistoriker Frank Bösch erstens das Verhältnis von Medien und Politik (beispielsweise Propaganda und Zensur), zweitens die Erforschung von Öffentlichkeiten, drittens biografische Zugänge maßgeblicher Akteure (etwa zu Verlegern oder Medienunternehmern), viertens Inhaltsanalysen von Printmedien, fünftens das Forschungsfeld der Visual History, das sich mit der Verbreitung und Wirkungsgeschichte von Bildmedien beschäftigt, sechstens die Mediennutzung beispielsweise von Zeitungslesern oder Kinogängern, siebtens der Gesellschaftswandel durch neu aufkommende Medien sowie achtens transnationale und vergleichende Ansätze der Mediengeschichte.

Bedeutende Medienhistoriker sind unter anderen Marshall McLuhan (1911–1980), Neil Postman (1931–2003), Friedrich Kittler, (1943–2011), Jürgen Wilke (* 1943), Werner Faulstich (1946–2019), Jochen Hörisch (* 1951) und Frank Bösch (* 1969).

Historizität – Entwicklung und Verbreitung von Massenmedien + Überblick zur Mediengeschichte der Neuzeit Medium Erfindung Verbreitung Buchdruck 1440 2. Hälfte 15. Jh. Zeitung 1605 17./18. Jh. Elektrische Telegrafie 1774–1837 1840er Jahre Fotografie 1820er 1840er Jahre Tonaufnahme 1807–1860 1880er Jahre Telefon 1837–1878 1880er Jahre Film 1872–1895 um 1900 Hörfunk 1886–1906 1920er/30er Jahre Fernsehen 1907–1926 1950er Jahre Computer 1930er 1970er/80er Jahre Internet 1969 1990er Jahre Die historische Entwicklung und Verbreitung von Massenmedien nahm ihren Anfang an der Schwelle des Mittelalters zur Neuzeit. Seit Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts standen den Menschen über vier Jahrhunderte maßgeblich nur schriftbasierte Medien wie Bücher, Zeitungen, Zeitschriften oder Briefe zum Austausch von Informationen und zur Kommunikation zur Verfügung.

Erst seit dem 19. Jahrhundert haben sich Massen- und Kommunikationsmedien vielfältig entwickelt und verändert. Bedeutungsvoll war zum Beispiel die Erfindung der Linotype-Setzmaschine im Jahr 1886, mit der es möglich wurde, Text schneller und in unbegrenzter Menge für den Buchdruck zu erstellen. Vor allem Zeitungen profitierten hiervon und konnten ihren Seitenumfang kontinuierlich erweitern.Andreas Böhn, Andreas Seidler: Mediengeschichte. Eine Einführung. Tübingen 2014.

Der rasante technische Fortschritt im 20. Jahrhundert hatte mehrere Leitmedienwechsel zur Folge. Die seit dem 17. Jahrhundert dominierenden Zeitungen wurden seit den 1930er Jahren durch das Radio abgelöst. In den 1960er Jahren wurden das Fernsehen und seit den 2000er Jahren dann digitale Medien zum vorherrschenden Leitmedium.

Schriftbasierte Medien Buchdruck

Obschon Drucktechniken bereits seit der Antike bekannt und in Asien auch schon verbreitet gewesen sind, gilt die um 1440 von Johannes Gutenberg erfundene Drucktechnik mit beweglichen Lettern sowie einer Druckpresse zur Vervielfältigung von Flugschriften und Büchern als erste Revolutionierung von Medien und kann „ohne Übertreibung als eine der folgenreichsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte bezeichnet werden“. Der Buchdruck ermöglichte es, Texte und Illustrationen in großer Anzahl relativ kostengünstig zu reproduzieren. Vor Gutenbergs Erfindung wurden Dokumente und Bücher hauptsächlich in den Skriptorien der Klöster vervielfältigt. Mit der schnellen Verbreitung der neuen Drucktechnik in Europa und nachfolgend auf allen Erdteilen wurde das gedruckte Wort zum entscheidenden Wissensvermittler.

Durch die massenhafte Verbreitung von Wissen, Nachrichten und Meinungen und auch durch die Einrichtung öffentlicher Bibliotheken wurde der Buchdruck zu einer Triebkraft für die Epoche der Renaissance, für das Zeitalter der Aufklärung und die Demokratisierung des Wissens. Bücher blieben bis zum 20. Jahrhundert das wichtigste Medium zur Weitergabe von Wissen und Literatur.

Zeitungen und Zeitschriften

Vorläufer der Zeitung waren Flugblätter und Flugschriften. Hierbei handelte es sich um mehr- bis vielseitige, ungebundene, nicht periodisch erscheinende Druckwerke, in denen Ereignisse und Gegenstände beliebiger Art thematisiert wurden. Im 16. Jahrhundert spielten Flugschriften während der Reformation eine bedeutende Rolle im öffentlich ausgetragenen Konfessionsstreit.

Zeitungen gibt es in Deutschland seit Anfang des 17. Jahrhunderts. Das erste gedruckte periodische Nachrichtenblatt war die erstmals im September 1605 in Straßburg erschienene Relation aller Fuernemmen und gedenckwuerdigen Historien (kurz Relation).Martin Welke: Johann Carolus und der Beginn der periodischen Tagespresse. In: Welke, Martin, und Jürgen Wilke (Hrsg.): 400 Jahre Zeitung. Die Entwicklung der Tagespresse im internationalen Kontext. Edition lumière, Bremen 2008, ISBN 978-3-934686-37-3, S. 93. Die erste regelmäßig erscheinende Tageszeitung erschien ab 1650.

Vom 18. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Zeitungen das wichtigste Medium zur Verbreitung von Nachrichten und Meinungen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten bekannte Zeitungen wie die Allgemeine Zeitung oder die Vossische Zeitung allerdings noch geringe Auflagen von wenigen tausend Exemplaren und erreichten nur eine kleine Zahl von Lesern. Anders als heute bestanden die wenige Seiten umfassenden Zeitungen meist nur aus gedrucktem Text. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden immer höhere Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften verkauft, und sie entwickelten sich zu Massenmedien. 1843 erschien erstmals eine deutschsprachige Illustrierte, also eine Zeitschrift, die durch viele Bilder ein großes Publikum ansprechen will. Zeitschriften mit gedruckten Fotos gab es erstmals Ende der 1880er Jahre.

Seit Ende des 20. Jahrhunderts werden Zeitungen auch digital vertrieben. Seit Mitte der 1990er Jahre entstanden Online-Portale der meisten Zeitungen und Magazine. Als erster Anbieter ging 1994 Spiegel Online an den Start. Seither machen sich die gedruckten (und bezahlten) Ausgaben der Zeitungen mit dem eigenen meist kostenlosen, aber zunehmend auch hinter einer Bezahlschranke liegendem Online-Angebot Konkurrenz. Viele Zeitungen sind deshalb in finanzielle Schwierigkeiten geraten, was zu einer Zeitungskrise und zum oftmals zum Zeitungssterben geführt hat.

Visuelle Medien Bildmedien sind seit den Höhlenmalereien die ältesten erhaltenen Medien. Es gab sie lange vor der Erfindung der Schrift. Dennoch hatten textbasierte Medien seit Erfindung des Buchdrucks den Bildmedien den Rang abgelaufen. Während der Neuzeit und bis ins 19. Jahrhundert kamen den meisten Menschen nur selten Bildmedien vor Augen. Erst durch die Erfindung der Fotografie und der sich intensivierenden Massenvervielfältigung von Bildmedien und Fotografien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam den Bildmedien eine größere Bedeutung zu – neben den Illustrierten abzulesen beispielsweise an der Verbreitung von Karikaturen, Plakaten oder Ansichtskarten.

Fotografie

Die Fotografie wurde im Laufe der 1820er und 1830er Jahre in Frankreich erfunden. Das älteste bis heute erhaltene Foto von Joseph Nicéphore Niépce stammt aus dem Jahr 1826. Louis Daguerre entwickelte in den 1830er Jahren eine Kamera und ein Belichtungsverfahren auf Metallplatten, mit dem erste Personenportraits möglich wurden. Die neue Technik verbreitete sich rasant.