Vipassana (aus dem Pali: ) bezeichnet im Buddhismus die „Einsicht“ in die Drei Daseinsmerkmale Unbeständigkeit (anicca), Leidhaftigkeit bzw. Nichtgenügen () und Nicht-Selbst ().Definitionen von Vipassanā in Lexika, zum Beispiel in: Robert E. Buswell, Jr. (Editor In Chief): Encyclopedia of Buddhism, Macmillan Reference USA, 2004, Klaus-Josef Notz: Lexikon des Buddhismus Fourier Verlag, 2002, ISBN 3-932412-08-7 (S. 508); Nyanatiloka: Buddhistisches Wörterbuch, Beyerlein & Steinschulte, 1989.
Der Übungsweg zur Entfaltung dieser Einsicht wird „Vipassana-Meditation“ (vipassanā-bhāvanā), „Einsichtsmeditation“ oder „Vipassana-Praxis“ genannt.Andere Bezeichnungen sind etwa „process meditation“ (Kornfield 1977, S. 12) oder „Klarblickübung“ (Nyanaponika: Die buddhistische Satipatthāna-Methode). Vipassana-Praxis ist ein Weg, um das durch Unwissenheit (avijjā) und Geistestrübungen (kilesa) verursachte Leiden (dukkha) zu überwinden bzw. im Leben die Befreiung des Nirwana zu erlangen. Er wird auf einen Kommentar (Visuddhi-Magga) zu den im Pali-Kanon überlieferten Lehrreden des historischen Buddha zurückgeführt.
Die „Vipassana-Bewegung“Die Definition folgt Fronsdal (1998, S. 164f). Andere Bezeichnungen sind etwa „Vipassana Sangha“ (Rawlinson 1997, S. 586ff) oder „das Vipassana“ (Gruber 2001, S. 13). ist eine lose geknüpfte Laien- und Ordiniertenbewegung, die im Theravada-Buddhismus ihren Ursprung hat. Sie umfasst heute zahlreiche Lehrer, Schüler, Kurse, Meditationszentren und Gemeinschaften.
Etymologie Das Pali-Wort Vipassanā setzt sich aus dem Sanskrit-Präfix „vi-“ und der Verbalwurzel „√paś“ für „sehen“ zusammen. Es wird meist mit „Einsicht“, „Klarblick“ oder „Klarsicht“ übersetzt.
Das Präfix „vi-“ bedeutet in erster Linie „zwei Teile“ oder eine Bewegung „weg“ von etwas anderem. Dementsprechende Präfixe im Deutschen sind „auseinander-“ oder „ent-“. Wörtlich kann man Vipassanā auch als „Auseinander-Sehen“ übersetzen. Es bezeichnet demnach ein intuitiv unterscheidendes, tiefer durchschauendes und damit von Illusionen befreiendes „Sehen“ im Sinne eines unmittelbaren Erfassens. Das entspricht auch der anderen Bedeutung von „vi-“, die eine „intensive“ Qualität des Unterscheidens ist. Vipassanā meint also eine besondere Art des Tiefblickens, das direkt, ungetrübt oder wahrheitsgemäß alle inneren und äußeren Vorgänge erfasst.
Mit jenen „zwei Teilen“ von „vi-“ sind die Illusion oder Falschheit und die Realität oder Wahrheit gemeint. So bedeutet Vi-Passanā ein höheres Sehen, das mit Hilfe der intuitiven Unterscheidung der Achtsamkeit zunehmend jede Illusion, Manipulation oder Verblendung durchschaut und damit die jeweilige Realität oder Wahrheit direkt erfasst. Viele Vipassana-Lehrende vertreten die Sicht, dass, wenn diese Unterscheidung fortwährend kultiviert werde, sie zur „vollen Befreiung“ (Nirvāna), dem höchsten Ziel buddhistischer Praxis in allen ihren Formen, führe.
Historische Entwicklung Scholastischer Theravada In den Reden des Buddha im Pali-Kanon finden sich viele Zeugnisse, dass in der altindischen Urgemeinde die systematische Praxis von bloßer Achtsamkeit zum Zwecke der befreienden Einsichten weit verbreitet gewesen ist. Diese breite Praxisorientierung wirkte noch einige Jahrhunderte fort. Ab etwa dem 10. Jahrhundert scheint sie im Theravāda-Buddhismus keine Rolle mehr zu spielen. Jene breit angelegte, sich an Laien wie Ordinierte richtende frühbuddhistische Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis ist durch spätere buddhistische Entwicklungen – vor allem die Ausprägung von Scholastik, Philosophie und Institutionalisierung in Form buddhistischer Klöster, die einen Monopolanspruch auf den höchsten Befreiungsweg erhoben haben – zunehmend in den Hintergrund getreten.
Wiederbelebung ab dem 18. Jahrhundert Ab Anfang des 18. Jahrhunderts kam es jedoch in Burma (dem heutigen Myanmar) zu einer Wiederbelebung der frühbuddhistischen Orientierung an einer befreienden Meditationspraxis für alle, Laien wie Ordinierte, durch eine systematische Achtsamkeitsschulung – ausgehend von den zentralen Achtsamkeitsreden des Buddha im Pali-Kanon. Diese Bewegung wurde schließlich vom burmesischen Theravāda und dem Königshaus unterstützt. Sie gewann damit an Dynamik.Vgl. Encyclopedia of Buddhism (2004, S. 889–890)
Seit dem späten 19. Jahrhundert werden die Meditationsformen des Vipassanā dann im Zuge einer großen Reformbewegung, die vor allem von dem wohl gelehrtesten und renommiertesten Meister der Geschichte Burmas, Ledi Sayadaw, geprägt worden ist, wieder breit angelegt an die (burmesische) Bevölkerung vermittelt. Hier hat die moderne Vipassanā-Bewegung ihren Ausgang genommen. Bald danach hat sie Thailand, Sri Lanka und in den letzten Jahrzehnten die westliche Welt erfasst, wo sie mit ihrer starken Rückorientierung an der frühbuddhistischen Situation, das heißt ihrer relativen Freiheit von den späteren kulturbedingten Formen der „Religion“ Buddhismus, zunehmend populär wird.
Dazu tragen inzwischen zahlreiche westliche Meditationslehrende bei, die in der Mehrheit Laien – entweder frühere Ordinierte oder niemals Ordinierte – und manchmal prägende Mönche wie etwa Ajahn Brahm sind. Auch gibt es unter diesen Vermittlern viele Frauen.
mini|Der deutsche Vipassana-Lehrer und theravādabuddhistische Mönch Bhikkhu Vivekananda. Was die Neuzugänglichmachung der alten Quellen des Pali-Kanons als der Grundlage der Vipassanā-Bewegung für einen breiteren, an der Praxis interessierten Kreis angeht, spielen jedoch westliche Theravāda-Ordinierte die Hauptrolle – vor allem Bhikkhu Bodhi, Bhikkhu Thanissaro, Bhikkhu Analayo. Aber auch einige Laiengelehrte sind hier zu nennen, wie etwa Maurice Walshe. Analayo und Ajahn Sujato erforschen außerdem die kanonischen Fragmente anderer frühbuddhistischer Schulen, die im chinesischen buddhistischen Kanon erhalten geblieben sind.
Ledi Sayadaw und andere reformorientierte burmesische Mönche wandten sich ursprünglich gegen die kulturellen und scholastischen Überformungen der Muttertradition Theravāda, gegen den Monopolanspruch der Klöster auf den höchsten Befreiungsweg und gegen die christliche Missionierung im Rahmen der britischen Kolonialherrschaft in Burma. Die befreiungspragmatische, das heißt Befreiung hier und jetzt im Leben bezweckende Praxislehre des Vipassanā war die buddhistische Antwort auf die Glaubensreligion der Kolonialmacht bzw. ein besonders effektives Mittel, die burmesische Bevölkerung gegenüber den christlichen Missionierungsversuchen unempfänglich zu machen.
Diese Neuausrichtung der Vipassanā-Bewegung ist ebenfalls der Grund, dass in den meisten Formen dieser Bewegung die Glaubenselemente des traditionellen Theravāda in den Hintergrund getreten sind (etwa die Wiedergeburtslehre in einem wörtlichen Sinne). Mit ihrer Skepsis gegenüber glaubensreligiösen Aspekten knüpft die Reformbewegung des Vipassanā an die Lehre des historischen Buddha an, der sich etwa von der spekulativen Religion der Brahmanen und den Theorien der altindischen Asketen bzw. Waldeinsiedler abgrenzte.
Deshalb gelten die Praxisformen des Vipassanā als die ältesten buddhistischen Meditationsformen bzw. werden auf den historischen Buddha selbst zurückgeführt. Die Hauptquellen aller Richtungen des Vipassanā finden sich im Pali-Kanon, der Textgrundlage des Theravāda-Buddhismus, welche die ältesten vollständig überlieferten Redensammlungen des historischen Buddha enthält. Jene Hauptquellen sind das Satipatthāna-Sutta, die „Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit“ (MN 10 und DN 22), sowie das Ānāpānasati-Sutta, die „Rede vom bewussten Ein- und Ausatmen“ (MN 118).
Im Satipatthāna-Sutta wird die Achtsamkeitspraxis als der „Einzige Weg“ oder „Direkte Weg“ (ekāyana magga) bezeichnet. Dieser Begriff erscheint im Pali-Kanon lediglich an dieser einen Stelle und begründet damit den hohen Stellenwert des Vipassanā in der frühbuddhistischen Lehre.Satipatthāna-Sutta, Mittlere Sammlung, Rede 10. „Ekāyana Magga“ war im alten Indien ein besonders feierlicher Begriff, der in den Reden des historischen Buddha bloß an dieser Stelle auftaucht, was die Bedeutung des Satipatthāna-Sutta aufzeigt. Es ist auch ein komplexer Pali-Begriff, der zugleich „Direkter Weg“, „Einziger Weg“ und „Weg bloß für einen allein (als primär selbstständig zu beschreitenden Weg)“ bedeutet.
Die moderne Vipassanā-Bewegung ist vor allem vom „Erlösungspragmatismus“Der Indologie-Pionier Erich Frauwallner bezeichnet „Erlösungspragmatismus“ als das Hauptmerkmal der Lehre des historischen Buddha. Siehe seinen grundlegenden, als richtungsweisend geltenden Aufsatz Der Buddha und der Jina. In: Frauwallner, E., Geschichte der indischen Philosophie, 1. Band, Salzburg: Otto Müller Verlag, 1953. Neuauflage: Shaker, 2003. der alten Praxislehre Buddhas – keine Glaubensreligion, Spekulation, Metaphysik oder Philosophie und keine extreme Askese – geprägt. Damit entspricht sie dessen Kernlehre oder -absicht, nämlich: „Nur eines lehre ich, jetzt wie früher: Das Leiden (dukkha) und das Ende des Leidens.“Mit diesem Satz fasst Buddha seine Lehre gegenüber dem Mönch Anuradha zusammen. Quelle: Anuradha Sutta (SN 44,2).
Vipassanā-Bewegung im Westen mini|Das Vipassanā-Zentrum „Buddhayana“ bei Ingolstadt. Vipassanā ist weltweit die einflussreichste Form des heutigen Theravāda-Buddhismus und bildet neben dem Zen und dem tibetischen Buddhismus die dritte Hauptströmung des Buddhismus im Westen. Die Ausgangsländer und hauptsächlichen Hochburgen der Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis Vipassanā sind Myanmar und Thailand.
Aber auch aus anderen Ländern des Theravāda kommen einflussreiche Lehrende des Vipassanā im Westen, zum Beispiel der Amerikaner Yogavacara Rahula und der Singhalese Bhante Gunaratana, die seit Jahrzehnten ordinierte Theravāda-Mönche sind. Sie leiten gemeinsam beide die amerikanische „Bhāvanā Society“Bhāvanā bedeutet auf Pali ‚Kultivierung‘ oder ‚Meditation‘ und haben ihre spirituellen Ausbildungen vorwiegend unter Meistern auf Sri Lanka erfahren. Das Gleiche gilt für die bekannte deutsche Nonne Ayya Khema. Yogavacara Rahula ist auch ein Meister des Yoga, das er auf seinen Kursen in Verbindung mit dem Vipassanā lehrt. Bhante Gunaratana ist ein bekannter Gelehrter und Autor.
Im Westen gibt es seit den Sechzigern eine wachsende Zahl von männlichen wie weiblichen Vipassanā-Lehrenden. Beide Geschlechter sind unter den Lehrenden dieser Tradition ähnlich stark vertreten. Sie führen entweder die traditionellen Methoden als Vertreter einer bestimmten Richtung fort oder sie verknüpfen die Ansätze miteinander (manchmal auch mit anderen buddhistischen Praktiken, wie Joseph Goldstein mit dem Dzogchen des tibetischen Buddhismus). Klassische Vipassanā-Kurse werden in Form von kürzeren oder längeren Retreats abgehalten. Gemäß dem traditionellen Spendenprinzip Dāna werden die Unterweisungen des Lehrenden auf Basis von freiwilligen Spenden angeboten.
Es gibt viele Verbindungen des Vipassanā mit der Psychologie und Gebieten helfenden Engagements, zum Beispiel dem Einsatz in Justizvollzugsanstaltenvgl. und , der Abhängigkeitsbehandlung oder der Komplementärmedizin.
Buddhistische Achtsamkeitspraxis
Sammā Sati – Treffliche Achtsamkeit
mini|Dhammahalle des Vipassanā-Meditationszentrums in Prachenburi, Thailand (Goenka-Tradition)
Die Traditionen des Vipassanā mit ihren unterschiedlichen methodischen Ansätzen dienen alle der Entwicklung einer höheren, sogenannten „Trefflichen Achtsamkeit“ (sammā sati)In diesem Artikel werden die buddhistischen Fachbegriffe in allen ihren Bestandteilen großgeschrieben, also etwa Treffliche Achtsamkeit oder Höchste Realität., die über die einfache Konzentrationsfunktion von Aufmerksamkeit hinausgeht.
Vipassanā – Klare Sicht