mini|Nicht realisierte Vision der Kolonie New Harmony, Zeichnung von F. Bate, gedruckt 1838 Als Frühsozialismus oder utopischer Sozialismus werden frühe sozialistische Theorien zusammengefasst: Utopien eines gerechten Idealstaates, frühe Formen des Gemeineigentums und vor allem sozialistische Bewegungen und Theorien der Neuzeit, die vor 1848 entstanden sind. Bekannte Frühsozialisten waren Henri de Saint-Simon, Robert Owen, Charles Fourier, Pierre-Joseph Proudhon, François Noël Babeuf und Étienne Cabet. Das Ende der Französischen Revolution bildet den Anfang des modernen Sozialismus. Dieser wird in drei Abschnitte aufgeteilt, von denen der erste Abschnitt als Frühsozialismus bezeichnet wird.

Begriff Der Begriff Frühsozialismus bezieht sich auf die Tatsache, dass die genannten Theorien und Ideen vor den Revolutionen von 1848/1849, vor den ersten eigentlich sozialistischen Vereinigungen und vor allem vor den Schriften von Karl Marx veröffentlicht wurden. Neben dem Wirken von Marx und dem Entstehen der Sozialdemokratie spielten auch Persönlichkeiten des vor allem in Süd- und Osteuropa erstarkenden Anarchismus wie Pierre-Joseph Proudhon und Michail Bakunin eine Rolle bei der Ablösung frühsozialistischer Ideen.

Der Begriff utopischer Sozialismus ist die Abgrenzung durch Karl Marx und Friedrich Engels selbst, worauf auch moderne Forscher hinweisen, die den Begriff (teilweise in Anführungszeichen) übernehmen. Ein Beispiel hierfür ist Albert S. Lindemann, der auch von den „ersten Sozialisten“ spricht, die er um 1800 bis 1848 zeitlich verortet. Diese frühen oder utopischen Sozialisten lebten alle etwa um dieselbe Zeit, nämlich 1770 bis 1825. Trotz aller Unterschiede lohne sich laut Lindemann die Zusammenfassung in einer Gruppe. Diese sozialistischen Autoren seien aber keine Utopisten etwa im Sinne von Thomas Morus gewesen, denn sie hätten daran geglaubt, dass ihre ideal vorgestellten Gesellschaften in naher Zukunft zu realisieren gewesen seien.Albert S. Lindemann: A History of European Socialism. Yale University Press, New Haven / London 1983, S. 38.

Zentral bei den frühen Sozialisten ist der Begriff der menschlichen Natur, so Leszek Kołakowski. In diesem fundamentalen Sinn seien alle Menschen gleich – mit identischen Rechten und Pflichten. Für diese Autoren gehe es vor allem um die Frage, warum die bisherige Geschichte mit ihren Kriegen und der Ausbeutung der natürlichen Bestimmung des Menschen genau entgegengesetzt verlaufen sei. Die traditionelle christliche Lehre verweise in diesem Zusammenhang auf die Erbsünde, woran die frühen Sozialisten hingegen – selbst, wenn sie Christen waren – nicht glaubten.Leszek Kołakowski: Die Hauptströmungen des Marxismus. Entstehung – Entwicklung – Zerfall. Piper, München 1977, S. 249/250.

Religion spielte für die frühen Sozialisten eine zentrale Rolle, spätestens seit Saint-Simons berühmten Noveau christianisme (1825).Julian Strube: Sozialismus, Katholizismus und Okkultismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. De Gruyter, Berlin/Boston 2016, S. 41–95. So riefen sich etwa die Saint-Simonisten zur „Kirche“ aus und verstanden sich als „Apostel“. Cabet prägte wiederum das von Engels kritisierte Diktum „La communauté c’est le christianisme.“ Der Großteil der französischen Sozialisten unter der Julimonarchie artikulierte eine explizit christliche Identität, die in der Regel mit einer harten Kritik an den etablierten Kirchen einherging. Daher überrascht es nicht, dass zeitgenössische Studien den Sozialismus durchweg als Teil einer religiösen Tradition betrachteten.Julian Strube: Sozialismus, Katholizismus und Okkultismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. De Gruyter, Berlin/Boston 2016, S. 105–115.

Der Begriff der menschlichen Natur führe dann zur Idee der kommunistischen Despotie. Es sei für die Frühsozialisten unwichtig, ob die Menschen selbst für die Verwirklichung des Kommunismus sind. Kołakowski zitiert den kommunistischen Autor Jean-Jacques Pillot, dem zufolge man auch nicht die Insassen einer Irrenanstalt frage, ob sie ihr Bad nehmen wollen. Kołakowski begegnet dem mit der Frage, wer denn darüber entscheide, wer Arzt und wer Irrer sei.Leszek Kołakowski: Die Hauptströmungen des Marxismus. Entstehung – Entwicklung – Zerfall. Piper, München 1977; S. 251.

Ausgangspunkt der Frühsozialisten ist das abzuschaffende Elend des Proletariats. Allerdings wurden sie nicht konkret politisch aktiv, so Kołakowski, da rein politische Veränderungen keine neue Wirtschaftsordnung bringen könnten. Der Sozialismus werde als historische Gesetzmäßigkeit unbedingt die Welt beherrschen. Sie konnten die Annahme der historischen Notwendigkeit nicht mit der Vorstellung des Sozialismus als einem Projekt mit moralischem Wert in Übereinstimmung bringen. Für Marx hingegen sei der Ausgangspunkt nicht das Elend, sondern die „Entmenschung“ gewesen, die Entfremdung des Menschen von der von Menschen geschaffenen Welt. Keim des Sozialismus werde Marx zufolge die Bewusstwerdung um diese Entmenschung sein.Leszek Kołakowski: Die Hauptströmungen des Marxismus. Entstehung – Entwicklung – Zerfall. Piper, München 1977, S. 253/254.

Vorgeschichte Altertum Das Gemeineigentum, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein und damit soziale Unterschiede erübrigen sollte, ist schon in einigen alten Religionen bekannt, beispielsweise bei den persischen Mazdakiten, im Taoismus und im Judentum. Diese verstehen die lebensnotwendigen Güter als Gabe eines Gottes oder einer universalen Ordnung an alle Menschen und leiten daraus Forderungen an ein Kollektiv ab, den Besitz gerecht zu verteilen oder gemeinsam zu verwalten.

In altorientalischen Klassengesellschaften wurde häufig eine Urzeit beschworen, in der es noch keine Spaltungen in Besitzende und Besitzlose gegeben habe: so das Ideal der Großen Gemeinsamkeit im Konfuzianismus. In der biblischen Prophetie seit etwa 700 v. Chr. wird das vergessene Gottesrecht des Erlassjahrs Bestandteil der Endzeiterwartung. Im Urchristentum wurde die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde zum normativen Ideal des Zusammenlebens aller Christen, das viele Versuche von Gütergemeinschaften und Sozialkritik in der Christentumsgeschichte anregte. In der Griechischen Philosophie tauchen seit etwa 400 v. Chr. Entwürfe eines idealen Staates auf, der kein Privateigentum kennt und in die Urzeit oder eine fiktive Inselwelt projiziert wurde: so in Platons Staat, bei Phaleas von Chalkedon oder in Iambulos’ utopischen Sonnenstaat.

Mittelalter

In den sogenannten Ketzer- und Armutsbewegungen des Mittelalters gab es verschiedene Anläufe zu Gütergemeinschaften und antihierarchisch ausgerichteten Kirchenreformen.

Frühe Neuzeit mini|hochkant|Thomas Morus, 1527 Der Humanismus des 16. Jahrhunderts hatte – parallel zu den durch wirtschaftliches Elend hervorgerufenen Bauernaufständen – Ideen einer gerechten, von allen Bürgern gleichermaßen getragenen Gesellschaftsordnung entwickelt, die ihrerseits auf die antike Polis und ihre Demokratie-Vorstellungen zurückgriffen.

Folgenreich war besonders der lateinische Bildungsroman Utopia des englischen Staatsrechtlers Thomas Morus von 1516. Ohne den Begriff selbst stellte Morus hier eine Art Kommunismus als Gegenbild zur europäischen Feudalherrschaft dar: Alle arbeiten und besitzen alles gemeinsam, auch und gerade Grund und Boden als das hauptsächliche damalige Produktionsmittel. Allerdings unterscheidet er sich von vielen späteren sozialistischen Ideen durch einen mittelalterlich anmutenden Patriarchalismus und Antiindividualismus.Ferdinand Seibt: Utopica. Zukunftsvisionen aus der Vergangenheit. Orbis, München 2001, S. 26–35.

Auch Tommaso Campanella griff 1602 in seinem Werk La città del Sole erneut auf die Idee des Sonnenstaats zurück.

Aufklärung und Revolutionen Im 17. und 18. Jahrhundert erlaubte der technische Fortschritt im Manufaktur- und Verlagswesen bereits eine Massenherstellung von Produkten, noch ohne maschinelle Produktionsmittel. Dies veränderte die Lebensbedingungen und Interessenlagen für immer größere Bevölkerungsteile enorm.

Im Zuge der Aufklärung entstanden mit der Idee der Menschenrechte Vorstellungen eines gleichberechtigten und herrschaftsfreien Zusammenlebens. In zahlreichen – stets von der Obrigkeit bedrohten – Geheimbünden und Vereinen suchten mittellose Handwerker, Bauern und Intellektuelle ein Forum und Anhänger für ihre Ideen. Sie waren kaum an der wissenschaftlichen Erhebung empirischer Daten interessiert, entwickelten ihre Vorstellungen aber aus der widersprüchlichen Erfahrung enttäuschter Demokratiehoffnungen und relativer Rechtsfortschritte. Doch erst mit der Emanzipation des Bürgertums bekamen diese Ideen eine politische Stoßkraft.

Bedeutende Frühsozialisten mini|hochkant|Henri de Saint-Simon, Vordenker des Saint-Simonismus. François Noël Babeuf (1760–1797) war wahrscheinlich der erste Autor, der den Sozialismus als Staatsform anstrebte. Er gründete dazu während der Französischen Revolution die verschwörerische Société des égaux („Gesellschaft der Gleichen“): Damit begann der Frühsozialismus sich politisch zu organisieren. Über Filippo Buonarroti gelangten Babeufs Ideen zu den Frühsozialisten Charles Fourier (Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen, 1808) und Louis Blanc (1811–1882). Von seinen Ideen und denen des Henri de Saint-Simon war wiederum der 1834 in Paris gegründete Bund der Geächteten beeinflusst. Von ihm spaltete sich 1836 der Bund der Gerechten ab, dessen Führung bis 1848 der Schneider Wilhelm Weitling übernahm. Weitling, ein Frühsozialist mit christlichen Überzeugungen, gilt als erster deutscher Theoretiker des Kommunismus

mini|Robert Owen Frühe Sozialisten waren auch der deutsch-jüdische Philosoph Moses Hess (1812–1875), der den sozialistischen Flügel des Zionismus begründete, Hermann Kriege und der deutsche Journalist Karl Grün (1817–1885). Der deutsche Ökonom Karl Rodbertus (1805–1875) gilt als Begründer des Staatssozialismus.

In England war Robert Owen der bedeutendste Frühsozialist, der sich aus Armut schon in jungen Jahren zum Unternehmer emporgearbeitet hatte. Vor allem bis zu seinem öffentlichen Bekenntnis zum Atheismus war er auch in den gehobenen Gesellschaftsschichten sehr populär. Owen war, eine Ausnahme unter den Frühsozialisten, auch praktisch politisch aktiv, so beeinflusste er beispielsweise die Arbeiterschutzgesetze und versuchte sich (erfolglos) in Amerika mit einer sozialistischen Mustersiedlung. Er gilt als Vertreter des Genossenschaftssozialismus.Walther Theimer: Der Marxismus. Lehre – Wirkung – Kritik. 8. Auflage. Francke, Tübingen 1985; S. 97–98. Die nach seinen Ideen 1834 gegründete Gewerkschaft Grand National Consolidated Trades Union organisierte alle Arbeiter, gelernte und ungelernte, in einer Allgemeinen Gewerkschaft (General Union). Sie wurde von Unternehmern mit Aussperrungen und von der Regierung mit Repressionen bekämpft, so dass sie schon nach einem Jahr zusammenbrach.A. E. Musson: British Trade Unions 1800-1875. Macmillan, London 1972, S. 32f.

Antisemitismus