mini|Taufe eines Kleinkinds nach orthodoxem Ritus Als Kindertaufe oder Säuglingstaufe wird in Deutschland die Taufe von religionsunmündigen Personen bezeichnet. Sie ist in der weltweiten Christenheit seit dem 5. und 6. Jahrhundert die vorherrschende Taufe () und wird in Deutschland von den Volkskirchen und in einigen Freikirchen praktiziert. Die Mehrheit der taufgesinnten Kirchengemeinschaften erkennt Kindertaufen nicht an und praktiziert die sogenannte Gläubigentaufe.
Hintergrund Neutestamentliche Texte und deren kontroverse Auslegung Im Neuen Testament fehlt eine ausgeführte Lehre von der Taufe. Deshalb wird auch nirgendwo die Frage erörtert, ob Kinder getauft werden sollen oder nicht. Außerdem wird die Taufe eines Kindes nicht ausdrücklich erwähnt; es ist vielmehr eindeutig zu sagen: Berichte über den Vollzug der Kindertaufe liegen nicht vor.Evangelische Kirche im Rheinland: Kindertaufe – Pflicht oder Verpflichtung? S. 19 Allerdings finden sich Passagen, die so verstanden werden können, dass schon in neutestamentlicher Zeit bei der Taufe ganzer Familien auch unmündige Kinder getauft wurden.
Markus „Da brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflegte. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab. Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie.“ Dies wird von manchen als Aufruf dazu verstanden, auch Kinder und solche, die Kindern intellektuell ähnlich sind, vollgültig an der Gemeinschaft der Christen teilhaben zu lassen. Die Gemeinde ist nach Paulus Leib Christi (vgl. ). Mit der Taufe werden Menschen durch den Heiligen Geist ein Glied dieses Leibes (: „Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen“.) Deshalb sollten, nach Meinung der Befürworter der Kindertaufe, auch schon Kinder in diesen „hineingetauft“ werden.
Gegner der Kindertaufe weisen darauf hin, dass in diesem Text keine Aussage zur Taufe getroffen wird. Daher schließen manche aus der Aussage „solchen gehört das Himmelreich“, dass Kindern auch ohne Taufe das Heil offen stehe, und sie deshalb keine Taufe zum Heil brauchten. Auf der anderen Seite verweisen sie auf die vielen Bibelstellen, in denen der Glaube an Jesus Christus als Voraussetzung für die Rettung genannt wird (z. B. Joh , Joh , Apg , Röm , Gal , Gal , Eph , Phil ). Die Gegner der Kindertaufe gehen davon aus, dass Säuglinge noch nicht an Jesus Christus glauben .
Johannes „Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Die Argumentation für die Heilsnotwendigkeit der Taufe, wie sie insbesondere im Augsburger Bekenntnis und in der katholischen Lehre anzutreffen ist, verweist hauptsächlich auf die Bibelstellen Johannes und Galater . Es wird argumentiert, dass der Glaube eines Menschen allein keine Erlangung des Heiles bringe. Das Heil sei nur durch die Taufe zu erlangen. Eine Ablehnung der Taufe bedeutet nach diesem Verständnis gleichzeitig die Ablehnung von Gottes Heilshandeln und damit Lästerung seines Geistes (vgl. Lukas ). Diese Sichtweise wird nach Ansicht der Gegner der Kindertaufe durch die Aussage Jesu in Lukas widerlegt. Hier gibt Jesus einem mit ihm gekreuzigten die Zusage, dass er noch am selben Tag mit ihm im Paradies sein würde. Da der Gekreuzigte nicht mehr getauft werden konnte, widerspricht diese Aussage Jesu der Heilsnotwendigkeit der Taufe. Gegner der Kindertaufe verweisen zudem auf den Römerbrief . Danach sei bereits der Glaube allein hinreichend für das Heil, ohne dass dafür irgendwelche Handlungen vollzogen werden müssten. Außerdem gehen sie davon aus, dass mit der Neugeburt aus „Wasser und Geist“ ein Hendiadyoin (doppelter Ausdruck für ein und dieselbe Sache) für den Geist gegeben sei (vgl. ), bzw. das Wort Gottes gemeint sei, da auch an anderen Stellen „Wasser“ als Symbol für das Wort Gottes gebraucht werde (vgl. ).
Apostelgeschichte ; ; und 1. Korintherbrief Es werden einzelne Personen mit „ihrem Haus“ getauft oder mit „all ihren Angehörigen“ . Siehe auch Haustaufen im Neuen Testament. Das Haus eines Menschen wird im AT stellvertretend für die Familie und das Gesinde gebraucht. Deswegen sehen Befürworter der Kindertaufe darin eine Rechtfertigung der Kindertaufe durch das Beispiel der Apostel.
Die Befürworter gehen davon aus, dass Kinder durch diese Formulierung mit umfasst seien. Gegner verweisen darauf, dass Kinder nicht ausdrücklich erwähnt werden; und selbst wenn Kleinkinder zu jenen Familien gehörten, so hätten wir dennoch keinen Anhaltspunkt dafür, dass sie getauft wurden. Die Formulierung „er ließ sich taufen mit seinem ganzen Haus“ sei auch kein Beweis, denn im AT wird mitunter vom „ganzen Haus“ gesprochen, obwohl nur ein Teil der Familie gemeint war (1.Samuel 1,21: eine der beiden Frauen und der neugeborene Samuel blieben zu Hause). Jedenfalls, was so eine wichtige Praxis wie die Kindertaufe betrifft, halten die Gegner ein deutliches Vorbild in der Bibel für wichtig. Ein solches existiere aber bei der Kindertaufe nicht.
Missionsauftrag in Matthäus
Der sogenannte Missionsbefehl richtet sich an Christen, die teilweise noch zweifeln. Die Befürworter der Kindertaufe schließen daraus, dass vollkommener Glaube weder beim Taufenden noch beim Täufling vorausgesetzt werde. Die menschliche Unzulänglichkeit rückt gegenüber dem von Gott gegebenen Auftrag und Christi Vollmacht (Vers 18) in den Hintergrund. Aus diesem Grund taufen die Kirchen auch Kinder. Außerdem folgt in den Versen 19 und 20 die Lehre auf die Taufe, so dass die Reihenfolge Taufe und Lehre bei der Kindertaufe hier einen biblischen Anhaltspunkt hat. Allerdings muss hier einschränkend erwähnt werden, dass der erste Befehl lautet, die Menschen zu Jüngern (Nachfolgern) zu machen. Viele halten es für unwahrscheinlich, dass Jesus damit Säuglinge meinte. Als drittes Argument wird angeführt, dass der Auftrag Jesu dezidiert eine Taufe der Völker meine, und zu den Völkern gehören sowohl Erwachsene als auch Kinder, sowohl Gläubige als auch Zweifler. Die Gegner der Kindertaufe verweisen auf Berichte der Apostelgeschichte (z. B. ; ), wonach sich Menschen taufen ließen, nachdem sie einer Predigt zugehört und diese bejaht hatten. Das sei insbesondere bei sehr kleinen Kindern kaum möglich, also fehle bei solchen die Voraussetzung zur Taufe.
Die Kindertaufe in der Alten Kirche miniatur| Eine der frühsten Darstellungen einer Taufe in der Calixtus-Katakombe (3. Jh.) zeigt die Taufe eines Kindes. Seit dem späten 2. Jahrhundert n. Chr. liegen eindeutige Hinweise dafür vor, dass Säuglings- und Kindertaufen praktiziert wurden: Tertullian, * um 160, Jurist und christlicher Schriftsteller aus Nordafrika, lehnte in seinem Werk De baptismo die Taufe von Kindern ab, aus Sorge, diese könnten sich später der Taufe nicht würdig erweisen. Die Gültigkeit einer Taufe von Kindern stellt er nicht in Frage. Seine Ausführungen belegen, dass zu seiner Zeit die Praxis der Kindertaufe existierte.Tertullian: De baptismo 18 Origenes, * um 185, Theologe in Caesarea in Palästina, behauptete in seinen Schriften, die z. T. später verurteilt wurden, dass die Kindertaufe apostolisch sei, d. h. schon in der Urchristenheit ausgeübt wurde. Er hielt sie für geboten, da die präexistente Seele des Neugeborenen durch Zeugung und Geburt befleckt sei. Cyprian, * um 200, Bischof von Karthago, befürwortete eine Taufe sofort nach der Geburt, um ihr Heil nicht zu gefährden, da sie von der Erbsünde betroffen sei. Als weiteres Argument nannte er: Denn sowenig Gott auf die Person sieht, ebenso wenig sieht er auf das Alter, da er sich allen, die die himmlische Gnade erlangen wollen, ohne jeden Unterschied als Vater erweist.Cyprian: Brief 64 2 Die Traditio Apostolica, eine Kirchenordnung um 220, berücksichtigt die Taufe auch von Kleinkindern, für welche deren Eltern sprechen sollen. Normalfall ist allerdings die aktive Antwort der Täuflinge auf drei Tauffragen.
Inschriften und Berichte aus selbiger Zeit belegen, dass Kinder wie Erwachsene oft erst auf dem Sterbebett getauft wurden. Eine generelle Taufe kleiner Kinder wurde folglich noch nicht praktiziert.
Augustinus und die Lehre von der Erbsünde Der theologische Disput zwischen Augustinus und Pelagius ist symptomatisch für die spätere Diskussion um die Kindertaufe. In diesem Streit um die Sünde des Menschen und die Gnade Gottes ging es insbesondere um die Erbsünde und die Größe der Gnade Gottes. Dabei war für Augustinus die bestehende kirchliche Übung, auch kleine Kinder zu taufen, ein Beleg für das Vorhandensein ererbter Schuld. Der Glaube könne später dazutreten. Die Säuglingstaufe sei dabei besonders empfehlenswert, weil das unmündige Kind der heiligen Handlung noch keine widersetzlichen Gedanken entgegensetzen könne.Augustinus: De peccatorum meritis ac remissione et de baptismo parvulorum
Da die Säuglingstaufe als Ausdruck der Gnade angesehen wurde, verschärften sich in der Folge die Positionen. Die Kirche entschied sich nach einigem Schwanken für die augustinische Position und ordnete in der 4. Synode von Karthago 418 die Taufe von Kindern christlicher Eltern bald nach der Geburt an, „um sie der Gefahr der Verdammnis zu entreißen, die ihnen droht, falls sie ungetauft sterben“. Ebenfalls ist dort von einer Art „Zwischenhimmel“ für ungetauft verstorbene Kinder die Rede.Der noch heute kirchenrechtlich geltende Diese Lehre vom Limbus infantium wurde im Mittelalter noch weiter spezifiziert,Katholische Erklärung des Limbus infantium hat aber keine biblische Grundlage.
Auch die Deutung der Taufe als Sakrament, ein ebenfalls von Augustinus geprägter Ausdruck,Augustinus: Tractatus in Iohannis Euangelium 80,3 führte dazu, dass sich das Verständnis der Taufe vom bewussten Eintritt unter die Herrschaft Christi zu einem Heilswerk (opus operandum) wandelte, das vollzogen werden musste, um Anteil an der göttlichen Sphäre zu erlangen.
Ostkirche In den nichtlateinischen Ostkirchen wurde Augustinus’ Erbsündenlehre zwar nicht wahrgenommen, jedoch schon früh die Taufe wie die übrigen Sakramente als „Heiliges Geheimnis“ angesehen, das niemandem vorenthalten werden darf.Vgl. Cyprian: Wieviel weniger darf man dann ein Kind zurückweisen, das neugeboren ist und noch keine Sünde begangen hat, sondern nur mit der ersten Geburt der Wirkung des alten Todes ausgesetzt ist, da er wie Adam im Fleische geboren ist! So kann es zur Vergebung der Sünden schon deshalb leichter gelangen, weil ihm keine eigenen, sondern nur fremde Sünden zu vergeben sind. Cyprian: ep. 64 So lehrte der Kirchenvater Hieronymus um 350 ganz selbstverständlich die Kindertaufe als die bessere Variante.Hieronymus: Dialogi contra Pelagianos libri III 18 Allerdings sind Cyprian und Hieronymus zwar voraugustinische, aber doch westliche Kirchenväter, die daher den Ostkirchen zwar noch näher stehen als spätere westliche Theologen, aber dennoch nicht unbedingt repräsentativ für diese sind.