Der Begriff Rassismus ohne Rassen gehört zu einem von den Sozialwissenschaftlern Étienne Balibar (1988) und Stuart Hall (1989) geprägten Theorieansatz der Rassismusforschung. Er geht dabei von der Existenz eines Rassismus aus, bei dem der Begriff der Rasse nicht verwendet werde. Er ist heute ein weitverbreiteter Topos in der Rassismusforschung. Anstelle des Begriffs Rassismus ohne Rassen werden teilweise auch die Begriffe KulturalismusInstitut für Wissenschaft und Kunst: Rassismus und Kulturalismus mit einem Vorwort von Franz Martin Wimmer.Hartmut M. Griese: Kritik der „interkulturellen Pädagogik“: Essays gegen Kulturalismus, Ethnisierung, Entpolitisierung und einen latenten Rassismus. Lit-Verlag, 2004, ISBN 3-8258-5638-0. sowie kultureller Rassismus und Neo-Rassismus verwendet.

Rassismus ohne Rassen nach Stuart Hall Stuart Hall sieht im Alltagsbewusstsein vieler Menschen einen „Rassismus ohne Rassen“, der sich als soziale Ausschließungspraxen manifestiere, aber keine ausgeprägte Rassentheorie zur Grundlage habe. Danach liege Rassismus vor, wenn eine ausgrenzende Mehrheitsgruppe die Macht besitze, eine Minderheit als nicht „normal“ oder „anders“ zu definieren und sie in ihren Lebensbedingungen zu benachteiligen.

Nach Hall ermögliche es der Rassismus ohne Rassen

Rassismus ohne Rassen nach Étienne Balibar Der Rassismus ohne Rassen geht nach Balibar einher mit der

Balibar bezieht sich auch auf das seiner Auffassung nach ähnlich gelagerte Phänomen des „Antisemitismus ohne Juden“. Dieser Begriff beschreibt die Theorie, dass auch in Gegenden ohne jüdische Bevölkerung Antisemitismus mitunter fortbestehen oder sogar noch ausgeprägter sein könne als in Regionen mit einer jüdischen Gemeinde.

Kultureller Rassismus Gedankengebäude, die Kultur nicht als „historisch bedingt“ und nicht als veränderbar betrachten und in denen Vorstellungen von Kultur „in einem solchen Maße verdinglicht und essentialisiert werden“, dass Kultur „zum funktionalen Äquivalent des Rassenbegriffs wird“, werden als kultureller Rassismus bezeichnet.George M. Fredrickson: Rassismus. Ein historischer Abriß. Hamburger Edition, Hamburg 2004 ()

Hall sieht eine Ablösung des genetischen durch einen „kulturellen Rassismus“. Statt von Rasse würden in neu-rechten Ideologien Ethnizität und Kultur als Ersatzbegriffe verwandt und statt von „genetischem Mangel“ sei von einem „Kulturdefizit“ die Rede.Gita Steiner-Khamsi: Multikulturelle Bildungspolitik in der Moderne. Leske & Budrich, Opladen. Dabei würden .

In Deutschland ist nach dem Nationalsozialismus das Wort Rasse auf Menschen bezogen diskreditiert. Dies führe nach Theodor Adorno häufig zur Vermeidung des Begriffes Rasse und der Ersetzung des Begriffes, um rassistische Theorien und Inhalte zu kaschieren. Als Klassifizierungsschema der Biologie für Pflanzen und Tiere ist es weiterhin allgemein üblich.

Dass die Vorstellung von biologischen Rassen wissenschaftlich widerlegt ist, hindere nach Ansicht der Psychologin Sabine Grimm Rassisten nicht daran, Menschen aus nationalistischen und rassistischen Motiven anzugreifen:

Benjamin Bauer führt die Renaissance des Rassismus unter dem Begriff der Kultur auf die Entstehung des wissenschaftlichen Antirassismus in der Kulturanthropologie des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zurück. Mit den Forschungen der Gruppe um Franz Boas gelang es den Anthropologen zwar, den sogenannten „wissenschaftlichen Rassismus“ zu widerlegen. Auf den Forschungsergebnissen der ‚Boasians‘ fußte die Ablehnung des Rassismus durch die Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig übernahmen sie mit der Vorstellung in sich geschlossener, eigenen Entwicklungsgesetzen unterlegener Kulturen wesentliche Grundannahmen der Rassenanthropologie.

Nach Auffassung von Verena Stolcke sind Debatten um Migration ein Ausdruck „kulturellen Fundamentalismus“. In dessen ausschließender Rhetorik, so Halleh Ghorashi, gehe es nicht mehr um einen Schutz der Rasse, sondern um eine . Dieser „Rassismus ohne Rassen“ betone mit seiner Definition von „Nation“ und „Kultur“ die Unvereinbarkeit verschiedener Kulturen und die Notwendigkeit, die angestammte Kultur und Identität , und führe damit zu einer neuen .Halleh Ghorashi: Warum hat Ayaan Hirsi Ali unrecht? In: Perlentaucher. 14. März 2007.

In der Forschung zum „Neorassismus“ wird synonym zum Begriff des „kulturellen Rassismus“ auch der Begriff „Kulturalismus“ verwendet (vgl. Magiros). Der Kulturalismus als „kultureller Rassismus“ bezeichnet Konzepte, die mittels ihres Kulturbegriffes völkische Lehren weiter verfolgen. Neorassisten vertreten demnach keinen Kulturalismus im philosophischen Sinne, sondern gerade entgegengesetzt einen Biologismus, den sie auch auf die Kultur übertragen. Der Kulturbegriff der Neorassisten ist kein kulturalistischer, sondern ein naturalistischer. Die Rhetorik ändert sich zwar, aber das biologistische Denken bleibt. Das Wort „Rasse“ werde hier durch „Kultur“, „Ethnie“, „Volk“, „Nation“ oder andere Begriffe ersetzt. Der Begriff „Rasse“ werde in dieser Form von Rassismus aufgegeben, verloren gehe.

Als Merkmale kulturalistischer Konzepte werden folgende Eigenschaften beschrieben: Ethnische Formulierung: Kultur wäre alleine mit der (ethnischen, völkischen) Herkunft verbunden. Homogenität: Alle Mitglieder einer ethnischen Gruppe sollten die gleiche Kultur haben. Reduzierbarkeit: Die wesentlichen Eigenschaften einzelner Menschen wären auf die kulturellen Eigenschaften einer Gruppe beschränkt. Starrheit: Kulturen seien nicht oder nur über lange Zeiträume (im Rahmen von Generationen) veränderbar.

Solchen Konzepten zufolge wird „Kultur“ als eine unüberwindliche Schranke betrachtet, die politisch nicht zu überwinden sei. Entsprechende naturalisierende und biologisierende Argumentationen kämen sowohl im Rechtsextremismus als auch in verkürzten ethnopluralistischen Ansätzen der Neuen Rechten in der Gestalt von „Kulturalisierungen der Differenz“ (Müller) vor. Der emanzipatorische „Kultur“-Begriff des Multikulturalismus werde hier in seiner politischen Bedeutung umgedreht (bei Taguieff als „Retorsion“ bezeichnet). Dieser „kulturalistische“ (eigentlich naturalistische) „Kultur“-Begriff sei mit emanzipatorischen Vorstellungen der prinzipiellen Veränderbarkeit von Gesellschaften nicht vereinbar, die davon ausgingen, dass Menschen sich ständig mit ihrer Umgebung auseinandersetzen, so dass sie nicht passive Kulturträger sind, sondern sich aktiv Kultur aneignen und die Kulturen ihrer Umwelt auch verändern.vgl. Pierre-André Taguieff 1988; Mark Terkessidis: Kulturkampf. Volk, Nation, der Westen und die Neue Rechte, Köln 1995; Jost Müller: Rassismus und die Fallstricke des gewöhnlichen Antirassismus. In: Redaktion diskus (Hrsg.): Die freundliche Zivilgesellschaft. Edition ID Archiv, Berlin 1990; Kanak attak: Multikulturalismus? Die Caprifischer schlagen zurück!

Gazi Çağlar geht so weit, objektiv sehr verschiedenartige Kreislaufmodelle als „kulturzyklische“ zu bündeln und in die Kulturalismus-Debatte einzubeziehen. Dazu zählt er insbesondere Samuel P. Huntingtons clash of civilizations.Gazi Çağlar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen: Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel P. Huntington. 2002. Zyklische Kreislauftheorien interpretieren nach ihm die Geschichte von Gesellschaften als „Summe der Geschichte einzelner Kulturen bzw. Zivilisationen“.Gazi Çağlar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen: Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel P. Huntington. 2002, S. 48. Der kulturalistische Rassismus verwende Bruchstücke aus den Zyklentheorien zumal von Oswald Spengler und Arnold J. Toynbee.Detlef Felken: Oswald Spengler. Konservativer Denker zwischen Kaiserreich und Diktatur. München 1988. Auf diesen Zyklentheorien baue – nach Gazi Çağlar – auch das Zivilisationsparadigma auf, wie es von Samuel P. Huntington in Kampf der Kulturen ausgeführt wird:

Gazi Çağlar sieht in Huntingtons Kampf der Kulturen eine „Rassentheorie ohne Rassen“ aus unserer Zeit. In diesem Buch spricht Huntington von sieben oder acht Kulturen,Samuel P. Huntington: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Siedler-Taschenbücher im Goldmann-Verlag, 1998, ISBN 3-442-75506-9, Seite 30 und 31 (Grafik), Seite 57–62, Seite 246–288, Seite 398 (Grafik). deren Grenzen allerdings nicht entlang der Linien verlaufen, die „Rassentheoretiker des 19. Jahrhunderts“ für ihre Konstruktionen genutzt haben.

Huntington lehnt einen Zusammenhang zwischen Kulturkreis und Rasse allerdings ausdrücklich ab:

Hakan Gürses schreibt zum Rassenbegriff, dass mit der Ablehnung eines Begriffs nicht seine sprachliche Funktion und ebenso wenig die ihn hervorbringende rationale/sprachliche Ordnung getilgt werden könne. In vielen seiner Gebrauchsweisen ersetze der Kulturbegriff den Rassebegriff. Demgegenüber betont Gürses, dass der politische Einsatz des Kulturbegriffs in kolonialistischen oder (neo)rassistischen Kontexten diesen nicht von vornherein obsolet machen müsse, denn derselbe Begriff werde auch für emanzipatorische oder antirassistische Zwecke eingespannt. Die Kultur stelle heute im Rahmen kulturwissenschaftlicher und philosophischer Debatten einen Begriff dar, der gleichzeitig und auf gleicher Ebene sowohl als Determinante wie auch als Determiniertes eingesetzt werde.

Gürses beklagt umso mehr die Instrumentalisierung des Kulturbegriffes durch (neo)rassistische oder (neo)kolonialistische Theorien. Zur unrühmlichen Rolle des Kulturbegriffs im Kolonialismus komme sein durchaus verherrlichender Gebrauch in politisch aktuellen Debatten. Der Rassismus handele Kultur als eine „Quasi-Rasse“ ab. Kulturelle Differenz diene als Paradigma bei der Formulierung jeder Differenz, und jede Differenz werde allmählich auf die Kultur zurückgeführt oder als eine in letzter Instanz kulturelle entschlüsselt. Die Artikulation jeder (kulturellen) Differenz bringe eine (kulturelle) Identität hervor. Der neo-rassistische Slogan „Recht auf Differenz“, begleitet vom Zwang zur ethnisch-kulturellen Identität, finde in diesem Kulturbegriff einen guten Nährboden. Wer heute über kulturelle Identität rede, für den Kulturerhalt plädiere, ohne auf die problematischen Funktionen des Kulturbegriffs zu verweisen, mache sich verdächtig.Hakan Gürses: Funktionen der Kultur. Zur Kritik des Kulturbegriffs. In: Stefan Nowotny, Michael Staudigl (Hrsg.): Grenzen des Kulturkonzepts. Meta-Genealogien. Verlag Turia + Kant, Wien 2003, S. 13–34 ().

Den Antirassismus erklärt Gürses angesichts der neuen Erscheinungsformen des Rassismus für gescheitert. Der traditionelle Rassismus werde durch einen „differentialistischen Neo-Rassismus“ abgelöst, kulturelle Differenzen würden verabsolutiert. Vermischung verursache, so der rassistische Diskurs, einen Ethnozid bzw. Ethnosuizid, der von Antirassisten an der eigenen Kultur begangen werde.Hakan Gürses: Vom Nationalsozialismus der Elite zum Rassismus der Mitte. In: Mitteilungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst. 1997, S. 2–6 (PDF; 1,02 MB) Taguieff, der den Begriff des „differentialistischen Rassismus“ geprägt hat, spricht vom rassistischen Antisemitismus des Nationalsozialismus als bereits kulturalistischem Rassismus.vgl. Taguieff 1991: S. 246ff.

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