mini|Robert Menasse (2025)
Robert Menasse (* 21. Juni 1954 in Wien) ist ein österreichischer Schriftsteller und politischer Essayist.
Leben Robert Menasse ist der Sohn des österreichischen Fußballspielers Hans Menasse und Halbbruder der Journalistin und Schriftstellerin Eva Menasse. Er verbrachte einen Teil seiner Schulzeit in einem Wiener Internat.Michael Rölcke, Wolfgang Strehlow: Robert Menasse. URL: http://www.nachschlage.net/search/klg/Robert+Menasse/393.html. (KLG). Abgerufen am 10. Juli 2021. Er studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft und war 1976 Mitgründer der Wiener Studentenzeitschrift Zentralorgan herumstreunender Germanisten. Er wurde 1980 mit der Arbeit Der Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb (am Beispiel Hermann Schürrer) zum Dr. phil. bei Wendelin Schmidt-Dengler promoviert.
Von 1981 bis 1988 lehrte er zunächst als Lektor für österreichische Literatur, später als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie an der Universität São Paulo in Brasilien. Er hielt vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorie ab, die für seine eigenen Romanproduktionen bedeutend waren.Michael Rölcke, Wolfgang Strehlow: Robert Menasse. URL: http://www.nachschlage.net/search/klg/Robert+Menasse/393.html. (KLG). Abgerufen am 10. Juli 2021. Seit seiner Rückkehr nach Wien arbeitet er als freier Schriftsteller und zunächst auch als Übersetzer aus dem brasilianischen Portugiesisch.
Im Jahr 1981 wurde er Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung. Zwölf Jahre später wurde er in den P.E.N. Club gewählt. Aus diesem trat er 1998 zusammen mit Robert Schindel aus Protest gegen die Mitgliedschaft des Schriftstellers Paul Kruntorad aus.Matthias Beilein: 86 und die Folgen: Robert Schindel, Robert Menasse und Doron Rabinovici im literarischen Feld Österreichs. Erich Schmidt Verlag, 2008, S. 76, Anm. 216. Google-Books 1999 verbrachte er drei Monate als Writer in Residence in Amsterdam. Seit 2011 kuratiert er ein Writer-in-Residence-Programm in der one world foundation in Sri Lanka.Karin Cerny: Sri Lanka: Hintereingang ins Paradies. In: profil, 21. August 2014. Im Juni 2022 gehörte er zu den Mitgründern des PEN Berlin. Im März 2023 trat er im Zuge der SPÖ-Mitgliederbefragung 2023 wieder in die SPÖ ein, der er bereits zuvor bis zu seinem Austritt jahrelang angehört hatte.
Seine Werke wurden in folgende Sprachen übersetzt: Baskisch, Bulgarisch, Englisch, Französisch, Griechisch, Hindi, Italienisch, Kroatisch, Litauisch, Niederländisch, Norwegisch, Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Serbisch, Slowenisch, Spanisch, Tschechisch und Ungarisch.
Menasse lebt heute hauptsächlich in Wien. Er ist mit Elisabeth Menasse-Wiesbauer verheiratet.Robert Menasse: Ein intellektuelles Profil. In: Matthias Beilein: 86 und die Folgen. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2008, S. 127.
Romane
Robert Menasses erste Erzählung Nägelbeißen wurde 1973 in der Zeitschrift Neue Wege veröffentlicht. Von 1975 bis 1980 arbeitete er an seinem unvollendeten und unveröffentlichten Roman Kopfwehmut, einem Gesellschaftsroman, der im Wien der 1970er Jahre spielt. Sein erster veröffentlichter Roman Sinnliche Gewißheit erschien 1988 als der erste Teil der in Brasilien begonnenen Trilogie der Entgeisterung. Letztere umfasst auch den 1991 publizierten Roman Selige Zeiten, brüchige Welt, der zugleich Kriminalroman, philosophischer Roman und jüdische Familiensage ist, sowie den Roman Schubumkehr (1995) und die Nachschrift Phänomenologie der Entgeisterung (1995).
In Schubumkehr schildert Menasse vor dem Hintergrund der privaten Lebensumstände des Literaturdozenten Roman, der bereits in Sinnliche Gewissheit eingeführt wurde, den Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und das Zerbrechen der vertrauten Ordnung in einem kleinen niederösterreichischen Dorf. Dieser Roman, der nicht zuletzt auch eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte darstellt, wurde 1999 mit dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet und verschaffte dem Autor allgemeine Bekanntheit. Wie im Titel des Romans Schubumkehr und in der Trilogie der Entgeisterung bereits anklingt, kehrt Menasse Hegels Phänomenologie des Geistes um. Im Gegensatz zu Hegel, der eine Entwicklung des menschlichen Bewusstseins zum allumfassenden Geist annimmt, postuliert Menasse eine regressive Entwicklung, deren letzte Stufe die „Sinnliche Gewissheit“ ist, nach Hegel die naivste Form des Bewusstseins.
In seinem Roman Die Vertreibung aus der Hölle (2001) stellt Menasse die Objektivierbarkeit der Geschichte in Frage, verknüpft mit der persönlichen Geschichte des Autors und dessen jüdischen Wurzeln, eine Thematik, die den Autor immer wieder beschäftigen wird. 2007 erschien Don Juan de la Mancha, in dem er von mehr oder weniger fiktiven Begebenheiten aus dem (Liebes-)Leben des Zeitungsredakteurs Nathan – zwischen Lustlosigkeit, Trieb, Begierde und der Suche nach einer erfüllten Liebe – erzählt. Die Figur Nathan steht als Exempel für die Generation, die in den 1970er Jahren mit dem Anspruch der „sexuellen Revolution“ sozialisiert wurde.
Im Jahr 2017 veröffentlichte Menasse die Satire Die Hauptstadt,Robert Menasse, Die Hauptstadt, auf literarische-bilder-unserer-zeit.uni-koeln.de, abgerufen am 26. Juli 2026. die von der Fachkritik als weltweit erster Roman über die Europäische Union gefeiert wurdeAndreas Isenschmid: Robert Menasse. Herrliche Drittmittelgedanken, auf zeit.de, 6. September 2017, abgerufen am 26. Juli 2026. und den Deutschen Buchpreis erhielt. Die Geschichte stellt Beamte der Kulturabteilung der EU-Kommission in den Mittelpunkt, die das Image der Kommission zu deren Geburtstag aufpolieren sollen. Dies soll mit einem „Big Jubilee Project“-Event mit KZ-Überlebenden in Auschwitz gelingen. Neben den EU-Beamten der Generaldirektion Kultur, zum einen die Leiterin einer Direktion sowie ihr Abteilungsleiter, stehen ein pensionierter jüdischer Lehrer und Auschwitz-Überlebender im Altenheim, ein österreichischer Schweine-Großzüchter, der die Landwirtschafts- und Fleischlobby repräsentiert, ein emeritierter österreichischer Professor, der an Treffen eines Think Tanks teilnimmt und der Auschwitz als künftige europäische Hauptstadt vorschlägt, was natürlich abgelehnt wird, ein belgischer Kommissar, der einen Mordfall aufzudecken versucht, und ein Auftragskiller aus Polen im Fokus. Die Lebensgeschichten der handelnden Personen führen in sechs EU-Länder. Ein immer wiederkehrendes Motiv, das das Buch auch eröffnet, ist ein mitten in Brüssel frei herumlaufendes Schwein. Mit dieser Metapher möchte Menasse alle „vom Glücksschwein bis zur Drecksau“ verbinden.
Der Regisseur Tom Kühnel und der Dramaturg Ralf Fiedler haben den Roman mit rund zwanzig Figuren in eine Theaterfassung überführt, die im Januar 2018 im Theater am Neumarkt in Zürich uraufgeführt worden ist. Nach einer Inszenierung von Regisseurin Lucia Bihler am Schauspielhaus Wien mit der Premiere im September kam die deutsche Uraufführung im Oktober 2018 am Schauspiel Essen heraus. Die Bühnenfassung und Inszenierung von Hermann Schmidt-Rahmer kommt mit pausenlosen 2 Stunden 10 Minuten und sechs Schauspielern für alle Rollen aus. Die Theaterkritik monierte, die „Inszenierung schwanke zwischen Bürokratenfarce, Typenstudie, Polittheater und verliere sich zwischen all den Figuren, Handlungssträngen, Ambitionen“. Gelobt wurde zugleich „ein galliger, turbulenter Theaterabend, der nicht viel Europa-Optimismus lässt.“Hermann Schmidt-Rahmer bringt Robert Menasses komplexen Europa-Roman auf die Bühne des Essener Schauspiels, Nachtkritik.de vom 5. Oktober 2018, abgerufen am 10. Oktober 2018 In der Regie von Niklas Ritter brachte das Deutsche Theater Göttingen am 10. Juli 2020 eine neue Inszenierung von Die Hauptstadt zur Premiere, „die sich vor allem in der Lust am Spiel, in der Bewegung und der Übertreibung gefällt“.Jan Fischer: „Schweinereien in Brüssel“, Rezension auf Nachtkritik.de vom 10. Juli 2020, abgerufen am 11. Juli 2020
Im Oktober 2022 erschien mit dem Roman Die Erweiterung die Fortsetzung zu Die Hauptstadt.
Essays und kulturtheoretische Schriften alt=Robert Menasse bei seiner Rede im Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Brüssel anlässlich des Festaktes zum 60. Geburtstag der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 21. März 2017.|mini|Robert Menasse bei seiner Rede im Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Brüssel anlässlich des Festaktes zum 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 21. März 2017
In seinem politisch-publizistischen Schaffen gilt Menasse als „Aufklärer alten Schlages“, dessen geistige Bezüge insbesondere Hegel und Marx, weiter Georg Lukács, Ernst Bloch und die Philosophen der Frankfurter Schule sind.Siehe dazu Hans-Dieter Schütt, Die Erde ist der fernste Stern. Gespräche mit Robert Menasse. Berlin (Karl Dietz Verlag) 2008. ISBN 978-3-320-02152-8. Ferner auch: Eva Schörkhuber (Hrsg.), Was einmal wirklich war. Zum Werk von Robert Menasse, Wien (Sonderzahlverlag) 2007. ISBN 978-3-85449-273-3.
Essays wie Die sozialpartnerschaftliche Ästhetik (1990) oder Das Land ohne Eigenschaften (1992) machten Menasse als Essayisten berühmt, aber ließen auch Kritik wegen „Nestbeschmutzung“ laut werden. Im Land ohne Eigenschaften beschäftigt er sich mit der österreichischen Nationalidentität in Bezug auf den nahenden Beitritt zur Europäischen Union 1995 und vor allem in Abgrenzung zu Deutschland und der deutschen Identität nach dem Zweiten Weltkrieg. Oft vertritt er das Argument, dass die Identität der Österreicher künstlich geschaffen wurde, um sich nach dem Fall des Nationalsozialistischen Regimes von den Deutschen abzugrenzen. Im Laufe der Zeit folgten die Essaybände Hysterien und andere historische Irrtümer (1996) sowie Dummheit ist machbar (1999), Erklär mir Österreich (2000) und Das war Österreich (2005). Der Autor setzt sich in diesen Texten mit der politischen Geschichte, Mentalitätsgeschichte und Literaturgeschichte der zweiten Republik Österreich auseinander, bezieht zur gegenwärtigen kulturpolitischen Situation in seinem Heimatland Stellung und behauptet eine latente Kontinuität des Austrofaschismus. mini|Jakob Augstein und Robert Menasse im Gespräch, 15. Mai 2017 im Theater Neumarkt in Zürich Seit 2005, seit seinen Frankfurter Poetikvorlesungen Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung, widmet sich Menasse in seinen Essays vermehrt EU- und globalisierungskritischen Themen. In diesem europa- bzw. weltweiten Zusammenhang kritisiert Menasse vor allem die demokratiepolitischen Defizite und die Auffassung, diese Defizite seien strukturbedingt, was die Aussicht auf mögliche Alternativen verstelle. Dabei steht er der Europäischen Union nicht grundsätzlich kritisch gegenüber, sondern begründet in seinen Kritiken die demokratiepolitischen Defizite vor allem mit dem Einfluss und der Macht der einzelnen Nationalstaaten, wogegen er rein europäische Institutionen, wie etwa die Kommission, positiv bewertet. In Der Europäische Landbote (2012) bildet er die übernationalen Organe und Bürokratien der EU in Brüssel ab und entwickelt dabei den „Habsburgischen Mythos“ des Claudio Magris weiter zum „Europäischen Mythos“. Dies führt auch zu einer positiven Rückschau auf die Habsburger Monarchie.Robert Menasse in Das Gestern war noch nie so jung. In: Die Presse, 9. Mai 2014, Spectrum S. 1. Menasse spricht sich in diesem Zusammenhang für eine „Europäische Republik“ auf der Basis eines Europas der Regionen aus. Seine Recherchen in Brüssel für den Europäischen Landboten wurden von einer Stiftung des Glücksspielkonzerns Novomatic gesponsert.Reinhard Göweil: Das Abendland in der Nacht, Wiener Zeitung, 28. September 2012