Łódź (, deutsch Lodz [] oder Lodsch, ) ist mit rund 650.000 Einwohnern (Schätzung 2025) die viertgrößte Stadt Polens. Sie liegt im Zentrum des Landes, rund 130 km südwestlich von Warschau.
Die Hauptstadt der Woiwodschaft Łódź ist Sitz der Universität Łódź sowie der Staatlichen Hochschule für Film, Fernsehen und Theater. Für die Wirtschaft des Landes bilden die ansässigen Unternehmen der Textilindustrie sowie der Unterhaltungs- und Elektronikbranche einen Schwerpunkt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wuchs die Stadt vor allem durch die Textilindustrie rasant. Vorwiegend Deutsche und Juden zogen in die Stadt, aber auch zahlreiche Polen und Russen lebten hier. Die Stadt entwickelte sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsstandort der Region. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Juden von den deutschen Besatzern in das Ghetto Litzmannstadt gezwängt, hunderte Kinder im Jugendverwahrlager Litzmannstadt eingepfercht.
Geographie Geographische Lage Die Stadt liegt auf einer Höhe von 162 m (beim Nertal) und steigt von Südwesten nach Nordosten leicht an. Der höchste Punkt liegt auf 278 m ü. d. M. beim ehemaligen Dorf Stare Moskule.
Durch Łódź fließen 18 Flüsse und Bäche: Ner, Łódka und ihr Zufluss Bałutka, Dobrzynka, Gadka, Jasień und ihr Zufluss Karolewka, Olechówka und ihr Zufluss Augustówka, Jasieniec, Bzura, Łagiewniczanka, Sokołówka und ihr Zufluss Brzoza, Aniołówka, Wrząca Woda, Zimna Woda und Miazga. Die Gewässer sind alle nicht groß und fließen im Stadtzentrum im Allgemeinen unterirdisch durch Kanalsysteme. Insgesamt sind 1,29 km² der Stadtfläche von Wasserflächen bedeckt.
Stadtgliederung Łódź besteht aus fünf Stadtteilen; Bałuty (mit acht Stadtvierteln), Górna (mit acht Stadtvierteln), Polesie (mit acht Stadtvierteln), Śródmieście (mit zwei Stadtvierteln) und Widzew (mit zehn Stadtvierteln). Die 36 Stadtviertel sind die kleinsten Verwaltungseinheiten; jedes wird durch einen Rat des Stadtviertels (rada osiedla) und einen Vorstand des Stadtviertels (zarząd osiedla) vertreten (Wahl alle drei Jahre). Die Aufsicht über die Repräsentanten der Stadtviertel haben Stadtparlament und Stadtpräsident.
mini|hochkant=1.2|Stadtteile und höchster und niedrigster Punkt von Łódź
Stadtteil Fläche Bevölkerung(2006) km² % Bałuty 78,9 26,8 216.977 Górna 71,9 24,4 177.298 Polesie 46,0 15,6 146.631 Śródmieście 6,8 2,3 77.217 Widzew 90,8 30,9 138.543 Summe 294,4 100,0 756.666
Nachbargemeinden An die Stadt grenzen die Städte und Gemeinden: Aleksandrów Łódzki, Konstantynów Łódzki, Andrespol, Nowosolna, Brójce, Pabianice, Ksawerów, Rzgów, Stryków und Zgierz.
Klima Łódź liegt in der gemäßigten Klimazone, in der Übergangszone vom durch den Atlantischen Ozean beeinflussten maritimen Klima zum Kontinentalklima. Die kältesten Monate sind der Januar und Februar mit durchschnittlichen Temperaturen von −3 °C bis −12 °C, der wärmste Monat ist im Allgemeinen der Juli mit durchschnittlichen Temperaturen von 17,5 °C bis 21 °C. Die durchschnittliche Jahrestemperatur lag zwischen 1970 und 2000 bei 8,0 °C, zwischen 2001 und 2005 bei 8,5 °C.Główny Urząd Statystyczny: Mały Rocznik Statystyczny Polski 2010. Warschau 2010, , S. 33 () Die jährliche Niederschlagsmenge liegt zwischen 550 und 600 mm.
Geschichte
Mittelalter und frühe Neuzeit Seinen Ursprung hatte Łódź als kleine Siedlung an einem Fluss, der nach der Stadt Łódka heißt. Dieser Fluss verläuft unterhalb der Stadt. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ort 1332 als Łodzia. Im Jahre 1423 wurde durch Władysław II. Jagiełło das Stadtrecht nach Magdeburger Recht verliehen. Im 17. Jahrhundert erlebte die Entwicklung des Ortes eine gewisse Stagnation, die durch einen Brand 1661 und den Ausbruch der Pest noch weiter verstärkt wurde. Mit dem Bau der katholischen St.-Joseph-Kirche 1665 erhielt die Stadt ihren ersten Sakralbau.
Teilungszeit bis Ende des Ersten Weltkriegs mini|hochkant=1.2|Karte von Kongresspolen (1815–1918) im Russischen Zarenreich; Lodz etwa 130 km südwestlich von Warschau Mit der zweiten Teilung Polens 1793 kam die Stadt zu Preußen. Um 1800 lebten nur 190 Menschen hier. Nach dem Frieden von Tilsit 1807 wurde der Ort Teil des Herzogtums Warschau und 1815 in Kongresspolen integriert, sodass die Stadt dem russischen Zaren unterstand. Dies und die nachfolgenden Veränderungen legten für Łódź den Grundstein für seinen wirtschaftlichen Aufschwung.
Neue Baugebiete im Süden des Ortes zogen 1823 die ersten deutschen Tuchmacher an, die zumeist im Westen Deutschlands sowie in Sachsen, Böhmen und Schlesien angeworben wurden und später auch aus der preußischen Provinz Posen stammten. Die deutschen Weber, Spinner und Färber, die bald die Bevölkerungsmehrheit bildeten, übten zu Beginn ihr Handwerk traditionell in Heimarbeit aus.
mini|Fabrik von Poznański mini|Fabrik von Scheibler mini|Innenraum der Fabrik von Scheibler und Grohman
Im Zuge der Industrialisierung wurde Łódź der wichtigste Standort der Textilindustrie in Kongresspolen. Die Stadt galt allgemein als Manchester Polens. Die Einwohnerzahl stieg von unter 1000 auf mehrere Hunderttausend. Die erste Textilfabrik errichtete 1826 Christian Friedrich Wendisch. Die Tuchmacherinnung wurde 1825 als erste Innung der Stadt gegründet. Der Novemberaufstand von 1830/31 bremste Łódźs Aufschwung. Nach den Kämpfen ging der Aufschwung allerdings weiter und so errichtete Louis Geyer (auch Ludwik Geyer) 1836 eine Textilfabrik, die sogenannte Weiße Fabrik.
1848 wurde Juden erstmals erlaubt, sich in der neu errichteten Fabrikstadt niederzulassen. 1854 nahm Carl Scheibler seine erste Maschinenfabrik in Betrieb und ein Jahr später errichtete er eine moderne Spinnerei hier. Bei einem Weberaufstand am 20. April 1861 wurden einige Fabriken beschädigt. 1865 erhielt die Stadt den wirtschaftlich wichtigen Anschluss an das Schienennetz. Die Freiwillige Feuerwehr Łódź bildete sich im Jahr 1876. Mit dem Bau der ersten Synagoge in Łódź wurde 1882 begonnen. Zwei Jahre später wurde die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale eingeweiht. Seit 1882 bestand in der Stadt das deutschsprachige Thalia-Theater.
1892 kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen der Einwohner mit dem russischen Militär, wobei am 23. Juni 164 Menschen starben. Der größte jüdische Friedhof Europas wurde im selben Jahr auf einer von Izrael Poznański gestifteten Fläche angelegt. Der 1896 angelegte Doły-Friedhof ist der größte städtische Friedhof. 1897 lebten 314.000 Menschen in Łódź, 40 % davon waren Deutsche.Meyers Konversations-Lexikon. 5. Auflage. Elfter Band, Bibliographisches Institut, Leipzig / Wien 1896, nennt auf S. 446 für 1891 136.091 Einwohner, zur Hälfte Deutsche. 1899 eröffnete hier Polens erstes Kino, das Iluzjon. 1904 gab es 546 Fabriken in der Stadt, die 70.000 Arbeiter beschäftigten, vor allem in der Textilindustrie.
Weit verbreitet war das Arbeiterelend in Łódź. Die Kinder- und Säuglingssterblichkeit lag zeitweise bei 70 %, unter anderem weil es in der Stadt lange keine Kanalisation gab. Um 1900 waren immer noch 80 % der Łódźer Analphabeten.
Während des Ersten Weltkrieges wurde die Stadt Łódź zum Kampfgebiet. Die Schlacht um Łódź endete unentschieden, jedoch mussten die russischen Armeen die Stadt am 6. Dezember 1914 den Deutschen überlassen. Der Krieg bedeutete für die Stadt einen schweren wirtschaftlichen Schlag. Zum einen brach der wichtige russische Markt weg, zum anderen demontierten die deutschen Besatzer große Teile der Fabriken, deren Besitzer überwiegend deutscher Nationalität waren.
Zwischenkriegszeit In der nach Ende des Weltkrieges 1918 neu gegründeten Zweiten Polnischen Republik begann auch in Łódź der mühevolle Wiederaufbau der Industrie. Im Jahr 1926 hatte die Stadt unter ihren 595.000 Einwohnern 53,5 Prozent Katholiken, 34,5 Prozent Juden und 11 Prozent Evangelische. Rund 12 Prozent der Łódźer waren deutschsprachig.Ergebnisse der Volkszählung von 1926 in: Der Große Brockhaus, 15. Auflage. 11. Band: L–Mah. Leipzig 1932, S. 517. (1931 noch ca. 9) Das Verhältnis von Juden und Deutschen war durch die sprachliche Nähe begünstigt. 1930 gab es einen Deutsch-Jüdischen Wahlblock. Das bis 1914 funktionierende Zusammenleben der drei Bevölkerungsteile erfuhr durch die minderheitenfeindliche Stimmung und die wirtschaftliche Dauerkrise im wiedererstandenen Polen Belastungen. Die Minderheitenschulen wurden in den 1930er Jahren eingeschränkt und ab 1938 nahm die Propaganda gegen Juden und Deutsche zu, wobei sich unter letzteren einige Sympathisanten des Nationalsozialismus befanden.
Zweiter Weltkrieg mini|Empfang der Wehrmacht in Łódź mini|Modell der Bebauung des Stadtzentrums, Aufnahme von 1941 mini|Wartheland: Lodsch, „Umzug“ der Juden ins Ghetto, März 1940 Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges traf die Stadt auf ihrem wirtschaftlichen Nachkriegshoch. Beim Überfall auf Polen marschierte die Wehrmacht am 9. September 1939 kampflos ein. In dieser Zeit entstand im Verband des Deutschen Reiches der neue Reichsgau Posen, später Wartheland. In diesen wurde am 9. November 1939 das Industriegebiet um Łódź eingegliedert. Die Stadt selbst bildete einen deutschen Stadtkreis im Regierungsbezirk Kalisch. Von den Deutschen der Stadt bislang stets Lodz geschrieben, hieß sie nach dem Anschluss der Region an das Deutsche Reich zunächst offiziell Lodsch.
Der deutsche Regierungspräsident in Kalisch verlegte seinen Sitz zum 1. April 1940 nach Lodsch. Gleichzeitig traten umfangreiche Eingemeindungen in Kraft. Die Stadt Ruda Pabianicka und die umliegenden Landgemeinden Brus (deutsch: Bruss), Chojny und Radogoszcz (deutsch: Radegast), die bereits seit dem 1. Januar 1940 vorläufig unter die Verwaltung des Oberbürgermeisters in Lodsch gestellt waren, wurden nach Lodsch eingegliedert. Am 11. April 1940 wurde Łódź zu Ehren des deutschen Generals Karl Litzmann (1850–1936), dessen 3. Garde-Infanterie-Division in der Schlacht um Łódź Ende 1914 siegreich gekämpft hatte, in Litzmannstadt umbenannt.Befehl des Führers: Lodsch heißt jetzt Litzmannstadt. In: Litzmannstädter Zeitung. 12. April 1940, Titelseite. Zum 15. Februar 1941 änderte sich die Bezeichnung des Regierungsbezirkes Kalisch in Litzmannstadt.
Am 8. Februar 1940 war das Ghetto Łódź, eines der größten im „Dritten Reich“, errichtet worden. Die dort eingesperrten Juden mussten Zwangsarbeit leisten und wurden später in die Vernichtungslager Kulmhof und Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nur etwa 900 Juden wurden beim Einmarsch der Roten Armee noch lebend gefunden. Neben dem Ghetto bestand ab 1942 ein Jugendkonzentrationslager, in dem Kinder schon ab einem Alter von zwei Jahren eingesperrt waren. Mindestens 500 Kinder starben hier. 1940 kam es zu 692 NS-Krankenmorden an Patienten der Anstalt Kochanowka.Walter Grode: Deutsche „Euthanasie“-Politik in Polen während des Zweiten Weltkrieges. In: Psychologie und Gesellschaftskritik. Band 16 (1992), Nr. 2, S. 5–13, .
Nachkriegszeit und Volksrepublik Polen Am 19. Januar 1945 erreichten sowjetische Truppen die Stadt. Unmittelbar zuvor hatten die deutschen Besatzer Dutzende Polen in einem provisorischen Gefängnis ermordet, indem sie es in Brand steckten. Während die Stadt nun zur Volksrepublik Polen gehörte, wurden die deutschen Einwohner vertrieben, nachdem viele von ihnen zuvor im Zentralen Arbeitslager Sikawa gedemütigt und gequält wurden. Da die Wirtschaftsstruktur der Stadt vergleichsweise intakt geblieben, Warschau aber zerstört war, wurde Łódź zu einer der wichtigsten Städte im Polen der Nachkriegszeit. Bis 1948 fungierte es als Regierungssitz; eine vorübergehend erwogene dauerhafte Verlegung der Hauptstadt hierher wurde zugunsten des Wiederaufbaus von Warschau aufgegeben.