mini|Daniel Goldhagen (2011) mini|hochkant|Hitlers willige Vollstrecker (1996) Daniel Jonah Goldhagen (* 30. Juni 1959 in Boston, Massachusetts) ist ein US-amerikanischer Soziologe und Politikwissenschaftler. Bekannt wurde er durch sein Buch Hitlers willige Vollstrecker, das 1996 eine öffentliche Debatte auslöste.

Leben Goldhagen ist das zweitälteste von vier Kindern. Er wuchs auf in Newton (Massachusetts), einem Vorort von Boston.Smith, Dinita: "Challenging a View of the Holocaust". The New York Times. (1. April 1996) Sein Vater, der Historiker und Überlebende des Holocausts Erich Goldhagen, lehrte an der Harvard-Universität. Ebendort studierte Goldhagen jr. und war einige Jahre lang Assistenzprofessor. Er beschäftigte sich in dieser Zeit mit seiner Forschungsarbeit über den Nationalsozialismus und den Holocaust. Seine Frau Sarah Williams Goldhagen ist Architekturkritikerin und lehrte von 1995 bis 2006 an der Harvard Design School.

Goldhagen-Debatte Mit seinem Buch (deutsch Hitlers willige Vollstrecker – Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust) sorgte Goldhagen 1996 in Deutschland für eine erneute Debatte um die Ursachen des Holocausts: Das Buch fand eine breite Leserschaft, die den darin verbreiteten Thesen mit deutlicher Betroffenheit zustimmte, in der Wissenschaft wurden sie aber weithin als monokausal und irrig abgelehnt.Wolfgang Benz: Entwicklungen der Judenfeindschaft: Antijudaismus – Antisemitismus – Antizionismus. Ein Überblick. In: derselbe (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Bd. 8: Nachträge und Register. De Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-037932-7, S. 38.

Goldhagens Thesen Goldhagen geht der Frage nach, warum und wie der Holocaust geschah und was ihn ermöglichte.Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Aus dem Amerikanischen von Klaus Kochmann. Taschenbuchausgabe. Goldmann, München 2000, ISBN 3-442-15088-4, S. 7. Seine Antwort: Hitler und die Deutschen verunglimpften, verfolgten und vernichteten die Juden aus eliminatorischem Antisemitismus heraus.Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Aus dem Amerikanischen von Klaus Kochmann. Taschenbuchausgabe. Goldmann, München 2000, ISBN 3-442-15088-4, S. 8. Zwar habe es auch in anderen Ländern Antisemitismus gegeben; doch nur in Deutschland seien drei Kriterien erfüllt worden: Erstens regierten dort die radikalsten Antisemiten der Geschichte, zweitens dachte die Mehrheit der Bevölkerung schlecht von den Juden, und drittens verfügte der Staat infolge des Krieges über die militärische Macht, den Großteil der europäischen Juden in seine Gewalt zu bringen.Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Aus dem Amerikanischen von Klaus Kochmann. Taschenbuchausgabe. Goldmann, München 2000, ISBN 3-442-15088-4, S. 9f. Indem Goldhagen den gesamtgesellschaftlichen deutschen Antisemitismus als zentrale Triebkraft des Holocaust ausmacht, widerspricht er den vorherrschenden populären und wissenschaftlichen Erklärungsversuchen.

„Warum fand Hitler für sein Ziel – die Vernichtung der Juden – so viele Unterstützer und warum traf er auf so wenig Widerstand? Wie konnten die Deutschen so beispiellose Verbrechen verüben bzw. zulassen?“ So lautete die Frage, und die bisherigen Antworten sind für Goldhagen nicht überzeugend: Der angebliche Befehlszwang war eine bloße Schutzbehauptung der Täter; von der angeblichen Staatshörigkeit der Deutschen war in den chaotischen Jahren zwischen 1918 und 1933 wenig zu spüren; der angebliche Gruppenzwang erklärt das Verhalten einzelner, aber nicht das der Gruppe als ganzer, die diesen Druck ja selbst erst erzeugt; der angebliche Karrierismus der Täter konnte nur in Ausnahmefällen durch eine besonders eifrige Teilnahme am Massenmord befriedigt werden; das angebliche Unwissen über die mörderischen Folgen seiner Taten konnte niemanden befallen, der seine Opfer von Angesicht zu Angesicht quälte und erschoss.Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Aus dem Amerikanischen von Klaus Kochmann. Taschenbuchausgabe. Goldmann, München 2000, ISBN 3-442-15088-4, S. 443–450. Goldhagen geht davon aus, dass die Taten der Deutschen nicht von solchen äußeren Zwängen oder Anreizen herrührten, sondern von inneren Überzeugungen. Die Deutschen wurden nicht gezwungen, Juden zu töten; sie taten es freiwillig, sie waren willige Vollstrecker.

Die Ansichten, Hitlers negative Meinung über die Juden könne von den Deutschen unmöglich geteilt worden sein, und die Verfolgung und Vernichtung der Juden könne von den Deutschen unmöglich gutgeheißen worden sein, sieht Goldhagen als Irrtum an. Er kommt zu dem Ergebnis, dass das scheinbar Undenkbare in Wahrheit das einzig Naheliegende ist: „Eine Gesellschaft, die sich [wie Deutschland zwischen 1933 und 1945] mit Herz und Seele zum Antisemitismus bekennt, wird wohl auch antisemitisch sein.“ Der Antisemitismus, so behauptet Goldhagen, gehörte zu den lang tradierten, fast völlig unhinterfragten Grundüberzeugungen der deutschen Kultur.Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Aus dem Amerikanischen von Klaus Kochmann. Taschenbuchausgabe. Goldmann, München 2000, ISBN 3-442-15088-4, S. 47f. Bereits im 19. Jahrhundert sei die Option, die Juden tatsächlich physisch zu vernichten, in Deutschland in größerem Ausmaß diskutiert worden.

Kern seiner Arbeit in Anknüpfung an Christopher R. Brownings UntersuchungenOrdinary Men: Reserve Police Battalion 101 an the Final Solution in Poland, New York 1992; dt.: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Reinbek bei Hamburg 1993. ist die Beschreibung eines deutschen Polizeibataillons (Reserve-Polizei-Bataillon 101), das im polnischen Generalgouvernement die dort lebenden Juden aufspürte, folterte und schließlich erschoss oder in die Vernichtungslager verschleppte. Anhand von Prozessakten aus späteren Gerichtsverfahren gegen einige Bataillonsangehörige zeigte Goldhagen, dass diese Männer ihre Taten nicht etwa widerwillig, schamhaft und unter Zwang begingen, sondern freiwillig, ausgesprochen eifrig (z. T. über die ausdrücklichen Befehle hinaus), mit Stolz und in der Überzeugung, das Richtige zu tun. Sie quälten und ermordeten ihre Opfer ohne Mitgefühl oder moralische Skrupel. Diese erstaunliche Tatsache führt Goldhagen auf die Vorstellungen zurück, die die Männer von den Juden hatten: Sie betrachteten ihre Opfer nicht als Menschen, sondern als ein Übel, das beseitigt werden musste, so wie eine bösartige Krankheit beseitigt werden muss. Und bei diesen Männern handelte es sich gerade nicht um eingefleischte Nazis. Die Bataillone bestanden aus willkürlich rekrutierten Durchschnittsbürgern, die für den Einsatz an der Front zu alt waren und deren politische Sozialisation dementsprechend lange vor der Machtergreifung stattgefunden hatte. Sie waren weder Weltanschauungskrieger noch verblendete Jugendliche; sie waren (daher der Untertitel von Goldhagens Buch) ganz gewöhnliche Deutsche.

Das Verhalten der Bataillonsangehörigen zeigt in den Augen Goldhagens, wie unumstritten und ausgeprägt der jahrhundertelang gewachsene eliminatorische Antisemitismus in Deutschland war, und wie klein der Schritt von der negativen Einstellung gegenüber Juden zum bestialischen Mord an ihnen war. Ohne die Bereitschaft hunderttausender Deutscher, die am Genozid direkt teilgenommen oder ihn auf andere Weise unterstützt haben, hätte die Vernichtung der europäischen Juden nicht derart reibungslos vonstattengehen können. Er ist daher für Goldhagen auch keine Tat der Nazis (oder gar nur der SS), sondern der Deutschen (was nicht heißt, dass jeder Deutsche in gleichem Maße tatsächlich schuldig wurde). Der deutsche Antisemitismus, das ist Goldhagens zentrale These und Schlussfolgerung, war die Hauptursache des Holocaust.

Reaktionen mini|hochkant|Briefe (1997) Goldhagens These stieß international auf heftige Reaktionen, besonders in den deutschen Medien und bei deutschen Historikern.

Bereits vor dem Erscheinen der überarbeiteten deutschen Ausgabe löste in Deutschland der Artikel Hitlers willige Mordgesellen. Ein Buch provoziert einen neuen Historikerstreit von Volker Ullrich in der Zeit vom 12. April 1996 ein großes Medienecho aus.Michael Schneider: Die „Goldhagen-Debatte“. Ein Historikerstreit in der Mediengesellschaft. Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1997, ISBN 3-86077-669-X (Gesprächskreis Geschichte, Band 17, , zuerst in: Archiv für Sozialgeschichte 37, 1997). Ullrich: „Wie sein aufstörendes, verstörendes Buch bei uns aufgenommen wird – daran wird sich viel ablesen lassen über das historische Bewußtsein dieser Republik.“Volker Ullrich: Hitlers willige Mordgesellen. Ein Buch provoziert einen neuen Historikerstreit. In: Die Zeit, 12. April 1996, abgedruckt in Schoeps 1996, S. 89–92.

Die Kritiker – wie Ullrich – betonen, dass es im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert außerhalb Deutschlands genauso starke, zum Teil sogar stärkere antisemitische Strömungen gegeben habe. Sie verweisen etwa auf die Geschehnisse um die Dreyfus-Affäre in Frankreich sowie auf die seit den 1880er Jahren immer wieder mit staatlicher Duldung oder gar Unterstützung verübten Pogrome an Juden im zaristischen Russland.

Als ungewöhnlich und provokant wurden zu Beginn der Debatte nicht nur die Thesen Goldhagens gewertet, sondern auch seine Ablehnung der bisherigen Holocaustforschung und der Schreibstil seines Buches, der auf „Betroffenheit und Identifikation“ (Michael Schneider) aufbaue; Goldhagen sei eben kein Historiker, sondern Soziologe stellte Paul Johnson in der Washington Post dar und „als Nicht-Historiker neigt Goldhagen dazu, das Phänomen des nazistischen Deutschlands und das Verhalten der Deutschen während der Kriegszeit vom großen historischen Zusammenhang zu isolieren.“Paul Johnson: „An Epidemic of Hatred“, Washington Post, 24.03.1996, zitiert nach Julius H. Schoeps: Ein Volk von Mördern, S. 31, Hoffmann und Campe Hamburg, 1996