Das Gotthardmassiv oder Sankt-Gotthard-Massiv (, , ) ist ein Gebirgsmassiv der Schweizer Alpen in der Region Zentralschweiz. Es ist nach dem Gotthardpass benannt, welcher wiederum den Namen des hl. Godehard von Hildesheim trägt.

Das Gotthardmassiv liegt an der Grenze der Kantone Graubünden, Tessin, Wallis und Uri.

Zum Begriff des Gotthardmassivs Gotthardmassiv ist ein ursprünglich petrologisch-tektonischer Begriff (Massiv im Sinne einer kompakten Gesteinsmasse), der schon in der frühen – geologisch orientierten – Alpenforschung des beginnenden 19. Jahrhunderts eingeführt wurde.

Weil auch die Geomorphologie den Begriff des Massivs für sich verwendet (im Sinne einer scharf umgrenzten, in sich wenig gegliederten Bergformation), hat die Bezeichnung auch Eingang in andere Fachgebiete gefunden. Die Gegend bildet das Herz der Zentralalpen; von hier streben vier der grossen Alpenflüsse (Rhein, Reuss–Aare, Rhone, Ticino) in alle Himmelsrichtungen und bilden orographisch fundamentale Gliederungen des Alpenbogens.

Auch nach der traditionellen schweizerischen Usanz, Gebirgsgruppen der Alpen nach Kantonen zu benennen, nimmt die Berggruppe im Vierkantonseck eine Sonderstellung ein, sodass die Bezeichnung in der Landesgeographie üblich geworden ist.

Abgrenzung und Einordnung Je nach geographischem Konzept werden die Grenzen und die Einordnung des Gotthardmassivs unterschiedlich gesehen.

mini|Kern des östlichen Gotthardmassivs am Pizzo Centrale (Blick Südwesten) Relativ übereinstimmend ist bei allen räumlichen Modellen das Kerngebiet, das sich auf gut 20 Kilometer Länge zwischen dem Furkapass () im Westen über den Gotthardpass (Passo del San Gottardo ) bis zum Oberalppass (Alpsu, ) im Nordosten erstreckt, und einerseits in den Muttenhörnern (Grosses ) und andererseits im nach seiner Lage benannten Pizzo Centrale () kulminiert.

mini|links|Pizzo Rotondo Im Westen lässt sich orographisch gesehen die Grenze bis an den Nufenenpass (Passo della Novena, ) ausdehnen, wodurch hier der Pizzo Rotondo () der höchste Punkt ist. Das Massiv im Sinne der Geologie erstreckt sich aber bis Brig-Glis im Oberwallis, daher findet auch die Monte Leone-Gruppe (im weiteren Sinne, Simplongruppe) bis an den Simplonpass  mit dem Monte Leone () bei dieser Gruppe genannt, die dann aber schon weit ins Italienische bis vor Domodossola reicht. Moderne Konzepte der Alpengliederung sehen einen erweiterten Monte-Leone–Sankt-Gotthard-Zug vor (SOIUSA).

mini|Piz Medel bei Disentis (auch bei den Bündner Alpen geführt) Im Osten bietet sich der Lukmanierpass (Passo del Lucomagno, Pass dil Lucmagn, ) als Begrenzung an, dann mit dem Piz Gannaretsch () als höchstem Punkt des Ostteils. Geologisch läuft das Gotthardmassiv aber ebenfalls noch weiter, bis Übersaxen schon tief im Tal des Vorderrheins. Daher findet sich auch der Greinapass (Passo della Greina, Pass Crap ) als Grenze, und der Piz Medel () als höchste Erhebung (Diener).

Geologisch hört das Massiv nördlich in der Ursern (Reussquelltal) am Nordfuss des Gotthardpasses auf. Die meisten Beschreibungen verwenden die orographisch charakteristische Linie Goms (Rhone/Rotten) – Ursern – Surselva (Vorderrhein), doch rechnen manche an Talungen orientierte Gebirgsgliederungen die Berge nördlich (Dammagruppe) noch dazu, womit die Gruppe im Dammastock (), an dem die Rhone ihren Ursprung hat, ihren höchsten Punkt findet.

mini|links|Der Südfuss bei Airolo (links im Bild, Blick Südosten mit Pizzo del Sole) Als eindeutige Südgrenze gilt das Val Bedretto (Ticinoquelltal) bei Airolo. Geologisch läuft die Südgrenze dann aber über das vom Ritomsee ostwärts streichende Pioratal (dem folgt in etwa der SAC). Orographisch bliebe hier der südstreichende, schon relativ wenig hohe Kamm zwischen Valle Leventina und Val di Blenio (Pizzo del Sole ) übrig, der dann oft zum Gotthardmassiv dazugerechnet wird (Diener, SOIUSA).

Auch innerhalb des Gesamtbaues der Alpen hat die Gruppe eine Sonderstellung, denn hier treffen sich der Alpenhauptkamm – der in den Westalpen wie auch den Ostalpen einen relativ eindeutigen Verlauf hat – und der in der Schweiz durch die Rhone-Rhein-Furche zwischen Martigny und Chur abgesetzte Nebenkamm, in dem die 4000er der Zentralschweiz zu finden sind, und der als solcher als Zentralkamm gesehen wird. Die Europäische Hauptwasserscheide läuft über den Gotthardpass. Viele Gliederungen der Alpen rechnen diese Gruppe deshalb schon zur Alpensüdseite oder zumindest dem inneren (italienseitigen) Alpenbogen und stellen das Gotthardmassiv zusammen mit den Tessiner Alpen zu den Lepontinischen Alpen (Diener, SOIUSA), andere aber zu den Zentralschweizer Alpen (SAC), wieder andere führen sie aus demselben Grund gänzlich eigenständig (SAC Modern).

Insgesamt finden sich also folgende Umgrenzungen verbreiteterer Systeme (Talungen kursiv, für die streng orographischen Systeme die Hoch- und Tiefpunkte der Umgrenzung mit Höhenangabe):

Die in der Schweiz landesübliche Einteilung des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) gibt das Gebiet Gotthard (höchster Gipfel: Pizzo Rotondo ) als Untergruppe (D.3) der Zentralschweizer Alpen oder völlig eigenständig (GO) in relativ engen Grenzen:Lit. Gotthard. SAC-Clubführer, 1995;Angabe der Grenzen nach Übersicht SAC Club-Führer, stadler-markus.de – mit Karte Überblick über die Gebiete;Gotthard – Schweizer Alpen-Club mit → Kartenausschnitt (Bildansicht), auf mapfox.de. im Westen/Nordwesten: Ulrichen VS – Obergoms bis Gletsch → zu den Ostberner Alpen (Gebiet Grindelwald–Grimsel, BE 5/B.5) im Norden: Gletsch – Furka – Ursern bis Andermatt UR → zum Gebiet Göscheneralp–Furkapass–Grimsel (UR 2/D.1.c) im Nordosten: Andermatt – Oberalp – Surselva bis Disentis/Mustér GR → zu den Osturner Alpen (Gebiet Oberalpstock und Windgällen, UR O/D.1.b) im Osten: Disentis – Val Medel bis zum Lukmanier → zum Gebiet Lukmanier–Domleschg (GR 2/E.2) im Südosten: vom Lukmanier westwärtsDa die SAC-Gliederung nicht zwingend Tallinien führt, ist die genaue Grenze hier unklar. Orographisch wäre Lai da Sontga Maria – Val Cadlimo – Bochetta di Cadlimo (Pass ca. ) – Val Canaria zu sehen. Diese Umgrenzung lässt den Lukmanierpass selbst links liegen. bis Airolo TI → zum Gebiet Piora–Pizzo di Claro (TI 3/F.3) im Süden: Airolo – Val Bedretto bis Bedretto → zum Gebiet Cristallina–Sassariente (TI 2/F.2) im Südwesten: von Bedretto das Val Bedretto weiter zum Nufenen → zum Gebiet Gridone–St. Gotthardpass (F1/TI 1) im Südwesten/Westen: Nufenen – Ägenetal nach Ulrichen → zum Gebiet Simplon–Nufenenpass (VS 6/C.6)

Die von alters her im nichtschweizerischen deutschsprachigen Raum verbreitete Gliederung nach Carl Diener (1891) etablierte eine Gotthard-Gruppe (höchster Gipfel: Piz Medel, ) als Teil der Lepontinischen Alpen im Inneren Gneisalpenzug in relativ weiten Grenzen: Verwendet etwa bei: im Westen/Nordwesten: Ulrichen () – Gletsch → zur Finsteraarhorn-Gruppe der Berner Alpen im Norden: Gletsch – Furka () – Andermatt () → zur Damma-Gruppe der Berner Alpen im Nordosten: Andermatt – Oberalp () – Surselva bis Sumvitg (Surrein ) → zur Tödi-Gruppe der Glarner Alpen im Osten: Val Sumvitg – Passo della Greina () – Val Camadra nach Olivone – Val di Blenio nach Biasca () → zur Rheinwaldhorn-Gruppe der Adula-Alpen im Süden: Biasca – Valle Leventina über Airolo – Val Bedretto bis PaltanoPaltano ist die Lage am Fuss des Passo San Giacomo, taleinwärts von All’Acqua → zu den Tessiner Alpen (Teil der Lepontinischen Alpen) im Südwesten/Westen: Paltano – Nufenen () – Ulrichen → zur Simplon-Gruppe der Lepontinischen Alpen

Die Konzepte der Nachbargruppen entsprechen meist grob denen des SAC.

Nach der modernen systematischen SOIUSA-Kategorisierung bildet das Gotthardmassiv, auch als Rotondo–Centrale–Piz-Bals-Kette genannt (um das genauere Konzept klarzustellen) die Übergruppe (Supergruppe) B (volle Bezeichnung 10.I.B) in den Monte-Leone–Sankt-Gotthard-Alpen (10.I) als Sektion der Lepontinischen Alpen (10). Der Umfang steht zwischen den vorgenannten (die Nachbargruppen sind ebenfalls Supergruppen):Sergio Marazzi: Atlante Orografico delle Alpi. SOIUSA. Pavone Canavese (TO), Priuli & Verlucca editori, 2005. ISBN 978-88-8068-273-8 (italienisch);Sergio Marazzi, La “Suddivisione orografica internazionale unificata del Sistema Alpino” (SOIUSA) – Artikel mit detaillierten Illustrationen (pdf, 1,6 MB; fioridimontagna.it, italienisch). im Westen/Nordwesten: Ulrichen () – Gletsch → zur Kette Finsteraarhorn–Oberaarhorn–Galmihorn (12.II.A) der Berner Alpen (im engeren und weiteren Sinne) im Norden: Gletsch – Furka () – Andermatt () → zur Kette Dammastock–Sustenhorn (12.I.A) der Urner Alpen (Berner Alpen i. w. S.) im Nordosten: Andermatt – Oberalp () – Surselva bis Disentis () → zur Kette Oberalpstock–Clariden–Schärhorn (13.I.A) der Osturner Alpen (Glarner Alpen i. w. S.) im Osten Disentis –Val Medel bis zum Lukmanier  – Valle Santa Maria nach Olivone – Val di Blenio nach Biasca () → zur Kette Medel–Terri (10.III.A) der Adula-Alpen (Teil der Lepontinischen Alpen) im Südosten: Valle Leventina über Airolo bis Osasco → zur Kette Campo Tencia–Zucchero–Madone Grosso (10.II.D) der Tessiner und Verbaner AlpenEine erweiterte Benennung für den etablierten Begriff der Tessiner Alpen für den italienischen Raum am Lago Maggiore (Verbano) im Süden: Osasco – Valle Leventina/Val Bedretto bis Paltano → zur Kette Basodino–Cristallina–Biela (10.II.A) der Tessiner und Verbaner Alpen im Südwesten/Westen: Paltano – Nufenen () – Ulrichen → zur Kette Monte Leone–Blinnenhorn (10.II.A) der Monte-Leone–Sankt-Gotthard-Alpen Diese Gliederung entspricht der nach Diener ohne das Piz-Medel-Massiv. Die Nachbargruppen sind natürliche Bergzüge und finden sich unter anderen Namen ebenfalls verbreitet so.

Die Systematik der biogeographischen Regionen der Schweiz des BUWAL teilt entsprechend den Kantons- beziehungsweise Talungsgrenzen die Zentralalpen (4) aber am Furka-Pass und von der Alpensüdflanke (6) am Hauptkamm, sodass die nordwestlichen Teile des Gotthardmassivs (mit der Talung des Rhonegletschers) zu den Westlichen Zentralalpen (41/WA1), die Nordostteile zu den Östlichen Zentralalpen (42/WA2) und die Südabdachung zu den Südalpen (61/SA1) gerechnet werden.

Gliederung Das Gotthard-Massiv zerfällt in zwei Regionen, von denen eine westlich und eine östlich des Gotthardpasses liegt.

Die SOIUSA gliedert die Gruppe in: Gruppe Gallina-Rotondo-Lucendro im Westen (B.6) Gruppe Pizzo Gallina () (B.6.a) mit dem Mittaghorn () Gruppe Pizzo Rotondo () (B.6.b) mit dem Witenwasserenstock (3082 m) Gruppe Pizzo Lucendro () (B.6.c) Kette Pizzo Centrale-Piz Blas im Osten (B.7) Gruppe Pizzo Centrale () (B.7.a) Gruppe Piz Blas ()(B.7.b) Gruppe Sole im Südosten (B.8) Pizzo del Sole () (B.8.a) Pizzo Molare () (B.8.b).

Die Abgrenzung der drei Untergruppen ist die Süd–Nord-Linie Tremolatal – Gotthard – Gotthardreuss respektive das vom Lago Ritóm ostwärts streichende Pioratal.

Die dritte, südöstliche Nebengruppe, die geologisch nicht mehr Teil des Massivs ist, gehört nach der SAC–Systematik zu den Tessiner Alpen. Die Berge um den Piz Medel zählt Diener zur Gotthardgruppe, der SAC zu den Bünder Alpen, die SOIUSA zu den Adula-Alpen.

Der SAC gliedert in Muttenhörner und Saashörner, Blashorn – Pizzo Gallina, Pizzo Nero – Poncione di Cassina Baggio, Chüebodenhorn – Witenwasserenstock, Pizzo Lucendro – Winterhorn, Pizzo Centrale – Gemsstock, Piz Alv – Badus, Piz Borel – Piz Cavradi, Piz Blas – Piz Paradis, Piz Rondadura – Piz Gannaretsch.

Geologie mini|Petrologische Charakteristik des Gotthardmassivs (beim Hospiz mit Bunker der Festung Sasso da Pigna) mini|Zentralmassive der Alpen