Emergente Ordnung (engl. emerging order, auch emergent order) ist ein soziologischer Fachbegriff. Mit ihm wird ganzheitlich die Gesamtheit von Ordnung in sozialen Systemen (von Zweierbeziehungen bis hin zu gesamtstaatlichen Ordnungssystemen) bezeichnet, die sich von Traditionen, Kulturen, antiquierten moralischen Werten usw. löst und von den Beteiligten ständig verändert wird. Als emergent ist sie zu bezeichnen, da die Veränderungen auf menschlichem Mitwirken basieren und diese deshalb weder vorhersehbar noch rückwirkend analysierbar sind. Veränderungen auf der Basis von Emergenter Ordnung finden sich hauptsächlich in Gesellschaften, die auf Individualität aufbauen, also zum Beispiel in marktwirtschaftlich organisierten Industriestaaten.

Da der Begriff „Ordnung“ oft negativ besetzt ist oder auch ausschließend verwendet wird, kann auch der Begriff Emergente Struktur synonym verwendet werden. Gemäß Luhmann kann für soziale Systeme auch nur das Wissen um ordnende Strukturen existieren.Luhmann, Wissenschaft der Gesellschaft, S. 134

Genesis des Begriffs und der unterschiedlichen Basisannahmen Niklas Luhmann hat diesen Begriff 1984 in seinem Hauptwerk Soziale Systeme geprägt und die Entstehung einer Emergenten Ordnung im Rahmen der Systemtheorie definiert. Seitdem wird der Begriff Emergente Ordnung unterschiedlich interpretiert.

Gemäß der Systemtheorie entsteht diese Ordnung in sozialen Systemen selbstreferentiell („aus sich selbst heraus“). Aus konstruktivistischer Sicht ist jede Gesellschaftsform konstruiert, auch Individualität ist hier ein konstruiertes Soziales System. Alle Teilnehmer sind ausschließlich reaktiv in dyadische Interaktionen eingebunden (Doppelte Kontingenz mit Ego und Alter). Allerdings äußerte Luhmann selbst „Unzufriedenheit“ mit mancher Erklärung.Luhmann: Soziologische Aufklärung 6: Die Soziologie und der Mensch, Westdeutscher Verlag, Opladen 1995, S. 30

Seit 2009 wird jedoch auch in der Handlungstheorie von Gesa Lindemann die Konzeptkonstellation für die Entstehung einer Emergenten Ordnung entwickelt, die auf aktiven Interaktionen zwischen Individuen basiert (Soziales Handeln), hier jedoch in triadischen Konstellationen mit Ego/Alter und (zusätzlich) Tertius.Gesa Lindemann: Das Soziale von seinen Grenzen her denken. Velbrück: Weilerswist, 2009

Weitere neuere Erkenntnisse stellen die Existenz (und auch den emergenten Charakter) dieser Emergenten Ordnung keineswegs in Frage, verweisen jedoch auf andere möglicherweise mittragende Phänomene, die Luhmann ausdrücklich ausschließt. Hierzu gehören vor allem Narrative Empathie und Individualität. Aber auch Gefühlsansteckung (soziologisch) als Ursache gesellschaftlicher Veränderungen (gesellschaftlichen Wissens) ist ebenso möglicherweise in die Genesis einer Emergenten Ordnung einzubeziehen, wie die Überschneidung mit anderen Modellen, z. B. Schwarmintelligenz oder dem Rhizommodell.

Der Begriff Emergente Ordnung soll die Entstehung Sozialer Systeme modellieren, wird jedoch in der Soziologie bislang nur rein theoretisch analysiert, nicht jedoch als in der Realität existierendes Phänomen mit konkreten Folgen genannt. Einige Ansätze (Dissertationen in der Kommunikationswissenschaft) verwenden diesen Begriff teilweise für innerbetriebliche Kommunikationsabläufe in Industriebetrieben. Nur für die Kommunikation in zwischenmenschlichen (Zweier-)Beziehungen gibt es bereits eine Quelle, die Emergente Ordnung als real vorkommendes Phänomen beschreibt (siehe unten).

Emergente Ordnung in der Systemtheorie Als Emergente Ordnung wird ein Soziales System bezeichnet, dessen Eigendynamik auf emergent (im Sinne von unvorhersehbar, aber auch nicht reduzibel) entstandenen Veränderungen basiert. Als stark emergent im Sinne von „unvorhersehbar“ ist jeder Bewusstseinserweiterungsprozess zu bezeichnen, an dem Menschen mit Individualität beteiligt sind. Aber besonders im Sinne von "nicht reduzibel" ist dieses immer ein stark emergenter Vorgang, denn es ist völlig unmöglich, nachträglich die einzelnen Bewusstseinschritte von Menschen mit Individualität nachzuvollziehen.

Eine Emergente Ordnung ist also die evolutionäre Erweiterung einer Grundordnung – in der heutigen Realität die Verfassung eines Staates. Die Erweiterung besteht darin, entstandene neue Werte und andere Veränderungen systemimmanent zu akzeptieren, jedoch nicht durch z. B. demokratische Regeln, sondern durch Akzeptanz spontaner Einzelentscheidungen, wenn diese Werte auf Kommunikationsfähigkeit basieren und dadurch eine größere gesellschaftliche Breitenwirkung bekommen. Erst wenn diese spontanen Entscheidungen allgemein akzeptiert sind, werden sie z. B. demokratisch als „neue Grundordnung“ festgelegt. Niklas Luhmann unterscheidet Systeme (Grundordnung) und Subsysteme. Letztere entstehen zwar emergent, sind jedoch immer auch gesellschaftlich determiniert.

Voraussetzung für eine Emergente Ordnung ist die Doppelte Kontingenz. Sie beschreibt die Kommunikation, wenn zwei Individuen ihre Handlungen jeweils von den Handlungen des Gegenübers abhängig machen. Die Grundlage jedes sozialen Systems ist also immer zunächst die Unberechenbarkeit (Kontingenz), die zwischen jeweils zwei Menschen auftritt. Dies vervielfacht sich dann in jedem sozialen System. Wenn dann Individualität nicht gefördert wird, entstehen Gruppen mit Gruppenidentitäten, denen die einzelnen Mitglieder untergeordnet sind. Da dadurch gleichzeitig Kommunikation eher verhindert und durch das Vorhandensein kulturell determinierter Identitäten überflüssig wird, treten unlösbare Aggressionspotentiale auf.

Der traditionelle Weg, ein Regulativ für diese entstehenden Aggressionen zwischen Gruppen (z. B. Clans, Stämme) zu schaffen, ist der Aufbau von "Kulturen" mit möglichst "auf ewig" festgelegten Normen und Werten – oft in Gestalt einer Religion. Talcott Parsons, der das Problem "Doppelte Kontingenz" formulierte, sieht hierin und folgend dann im Verfall von Kulturen in Industriegesellschaften die Notwendigkeit für rein demokratische (vorhersehbare) Veränderungen.

Im Gegensatz hierzu erkennt Luhmann, dass diese Doppelte Kontingenz in der demokratischen Realität durch entstehende Individualität und Kommunikationsfähigkeit (siehe Systemtheorie) überwunden wird. Durch Beobachtung des Anderen sowie durch Versuch und Irrtum entsteht im Lauf der Zeit dann eine Emergente Ordnung, die Luhmann "soziales System" nennt:

„Soziale Systeme entstehen jedoch dadurch (und nur dadurch), daß beide Partner doppelte Kontingenz erfahren und daß die Unbestimmtheit einer solchen Situation für beide Partner jeder Aktivität, die dann stattfindet, strukturbildende Bedeutung gibt.“Niklas Luhmann: Soziale Systeme. 1984, S. 154. „Wir nennen diese emergente Ordnung soziales System.“Niklas Luhmann: Soziale Systeme. 1984, S. 157.

Luhmann sieht gerade in der Unerklärbarkeit der Auflösung des Problems „Doppelte Kontingenz“ die Erklärung für das Entstehen einer Emergenten Ordnung:

„Ein soziales System baut nicht darauf auf und ist auch nicht darauf angewiesen, dass diejenigen Systeme, die in doppelter Kontingenz stehen, sich wechselseitig durchschauen und prognostizieren können. Das soziale System ist gerade deshalb System, weil es keine basale Zustandsgewissheit und keine darauf aufbauende Verhaltensvorhersagen gibt.“

Eine Emergente Ordnung ist also gemäß Luhmann gleichzeitig Ziel und Voraussetzung für ein soziales System, das sich zunehmend entgrenzt und individualisiert und dann aus sich selbst heraus (emergent) mittels entstehender Kommunikationsbereitschaft stabilisiert.

Ein weiteres wichtiges Element einer Emergenten Ordnung ist demzufolge die Selbstreferenz sozialer Systeme, also die Entstehung neuer Ordnung aus dem System selbst heraus,Niklas Luhmann: Soziale Systeme. 1984, S. 233 ff. oder einfacher formuliert: „Recht ist, was das Recht als Recht bestimmt.“Niklas Luhmann: Das Recht der Gesellschaft. 1993, S. 143

Luhmann unterscheidet analog zu der Evolution auch im Rechtssystem folgende Schritte einer Emergenten Ordnung:Niklas Luhmann: Das Recht der Gesellschaft. 1993.

a. Variation: Hier entsteht eine unerwartete, überraschende Kommunikation zwischen verschiedenen sozialen Systemen. Dabei spielt die Emergenz eine große Rolle, die neue Probleme, neuartige Rechtskonflikte entstehen lassen, welche an die Richter herangetragen werden.

b. Selektion: Die Selektion ist eine Reaktion auf die Variation. Dabei entscheidet das Rechtssystem, ob es die neue Kommunikation (die neue Problemstellung) in das Rechtssystem einarbeitet oder nicht. Und wenn sie aufgenommen wird, mit welchem Code sie belegt werden soll (z. B. Internetgesetzgebung, Lückenfüllung durch richterliche Rechtsfortbildung).

c. Retention/Stabilisierung: Diese durch die Selektion getroffene Entscheidung muss danach in das System eingebaut und somit darin stabilisiert werden. Dabei ist wichtig, dass die Einheit des Systems erhalten bleibt.

Emergente Ordnung in der Handlungstheorie Ein vollkommen neues soziologisches Konzept für die Entstehung einer emergenten Ordnung entwickelte Gesa Lindemann 2009 in ihrem Werk Das Soziale von seinen Grenzen her denken.

Im Gegensatz zur Systemtheorie, deren Konzept ausschließlich auf reaktiven Interaktionen basiert (Konstruktivismus), entsteht gemäß Gesa Lindemann eine Emergente Ordnung durch aktives Soziales Handeln der Beteiligten. Wie auch Luhmann betrachtet sie Interaktionen grundsätzlich mikrosoziologisch, jedoch nicht wie Luhmann als reaktiv zwischen Ego und Alter (-Ego), sondern aktiv auf der Basis einer Dreierszenen-Interaktion zwischen Ego, Alter (-Ego) und Tertius. Durch diese Erweiterung des Kreises der Beteiligten entschlüsselt sie Unerklärtes in der Entstehung der bereits nachweisbaren rudimentären Emergenten Ordnungen in existierenden Industriegesellschaften.

Ebenfalls abweichend von Luhmanns Systemtheorie ist ihre Beweisführung. Gesa Lindemann geht davon aus, dass bewusste (aktive) Irritation der Beteiligten einer Dreier-Interaktion Veränderungen provoziert. Zwar sieht auch Luhmann Irritation als Auslöser für Kommunikation an, diese sei jedoch nicht als selbsttätig (aktiv) zu verstehen, sondern als Reaktion auf vorhandene gesellschaftliche Konstruktionen. Während Luhmann in seiner Systemtheorie grundsätzlich Erkenntnisse verifiziert (und damit Automatismen voraussetzen und freien Willen ablehnen muss), ist Gesa Lindemann im Bereich der Handlungstheorie daran nicht gebunden. Sie setzt jetzigen und zukünftigen und damit nicht nachträglich verifizierbaren freien Willen und damit aktive Irritation voraus und entwickelt daraus ihre Theorie zur Entstehung einer Emergenten Ordnung. Diese Theorie kann (und darf) dann gemäß dem Falsifikationismusmodell von Karl Popper falsifiziert werden, um sie zu widerlegen.Gesa Lindemann, Das Soziale von seinen Grenzen her denken. Velbrück: Weilerswist, 2009, S. 7 ff

In der Hinzufügung des Tertius zur dyadischen Ego/Alter-Konstellation korrespondiert Gesa Lindemann mit neueren Erkenntnissen aus der Psychologie, z. B. denen von Fritz Breithaupt, der ebenfalls 2009 die Entstehung von gesellschaftlicher Empathie als „Dreierszenenempathie“ definierte (im Gegensatz zu der auch bei nichthumanen Lebewesen existierenden „Zweierszenenempathie“). Ein Zusammenhang zwischen Empathie und Emergenter Ordnung wird von verschiedenen Seiten aus bereits vermutet, bislang jedoch nur in Form der „Zweierszenenempathie“.

Emergenz und Ordnung versus Emergente Ordnung Variation und Ordnung stehen zunächst im Widerspruch, jede Veränderung destabilisiert eine bestehende Ordnung. Andererseits können auch emergent entstandene Variationen ebenso eine bestehende Ordnung stabilisieren.

Das Besondere einer Emergenten Ordnung ist, dass diese Ordnung sich selbst ständig verändert. Darüber hinaus kommuniziert die Emergente Ordnung mit Variablen und provoziert und produziert sie (selbstreferentiell).