mini|Erste Seite der Handschrift C des Nibelungenlieds (um 1220–1250) mini|Darstellung von Siegfrieds Ermordung aus der Handschrift k des Nibelungenlieds (1480–1490) Das Nibelungenlied ist ein mittelalterliches Heldenepos. Der heute bekannte Text wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts auf Mittelhochdeutsch niedergeschrieben.Der Nibelunge Not – in Auswahl und mittelhochdeutsche Grammatik und kurzem Wörterbuch von Prof. Dr. W. Golther. Sammlung Göschen, Leipzig 1909. Der zur Nibelungensage gehörende Stoff ist jedoch wesentlich älter.
An das Nibelungenlied angehängt ist in den mittelalterlichen Handschriften die Nibelungenklage, eine formal eigenständige Erzählung, die das Geschehen interpretiert und bewertet, teilweise fortsetzt und eine vermutlich fiktive Entstehungsgeschichte des Werks vorträgt.
Das Nibelungenlied galt im 19. und 20. Jahrhundert als Nationalepos der Deutschen, wobei Siegfried der Drachentöter als deutscher Nationalheld angesehen wurde.
Titel Der Titel, unter dem das Nibelungenlied seit seiner Wiederentdeckung bekannt ist, leitet sich von der Schlusszeile einer der beiden Haupttextfassungen ab (Fassung *C): hie hât daz mære ein ende: daz ist der Nibelunge liet („hier hat die Geschichte ein Ende: das ist der Nibelungen Lied“). Allerdings ist ein liet im Mittelhochdeutschen nicht ohne Weiteres als „Lied“ im engeren, modernen Sinn zu verstehen, sondern bezeichnet ein Epos beziehungsweise generell eine erzählende Dichtung,Lothar Voetz: Einführung in das „Nibelungenlied“. In: Badische Landesbibliothek Karlsruhe und Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.): „Uns ist in alten Mären …“ – Das Nibelungenlied und seine Welt. Primus Verlag, Darmstadt 2003, ISBN 3-923132-95-6, S. 12–19. die unter Umständen auch als Gesang vorgetragen werden kann. Der Schlusssatz der dem Originaltext wahrscheinlich näher stehenden Fassung *B enthält das Wort „liet“ nicht und lautet abweichend: diz ist der Nibelunge not (= „Untergang“).
Historischer Hintergrund Das Nibelungenlied ist die wichtigste hochmittelalterliche deutschsprachige Ausformung der Nibelungensage. Deren Ursprünge reichen bis in die Zeit der sogenannten Völkerwanderung zurück, die in der Geschichts- und Literaturwissenschaft des 19. Jahrhunderts als das „heroische Zeitalter“ der Deutschen betrachtet wurde.
Ein hauptsächlicher historischer Kern oder Anknüpfungspunkt der Sage wird oft in der Zerschlagung des damals von Gundahar beherrschten Burgunderreiches im Raum von Worms in der Spätantike (um 436) durch den römischen Heermeister Aëtius mit Hilfe hunnischer Hilfstruppen gesehen.:en:Kathryn Starkey und Jörg Oberste in Minute 16–18 von ZDF 2021. Terra X. Große Mythen aufgedeckt. Das Nibelungenlied. Ein Film von Alexander Hogh und Saskia Weisheit. Eine Produktion der NFP im Auftrag des ZDF. In Zusammenarbeit mit arte und ZDF enterprises.
Weitere historische Ereignisse, die möglicherweise verarbeitet wurden, sind die Hochzeit zwischen Attila und der wahrscheinlich germanischen Fürstentochter Ildico (453) sowie nach Meinung mancher Gelehrter auch der Streit im Hause der Merowinger zwischen Brunichild und Fredegunde um 600. Bereits im 19. Jahrhundert mutmaßten einige Forscher zudem, die Sagenfigur des Siegfried gehe auf Arminius zurück, doch bleibt auch diese Hypothese ohne Beleg.
Da die mündliche Überlieferung derartiger historischer Ereignisse häufig Abwandlungen und Ausschmückungen erfährt und der Stoff umfassend dichterisch ausgestaltet wurde, bewahrt die Nibelungensage vermutlich aber kaum authentische historische Erinnerungen. Am ehesten für historisch gehalten werden die Namen bestimmter Protagonisten wie Dietrich von Bern. Der in der anschließenden „Klage“ zum wichtigsten Überlieferer stilisierte Bischof Pilgrim von Passau ist dagegen eine Person, die wirklich existiert hat, obgleich seine Verbindung zu dem Stoff erfunden sein kann. Seine väterlichen Vorfahren lassen sich über die Sieghardinger bis in den Wormser Raum zurückverfolgen. Er gilt außerdem als Oheim Giselas, der bayerischen Herzogstochter, die den Ungarnkönig Stephan I. heiratete. „Gisela kehrte nach dem Tod des Königs nach Passau zurück, leitete als Äbtissin das Nonnenkloster Niedernburg. Und für manche besteht sogar eine AnalgieSic! Wohl ein Schreibfehler für „Analogie“ zwischen der Figur der Kriemhild und der seligen Gisela.“Siehe auch Berta Lösel-Wieland-Engelmann: Nibelungen: Kriemhilds Rache, EMMA Februar 1983 - „Zwischen ihr und Kriemhild gibt es zahlreiche starke Ähnlichkeiten, die man auf keinen Fall als rein zufällig abtun kann. Diese Äbtissin Gisela ...“
Handschriften
Der Text des Nibelungenlieds ist in circa 37 (größtenteils nur fragmentarisch erhaltenen) deutschen Handschriften und einer niederländischen Umarbeitung erhalten (darunter zwei Handschriften, die nur die „Klage“ enthalten, und ein Aventiurenverzeichnis). Die Handschriften wurden vorwiegend im südlichen Teil des deutschen Sprachgebietes (Schweiz, Vorarlberg, Tirol) gefunden. Die drei ältesten vollständigen Textzeugen (Haupthandschriften) bezeichnete Karl Lachmann mit Buchstaben (Siglen) folgendermaßen:
A = Hohenems-Münchener Handschrift (letztes Viertel 13. Jahrhundert), in der Bayerischen Staatsbibliothek (Cgm 34) B = St. Galler Handschrift (Mitte 13. Jahrhundert oder etwas früher), in der Stiftsbibliothek St. Gallen (Cod. Sang. 857) C = Hohenems-Laßbergische / Donaueschinger Handschrift (Zweites Viertel 13. Jahrhundert), seit 2001 in der Badischen Landesbibliothek (Cod. Donaueschingen 63)Badische Landesbibliothek Karlsruhe: Nibelungen-Handschrift C – Cod. Donaueschingen 63
Diese drei Manuskripte gelten als die Hauptvertreter dreier verschiedener Textfassungen, deren Verhältnis zueinander bis heute weitgehend ungeklärt ist. Im Jahre 2009 wurden alle drei Handschriften durch die UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt. Neben den drei Hauptüberlieferungssträngen (A, B und C) wird man auch von einer breiten mündlichen Tradition ausgehen müssen, deren Rückwirkung auf die schriftlichen Fassungen jedoch schwer einzuschätzen ist.
Man gruppiert die Handschriften und ihre Textfassungen nach dem letzten Vers des Textes. Handschrift A und B enden mit den Worten: daz ist der Nibelunge not („das ist der Untergang der Nibelungen“). Diese Texte werden darum als „Not-Fassung“ bezeichnet. Die Handschrift C und ihre Verwandten enden auf daz ist der Nibelunge liet („das ist das Lied/Epos von den Nibelungen“). Dieser Text wird darum „Lied-Fassung“ genannt.
Der C-Text fand die größte Verbreitung und ist eine Bearbeitung mit Rücksicht auf das Publikum und mildert vor allem die Tragik. Es gibt mehrere Handschriften, die nahezu denselben Text bieten wie C; man fasst sie daher unter der Gruppenbezeichnung *C zusammen. Einige, allerdings wenige Handschriften bieten nahezu denselben Text wie B; diese Gruppe nennt man *B. mini|Staatsbibliothek Berlin: Signatur mgf 474, Handschrift I, um 1300, entdeckt durch Beda Weber auf der Burg ObermontaniNIBELUNGEN. die rückkehr. Die Handschrift ist zurück in Südtirol, Kunst Meran, 26. März 2024, abgerufen am 14. April 2024. Dazu vgl. die ausführlichen Beiträge von Toni Bernhart, David Fliri und John Butcher in „Da brachte man die Märe in andrer Könige Land“. Europäische Überlieferung und Strahlkraft des Nibelungenliedes, Band I Südtirol und Italien, Generalherausgeber John Butcher, Mailand – Udine, Mimesis Verlag, 2025, S. 51–132. Die Handschrift A bietet über weite Strecken den Text sehr ähnlich wie B, aber anscheinend weniger sorgfältig geschrieben; gehört daher zur Gruppe *B. In einigen Partien, vor allem des ersten Teils, unter anderem bei Kriemhilds Falkentraum, bei der ersten Begegnung zwischen Kriemhild und Siegfried und bei der Erklärung von Siegfrieds Königsrang und seiner Motivation der Hilfe für Gunther bei der Werbung um Brünhild, hat A einen anderen, stellenweise kürzeren Text, der den Eindruck macht, älter zu sein als *B. Karl Lachmann hatte A für die älteste Version gehalten und ihr deshalb diese Sigle gegeben; einige Passagen sind jedoch zweifelsfrei sekundäre Veränderungen des *B-Stoffes oder sogar Übernahmen aus dem *C-Stoff. Eine direkte Bearbeitung von *A und *C durch die uns heute vorliegenden *B kann jedoch ausgeschlossen werden. Vielmehr sind zwei parallele Versionen wahrscheinlich, die schließlich in den Kategorien *A, *B und *C greifbar werden.Otfrid Ehrismann: Nibelungenlied. Epoche – Werk – Klage. München 2002. Eine Erklärung für diesen Widerspruch könnte sein, dass bei der Anfertigung von A zwei verschiedene Vorlagen benutzt wurden, deren eine auf eine ältere Fassung als *B zurückgeht, vielleicht auf eine Vorstufe des Nibelungenlieds, die man *A nennen könnte, während die andere, die für den Großteil von A als Vorlage diente, eine schlechtere Handschrift der *B-Gruppe war.Das Nibelungenlied. [Text und Einführung]. Nach der St. Galler Handschrift hrsg. und erläutert von Hermann Reichert. S. 360 f.
Außer den Hauptredaktionen A, B und C gibt es noch die Mischredaktionen D, I und d und die Sonderredaktionen T, k, m und n. Trotz ihres eigenständigen Charakters stand Redaktion I stets im Schatten der „Großen Drei“. Dabei nimmt I eine zentrale Stellung zwischen nôt- und liet-Fassung ein und beeinflusste auch die Nebenredaktionen des Nibelungenlieds.Walter Kofler: Nibelungenlied und Klage. Redaktion I. Hirzel, Stuttgart 2011.
Verfasser und Entstehung Der Verfasser des Nibelungenliedes nennt sich im Text nicht. Dies entspricht der Gattungskonvention der Heldenepik, die nicht die literarische Eigenleistung eines Dichters akzentuiert, sondern die Verwurzelung des Erzählstoffes in der mündlichen Überlieferung hervorhebt.
Offensichtlich ist das Werk aber eine geschlossene Dichtung eines einzigen Autors, das auf schriftlich vorliegende Werke Bezug nimmt und als Original vom Dichter selbst (oder nach seinem Diktat) niedergeschrieben wurde. Deshalb wird heutzutage nur mehr selten bezweifelt, dass es eine „Originalfassung“ (und damit einen einzigen „Autor“) gegeben hat. Die These, dass es sich eher um einen Redaktor oder gar nur um einen oder mehrere begnadete Rezitatoren von älteren, mündlich überlieferten Stoffen handele, gilt als weitgehend überholt. Allerdings enthalten die einzelnen Handschriften größere oder kleinere Änderungen und Zusätze von Bearbeitern. Die Handschrift B scheint solche Änderungen nur in geringem Ausmaß zu enthalten, während vor allem C eine starke Umarbeitung mit anderer Aussage und anderem Gestaltungswillen darstellt. Die Handschrift A benutzt für einige Passagen des ersten Teils eine vielleicht noch ältere Fassung, die eine „Vorfassung“ des Nibelungenlieds gewesen sein könnte.
Die Entstehung des Textes lässt sich durch in ihm vorausgesetzte politische Strukturen und durch Bezüge zur zeitgenössischen Dichtung auf die Jahre 1190 bis 1204, höchstwahrscheinlich knapp vor 1204, eingrenzen (und damit auf die „Blütezeit“ der mittelhochdeutschen Literatur). Ein Indiz für eine Entstehung der Fassung *C spätestens wenige Jahre nach 1203 findet sich in Wolfram von Eschenbachs Parzival. Aus dem siebten Parzival-Buch weiß man, dass zur Zeit dessen Niederschrift die Weingärten von Erfurt noch zerstört sind, somit kann dessen Entstehung auf die Jahre bald nach 1203 bestimmt werden. Im achten Buch des Parzival findet sich dann eine deutliche Anspielung auf Strophe 1497 der Fassung C des Nibelungenliedes, als sich ein der Feigheit bezichtigter Ritter auf den Küchenmeister des Nibelungenliedes beruft: ich taete ê als Rûmolt, der künec Gunthere riet, do er von Wormz gein Hiunen schiet : er bat in lange sniten bæn und inme kezzel umbe dræn. Es ist dementsprechend anzunehmen, dass die C-Fassung des Liedes Wolfram von Eschenbach bekannt war und bereits um 1205 oder bald danach vorgelegen haben muss.