mini|Hans F. K. Günther (Scherl-Bilderdienst 1936) Hans Friedrich Karl Günther (* 16. Februar 1891 in Freiburg im Breisgau; † 25. September 1968 ebenda) war ein deutscher Philologe, der in der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus als Rassentheoretiker tätig war und als „Rassengünther“,Ute Felbor: Das Institut für Vererbungswissenschaft und Rasseforschung der Universität Würzburg 1937–1945. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen, Band 11, 1993, S. 155–173, hier: S. 162. „Rasse-Günther“Rasse-Günther – Das Wort nordisch. In: Der Spiegel, 1/1952. oder „Rassepapst“ bekannt wurde. Er gilt neben Houston Stewart ChamberlainClaus-Ekkehard Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus. 2., vollst. überarb. Auflage. München 2002, ISBN 3-7705-3172-8. als einer der Urheber der nationalsozialistischen Rassenideologie.

Leben

Weimarer Republik mini|Deckblatt der Freiburger Dissertation (1915)

Studium und Kriegsteilnahme Hans F. K. Günther wurde als Sohn des städtischen Kammermusikers Karl Wilhelm Günther und dessen Frau Mathilde Katharina Agnes, geb. Kropff, in Freiburg geboren. Bis zu seinem elften Lebensjahr besuchte er die Volksschule in Freiburg. Im Juli 1910 verließ er die Freiburger Oberrealschule und studierte bis 1914 Philologie (Vergleichende Sprachwissenschaft und Germanistik) an der Universität Freiburg, besuchte jedoch auch naturwissenschaftliche Vorlesungen über Zoologie und Geographie und hörte Vorlesungen bei Eugen Fischer. Parallel zu seinem Studium legte er am Realgymnasium Villingen die Reifeprüfung in Latein ab. Das Sommersemester 1911 verbrachte er an der Sorbonne in Paris. Im Jahr 1915 wurde er in Freiburg mit einer von Alfred Götze betreuten Arbeit Zur Herkunft des Volksbuches von Fortunatus und seinen Söhnen zum Dr. phil. promoviert und meldete sich anschließend als Kriegsfreiwilliger. Aufgrund einer Erkrankung verbrachte er mehrere Monate im Krankenhaus und war während des Ersten Weltkriegs beim Roten Kreuz tätig.

Auf dem Weg zur NSDAP 1919 legte Günther die Kriegsteilnehmerprüfung für das höhere Lehramt an Schulen ab und war im Probedienst tätig. Günther verstand sich jedoch als politischer Schriftsteller. Sein Erstlingswerk (nach der Dissertation) war die „Bekenntnisschrift“ mit dem Titel Ritter, Tod und Teufel. Der heldische Gedanke. Heinrich Himmler war 1924 von diesem Buch sehr beeindruckt.

Von 1920 bis 1922 erstellte Günther im Auftrag seines völkischenHans-Peter Kröner: Günther, Hans Friedrich Karl. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 515. Verlegers Julius Friedrich Lehmann sein populäres Hauptwerk Rassenkunde des deutschen Volkes. Adolf Hitler besaß vier Ausgaben dieses Werks, die ihm von Lehmann, dreimal mit Widmungen, überreicht wurden: In der dritten Ausgabe von 1923 heißt es: „dem erfolgreichen Vorkämpfer des deutschen Rassengedanke“; die 1928er Ausgabe wurde mit einem „Weihnachtsgruss“ übersandt; und in der 14. Ausgabe von 1930 bezeichnet Lehmann Hitler als „Bahnbrecher des Rassengedankens“.Timothy Ryback: Hitler’s Private Library: The Books that Shaped His Life. New York 2008, S. 110. Lehmann hatte Hitler auch die 14. Ausgabe von 1930 übersandt, und Hitler besaß zwei andere Bücher von Günther. Die Originalwidmungen sind in Ambrus Miskolczy: Hitlers Library. Budapest 2003, S. 94. Diese letzte Ausgabe in Hitlers Büchersammlung, mit einem ausführlichen Anhang über europäische Juden, trägt viele Gebrauchsspuren.

1922 studierte Günther am Anthropologischen Institut der Universität Wien und arbeitete im Museum für Tier- und Völkerkunde in Dresden bei Bernhard Struck. Ein weiteres Studium folgte 1922 bei Theodor Mollison in Breslau. Auch 1922 wurde Günther Mitglied im national-völkischen Deutschbund, später in einer Nebenzelle der Artamanen. Ab 1923 lebte er zusammen mit seiner zweiten Frau, einer Norwegerin, in Skandinavien. Er erhielt gelegentlich von verschiedenen Universitäten wissenschaftliche Aufträge, unter anderem von der Universität Uppsala und vom schwedischen Staatsinstitut für Rassenbiologie des Herman Lundborg. In Norwegen lernte Günther Vidkun Quisling kennen und schätzen. Er verkehrte in deutschen nationalsozialistischen Kreisen. Der völkische Architekt und Schriftsteller Paul Schultze-Naumburg vermittelte ihm Kontakte zu Richard Walther Darré und Baldur von Schirach.

Im Januar 1929 veröffentlichte der von dem späteren NS-Chefideologen Alfred Rosenberg gegründete Kampfbund für deutsche Kultur seine ersten Mitteilungen, in denen Künstler wie beispielsweise Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal und Max Liebermann als Träger „internationalistischer“ Ideen diffamiert wurden. Zur Lektüre empfohlen wurden den Kampfbund-Mitgliedern stattdessen – neben Gedichten von Baldur von Schirach und völkischen Schriften von Otto Bangert, Maria Kahle, Agnes Miegel oder Bogislav von Selchow – insbesondere auch die Schriften von Hans F. K. Günther.Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Überarb. und aktualisierte Auflage, Nördlingen 1995, ISBN 3-423-04668-6, S. 56 ff.

Finanzielle Engpässe zwangen Günther 1929 zur Rückkehr nach Deutschland. In Dresden musste er von einer halben Lehrerstelle existieren, bis Wilhelm Frick, der erste nationalsozialistische Minister in einem deutschen Land, ihm 1930 gegen den Willen der Universität Jena zu einem eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Sozialanthropologie verhalf. Günther hatte in akademischer Hinsicht außer seiner Promotion hierfür keinerlei Voraussetzungen, was zu scharfen Protesten von Ordinarien aus ganz Deutschland führte. Seine Antrittsvorlesung erhielt durch die Anwesenheit Hitlers, der die Einrichtung eines Lehrstuhls für „Rassefragen und Rassenkunde“Blanke Weber: Rassenwahn und Intrigen. Uni Jena und die NS-Zeit. Deutschlandfunk. in Jena angeregt haben soll, und Hermann Görings symbolhafte Bedeutung.

Günther war Protagonist der Nordischen Bewegung.Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland. Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-21354-2, S. 115. Seit 1930 war er Herausgeber der vom Nordischen Ring, später (ab 1936) Nordischer Ring in der Nordischen Gesellschaft, veröffentlichten Zeitschrift Rasse. Monatsschrift der Nordischen Bewegung.Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 3. Auflage. München 1998, S. 615.

1931 verübte der zur Tatzeit 17-jährige Karl Dannbauer aus Wien auf Günther einen Anschlag und verletzte ihn am Arm. Obwohl Dannbauer nicht parteipolitisch gebunden war, instrumentalisierten die Nationalsozialisten seine Tat als „Mordhetze des Marxismus“.Sozialdemokratischer Pressedienst, 27. August 1931. fes.de (PDF; 3,2 MB). Dannbauer selbst gab vor Gericht an, gegen die „wissenschaftlichen Köpfe“ der NS-Bewegung vorgehen zu wollen, um das Proletariat zu schützen.Das Attentat gegen Prof. Günther vor Gericht. In: Jenaische Zeitung, 20. August 1931, S. 4.

Zum 1. Mai 1932 trat Günther der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.185.391).Bundesarchiv, R 9361-IX KARTEI/12470322.

Zeit des Nationalsozialismus

Karriere und Auszeichnungen mini|Vortrag über „Vererbung oder Erziehung“ 1935 wurde Günther ordentlicher Professor für Rassenkunde, Völkerbiologie und ländliche Soziologie an der Universität Berlin. Am 1. November 1935 holte er sich die spätere Angestellte der Rassenhygienischen Forschungsstelle, Sophie Ehrhardt, an sein Berliner Universitätsinstitut für Völkerbiologie, ländliche Soziologie und Bauerntumsforschung. Ehrhardt schrieb in jener Zeit in einem Aufsatz der Zeitschrift für ärztliche Fortbildung, dass das deutsche Volk über das Recht verfüge, „bewusst Rassenpolitik sowie Auslese“ zu treiben. Selektiert werden müssten, wie sie schrieb, „geistig Minderwertige“, „Rheinlandbastarde“ und vor allem „die Juden“.Hans Joachim Lang: Ein schöner Einblick in die Forschungsarbeit. Vorbereitende Beiträge Tübinger Wissenschaftler für die Zwangssterilisation und Ermordung deutscher Sinti. In: Ulrich Hägele (Hrsg.): Sinti und Roma und wir. Ausgrenzung, Internierung und Verfolgung einer Minderheit. Tübingen, S. 79 (angegebene Quelle: Sophie Ehrhardt: Das Bild des deutschen Menschen. In: Zeitschrift für ärztliche Fortbildung, 1934, S. [um die 265].) Von 1940 bis 1945 war Günther Professor und Institutsdirektor an der Universität Freiburg.

Günther stützte sich in seiner Lehre auf Arthur de Gobineaus Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen und auf Houston Stewart Chamberlains Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts. Er war von „der kulturellen Überlegenheit der nordischen Rasse und der Abträglichkeit der Rassenmischung“ überzeugt und erhielt in der Zeit des Nationalsozialismus zahlreiche Ehrungen.Hans-Peter Kröner: Günther, Hans Friedrich Karl. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 515 (zitiert). So war er 1935 zusammen mit Hanns Johst der Preisträger des erstmals verliehenen Preis der NSDAP für Kunst und Wissenschaft.Helga Strallhofer-Mitterbauer: NS-Literaturpreise für österreichische Autoren. Eine Dokumentation. Böhlau, Wien 1994, S. 26 f. 1937 wurde ihm die Rudolf-Virchow-Plakette der Deutschen Philosophischen Gesellschaft verliehen, und 1941 erhielt er von Hitler die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft.

Kontakte zu Rosenberg Am 3. Dezember 1936 schrieb Alfred Rosenberg an Walther Darré, dass er mit Günther zu der Übereinkunft gekommen sei, dass der „Nordische Ring“ als Organisation aufgelöst werde. Der Name „Nordischer Ring“ bleibe jedoch bestehen, werde allerdings auf ein neues Gremium, das dem „Obersten Rat“ der „Nordischen Gesellschaft“ unterstehen soll, übertragen.Gerd Simon: Chronologie Nordistik. Schwerpunkt Otto Höfler, Version vom 3. Juni 2004, S. 20 (Quelle: Bundesarchiv, BA NS 8/173, Bl. 151–152). abgerufen am 28. September 2008.

Am 19. November 1936 wurden die Wissenschaftler Ninck und Otto Höfler im Zusammenhang mit dem Thema Die Lage der indogermanischen Religionsforschung von Rosenberg und Mitarbeitern des zu diesem Zeitpunkt in Jena als Professor arbeitenden Hans F. K. Günther scharf angegriffen.Dieter Schiefelbein: Das Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main. Vorgeschichte und Gründung 1935–1939. Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-88270-803-4, S. 15 f. (Quelle: BA, NS 21/556 K, Huth an Sievers).