Die niederländische Sprache (niederländisch ), kurz Niederländisch (Aussprache: ), ist eine westgermanische Sprache, die weltweit von etwa 30 Millionen Menschen gesprochen wird und 25 Millionen Menschen als Muttersprache dient.
Ihr Sprachraum umfasst die Niederlande, Belgien, Suriname, Aruba, Sint Maarten und Curaçao. Außerdem ist sie eine Minderheitensprache in einigen europäischen Ländern, z. B. in Deutschland und Frankreich. Das gegenseitig verständliche und von 15 Millionen Menschen in Südafrika und Namibia gesprochene Afrikaans ist aus dem Niederländischen hervorgegangen.Zusammenfassung der Volkszählung 2011 (englisch; PDF), abgerufen am 14. Dezember 2015. Niederländisch ist die am sechsthäufigsten gesprochene Amts- und Arbeitssprache der EU und eine der vier Amtssprachen der Union Südamerikanischer Nationen.
Standardniederländisch nennt man auch Algemeen Nederlands und früher vor allem Algemeen Beschaafd Nederlands (Allgemeines Zivilisiertes Niederländisch). Die Rechtschreibung dieser Standardsprache wird von der Nederlandse Taalunie festgelegt. Die Niederlandistik ist eine wissenschaftliche Disziplin. Sie erforscht, dokumentiert und vermittelt die niederländische Sprache und Literatur in ihren historischen und gegenwärtigen und auch in ihren regionalen Formen.
Bezeichnungen der Sprache
Theodiscus, Dietsc und Duutsc Die Franken nannten ihre Sprache anfangs „frenkisk“ und die romanischen Sprachen wurden gemeinsam als *walhisk bezeichnet. Daneben gab es für den Gegensatz zwischen Latein und Volkssprache das Wort *þeudisk, das aber vom Anfang (786) bis zum Jahr 1000 nur in der mittellateinischen Form „theodiscus“ überliefert wurde. Trotz seiner späteren Verbreitung in lateinischen Texten im ganzen westgermanischen Sprachgebiet liegt der Ursprung dieses Wortes, wegen Ähnlichkeiten in der Lautform, mit großer Wahrscheinlichkeit im westfränkischen (bzw. altniederländischen) Gebiet des Fränkischen Reichs. Als im Verlauf des Frühmittelalters im zweisprachigen Westfrankenreich der politische und der sprachliche Begriff „fränkisch“ sich nicht mehr deckten, weil auch die romanischsprachige Bevölkerung sich als „fränkisch“ (vgl. französisch: français) bezeichnete, setzte sich hier das Wort *þeudisk für den sprachlichen Gegensatz zu *walhisk durch und es fand ein Bedeutungswandel statt, wobei die Bedeutung sich von „Volkssprache“ in „germanisch statt romanisch“ änderte.Lutz Mackensen: Ursprung der Wörter: Das etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache. Bassermann Verlag, 2014, S. 102.Peter Polenz: Geschichte der deutschen Sprache. Walter de Gruyter, 2020, S. 36–37.
Im frühen Mittelalter entstanden aus *þeudisk zwei Varianten der Eigenbezeichnung: „dietsc“ und „duutsc“. Obwohl „dietsc“ vor allem in alten Texten aus dem Süden und Südwesten der Niederlande überliefert wurde und die Verwendung von „duutsc“ sich im Nordwesten des niederländischen Sprachgebiets konzentrierte, war die Bedeutung gleich. In frühmittelalterlichen Texten galt „dietsc/duutsc“ noch vor allem als germanisches Antonym zu den verschiedenen romanischen Mundarten.J. De Vries: Nederlands Etymologisch Woordenboek. Brill, 1987, S. 143.M. Philippa et al.: Etymologisch Woordenboek van het Nederlands [Duits]. 2003–2009.L. De Grauwe: Emerging Mother-Tongue Awareness: The special case of Dutch and German in the Middle Ages and the early Modern Period. 2002, S. 101–103.
Im Hochmittelalter aber diente „Dietsc/Duutsc“ in zunehmendem Maße als Sammelbegriff für die germanischen Dialekte innerhalb der Niederlande. Hauptgrund war die regionale Ausrichtung der mittelalterlichen Gesellschaft, wobei, außer für die höchste Geistlichkeit und den höheren Adel, die Mobilität sehr beschränkt war. Deshalb entwickelte „Dietsc/Duutsc“ sich als Synonym der mittelniederländischen Sprache, obwohl auch die frühere Bedeutung (germanisch gegenüber romanisch) erhalten blieb.M. Philippa et al.: Etymologisch Woordenboek van het Nederlands [Duits]. 2003–2009.L. Weisgerber: Deutsch als Volksname. 1953.L. De Grauwe: Emerging Mother-Tongue Awareness: The special case of Dutch and German in the Middle Ages and the early Modern Period. 2002, S. 98–110. In der (veralteten) niederländischen Redewendung „Iemand iets diets maken“ („Jemandem etwas deutlich machen“, „Jemandem etwas auf klare Weise erklären“) ist ein Teil der ursprünglichen Bedeutung erhalten.F. A. Stoett: Nederlandse spreekwoorden, spreekwijzen, uitdrukkingen en gezegden. Thieme & Cie, Zutphen 1923–2013, S. 422.
Weil die Niederlande im Südwesten am dichtesten besiedelt waren und die mittelalterlichen Handelswege hauptsächlich übers Wasser liefen, hatten viele Niederländer um 1450, trotz der geografischen Nähe zu den benachbarten Mundarten, eine größere Chance, Französisch oder Englisch zu hören, als einen niederdeutschen oder hochdeutschen Dialekt des westgermanischen Kontinuums.A. Duke: Dissident Identities in the Early Modern Low Countries. 2016. Folglich hatten die niederländischen mittelalterlichen Autoren nur eine grobe Vorstellung davon, wie ihr Sprachgebrauch sich zu dem anderer westgermanischer Varietäten verhielt. Stattdessen sahen sie ihre sprachliche Umgebung meistens in den Begriffen der kleinen Regiolekte.L. De Grauwe: Emerging Mother-Tongue Awareness: The special case of Dutch and German in the Middle Ages and the early Modern Period. 2002, S. 102. Überhaupt hat man erst seit den Dialektkarten des 19. Jahrhunderts eine wirklich gute Übersicht darüber, wie unterschiedlich die Dialekte je nach Ort gesprochen werden.
Niederländisch, Duytsch und Nederduytsch Im 15. Jahrhundert wurde „Nederlandsch“ („Niederländisch“) zum ersten Mal bezeugt und entwickelte sich, neben der im Neuniederländischen inzwischen als „Duytsch“ geschriebenen Variante des früheren „dietsc/duutsc“, zur gängigen Eigenbezeichnung der niederländischen Sprache. Die Verwendung des Wortes „nieder“ als Beschreibung des Deltas und des niederen Verlaufs des Rheins ist vielfach in den historischen Aufzeichnungen vertreten. So wurde über den mythischen Siegfried den Drachentöter gesagt, er komme aus Xanten im „Niderlant“ (im niederen Land / „Niederland“), womit das Gebiet vom Niederrhein bis zur Flussmündung gemeint war.F. W. Panzer: Nibelungische Problematik: Siegfried und Xanten. 1954, S. 9. Im Altfranzösischen wurden die Bewohner der Niederlande als Avalois (vergleiche: „à vau-l’eau“ und „-ois“, etwa „stromabwärts-er“) bezeichnet und die Herzöge von Burgund nannten ihre niederländischen Besitzungen die pays d’embas (Französisch: „niedere Länder“) – eine Bezeichnung, die sich in der mittelfranzösischen und heutigen französischen Sprache als Pays Bas (Niederlande) widerspiegelt.M. de Vries, L.A. te Winkel: Woordenboek der Nederlandsche Taal. Nijhoff, the Hague 1864–2001.M. Janssen: Atlas van de Nederlandse taal. Editie Vlaanderen, Lannoo Meulenhoff, 2018, S. 29.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstand der Neologismus „Nederduytsch“, der die vorherigen Wörter „Duytsch“ und „Nederlandsch“ („Niederländisch“) in einem Substantiv kombinierte. Die Bezeichnung wurde von vielen prominenten niederländischen Grammatikern jenes Jahrhunderts, wie Balthazar Huydecoper, Arnold Moonen und Jan ten Kate, bevorzugt. Hauptgründe dieser Vorliebe waren die Erhaltung des mittelniederländischen „Dietsc/Duutsc“ und der Einschluss der geografischen Bezeichnung „Nieder-“, womit man die niederländische gegenüber „Overlantsch“ („Oberländisch“) oder „Hooghduytsch“ („Hochdeutsch“) abgrenzte. Behauptet wurde auch, dass die niederländische Sprache mit dem Begriff „Nederduytsch“ an Ansehen gewinnen würde, da „Nederduytschland“ (Niederdeutschland), als damals übliche Übersetzung des lateinischen Germania Inferior galt und damit eine Hinwendung zum Prestige der Römer und der Antike sei. Obwohl der Begriff „Duytsch“ in sowohl „Nederduytsch“ als auch „Hooghduytsch“ verwendet wurde, ist damit nicht impliziert, dass die Niederländer ihre Sprache als besonders eng verwandt mit den hochdeutschen Dialekten Südwestdeutschlands sahen. Im Gegenteil, dieser neue terminologische Unterschied entstand, damit die eigene niederländische Sprache von weniger verständlichen Sprachen distanziert werden konnte.G. A. R. de Smet: Die Bezeichnungen der niederländischen Sprache im Laufe ihrer Geschichte. In: Rheinische Vierteljahrsblätter. Band 37, 1973, S. 315–327.
Im Jahr 1571 wurde die Verwendung von „Nederduytsch“ stark ausgeweitet, da die Synode von Emden sich für „Nederduytsch Hervormde Kerk“ als offiziellen Namen der Niederländisch-Reformierten Kirche entschied. Die entscheidenden Faktoren dieser Wahl waren esoterischer als bei den vorgenannten Grammatikern. So bevorzugten die Theologen es, das irdische Element „-land(s)“ auszulassen. Besser seien die Wörter „neder-“ und „nederig-“ (für „demütig, einfach, bescheiden“); sie stünden nicht nur wegen der Aussprache, sondern auch wegen ihres Wortinhaltes einander sehr nahe.
Niederländisch als einzige Sprachbezeichnung mini|Diese Abbildung zeigt den Rückgang von Duytsch, den Aufstieg und Niedergang von Nederduytsch und die schließliche Vorherrschaft von Nederlands(ch) als Eigenbezeichnung der niederländischen Sprache:Gestützt auf die Daten in M. Janssen: Atlas van de Nederlandse taal. Editie Vlaanderen, Lannoo Meulenhoff, 2018, S. 29, und Willem de Vreese: Over de benaming onzer taal inzonderheid over “Nederlandsch”. 1910, S. 16–27, sowie G. A. R. de Smet: Die Bezeichnungen der niederländischen Sprache im Laufe ihrer Geschichte. In: Rheinische Vierteljahrsblätter. Band 37, 1973, S. 315–327. Legende:
Als die Niederländer ihre Sprache immer mehr als „Nederlandsch“ oder „Neder-duytsch“ bezeichneten, wurde der Begriff „Duytsch“ unklarer und mehrdeutiger. So fingen niederländische Humanisten an, „Duytsch“ in einer Bedeutung zu verwenden, für die heute die Bezeichnung „germanisch“ benutzt würde.L.H. Spiegel: Twe-spraack vande Nederduitsche letterkunst (1584).L. De Grauwe: Emerging Mother-Tongue Awareness: The special case of Dutch and German in the Middle Ages and the early Modern Period. 2002, S. 102–103. Während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde die Nomenklatur allmählich verfestigt, mit „Nederlandsch“ und „Nederduytsch“ als bevorzugten Begriffen für die Niederländische Sprache, und „Hooghduytsch“ wurde zum gängigen Ausdruck für die heutige hoch-deutsche Standardsprache. So wurde „Duytsch“ (oder „Hooghduytsch“) erst im Jahr 1599 zum ersten Mal spezifisch als Bezeichnung für (Hoch-)Deutsch benutzt, statt für Niederländisch oder ähnliche deutsche Dialekte des Kontinuums im Allgemeinen.M. Philippa, F. Debrabandere, A. Quak, T. Schoonheim, N. van der Sijs: Etymologisch Woordenboek van het Nederlands. Instituut voor de Nederlandse Taal, Leiden 2003–2009.
Zunächst behielt das Wort „Duytsch“ seine Doppeldeutigkeit, aber nach 1650 entwickelte sich „Duytsch“ immer mehr zu einer Kurzform für das Hochdeutsche und die niedersächsischen Dialekte. Der Prozess wurde wahrscheinlich durch die Anwesenheit vieler deutscher Wanderarbeiter („Hollandgänger“) und Söldner in der Republik der Vereinigten Niederlande und durch den schon seit Jahrhunderten zunehmenden Gebrauch der Bezeichnungen „Nederlandsch“ und „Nederduytsch“ gegenüber „Duytsch“ beschleunigt.