mini|Jakob von Uexküll (ca. 1903) Jakob Johann Baron von Uexküll (* auf Gut Keblas (), Dorf Sankt Michaelis, Russisches Kaiserreich, heute Estland; † 25. Juli 1944 auf Capri, Italien) war ein deutschbaltischer Biologe und Philosoph und einer der bedeutendsten Zoologen des 20. Jahrhunderts.
Uexküll entwickelte das Grundgerüst der Biosemiotik, die Leben als biologische Zeichen- und Kommunikationsprozesse versteht. Er führte den Begriff der Umwelt in die Biologie ein und gilt damit als Wegbereiter der Ökologie.
Er war ein wichtiger Pionier der theoretischen Biologie, der Kybernetik, der Semiotik, der Physiologie und der wissenschaftstheoretischen Linie des radikalen Konstruktivismus.
Leben mini|Jakob mit seinem Sohn Thure in Putzar (Sommer 1915) mini|Zirkuläre Feedback-Schemas des Wirk- und Merkkreises als kleine Piktogramme mini|Grab von Uexkülls auf Capri Jakob Johann von Uexküll wurde 1864 in einer deutschbaltischen Familie als drittes von vier Geschwistern, zwei älteren Brüdern und einer jüngeren Schwester, in Keblas (Estland) als russischer Staatsangehöriger geboren. Seine Mutter, Sophie von Hahn, stammte aus Kurland. Sein Vater Alexander hatte in Heidelberg studiert und war jahrelang ehrenamtlich Stadthaupt (Oberbürgermeister) von Reval (Tallinn). 1874–77 besuchte Jakob das Gymnasium in Coburg, danach bis zum Abitur die Ritter- und Domschule zu Reval. Schon als Schüler hat er intensiv Kants Schriften studiert.
Nach dem Schulabschluss 1884 begann er das Zoologiestudium an der Kaiserlichen Universität Dorpat. Während eines mehrmonatigen Studienaufenthaltes auf Lesina (Dalmatien) mit seinem Lehrer Max Braun führte er anatomische und systematische Untersuchungen an Meerestieren durch. In die vierjährige Studienzeit in Dorpat fiel seine erste Auseinandersetzung mit der damals neuen Lehre Darwins, die ihm durch Julius von Kennel (1854–1939), den Nachfolger Brauns, nahegebracht wurde. Über diese wichtige Phase in der Entwicklung seines Denkens schreibt er:
„Hatte ich mich bislang mit der Durchforstung feststehender Tatsachen befasst, so trat mir durch Anregungen Kennels die Theorie zum ersten Male nahe. Kennel war ein ausgesprochener Darwinist und Deszendenztheoretiker. Mir imponierte anfangs der von Darwin geschaffene Zusammenhang der Tiergestalten mächtig. Durch die einfache Vorstellung von Variation und vom Überleben des Passenden, schien eine plausible Erklärung für das Entstehen der Arten gegeben zu sein. Hier gab es eine Menge Probleme zu lösen, die die Zoologen in erster Linie angingen. Aber Kennel selbst verdarb diesen Eindruck völlig, als er mir versicherte, er wäre im Stande, die Verwandtschaft aller beliebigen Tierarten miteinander zu beweisen. Ich sagte mir mit Recht: Dies ist eine Spielerei und keine Wissenschaft. – Daraufhin beschloß ich, die Zoologie zu verlassen und mich der Physiologie zuzuwenden. Denn die Kenntnis der Organe der Tiere hatte in mir längst den Wunsch erweckt, sie in ihrer Tätigkeit zu beobachten.“'Gudrun von Uexküll: Jakob von Uexküll, seine Welt und seine Umwelt. Hamburg 1964, S. 35 und 66.
Seitdem blieb er misstrauisch gegen Theorien. „Theorien sind billig wie Brombeeren“, pflegte er zu sagen. Seine Witwe schreibt in ihrer Biographie über ihn:
„Es war ihm völlig gleichgültig, ob der Materialismus, der Idealismus oder irgendeine andere Lehre den Sieg davontragen würde. Ihm kam es einzig und allein darauf an, ob die Hypothesen und Theorien, welche die Naturwissenschaften entwarfen, vor der Natur bestehen konnten.“Vgl. von Uexküll 1964, S. 37.
Er verließ Dorpat als Kandidat der Zoologie und übersiedelte 1888 nach Heidelberg, um am Institut von Wilhelm Kühne auf dem Gebiet der Physiologie zu arbeiten. Diese Tätigkeit wurde während der Wintermonate durch Arbeiten an der Zoologischen Station in Neapel unterbrochen, wo er seine neuerworbenen Kenntnisse an Seetieren verwertete. Er schreibt darüber:
„In dem Leiter der physiologischen Abteilung, Professor Schönlein, fand ich jede sachkundige Unterstützung. Trotzdem konnte mich die reine Muskel- und Nervenphysiologie nicht lange fesseln. Das planmäßige Zusammenarbeiten der Organe im Tierkörper zu erforschen, erschien mir als die lohnendere Aufgabe.“Vgl. von Uexküll 1964, S. 39.
In Paris eignete er sich bei Étienne-Jules Marey, einem Pionier der Chronofotografie, die Methoden für eine genaue Aufzeichnung der Tierbewegungen an.Katja Kynast: Kinematografie als Medium der Umweltforschung Jakob von Uexkülls, in: kunsttexte.de, Nr. 4, 2010 (14 Seiten), https://edoc.hu-berlin.de/kunsttexte/2010-4/kynast-katja-6/PDF/kynast.pdf
1899 wendete er sich mit Albrecht Bethe und Th. Beer gegen eine Terminologie, die Lebensvorgänge nach anthropomorphen Vorstellungen interpretiert. 1899–1900 untersuchte er während eines Studienaufenthaltes in Daressalam (Ostafrika) tropische Seeigel und entdeckte deren Schattenreflex. 1903 Heirat und Übersiedlung nach Heidelberg. Untersuchungen über die Bewegungsphänomene bei Blutegeln und Studienreisen in die Normandie (Berck sur Mer). Fortsetzung der Arbeiten über Seeigel. 1907 Verleihung der Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät Heidelberg für seine „genauen und scharfsinnigen Experimente über Nerv- und Muskelreizungen“.Vgl. Kynast 2010, S. 90.
Im gleichen Jahr Formulierung des Schema-Begriffs im Rahmen seiner Untersuchungen an Libellen und Stellungnahme gegen eine mechanische Betrachtung des Individuums und die Annahme einer objektiven, für alle Lebewesen identischen Außenwelt.
1908–1909 Untersuchungen über die Bewegung der Aktinien in Monaco. Erste Auflage des Buches Umwelt und Innenwelt der Tiere.
In dieser Zeit wurde seine Bewerbung um die Stelle eines Leiters an einem neugeplanten Institut für Biologie der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (der Vorgängerin der Max-Planck-Gesellschaft) abschlägig beschieden. Auf den Bescheid, dass es sich im Rahmen des vorliegenden Planes nicht ermöglichen lasse, den von ihm vertretenen Zweig der biologischen Wissenschaft zu berücksichtigen, dankte er zunächst für die Bewilligung von Mitteln für Forschungsreisen.
1911 führte er in Roscoff Untersuchungen an Pilgermuscheln und in Utrecht an der Muskulatur von Blutegeln durch. 1914 untersuchte er in Biarritz Bewegungsvorgänge an Langusten. 1917 verlor er durch die russische Revolution und die Enteignung der Güter in Estland sein gesamtes Vermögen. 1918 Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit 1920 erste Auflage der Theoretischen Biologie 1921 zweite Auflage von Umwelt und Innenwelt der Tiere 1925 Aufenthalte bei Verwandten und Freunden in London, Friedelhausen bei Gießen, Liebenberg in Brandenburg, und Schwerinsburg in Vorpommern.
Als Sechzigjähriger erhielt er 1924 das Angebot der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg, eine Stelle als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter, mit der Aussicht auf eine Honorarprofessur, anzunehmen, und wurde Leiter des Aquariums, das in den folgenden Jahren zum Institut für Umweltforschung umgebaut wurde. Von 1925 bis 1940 leitete er das Institut – zu dessen Mitarbeitern Emanuel Georg Sarris gehörte, mit dem von Uexküll den Uexküll-Ausbildungswagen entwickelte – und trat mit 76 Jahren in den Ruhestand. 1940 zog er auf die italienische Insel Capri, wo er am 25. Juli 1944 verstarb.
Verstrickungen in den Nationalsozialismus Uexküll war sehr viel tiefer in den Nationalsozialismus verstrickt als lange bekannt. 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler. 1934 war er, gemeinsam unter anderem mit Martin Heidegger, Carl Schmitt und Alfred Rosenberg, Gründungsmitglied des Ausschusses für Rechtsphilosophie der Akademie für Deutsches Recht, die beide von Hans Frank geleitet wurden.Victor Farías: Heidegger und der Nationalsozialismus, Frankfurt am Main: Fischer 1989, S. 277. Dieser Ausschuss sollte das nationalsozialistische Programm durch eine dem „Deutschtum“ angemessene Rechtsphilosophie begleiten. Uexküll hat dabei nicht nur Anschluss an eine bestimmte Prägung des Nationalsozialismus gesucht, sondern sich aktiv an der kollaborativen Herausarbeitung einer nationalsozialistischen Rechtsphilosophie beteiligt und diese durch seine Umweltlehre zu begründen versucht.
Familie Im Jahr 1903 heiratete Uexküll in Schwerinsburg (heute Ortsteil von Ducherow) Gudrun Gräfin von Schwerin (1878–1969), die 1930 Axel Munthes Das Buch von San Michele ins Deutsche übersetzte. Gudrun ist die Tochter der Luise Freiin von Nordeck zur Rabenau (1849–1906) und des Landrats Karl von Schwerin.
Das Paar hatte eine Tochter: Damayanti (* 1904), und zwei Söhne: Thure von Uexküll (1908–2004), einer der wichtigsten psychosomatischen Mediziner, und den Journalisten Gösta von Uexküll (1909–1993).
Der Stifter des Right Livelihood Award, Jakob von Uexküll (* 1944), ist ein Enkel von Jakob Johann und Gudrun von Uexküll.
Werk mini|„Es schiebt sich ein neuer Kreis, der innerhalb des eigenen Zentralorgans verläuft, zur Unterstützung des äußeren Funktionskreises ein und verbindet das Handlungsorgan mit dem Merkorgan.“ (Theoretische Biologie, 1920) mini|Schematische Darstellung des Wirkkreises als frühe Biokybernetik mini|Nervensystem und Nervenerregung des neuronalen Wirkkreis eines Individuums mini|Schema des Auswachsens eines Merknetzes A in das Nachbarsnetz B (gestrichelte Linie) als Erweiterung der Erfahrung
Uexkülls Buch „Umwelt und Innenwelt der Tiere“ (1909) setzt eine philosophische Begründung der Biologie als Wissenschaft vom Lebendigen. Der Ausdruck „Umwelt“, zuvor kaum alltagssprachlich geläufig, wird hier terminologisch eingeführt. Er ist streng zu unterscheiden von der Umgebung eines Organismus. Die Umgebung nimmt Lebewesen als Objekte auf, die Umwelt aber wird von ihnen gestaltet. Ein Lebewesen ist immer auch seine je besondere Umwelt. Seine Grenzen sind nicht durch seine Oberfläche (Haut) gegeben, sondern durch seine Wahrnehmung und seine Aktivität, seine Bewegungen in Raum und Zeit. Uexküll sagt, jedes Tier habe seine eigene, „subjektive“ Zeit und seinen „subjektiven“ Raum, seine geistige „Innenwelt“. Es handle sich um „nichts als eine Denkbequemlichkeit von ... einer einzigen objektiven Welt auszugehen.“Uexküll: Nie geschaute Welten. München 1957, S. 11.
Die Umwelt des Tieres spiegelt sich in seiner Innenwelt; diese wiederum gliedert sich in eine Merkwelt und eine Wirkwelt. Die Merkwelt bedeutet das, was ein Organismus wahrnehmen kann, die Wirkwelt, was er zu tun imstande ist. Zwischen beiden besteht eine Wechselwirkung, die von Uexküll „Funktionskreis“ nennt.Wolfgang U. Eckart: Jakob von Uexküll. Funktionskreis. In: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. 8. Auflage, Springer, Heidelberg / Berlin / New York 2017, S. 316 f. doi:10.1007/978-3-662-54660-4 Sein berühmtes Beispiel: die Zecke. Zecken können drei Aspekte der Welt „merken“: oben – unten, warm – kalt, Buttersäure: ja oder nein. Diesem sinnlichen Vermögen entsprechen Organe, die etwas in die Tat umsetzen, also bewirken können, was letztlich der Fortpflanzung und Arterhaltung dient, Krabbeln, Warten, Zupacken. Die Umwelt der Zecke ist einfach, aus diesen drei Bestandteilen komponiert. Ihre subjektive Zeit ebenfalls: sie kann über Jahre leben, ohne dass etwas geschieht, plötzlich erscheint ein Warmblüter, die Zecke erfüllt ihre Mission und stirbt alsbald. Revolutionär an Uexkülls Ansatz ist, dass Lebewesen nicht isoliert betrachtet werden. Zu einer Spinne gehört auch ihr Netz, das Netz wiederum ist ein Abbild der kommenden Beute.