Itinerar oder Itinerarium (spätlat. itinerarius = zur Reise gehörig von lat. iter, itineris n. = Reise, Marsch) bezeichnet eine Reiseroute oder deren Vermessung oder auch das Ergebnis dieser Vermessung, d. h. einen Forschungsbericht, Reisebericht bzw. Reiseführer (vgl. ital. u. span. itinerario, port. itinerário engl. itinerary, frz. itineraire).
Im Römischen Kaiserreich war ein itinerarium ein Verzeichnis von Straßen samt Entfernungsangaben. Umsegelungsrouten auf See hießen in der Antike Periplus.
Auch ein kleiner Altar, der auf Reisen mitgenommen wurde, wird Itinerar genannt.
Gattungen von Itineraren Es kann grob zwischen zwei verschiedenen Arten von Itineraren unterschieden werden.
Bei einer listenähnlichen Aufstellung, die eine kommentierte Wegbeschreibung enthält, handelt es sich um ein Itinerarium Adnotatum. Diese Listen sind meist nicht nach festgelegten Kriterien geordnet und die geografische Lage der genannten Orte ist nicht ersichtlich. Dennoch wird durch sie deutlich wohin eine Reise geht, welche möglichen Zwischenstationen angepeilt werden können und wie lange die Reise insgesamt dauert, aber auch mit Hinweisen zur Dauer der einzelnen Etappen. Bei dem Itinerarium Antonini handelt es sich um ein Itinerarium Adnotatum. Dieses Itinerar besteht aus einfachen Tabellen und zählt 17 verschiedene Routen mit weiteren Nebenrouten auf. Das Itinerarium Antonini wird in der Forschung meist auf die Zeit des Kaisers Caracallas datiert. Das AI zeigt Routen, die sich innerhalb der römischen Reichsgrenzen befinden und wurde bis ca. 286 immer wieder aktualisiert. So wurden beispielsweise Routen herausgestrichen, die nicht mehr zum Römischen Reich gehörten.
Bei der zweiten Art der antiken Itinerare spricht man von einem Itinerarium Pictum. Dabei handelt es sich um eine graphische Darstellung von Routen. Diese Art der Itinerare kann als Vorläufer der heutigen Karten angeführt werden. Ein Beispiel für ein Itinerarium Pictum ist die Tabula Peutingeriana. Dabei handelt es sich um eine mittelalterliche Handschrift (12./13. Jahrhundert) nach einer antiken Vorlage. Dieses Original soll um 365 entstanden sein. Die Tabula Peutingeriana zeigt Gebiete, die zur Zeit der Erstellung des Originals nicht mehr römisch waren oder auch in der Vergangenheit nicht zum Römischen Reich gehörten. Es sind um die 200 000 Straßenkilometer auf der gesamten damals bekannten Welt abgebildet. Das Römische Reich bleibt im Fokus der Darstellung, auch wenn Gebiete, die außerhalb des Reiches liegen, mit ausführlichen Beschreibungen versehen sind. Sie stellen eine Faszination dar. Dennoch wird durch die verminderte Größe dem Betrachter suggeriert, dass es sich bei den Gebieten außerhalb des Reiches um unbedeutende Randgebiete der Welt handele.
Verwendung von Itineraren Itinerare wurden in der römischen Antike vielfältig eingesetzt. Neben der zivilen Nutzung für den Handel oder private Reisen, wurden Itinerare vermehrt für offizielle und militärische Zwecke eingesetzt. Die Staatspost, aber auch Feldherren konnten sich an Itineraren orientieren. So konnten Feldzüge mit entsprechenden Nachschubwegen geplant und Quartierplätze entlang der Route organisiert werden. Auch für die Planung der Kaiserreisen durch das Römische Reich wurden Itinerare benutzt.
Die Maße der heute vorliegenden Tabula Peutingeriana werfen Fragen über ihren praktischen Einsatz auf. Bei der Tabula Peutingeriana handelt es sich um eine 680 × 33 cm lange Pergamentrolle, die aus 11 Einzelblättern zusammengesetzt ist. Die Forschung geht davon aus, dass sie bis zu neun Meter umfasste, aber Blätter verloren gingen. Ihre Länge erscheint auf den ersten Blick unpassend für ihre praktische Anwendung; Historiker wie Richard Talbert ordnen ihr daher eher einen repräsentativen und dekorativen Verwendungszweck zu. Sie könnte auf Grund der Hervorhebung des Römischen Reiches als propagandistisches Mittel eingesetzt worden sein. Jedoch enthält sie viele Einzelheiten, die für eine rein bildliche Verwendung überflüssig wären. Auch wenn die Tabula Peutingeriana als Ganze unhandlich für eine Reise sei, könnten Reisende einen spezifischen Teil davon mitgeführt haben, der für die jeweilige Reise interessant war, argumentiert Ralph Mathisen. Die Tabula Peutingeriana orientiere sich an den schriftlichen Itineraren und sei damit wahrscheinlich ähnlich verwendet worden.
Monika Schuol bewertet dem gegenüber die Tabula Peutingeriana anders. Sie argumentiert, dass die Darstellungsweise eher ein Interesse an antikem Wissen widerspiegele und für Kaiser, die Verwaltung oder für Handelstreibende keinen Nutzen gehabt habe. Somit schließe sie nicht an die römische Kartentradition an, die Tabula Peutingeriana falle nicht unter die Kategorie des Itinerarium pictum.
Entwicklungsgeschichte Griechische Geographie Die Geographika von Claudius Ptolemäus (etwa 90–168 n. Chr.) beinhaltet eine vollständige Beschreibung der damals bekannten Welt. Der Ortskatalog umfasst ca. 6300 Orte. Im Mittelpunkt seiner Abhandlung steht das Problem der Maßstäblichkeit. Um diese zu erreichen, arbeitete er vermeintlich als Erster in der Geschichte mit Längen- und Breitengraden, mit denen er Positionen von Städten, Flüssen, Seen und Länder angab. Auf seine verwendeten Techniken und Praktiken ging er dabei nicht im Detail ein, wodurch seine Rechnungen heute schwer nachzuvollziehen sind.
Ein weiterer griechischer Geograph war Strabon (64/63 v. Chr. – ca. 20 n. Chr.), der mit geometrischen Figuren arbeitete, um maßstabsgetreue Abbildungen von Gebieten zu ermöglichen. Sein Werk Geographika lässt sich in zwei Teile, den Allgemeinen (Geschichte der Geographie) und den Besonderen (Beschreibungen einzelner Länder), gliedern. Wobei Strabon sich nur wenig theoretisch mit der Kartografie auseinandersetzte, sondern sich nur an einigen Stellen zu Form und Inhalt von Karten äußerte. Allerdings soll er eine Karte zur Verfügung gehabt haben.
Römische Rezeption Plinius der Ältere knüpfte an Strabons Methode an und griff ebenfalls auf die Hilfe von geometrischen Figuren zurück, die der kartografischen Erfassung der Oikumene dienten. Jedoch verfügte Plinius über eine weiterreichende geographische Kenntnis durch die römische Eroberungspolitik, besonders östlich des Rheins. Sein Werk Naturalis Historia steht heute in der Kritik. Unter anderem wegen der Auseinandersetzung mit den Antipoden, die eine höhere Stellung einzunehmen schienen als die Kugelgestalt der Erde oder der Tatsache, dass Plinius aus der Sicht einiger Forscher naturwissenschaftliche Sachverhalte abhandelte, die er selbst nicht in Gänze verstand.
Ähnliches findet sich in dem Werk De chorographia von Pomponius Mela, welches 43 n. Chr. entstand. In diesem Werk, das im Hauptteil eine Übersicht über einzelne Länder gibt, kommt es zu keiner Festlegung, ob die Erde als Scheibe oder als Kugel empfunden wurde. Allerdings lässt sich kartografisches Denken in der Beschreibung Britanniens und Siziliens als Dreieck nachweisen. Es wird also wieder die Oikumene anhand geometrischer Figuren dargestellt.
Eine heute sogenannte Karte des Agrippa war an einem öffentlichen Ort aufgestellt und ist gegenwärtig nur noch in Fragmenten überliefert. Umstritten bleibt in der Forschung der Urheber dieser Karte, da von einer „Karte“ des Agrippa („rechte Hand“ des Augustus) nichts erhalten sei. In der Forschung wird diskutiert, ob es sich hierbei um ein Itinerarium pictum handelt. Andere, wie beispielsweise Ekkehard Weber, gehen von einer möglichen Rückführung der Tabula Peutingeriana auf die Karte des Agrippa aus, da beide sowohl eine überproportionale Darstellung Italiens sowie eine Rom-Vignette aufweisen sollen. Manche halten die Karte des Agrippa für den Ursprung der mittelalterlichen Rundkarten. Das Argument hierfür scheint in dem Erkennen von drei Vermessern in den mittelalterlichen Mappaemundi von Hereford und Cornwall zu liegen, die auf die Cosmographia Iulii Caesaris von Iulius Honoris zurückzuführen seien.
Alter Orient Als früheste Itinerare werden mesopotamische Texte mit Reisebeschreibungen angesehen.
Römische Kaiserzeit / Spätantike mini|hochkant|Tabula Peutingeriana (Kartenausschnitt) Aus der römischen Kaiserzeit und der Spätantike sind erhalten:
das Itinerarium Antonini mit dem Itinerarium provinciarum, eine Anzahl von Reiserouten durch die römischen Provinzen Europas, Asiens und Afrikas (aus dem 3. Jahrhundert), das Itinerarium Burdigalense (oder Hierosolymitanum), 333/334 von einem christlichen Pilger für den Reiseweg von Bordeaux nach Jerusalem verfasst, das Itinerarium Alexandri, eine um 340 verfasste kurze Schilderung der Route des Alexanderzugs nach Persien, die Itineraria Gaditana, eine Auflistung der Streckenabschnitte von Gades nach Rom, die Tabula Peutingeriana, eine römische Straßenkarte aus dem 4. Jahrhundert, das Itinerar des anonymen Pilgers von Piacenza über seine Pilgerreise in das Heilige Land, um 570.
Beim häufig so genannten Itinerarium Egeriae, auch als Peregrinatio Aetheriae bezeichnet, ein von der Pilgerin Egeria verfasster Bericht über ihre Reise im späten 4. Jahrhundert ins Heilige Land, handelt es sich nicht um ein Itinerar, sondern um einen Briefbericht.
Mittelalter Mittelalterliche Itinerare: Itinerarium Regis Ricardi, lateinische Prosa-Erzählung über König Richard I. von England und seine Teilnahme am Dritten Kreuzzug, Itinerarium Einsidlense (aufbewahrt in der Bibliothek der Abtei Einsiedeln, Schweiz), siehe Rompilgerführer.
Frühe Neuzeit mini|120px|Das Raißbüchlin Jörg Gails Itinerare der frühen Neuzeit: Itinerarium sive peregrinatio excellentissimi viri artium ac utriusque medicine doctoris Hieronimi Monetarii de Feltkirchen civis Nurembergensis, Reisebericht einer Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela von Hieronymus Münzer aus den Jahren 1494/1495Gundolf Keil, Marianne Wlodarczyk: Münzer, Hieronymus. In: Verfasserlexikon. Band 6, 2. Auflage. 1987, Sp. 800–804; hier: Sp. 801 f., Itinerario (Ludovico de Varthema), Reisebericht von Ludovico de Varthema, Itinerario de la armada (Juan Díaz) (1518) der Expedition von Juan de Grijalva, verfasst von dem spanischen Priester Juan Díaz, Itinerario (Linschoten) (1596) von Jan Huygen van Linschoten, Itinerário da Índia por terra até este reino de Portugal von Gaspar de Saõ Bernardino. Aus der Zeit der Reformation ist ein umfangreiches Itinerar aus der Feder des Augsburger Predigers Wolfgang Musculus (1497–1563) erhalten, das den Reiseweg von Augsburg nach Wittenberg dokumentiert.Henning Reinhardt: Das Itinerar des Wolfgang Musculus. In: Archiv für Reformationsgeschichte Band 97, 2006, S. 28–82. Vgl. auch Herbert Krüger: Das älteste deutsche Routenhandbuch. Jörg Gails Raißbüchlin (von 1563). Mit sechs Routenkarten und 272 Originalseiten in Faksimile. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1974. Von Bedeutung über die Reformationszeit hinaus war das Raißbüchlin Jörg Gails. Es erschien 1563 in Augsburg und verzeichnete Strecken in ganz Europa.
Geschichtswissenschaft