mini|Die Naturalis historia des älteren Plinius in einer reich illustrierten Ausgabe des 13. Jahrhunderts mini|Nouveau Larousse illustré, 1897–1904 mini|Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Bände 1–16 (1885–1890) mini| Bertelsmann Lexikothek in 26 Bänden, in der Auflage von 1983 Eine Enzyklopädie () (aus französisch Encyclopédie, von ) ist ein besonders umfangreiches Nachschlagewerk. Der Begriff Enzyklopädie soll auf Ausführlichkeit oder eine große Themenbreite hinweisen. Es wird eine Zusammenfassung des gesamten Wissens angestrebt. Die Enzyklopädie ist demzufolge eine überblickende Anordnung des Wissens einer bestimmten Zeit und eines bestimmten kulturellen Raumes, einschließlich ihrer Zusammenhänge durch Stichwortverweise. Daneben werden als Fachenzyklopädien solche Werke bezeichnet, die nur ein einzelnes Fach- oder Sachgebiet behandeln.
Die Bedeutung des Begriffes Enzyklopädie ist fließend; Enzyklopädien standen zwischen Lehrbüchern einerseits und Wörterbüchern andererseits. Als älteste vollständig erhaltene Enzyklopädie gilt die Naturalis historia aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Vor allem die große französische Encyclopédie (1751–1780) hat die Bezeichnung „Enzyklopädie“ für ein Sachwörterbuch durchgesetzt. Aufgrund der alphabetischen Anordnung werden Enzyklopädien oft als Lexika bezeichnet.
Die heutige Form des Nachschlagewerkes hat sich vor allem seit dem 18. Jahrhundert entwickelt; dabei handelt es sich um ein umfangreiches Sachwörterbuch über alle Themen für eine breite Leserschaft. Im 19. Jahrhundert kam der typische neutral-sachliche Stil hinzu. Die Enzyklopädien wurden klarer strukturiert und beinhalteten neue Texte, keine bloßen Übernahmen älterer (fremder) Werke. Eines der bekanntesten Beispiele im deutschen Sprachraum war lange Zeit die Brockhaus Enzyklopädie (ab 1808), im englischen die Encyclopaedia Britannica (ab 1768).
Seit den 1980er-Jahren werden Enzyklopädien ferner in digitaler Form angeboten, auf CD-ROM und im Internet. Teilweise sind es Fortführungen älterer Werke, teilweise neue Projekte. Ein besonderer Erfolg war die 1993 erstmals auf CD-ROM herausgegebene Microsoft Encarta. Die 2001 gegründete Wikipedia entwickelte sich zur größten Internet-Enzyklopädie.
Begriff Begriffsherkunft Der Begriff leitet sich über das französische Encyclopédie von ab, ein Begriff, der im Rahmen der Paideia die Allgemeinbildung oder nicht spezialisierte Grundbildung eines freien Griechen bezeichnete. Zur bei Pape nur abgekürzten femininen Form vergleiche Henry George Liddell, Robert Scott, A Greek-English Lexicon, Lemma (Perseus Project, gleichfalls abgerufen am 5. März 2024).
Definitionen mini|Frontispiz der Cyclopaedia von 1728 mit Hinweisen auf den Inhalt
Die Althistorikerin Aude Doody nannte die Enzyklopädie eine Gattung, die man nur schwer definieren könne. Enzyklopädismus sei das Streben nach universellem Wissen oder auch die Summe des allgemeinen Wissens (einer bestimmten Kultur). Konkret sei die Enzyklopädie ein Buch, „das entweder die gesamte Garnitur des allgemeinen Wissens oder ein erschöpfendes Spektrum an Material über einen spezialistischen Gegenstand versammelt und ordnet.“ Die Enzyklopädie beanspruche, einfachen Zugang zu Informationen über alles zu verschaffen, das der Einzelne über seine Welt wissen muss.Aude Doody: Pliny’s Encyclopedia. The Reception of the Natural History. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2010, S. 12 f.
Für das Selbstverständnis von Enzyklopädien werden oftmals die Vorworte der Werke ausgewertet.Ulrike Spree: Das Streben nach Wissen. Eine vergleichende Gattungsgeschichte der populären Enzyklopädie in Deutschland und Großbritannien im 19. Jahrhundert. Niemeyer, Tübingen 2000, S. 23–24. Im 18. und vor allem 19. Jahrhundert betonten sie, dass sie Wissen zusammenfassen, und zwar nicht für Fachleute, sondern für ein breiteres Publikum.Ulrike Spree: Das Streben nach Wissen. Eine vergleichende Gattungsgeschichte der populären Enzyklopädie in Deutschland und Großbritannien im 19. Jahrhundert. Niemeyer, Tübingen 2000, S. 25–31. Im Vorwort des Brockhaus etwa heißt es 1809:
Der Bibliothekswissenschaftler und Enzyklopädie-Experte Robert Collison schrieb 1998 für die Encyclopaedia Britannica einleitend im entsprechenden Macropaedia-Artikel:
Entwicklung zum modernen Begriff Der moderne Begriff „Enzyklopädie“ setzt sich aus zwei griechischen Wörtern zusammen: , im Kreis herumgehend, auch: umfassend, allgemein, sowie , Erziehung oder Unterricht. Das daraus zusammengesetzte verwies auf die „chorische Erziehung“, meinte also ursprünglich die musische Ausbildung junger freigeborener Griechen im Kreis des Theaterchores.Ulrich Dierse: Enzyklopädie. Zur Geschichte eines philosophischen und wissenschaftlichen Begriffs. Dissertation Bochum 1977. Bouvier Verlag Herbert Grundmann, Bonn 1977, S. 5–6. Eine verbindliche Auflistung der vermittelten Fächer gab es bei den Griechen nicht. Moderne Forscher ziehen es vor, den griechischen Ausdruck als allgemeine Erziehung zu übersetzen, im Sinne einer grundlegenden Bildung.Aude Doody: Pliny’s Encyclopedia. The Reception of the Natural History. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2010, S. 45–47.
Der Römer Quintilian (35 bis ca. 96 nach Christus) griff den griechischen Ausdruck auf und übersetzte ihn.Quintilian, Institutio oratoria 1,10,1. Bevor Jungen zu Rednern ausgebildet würden, sollten sie den Bildungsweg (den orbis ille doctrinae, wörtlich: Kreis der Lehre) durchlaufen. Auch Vitruv bezeichnete mit eine Vorbildung für die bei ihm angestrebte Spezialisierung zum Architekten. Dementsprechend variierten die genannten Fächer.Aude Doody: Pliny’s Encyclopedia. The Reception of the Natural History. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2010, S. 46–48. Quintilian erwähnt für Redner beispielsweise die Bereiche Geometrie und Musik.
Unklar bleibt, was Plinius gemeint hat, als er die im Vorwort zu seiner Naturalis historia (Naturgeschichte, ca. 77 n. Chr.) erwähnte. Das liegt nicht nur an der Unbestimmtheit der möglichen Fächer, sondern auch an Undeutlichkeiten der Textstelle.Aude Doody: Pliny’s Encyclopedia. The Reception of the Natural History. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2010, S. 50/51. Die wurde schließlich zu einer Sammelbezeichnung für die sich im Römischen Reich ausbildenden (sieben) freien Künste, die artes liberales.Ulrich Dierse: Enzyklopädie. Zur Geschichte eines philosophischen und wissenschaftlichen Begriffs. Dissertation Bochum 1977. Bouvier Verlag Herbert Grundmann, Bonn 1977, S. 6.
mini|hochkant|Basler Ausgabe von Joachim Sterck van Ringelberghs Lucubrationes, vel potius absolutissima κυκλοπαίδεια …, 1541 mini|hochkant|Titelseite der Paul Scalichs „Encyclopaedia …“, veröffentlicht 1559 in Basel Das Wort Enzyklopädie geht auf eine fehlerhafte Rückübersetzung der Stelle bei Quintilian zurück. Dieses tas Encyclopaedias in Plinius-Ausgaben seit 1497 setzte dann den Ausdruck durch. Es wurde als griechische Übersetzung von orbis doctrinae angesehen. In Nationalsprachen erschien der Ausdruck dann in den 1530er-Jahren. In der Mitte des 16. Jahrhunderts konnte man das Wort ohne weitere Erklärung in Buchtiteln für Werke verwenden, „in denen die Gesamtheit der Wissenschaften nach einer bestimmten Ordnung dargestellt wird“, so Ulrich Dierse. Die Betonung lag dabei nicht auf Gesamtheit, sondern auf Ordnung.Ulrich Dierse: Enzyklopädie. Zur Geschichte eines philosophischen und wissenschaftlichen Begriffs. Diss. Bochum 1977. Bouvier Verlag Herbert Grundmann, Bonn 1977, S. 7/8.
Guillaume Budé verwendete die lateinische Neuschöpfung 1508 im Sinne einer allesumfassenden Wissenschaft oder Gelehrtheit. Wohl zum ersten Mal in einem Buchtitel erschien das Wort 1538. Damals veröffentlichte der südniederländische Pädagoge Joachim Sterck van Ringelbergh: Lucubrationes, vel potius absolutissima , nempe liber de ratione studii („Nachtarbeiten, oder vielmehr vollständigste , also ein Buch über die Methode des Lernens“). Als Haupttitel eines Buches tauchte es zuerst 1559 auf: Encyclopaediae, seu orbis disciplinarum (Encyclopaedia, oder der Kreis der Fächer) des Kroaten Pavao Skalić.Encyclopedie. In: Grote Winkler Prins. Band 8. Elsevier. Amsterdam/Antwerpen 1991, S. 326–329, hier S. 326.
Die englische Cyclopaedia von 1728 war ein alphabetisch geordnetes Nachschlagewerk, ein dictionary of the arts and sciences. Der Durchbruch des Namens Enzyklopädie kam erst mit der großen französischen Encyclopédie (1751 und Folgejahre). Nach dem Vorbild dieses Werkes etablierte sich der Begriff für ein allgemeines Sachwörterbuch.
Daneben wurde das Wort auch für die Erkenntnis von der Einheit des Wissens verwendet; in diesem Sinne beschrieb der Philosoph Christian Appel seinen 1784 an der Universität Mainz eingerichteten „Lehrstuhl für allgemeine Enzyklopädie“. In der Erziehung gehe man von einfachen sinnlichen Eindrücken und Erfahrungen aus, dann komme man über einen Abstraktionsprozess zu zusammenhängenden wissenschaftlichen Weisheiten. Diese seien aber verstreut, daher brauche man eine Zusammenfassung. So solle die Enzyklopädie nicht am Anfang des Universitätsstudiums stehen, sondern am Ende, als Krönung.Ulrich Dierse: Enzyklopädie. Zur Geschichte eines philosophischen und wissenschaftlichen Begriffs. Diss. Bochum 1977. Bouvier Verlag Herbert Grundmann, Bonn 1977, S. 45. Für die Erforschung der Enzyklopädien wiederum hat sich der Begriff Enzyklopädik eingebürgert.
Andere Bezeichnungen mini|hochkant|Theatrum Vitae Humanae, „Schauplatz des menschlichen Lebens“, 1565
Während bei den Römern die Titel von Nachschlage- und Lehrwerken meistens eher nüchtern waren, überwogen seit der Spätantike bis in die Frühe Neuzeit Metaphern: Vergleiche mit der Natur, mit Gärten, Blumen und Nahrung waren besonders häufig. Der Autor war beispielsweise ein Blumenpflücker oder eine fleißige Biene, die das Wissen wie Blütenstaub sammelt. Die Werke hießen dann Florilegia (Blumensammlung), Liber Floridus (Blühendes Buch) oder Hortus Deliciarum (Garten der Kostbarkeiten).Ulrich Johannes Schneider: Bücher als Wissensmaschinen. In: ders. (Hrsg.): Seine Welt wissen. Enzyklopädien in der Frühen Neuzeit. WBG, Darmstadt 2006, S. 9–20, hier S. 12.Siehe Robert Luff: Wissensvermittlung im europäischen Mittelalter. „Imago mundi“-Werke und ihre Prologe. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1999, S. 421. Beliebt waren auch Verweise auf das Licht, das den Leser erleuchten soll: Elucidarium, Lucidarius. Die Bücher waren Kostbarkeiten: Tresor (Schatz), Gemma gemmarum (Schmuckstück der Schmuckstücke), Schatzkammer mechanischer Künste (Agostino Ramelli), Margarita (Perle). Theatrum, Schauplatz, wie in Theatrum Anatomicum verwies auf den Darstellungscharakter.Ulrich Johannes Schneider: Bücher als Wissensmaschinen. In: ders. (Hrsg.): Seine Welt wissen. Enzyklopädien in der Frühen Neuzeit. WBG, Darmstadt 2006, S. 9–20, hier S. 15. Bibliotheca war ein Hinweis darauf, dass das Werk aus älteren Büchern zusammengestellt war. Man sah das Werk als Spiegel der Welt: Speculum, imago mundi. Auf Wasserquellen bezog sich der Livre de Sidrac, la fontaine de toutes sciences, und auf die Allegorie des Stadtbaus der Livre de la Cité des Dames. Historia war in der Naturkunde wegen Plinius geläufig und bedeutete ursprünglich das geordnete Wissen. Ansonsten war Historia normalerweise eine chronologische Abhandlung, in die man geografisches und biografisches Wissen einflocht. Ars magna (Große Kunst) ist bei Ramon Llull und Athanasius Kircher der Anspruch, eine hervorragende Leistung zu präsentieren.Athanasius Kircher: Ars magna lucis et umbrae von 1646.
Alphabetisch angeordnete Enzyklopädien hießen oder heißen Dictionarium, Wörterbuch oder Lexikon. Weitere Bezeichnungen lauten: Enzyklopädisches Wörterbuch, Sachwörterbuch, Realwörterbuch, dazu Reallexikon und Realenzyklopädie, Konversationslexikon, Universallexikon usw.