Der Europäische Laubfrosch (Hyla arborea) ist ein Froschlurch, der zur Familie der Laubfrösche im weiteren Sinne (Hylidae) und zur Gattung der Laubfrösche (Hyla) gehört. Er ist der einzige mitteleuropäische Vertreter einer nahezu weltweit (allerdings schwerpunktmäßig neuweltlich) verbreiteten Tierfamilie, die mit über 1000 Arten zu den formenreichsten innerhalb der Amphibien zählt. Für das Jahr 2008 wurde der Europäische Laubfrosch von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) zum Lurch des Jahres gewählt., Artikel abgerufen am 30. Mai 2008

Merkmale Morphologie links|mini|Laubfrosch, auf Rohrkolben sitzend Die Kopf-Rumpf-Länge des Europäischen Laubfrosches beträgt 3 bis 4,5 Zentimeter, bei Weibchen auch bis 5 Zentimeter. Das Körpergewicht beim Männchen kann von 3,5 bis 7 Gramm variieren, beim weiblichen Frosch je nach Jahreszeit zwischen 6 und 9 Gramm. Der Kopf ist breiter als lang; die Kopfseiten fallen steil ab, die Schnauze ist entsprechend stumpfwinklig. Die stark hervortretenden Augen besitzen waagerecht-elliptische Pupillen, die bisweilen dunkel gesprenkelte Iris leuchtet goldgelb. In der Dunkelheit weiten sich die Pupillen derart, dass sie nahezu den gesamten sichtbaren Augapfel ausfüllen. Das Trommelfell ist deutlich erkennbar und etwa halb so groß wie das Auge. Ohrdrüsenwülste (Parotiden), wie beispielsweise bei der Erdkröte, fehlen. Die vorderen Gliedmaßen sind recht kurz und weisen je vier Finger mit Haftscheiben (s. u.) an den Enden auf, die Hinterfüße haben je fünf Zehen. Die Kehle der Männchen ist gelb bis gelbbraun gefärbt und faltig, jene der Weibchen weißlich bis hellgrau und leicht gekörnelt. Männchen besitzen eine große, gelb- oder bräunliche, kehlständige Schallblase.

Haut, Färbung Die Hautoberfläche ist glatt und kann – insbesondere beim Sonnenbaden – auffällig glänzen. Die Oberseite ist normalerweise leuchtend grün gefärbt. Der Bauch sowie die Innenflächen der Extremitäten sind vorwiegend weiß bis hellgrau und gekörnelt. Beiderseits an den Flanken zieht sich vom Nasenloch über das Trommelfell ein dunkler Streifen bis in die Leistenregion. Dort wölbt er sich nach oben und formt eine sogenannte Hüftschlinge. Speziell im Bereich dieser Hüftschlinge verläuft der Flankenstreifen bei jedem Individuum etwas anders. Die Hüftschlinge heißt auch Leistenspange, denn der schwarze Seitenstreifen endet in der Leistenregion und bildet keine Schlinge.Hans Schneider, Wolf-Rüdiger Große: Hyla arborea (Linnaeus, 1758) – Europäischer Laubfrosch In: Kurt Grossenbacher (Hrsg.): Handbuch der Reptilien und Amphibien Europas. Band 5/II Froschlurche (Anura) II (Hylidae, Bufonidae). 2009, ISBN 978-3-89104-655-5, S. 5–83. Die hellgrüne Hautfarbe entsteht durch Absorption langwelligen Lichts durch dunkle Hautpigmente, z. B. von Melanophoren (Melanocyten). Kurzwelliges Licht dagegen wird von gelben Hautpigmenten (Xanthophoren) als blaues Interferenzlicht reflektiert, das unter Mitwirkung von Lipophoren als kräftiges Grün in Erscheinung tritt. Das gelegentliche Auftreten blau gefärbter Laubfrösche beruht nachweislich auf einem Mangel an gelben Hautpigmenten und stellt damit eine Pigmentstörung in der Haut dar. Berichte über albinotische Exemplare von Hyla arborea sind äußerst selten und beziehen sich meist auf Kaulquappen oder auch auf frisch umgewandelte Juvenile. Ein solches, vollkommen gelb gefärbtes Jungtier wurde im Sommer 2007 in Holtum (Geest) im Landkreis Verden dokumentiert.

mini|H. arborea, Jungtier mit gefleckter Färbung

Laubfrösche können in rascher Abfolge ein recht verschiedenfarbiges Aussehen annehmen. Die Variationsbreite reicht von hellgrau über gelblich bis dunkelgrün. Oft liest man in diesem Zusammenhang, dass der Frosch seine Hautfarbe der Farbe des Untergrundes anpasst, auf dem er sich gerade befindet. Dem widerspricht ein Experiment des Physiologen Biedermann, bei dem hellgrün gefärbte Hyliden nach operativer Entfernung der Augen keine dunkle Farbe angenommen haben. Vielmehr haben Tastreize, die von der Unterlage ausgehen, eine wesentliche Bedeutung auf die Hautfarbe des Tieres. Bringt man hellgrüne Laubfrösche in ein Behältnis, dessen Boden und Wände mit Filz oder mit Drahtgaze überzogen sind, werden die Tiere rasch dunkel. Auf glatten Strukturen, wie zum Beispiel Glas, bleiben sie dagegen hellgrün. Diese Reaktionen sind unabhängig von Farbe und Helligkeit. In der Natur bleibt ein Laubfrosch auf einem glatten Blatt grün, auf rauer Baumrinde wird er aber mitunter braun oder grau. Eine gewisse Rolle bei der Ausfärbung kommt der Umgebungstemperatur zu. So gilt grundsätzlich, dass mit höherer Außentemperatur die Haut umso heller erscheint.

mini|links|Schleimdrüsen im Lichtmikroskop (Näheres in der Bildbeschreibung)

Die Haut von Hyla arborea ist außerordentlich reich an Drüsen. Generell unterscheidet man bei adulten Amphibien zwischen zwei Arten von Hautdrüsen: Schleim- und Giftdrüsen. Ihre Anzahl variiert nach Art und Körperregion. Dabei spielt auch die Lebensweise sowie der momentane Aufenthaltsort (Wasser, Land) des Tieres eine Rolle. Schleimdrüsen liegen normalerweise über die gesamte Hautoberfläche in verschiedener Dichte verteilt. Die Sekretion erfolgt durch Kontraktion der an der Drüse ansetzenden Muskulatur und unterliegt einer nervösen Regulation. Je dichter die Schleimdrüsen beieinanderliegen, umso größer ist einerseits die Hautbefeuchtung und damit der Schutz vor Austrocknung. Andererseits steigt aber durch die Sekretion die innere, physiologische Austrocknung. Bei längerem Aufenthalt im Wasser dient der Schleim als Schutzschicht gegen das Eindringen von Flüssigkeit. Bei Hyla arborea, der sich als Gebüsch- und Baumbewohner in seiner Lebensweise von anderen Lurchen sehr unterscheidet, finden sich in Aufbau und Funktion der Drüsen anatomische Besonderheiten. Sie sind als Schutz gegen Austrocknung verschließbar. Jede Schleimdrüsenzelle verfügt über einen eigenen, speziellen Schließapparat, der die Sekretionsabläufe regulieren kann.

Gehirn Bei Laubfröschen mit 4,5 cm Körperlänge ist das Gehirn 9–10 mm lang, gemessen vom Vorderrand der Lobi olfactorii bis zum Hinterende der Nerven der Vagus-Gruppe. Die größte Breite ist im Bereich der Lobi optici und beträgt zirka 4 mm. Damit ist das Gehirn fast ebenso groß wie bei einem Teichfrosch mit 6,8 cm Körperlänge.Andreas Knorr, Hans Schneider: Beitrag zur Morphologie des Gehirns von Hyla arborea arborea (L.) (Hylidae, Anura). In: Bonner zoologische Beiträge, Band 26, 1975, S. 370–382.

Labyrinth Der obere Teil besteht aus den drei Bogengängen mit je einer Ampulle, daran schließen der Utriculus und der große Sacculus an, der drei verhältnismäßig kleine, mit Sinneszellen ausgestattete Ausbuchtungen aufweist: Papilla amphibiorum, Papilla basilaris und Lagena. Die beiden Papillen perzipieren Schall. Die Papilla amphibiorum ist bei männlichen Laubfröschen im Mittel mit 70,5 Sinneszellen ausgestattet, bei weiblichen mit 77,8 Sinneszellen. Sie reagiert auf Schallwellen bis zirka 1000 Hz. Die Papilla basilaris enthält bei männlichen Laubfröschen zirka 11,2, bei weiblichen 16,3 Sinneszellen und reagiert auf Schallwellen über 1000 Hz. Der Hörbereich erstreckt sich bei 20 °C von 100 Hz bis 6500 Hz. Am niedrigsten ist die Hörschwelle bei zirka 3000 Hz, ab 4000 Hz steigt die Schwelle steil an. Fällt die Temperatur unter 20 °C, nimmt die Hörempfindlichkeit ab, steigt sie darüber bis 28 °C an, ergibt sich keine Verbesserung.Bernd Alfs, Hans Schneider: Vergleichend-anatomische Untersuchungen am Labyrinth zentraleuropäischer Froschlurch-Arten (Anura). In: Zeitschrift für Morphologie und Ökologie der Tiere, Band 76, 1973, S. 129–143.Ludger Hubl, Hans Schneider: Temperature and auditory thresholds: Bioacoustic studies of the frogs Rana r. ridibunda, Hyla a. arborea, and Hyla a. savignyi (Anura, Amphibia). In: Journal of Comparative Physiology, Band 130, 1979, S. 17–27.

Klettern mini|An einer Glasscheibe haftend mini|Feinaufbau einer Haftscheibe – REM-Aufnahme Laubfrösche verfügen über ein hervorragendes Haft- und Klettervermögen. Zwar sind auch andere Amphibienarten in der Lage, an glatten Flächen, selbst an Glasscheiben, ein Stück emporzuklettern – sie heften sich dabei mittels Adhäsionskräften der feuchten Bauchhaut sowie der Gliedmaßen-Unterseiten an der jeweiligen Oberfläche an. Laubfrösche besitzen als Anpassung an die kletternde Lebensweise jedoch zusätzlich an den Finger- und Zehenspitzen rundliche Haftballen, die mit bloßem Auge gut zu sehen sind. Beim Klettern an glatten Oberflächen wird das flexible Endglied der Finger auf die Unterlage gepresst und durch leichtes, rückwärts gerichtetes Ziehen fixiert. Gleichzeitig erfolgt ein Ausstoß von Gewebsflüssigkeit, die bei der weiteren Fortbewegung des Frosches als winzige, klebrige Fußspur auf der Unterlage zurückbleibt. Unter dem Rasterelektronenmikroskop (REM) erweisen sich die Oberflächen der Haftscheiben als komplexer Zusammenschluss zahlreicher kleiner Untereinheiten, die vom optischen Eindruck an ein bienenwabenartiges Muster erinnern. Bei höherer Vergrößerung ist zu erkennen, dass sich diese Feinstrukturen aus kleinen, pentagonalen, teilweise hexagonalen Säulen aufbauen. Vermutlich aus Gründen der Stabilität zeigen sie eine unregelmäßige, versetzte Anordnung. Das komplexe Zusammenspiel dieser Substrukturen ermöglicht es den Laubfröschen, selbst an spiegelglatten Flächen mühelos emporzuklettern.

Taxonomie 1960 waren u. a. Mertens und WermuthRobert Mertens, Heinz Wermuth: Die Amphibien und Reptilien Europas. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main, 1960. 264 S. der Auffassung, dass es in Europa nur eine Laubfroschart, Hyla arborea, mit sechs Unterarten gebe: H. a. arborea, H. a. kretensis, H. a. meridionalis, H. a. molleri, H. a. sarda und H. a. schelkownikowi. Hyla intermedia galt als Synonym von H. arborea. Weitere Unterarten waren H. a. savignyi im Nahen Osten und H. a. japonica in Japan. Die wenig differenzierte Einteilung gründete sich auf morphologische Merkmale, die bei den Laubfröschen geringe Unterschiede aufweisen.

Diese systematische Gliederung erfuhr in der Folge durchgreifende Veränderungen. Sie ergaben sich durch den Vergleich der Anzeigerufe, die spezifische Artmerkmale darstellen, und in der jüngsten Zeit durch Analysen der mitochondrialen DNS (mtDNA) und der Kern-DNS (nDNA).Matthias Stöck, Christophe Dufresnes, Spartak N. Litvinchuk, Petros Lymberakis, Sébastien Biollay, Matthieu Berroneau, Amaël Borzée, Karim Ghali, Maria Ogielska, Nicolas Perrin: Cryptic diversity among western palearctic tree frogs: postglacial range expansion, range limits, and secondary contacts of three European tree frog lineages (Hyla arborea group). In: Molecular Phylogenetics and Evolution, Band 65, 2012, S. 1–9

Aufgrund der Unterschiede bei den Anzeigerufen erhielten der Mittelmeer-Laubfrosch, H. meridionalis,Hans Schneider: Bio-akustische Untersuchungen am Mittelmeer-Laubfrosch. In: Zeitschrift für vergleichende Physiologie, Band 61, !968, S. 369–385. der Kleinasiatische Laubfrosch, H. savignyi,Hans Schneider, Eviatar Nevo: Bio-acoustic study of the yellow-lemon treefrog. Hyla arborea savignyi Audouin. In: Zoologische Jahrbücher, Abteilung Physiologie, Band 76, 1972, S. 497–506 und der Tyrrhenische Laubfrosch, H. sarda,Hans Schneider: Structure of the mating calls and relationships of the European tree frogs (Hylidae, Anura). In: Oecologia (Berlin), Band 14, 1974, S. 99–110. den Status von eigenständigen Arten. Bei den Unterarten H. a. kretensis, H. a. molleri und H. a. schelkownikowi wie auch bei H. intermedia ergaben sich dagegen keine gesicherten Unterschiede im Vergleich zum Anzeigeruf von H. arborea.Hans Schneider, Ulrich Sinsch: Contributions of bioacoustics to the taxonomy of the Anura. In: Harold Heatwole and Michael J. Tyler (Hrsg.): Amphibian Biology, Volume 7, Systematics. 2007, S. 2893˗2932. Chipping Norton NSW, Australia, (Surrey Beatty & Sons).