mini|August Wilhelm Schlegel rahmenlos|zentriert|128px

August Wilhelm Schlegel von GottlebenEiner von Schlegels Vorfahren, Christoph Schlegel (1613–1678), war wegen seiner Verdienste als Prediger in Leutschau 1651 von Kaiser Ferdinand III. mit den Beinamen „von Gottleben“ geadelt worden, siehe Christian Ader: Die Familie Schlegel de Gottleben, unter Heraldik im Netz, abgerufen am 27. August 2016., seit 1812 August Wilhelm von Schlegel (* 5. SeptemberEduard Engel: Geschichte der Deutschen Literatur von den Anfängen bis in die Gegenwart. Band 2: Das 19. Jahrhundert und die Gegenwart. Leipzig 1907, S. 33. oder 8. SeptemberGunter E. Grimm, Frank Reiner Max: Deutsche Dichter, Band 5: Romantik, Biedermeier und Vormärz. Stuttgart 1990, S. 9.Hilde Marianne Paulini: August Wilhelm Schlegel und die Vergleichende Literaturwissenschaft. Frankfurt am Main 1985, S. 40. 1767 in Hannover; † 12. Mai 1845 in Bonn), war ein deutscher Literaturhistoriker und -kritiker, Übersetzer, Alt-Philologe und Indologe. Er lehrte ab 1795 an der Universität Jena, von 1798 bis 1801 als außerordentlicher Professor. Zusammen mit seiner Frau Caroline, seinem Bruder Friedrich und dessen späterer Frau Dorothea, Johann Gottlieb Fichte und später Ludwig Tieck sowie Novalis prägte er die neue „romantische Schule“. Als Übersetzer machte er sich um die italienische, spanische und portugiesische Literatur verdient; seine Hauptleistung ist aber die Übersetzung von 17 der Stücke Shakespeares.

Leben mini|Domenico Quaglio: Marktkirche St. Georgii et Jacobi, Marktplatz und Rathaus in Hannover, 1832

Herkunft August Wilhelm Schlegel war der vierte Sohn des evangelisch-lutherischen Pastors Johann Adolf Schlegel, der ursprünglich aus Sachsen stammte. Sein Vater war Pfarrer an der Marktkirche in Hannover. Die Mutter Johanna Christiane Erdmuthe Hübsch (1735–1811) war die Tochter eines Mathematiklehrers in Schulpforta. Das Paar hatte insgesamt acht Söhne und zwei Töchter. In der Familie bestand ein künstlerisch und intellektuell aufgeschlossenes Umfeld. August absolvierte das Gymnasium in Hannover.

Studium mini|hochkant=0.9|Das Haus Herengracht 476 in Amsterdam, aufgenommen 1994

Schlegel studierte zunächst (1786) in Göttingen Theologie, entschied sich aber für die Philologie, als er in Gottfried August Bürger einen Mentor fand, der ihm Einblicke in die Übersetzungspraxis aus klassischen sowie neueren Sprachen vermittelte. August Wilhelm Schlegel wurde ein fleißiger Schüler des Altphilologen Christian Gottlob Heyne.Karl Aner: Schlegel, August Wilhelm. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Erste Auflage. Band 5: Roh–Zypressen. Mohr, Tübingen 1913, Sp. 300. Schon im Juni des nächsten Jahres verdiente er sich mit einer lateinischen Abhandlung über die homerische Geographie (1788 gedruckt) einen akademischen Preis. In dieser Zeit lernte er Caroline Böhmer und Wilhelm von Humboldt kennen. 1789 starb sein Bruder Carl August Schlegel im Alter von 28 Jahren in Hannoverschen Regimentsdiensten in Madras.Gerhard Koch (Hrsg.): Imhoff, Indienfahrer. Ein Reisebericht aus dem 18. Jahrhundert in Briefen und Bildern. Wallstein, Göttingen 2001, ISBN 3-89244-483-8, S. 19. Um 1790 zog sein jüngster Bruder Friedrich zu ihm nach Göttingen. Die beiden Brüder wurden beeinflusst von Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant, Tiberius Hemsterhuis, Johann Joachim Winckelmann und Karl Theodor von Dalberg.Achim Hölter: August Wilhelm Schlegels Göttinger Mentoren. In: York-Gothart Mix, Jochen Strobel (Hrsg.): Der Europäer August Wilhelm Schlegel. Romantischer Kulturtransfer – romantische Wissenswelten. Walter de Gruyter, Berlin 2010, S. 13–29. August Wilhelm Schlegel unternahm eine Teilübersetzung von Dantes Divina Commedia und eine Übersetzung von Shakespeares A Midsummer Night’s Dream (1789). 1791 beendete er sein Studium.

Von 1791 bis 1795 war er Hauslehrer von Willem Ferdinand Mogge Muilman (1778–1849), dem späteren Direktor der Nederlandsche Bank, am Gouden Bocht in Amsterdam.Zur Geschichte des Hauses Herengracht 476 und seiner Bewohner vgl. Herengracht 476 Huis de Vicq. Muilman auf der Webseite Amsterdamse Grachtenhuizen (niederländisch), abgerufen am 27. August 2016. Als seine spätere Frau Caroline Böhmer vom preußischen Militär verhaftet wurde, beteiligte sich Schlegel an den Bemühungen zu ihrer Freilassung und brachte sie von Kronberg im Taunus nach Leipzig und schließlich im benachbarten Städtchen Lucka bei einer Bauernfamilie unter.Ernst Behler: Friedrich Schlegel in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (= Rowohlts Monographien. Band 123). Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1966, S. 28. Danach kehrte er nach Amsterdam zurück. Seit Schlegel 1794 in Briefwechsel mit Schiller getreten war, wurde er als Kritiker und Rezensent in den von Schiller herausgegebenen Horen tätig. Er ging zunächst zu seiner Mutter, dann nach Braunschweig. Hier traf er wieder mit Caroline Böhmer zusammen. Schlegel hoffte auf eine Anstellung am Collegium Carolinum, ging dann aber nach Jena und hielt dort Vorlesungen zur Ästhetik. In den nächsten vier Jahren verfasste er etwa dreihundert, mitunter höchst umfangreiche Rezensionen, großenteils für die Jenaer Allgemeine Literatur-Zeitung.

Jena Am 1. Juli 1796 feierte er seine Hochzeit mit Caroline Böhmer. Friedrich folgte seinem Bruder August und dessen Frau nach Jena. Zu Schiller war das Verhältnis zunächst gut. Das änderte sich, als Schlegel Schillers Lied von der Glocke kritisierte, in dem von allem und jedem die Rede sei und das sachliche Fehler enthalte (der Klöppel würde nicht erwähnt und die Mischung der Bestandteile – beim Glockenguss sind es Zinn und Kupfer – stimme ebenfalls nicht). Der daraufhin verstimmte Schiller griff seinerseits Schlegel in den Xenien (erschienen im Musen-Almanach auf das Jahr 1797) an. Friedrich Schlegels verletzende Rezension von Schillers Zeitschrift Die Horen führte im Mai 1797 zum endgültigen Bruch.Hartmut Fröschle: Goethes Verhältnis zur Romantik. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, ISBN 3-8260-2298-X, S. 203. Die Brüder entschieden sich im Oktober 1797, selbst eine Zeitschrift Athenaeum herauszugeben, die ab Mai 1798 zweimal pro Jahr bis 1800 erschien. Sie gilt als das Sprachorgan der Jenaer Frühromantik. In ihr wurden die Französische Revolution, das Werk Goethes und Fichtes Wissenschaftslehre besprochen. Der Inhalt bestand meist aus Fragmenten. Schon 1796 hatte Schlegel seine Übersetzung der Werke Shakespeares angekündigt, die von 1797 bis 1810 erschien und 17 Dramen in 14 Bänden umfasste.Ausstellung Papiers à Mr. Schlegel im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), 2004: Shakespeare-Übersetzungen. Eigenhändige Manuskripte in 14 Bänden, abgerufen am 27. August 2016. Diese Übertragung, später durch Dorothea Tieck und Wolf Heinrich Graf von Baudissin ergänzt, ist bis heute die deutsche Standardübersetzung.Anselm Salzer: Illustrierte Geschichte der deutschen Literatur. Neubearbeitung und Aktualisierung von Claus Heinrich und Jutta Münster-Holzlar. Band 3: Von der Klassik bis zur Romantik. Naumann und Göbel, Köln 1996, S. 238. 1798 lernte Schlegel während eines zweimonatlichen Aufenthalts in Berlin Ludwig Tieck kennen.

mini|hochkant=1.3|Titelblatt und Vignette der ersten Ausgabe von Schillers Musen-Almanach für das Jahr 1796

1799 lebten die beiden Brüder, August Wilhelms Ehefrau Caroline sowie Dorothea Veit für ein halbes Jahr zu viert zusammen in Jena – im Hinterhaus, An der Leutra 5. „Das kleine Jena war zu einer Geistesmetropole geworden.“Gerd Fesser: Jenas goldene Jahre. Im Februar feiert Jenas Universität ihren 450. Geburtstag. Zu Schillers Zeit war das Saalestädtchen Deutschlands geistige Metropole. In: Die Zeit. 17. Januar 2008 (online) Diese „Romantiker-Wohngemeinschaft“ bildete das Kernstück der Jenaer Romantik und publizierte im Musen-Almanach. Die Autoren brachen mit vielen Konventionen: So mischten sie in ihre Romane Gedichte und Balladen, kleine Märchen usw.; dabei bezogen sie sich oft auf Goethes Werke („Die Leiden des jungen Werthers“, „Wilhelm Meisters Lehrjahre“). Goethe bat seinerseits August Wilhelm Schlegel in dessen Jenaer Zeit mehrfach um Rat in Fragen der Metrik. Er schätzte Schlegel als Literaturhistoriker und -kritiker, als Übersetzer und als Menschen. Als Dichter hielt er ihn für weniger bedeutend.Hartmut Fröschle: Goethes Verhältnis zur Romantik. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, S. 171. Im Kampf gegen den Rationalismus standen die Brüder Schlegel auf Goethes Seite.

Eine erste Sammlung von August Wilhelm Schlegels Gedichten erschien 1800. Als frischer und unmittelbarer als seine Lyrik erwiesen sich allerdings seine Satiren. Deren Mittel- und Höhepunkt bildete das empfindsam-romantische Schauspiel in zwei Aufzügen Kotzebue’s Rettung oder der tugendhafte Verbannte, voll boshaft-witziger Anspielungen auf die meisten Werke des Angegriffenen und auf seine neuesten Schicksale in Russland und Sibirien.

Als Dichter erlebte Schlegel Misserfolge. Anfang 1802 fiel sein klassizistisches Schauspiel Ion, basierend auf einem Original von Euripides, aber ohne griechische Formelemente wie Prolog und Chor, durch.Ausstellung Papiers à Mr. Schlegel im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, 2004: Ion, abgerufen am 27. August 2016. Das Stück lag im Rahmen einer zeitgenössischen Strömung, sich die Antike durch Modernisierung bzw. „Romantisierung“ anzueignen.Beatrice Osdrowski: Die Brüder Schlegel und die „romantische“ Dramatik. Ein typologischer Vergleich von Theorie und Praxis des „romantischen“ Dramas in Deutschland und Spanien. Diss. Universität Jena, 2004, S. 180 (online). Auch Goethe nahm Stellung. Er hatte sich als Theaterdirektor um die Einstudierung und Aufführung bemüht, tadelte Schlegel jedoch dafür, dass dieser bei seiner Überarbeitung des Ion den Euripides gebührenden Respekt habe vermissen lassen.Hartmut Fröschle: Goethes Verhältnis zur Romantik. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, S. 183.

mini|hochkant|Schlegel um 1800

Berlin Schlegel lebte mittlerweile in Berlin. Dort hielt er von 1801 bis 1804 die Vorlesungsreihe Über schöne Literatur und Kunst, in der er die Literaturen des klassischen Altertums, des germanischen und provenzalischen Mittelalters und der romanischen (besonders spanischen und italienischen) Neuzeit als ebenbürtig darstellte. Neben den Jenaer Vorlesungen Über philosophische Kunstlehre (1798–1799) und den 1803–1804 ebenfalls in Berlin gehaltenen Vorlesungen über Enzyklopädie sind die Berliner Vorlesungen Über schöne Literatur und Kunst die Hauptquelle für August Wilhelm Schlegels sprachphilosophische Konzepte, die neben denjenigen Wilhelm von Humboldts als der bedeutendste Beitrag des frühen 19. Jahrhunderts zu diesem Themenkomplex gelten können.Auf A. W. Schlegel geht offenbar der Begriff der Vergleichenden Grammatik zurück; vgl. seine [Besprechung der] Sprachlehre von A. F. Bernhardi in: Europa. Eine Zeitschrift. Herausgegeben von Friedrich Schlegel. Zweiter Band. Frankfurt a. M. 1803, S. 193‒204; hier S. 203f. Im Sinne Herders und Winckelmanns forderte und versuchte Schlegel eine Verbindung von philosophischer Theorie und von Geschichte der Kunst; das vermittelnde Bindeglied zwischen beidem sah er in der Kritik. Die Berliner Jahre waren „die Glanzzeit Schlegels, auch im gesellschaftlichen Leben“.Edgar Lohner: August Wilhelm Schlegel. In: Benno von Wiese: Deutsche Dichter der Romantik: Ihr Leben und Werk. Zweite, überarbeitete und vermehrte Auflage. Schmidt, Berlin 1983, ISBN 3-503-01664-3, S. 146.

Coppet mini|Schloss Coppet, Wohnsitz von Madame de Staël