Philip Morin Freneau (geboren am 2. Januar 1752 in New York; gestorben am 18. Dezember 1832 in Middletown Point, heute ein Teil von Matawan, New Jersey) war ein amerikanischer Dichter. Zur Zeit der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung erwarb er sich mit patriotischen Gedichten den Ruf des „Dichters der amerikanischen Revolution.“ In den frühen Jahren der Republik trat er mit publizistischen Arbeiten als Propagandist der Republikanischen Partei um Thomas Jefferson hervor. Fanden Freneaus politische Werke zu seinen Lebzeiten am meisten Beachtung, so werden heute einige Natur- und Grabgedichte wie The Wild Honey Suckle, To a Caty-Did und The Indian Burying Ground als sein wichtigster Beitrag zur amerikanischen Literaturgeschichte angesehen; sie weisen über den zeitgenössischen Neoklassizismus hinaus und lassen Freneau als Vorläufer der amerikanischen Romantik erscheinen. miniatur|Philip Freneau Leben Herkunft und Jugend Philip Freneau, geboren am 2. Januar 1752 in New York, war das älteste der fünf Kinder von Pierre und Agnes Freneau. Sein Vater entstammte einer hugenottischen Familie, die sich 1709 in New York niedergelassen hatteLeary: That Rascal Freneau, S. 5. und einen regen Weinhandel mit Frankreich und Madeira aufbaute, seine Mutter einer in New Jersey siedelnden Familie schottischstämmiger Presbyterianer. Seine Eltern ließen sich kurz nach seiner Geburt im Monmouth County in New Jersey nieder und erbauten die Familienresidenz Mount Pleasant nahe der heutigen Stadt Matawan,Leary: That Rascal Freneau, S. 13. in der Freneau einen großen Teil seines Lebens verbringen sollte.
Über Freneaus frühe Jahre ist wenig bekannt, doch wird angenommen, dass er zunächst ein Internat in New York besuchte. Ab 1766 studierte er unter presbyterianischen Geistlichen, zunächst beim Rev. William Tennent, ab 1766 dann an der Lateinschule von Monmouth unter dem Rev. Alexander Mitchell. Offenbar erwarteten seine tief religiösen Eltern von ihm, dass er die Priesterlaufbahn einschlagen würde.Leary: That Rascal Freneau, S. 16.
1768 matrikulierte er am College of New Jersey, der heutigen Princeton University. Wegen seiner vorherigen Ausbildung an der Lateinschule von Monmouth konnte er das erste Studienjahr überspringen. Die Hochschule entwickelte sich zu dieser Zeit unter dem Dekan John Witherspoon zu einer der pädagogisch fortschrittlichsten, aber auch politisch radikalsten Hochschulen Amerikas; viele führende Persönlichkeiten der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung wie der frühen Republik gingen aus ihr hervor, so allein in der nur dreizehn Absolventen zählenden Abschlussklasse von 1771 neben Freneau James Madison, Gunning Bedford, Jr. und Hugh Henry Brackenridge, in der Klasse von 1772 zudem Aaron Ogden, Henry Lee, William Bradford und Aaron Burr.Siehe beispielsweise den Artikel im Princeton Alumni Weekly: The fabulous Class of ’71 (1771, that is), 23. Januar 2008 Eine innige Freundschaft verband Freneau zu seiner Studienzeit besonders mit Brackenridge,Leary: That Rascal Freneau, S. 20. mit dem er in Koautorschaft auch einige seiner frühen Werke verfasste, so das epische Gedicht The Rising Glory of America, das sie anlässlich ihrer Graduiertenverabschiedung 1771 verlesen ließen. Freneau selbst war bei der öffentlichen Lesung jedoch nicht zugegen; der Tod seines Vaters hatte seine Familie in finanzielle Schwierigkeiten gestürzt, und er hatte sich nach Mount Pleasant begeben müssen, um die Versteigerung von Teilen des Anwesens zu organisieren.
Revolutionszeit 1772 erschien Freneaus erster Gedichtband The American Village, im selben Jahr trat er eine Anstellung als Lehrer in Flushing auf Long Island an. Diesen Posten verließ er aber nach kurzer Zeit, da ihm seine Zöglinge allzu dumm erschienen: Long Island I have bid adieu / With all its brutish, brainless crew / The youth of that detested place / Are void of reason and of grace dichtete er in einem Brief an Madison.Abdruck in Austin, S. 80–81. Gegen Ende des Jahres versuchte er als Hilfslehrer an der Seite Brackenridges an der Somerset Academy in Princess Anne, Maryland, ein weiteres Mal sein Glück, entwickelte aber eine solche Abneigung gegen den Beruf, dass er sich schwor, nie wieder als Lehrer zu arbeiten.Bowden, S. 29–30 Über seine Tätigkeit zwischen 1772 und 1775 ist wenig bekannt. Er reiste wohl viel durch die amerikanischen Kolonien und trug sich offenbar noch 1773 mit dem Gedanken, nach England zu gehen, um sich zum Priester ausbilden und weihen zu lassen, doch bereits ein Jahr darauf schrieb er, dass ihm die Theologie, das „Studium vom Nichts“, nicht zusage.
Die durch die zunehmenden Spannungen zwischen dem englischen Mutterland und den amerikanischen Kolonien aufgeheizte politische Stimmung scheint Freneau zumindest bis zum Jahr 1775 kaum beeindruckt zu haben. In diesem Jahr veröffentlichte er dann mehrere Verssatiren, deren Zielscheibe besonders der britische General Thomas Gage war. Die weitere Eskalation der amerikanischen Revolution, die Unabhängigkeitserklärung und den Ausbruch des Unabhängigkeitskriegs, erlebte er jedoch nicht mit: 1775 setzte er sich in die dänische Kolonie Saint Croix in der Karibik ab. Was Freneau – später als „Dichter der amerikanischen Revolution“ glorifiziert – zu dieser Zeit zu diesem Schritt bewog, hat all seine Biografen vor ein Rätsel gestellt. Die nächsten drei Jahre verbrachte er vor allem auf Saint Croix, das ihm als Paradies auf Erden erschien, besuchte aber auch andere Inseln, darunter die britischen Kolonien Jamaica und Bermuda.
Erst 1778 kehrte er wieder zurück und schloss sich der revolutionären Miliz von New Jersey an, in der er es bis zum Sergeanten brachte. Auch seine Dichtung stellte er nun in den Dienst der Unabhängigkeitsbewegung: Er veröffentlichte das Gedicht America Independent und wurde zu einem der produktivsten Autoren des patriotisch gesinnten United States Magazine, das sein Freund Brackenridge im August 1778 in Philadelphia gegründet hatte. 1779 verließ er New Jersey wiederum und schiffte sich nach den Azoren ein; da sein Schiff aber von den Briten verfolgt wurde, musste es seinen Kurs ändern, so dass Freneau schließlich auf der Kanareninsel La Palma in der Hafenstadt Santa Cruz anlandete, wo er 1779 zwei Monate verbrachte. Nach seiner Rückkehr nach Amerika erwarb er für seine Schaluppe Aurora einen Kaperbrief und konnte so zugleich einen privaten Karibikhandel aufbauen und für die Revolutionstruppen Küstenpatrouillen fahren. Im Mai 1780 wurde die Aurora in der Chesapeake Bay jedoch von einem englischen Schiff aufgebracht und Freneau mit seiner Mannschaft festgesetzt.Eine ausführliche Beschreibung des Vorfalls findet sich in Freneaus Some account of the capture of the ship “Aurora”. Veröffentlicht bei M. F. Mansfield & A. Wessels, New York 1899. archive.org Er wurde auf eines der berüchtigten Gefängnisschiffe im Hafen in New York verbracht, wo unter menschenunwürdigen Bedingungen Tausende Gefangene den Tod fanden. Auch Freneau litt während seiner sechswöchigen Haft unter Krankheit und Unterernährung, wurde auf ein Hospitalschiff verlegt und schließlich im Juli unter der Auflage freigelassen, sich nicht wieder den Revolutionstruppen anzuschließen. Seine Zeit auf dem Gefängnisschiff machte er zum Thema seines wohl berühmtesten Gedichts der Revolutionszeit. The British Prison Ship, veröffentlicht 1781, beschrieb in so bedrückender Eindringlichkeit das Leid der Gefangenen, dass das Gedicht sich auch als antibritische Propaganda anbot und so vielfach auf Flugblättern nachgedruckt wurde. Die traumatischen Erfahrungen an Bord der Gefängnisschiffe mögen dazu beigetragen haben, dass sich seine Weltsicht verfinsterte – prägten jugendliche Schwärmerei, pastorale oder eskapistische Phantasien seine frühen Gedichte, so ist das Bewusstsein vom eitlen Schein alles Weltlichen der Tenor seiner weiteren Werke.Vitzthum, S. 45ff.
Publizistische Tätigkeit in der frühen Republik Nach seiner Freilassung ließ er sich in Philadelphia nieder, wo er Herausgeber von Francis Baileys Freeman’s Journal or North American Intelligencer wurde. Bis zum Juni 1784 begleitete Freneau in diesem Blatt den weiteren Verlauf der Revolution bis zum Frieden von Paris und darüber hinaus mit Gedichten und Essays. Mindestens so sehr wie die Briten selbst war die meistenteils im noch britisch kontrollierten New York ansässige Presse der amerikanischen Loyalisten nun das Ziel seiner Angriffe. In politischen Artikeln, Essays und Gelegenheitsgedichten nahm er zu den kleinen und großen politischen Fragen der Republik Stellung, sprach sich gegen die Sklaverei und für mehr Frauenrechte aus und profilierte sich so als egalitär gesinnter, von seinen Gegnern oft als radikal verfemter Publizist.
1784 verließ Freneau das Blatt, vielleicht weil die Angriffe seiner Gegner immer schärfer und persönlicher wurden, erwarb eine Brigg und versuchte sich wiederum als Schiffskapitän. In den nächsten Jahren betrieb er einen schwunghaften Karibikhandel, fand dabei aber auch Zeit, neue Gedichte zu schreiben – viele davon über die Seefahrt –, um sie bei jeder Heimfahrt zur sofortigen Publikation in New York oder aber in Charleston, wo sein Bruder Peter Freneau die City Gazette herausgab, abzuliefern. 1786 und 1788 veröffentlichte er zwei Gedichtbände, für die er vor allem frühere Gedichte redigierte und teils erheblich änderte, aber auch einige neue Gedichte schrieb. Nach seiner Heirat 1790 gab unter dem Druck seiner Braut das Leben auf See auf, siedelte im Frühjahr 1790 zunächst nach New York über und übernahm für ein Jahr die Leitung der Zeitung Daily Advertiser.
miniatur|Titelblatt der National Gazette vom 14. November 1791 Ab 1791 ließ er sein Talent für die politischen Ziele der Anti-Föderalisten um Madison und Thomas Jefferson einspannen. Als die Bundesregierung 1790 von New York nach Philadelphia zog, verschaffte Jefferson ihm in seiner Funktion als Außenminister zunächst eine gut bezahlte Anstellung am State Department als Übersetzer vom Französischen ins Englische. Um der Gazette of the United States, dem Sprachrohr der föderalistischen Partei um Präsident Washingtons Finanzminister Alexander Hamilton, etwas entgegenzusetzen, strebten Jefferson und Freneaus Studienfreund James Madison im Jahr darauf die Gründung einer Zeitung an. Freneau firmierte als Herausgeber des National Gazette betitelten Blattes, das erstmals am 31. Oktober 1791 erschien. In seinen eigenen politischen Kommentaren, Satiren, Essays und Gedichten kommentierte er die nationale wie die internationale Politik, wobei die Berichterstattung zur Französischen Revolution besonderes Augenmerk verdient. Freneau nahm als überzeugter Republikaner und – qua Geburt – Frankophiler in Artikeln und Gedichten wie On the Anniversary of the Storming of the Bastile und The Demolition of French Monarchy Partei für die Radikalisierung der Revolution. Er druckte die Verfassung von 1791 in voller Länge, zwei Jahre darauf mit offensichtlichem Amusement Brackenridges Bonmot zur Enthauptung Ludwigs XVI.: „Louis Capet has lost his Caput.“ Möglicherweise war er auch der Autor der vier unter dem Pseudonym Veritas in der National Gazette erschienenen Artikel, die aufs schärfste die Neutralitätsproklamation Washingtons im Koalitionskrieg als Verrat an Frankreich geißelten.Harry Ammon: The Genet Mission. W. W. Norton, New York 1973, S. 78. Im Sommer des Jahres machte er sich selbst dann noch für den französischen Botschafter, „Citizen Genet“, stark, als dessen Agitation gegen die amerikanische Neutralität in den Koalitionskriegen und für die Gründung amerikanischer Jakobinerklubs selbst von Jefferson zurückgewiesen worden war.