mini|Rekonstruktion eines vollständigen Schädels mini|Der zuerst entdeckte Schädel eines Peking-Menschen, Seitenansicht (Nachbildung der Kopie) Als Peking-Mensch werden Fossilien bezeichnet, die ab den 1920er-Jahren in einer Höhle („Untere Höhle“ oder Locality 1) in der Nähe von Zhoukoudian, rund 40 km südwestlich des Stadtzentrums von Peking, entdeckt wurden und der Gattung Homo zugeordnet werden. Die Altersangaben zu den Fossilien enthaltenden Schichten von Locality 1 überstreichen eine Spanne von rund 780.000 bis 400.000 Jahren vor heute.Bernard Wood: Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. Wiley-Blackwell, 2011, S. 849, ISBN 978-1-4051-5510-6.
Namensgebung Im Jahr 1927 wurde den Fossilienfunden, im Wesentlichen gestützt auf einen einzigen Zahn, von Davidson Black die neue Art- und Gattungsbezeichnung Sinanthropus pekinensis Black & Zdansky („chinesischer Mensch aus Peking“) gegeben. 1940 wurden die Funde – anhand von mittlerweile mehreren Dutzend Fossilien – von Wilfrid Le Gros Clark als eng verwandt mit den „Java-Menschen“ aus Java (Indonesien) interpretiert und wie diese mit der bereits 1892 von Eugène Dubois gewählten Art- und Gattungsbezeichnung Pithecanthropus erectus („aufrecht gehender Affenmensch“) benannt;Wilfrid Le Gros Clark: The Relationship between Pithecanthropus and Sinanthropus. In: Nature. Band 145, 1940, S. 70–71, doi:10.1038/145070a0. kurz zuvor hatten bereits Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald und Franz Weidenreich die anatomischen Gemeinsamkeiten beider Funde herausgestellt.Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald und Franz Weidenreich: The Relationship between Pithecanthropus and Sinanthropus. In: Nature. Band 144, 1939, S. 926–929, doi:10.1038/144926a0. Seit 1950 werden die Fossilien beider Fundstellen von den meisten Paläoanthropologen als Homo zugehörig interpretiert und der Art Homo erectus („aufgerichteter Mensch“) zugeordnet, wobei insbesondere die Herkunft der chinesischen Funde manchmal durch den Zusatz eines Unterart-Epithetons betont wird: Homo erectus pekinensis („aufgerichteter Mensch aus Peking“). Gelegentlich wird jedoch unterstellt, dass sich – laut der Hypothese vom multiregionalen Ursprung des modernen Menschen weitgehend unabhängig von der Entwicklung der Gattung Homo in Afrika – in Asien aus Homo erectus eine Variante des archaischen Homo sapiens entwickelte, so dass die Funde von Zhoukoudian dann als Homo pekinensis („Mensch aus Peking“) bezeichnet werden.Valery Zeitoun et al.: Solo man in question: Convergent views to split Indonesian Homo erectus in two categories. In: Quaternary International. Band 223–224, 2010, S. 281–292, doi:10.1016/j.quaint.2010.01.018, Volltext (PDF).
Laut Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald geht die Bezeichnung Peking-Mensch auf den deutsch-amerikanischen Geologen Amadeus William Grabau zurück, der 1927 als Erster vom Peking Man gesprochen habe.Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald: Begegnungen mit dem Vormenschen. dtv, München 1965, S. 41.
Fundgeschichte Die Entdecker der Fundstätte waren Arbeiter, die Kalkstein abbauten. Ins Gestein eingebettet stießen sie häufig auf Knochen, die sie als „Drachenknochen“ deuteten, weswegen der Fundort von ihnen die Bezeichnung Drachenknochenhügel erhielt. Solche in der Traditionellen Chinesischen Medizin als Arznei- und Wundermittel verwendeten „Drachenknochen“ hatte um 1900 u. a. der deutsche Paläontologe Max Schlosser in chinesischen Apotheken angekauft, was wiederum ein Jahrzehnt später den schwedischen Geologen Johan Gunnar Andersson veranlasste, von 1914 bis 1918 in den nordchinesischen Provinzen Henan und Gansu sowie zuletzt auch am Drachenknochenhügel nach Fossilien zu suchen. Die Kalksteinhöhlen von Zhoukoudian erkannte er als besonders geeignet für eine systematische Erforschung, weswegen er Otto Zdansky beauftragte, dort Grabungsarbeiten zu organisieren. Otto Zdansky hatte erst kurz zuvor seine Ausbildung an der Universität Wien abgeschlossen und vereinbarte mit Andersson, dass er – statt einer Bezahlung für seine Tätigkeit – das Recht erhielt, alle Funde im eigenen Namen zu publizieren.Lydia Pyne: Peking Man: A Curious Case of Paleo-Noir. Kapitel 4 in: Dies.: Seven Skeletons. The Evolution of the World's Most Famous Human Fossils. Viking, New York 2016, S. 122–125, ISBN 978-0-525-42985-2. 1921 begannen die Ausgrabungen in der „Unteren Höhle“ des DrachenknochenhügelsDjia Lan-Po: Die Heimat des Peking-Menschen. Peking 1976, Verlag für Fremdsprachige Literatur, Seiten 1 und 11., wo bereits im Sommer 1921 ein oberer rechter homininer Molar entdeckt wurde. Erst nachdem Zdansky nach Schweden zurückgekehrt war, nahm er 1926 in den aus Peking nach Schweden verfrachteten Sammlungskisten das Fragment eines zweiten homininen Zahns wahr, einen unteren Prämolaren. Nun informierte Zdansky erstmals auch seinen Förderer Andersson über diese Zähne,Vincent L. Morgan und Spencer G. Lucas: Walter Granger 1872–1941. Paleontologist. In: New Mexico Museum of Natural History, Bulletin. Nr. 19, 2002; Online-Auszug (PDF). und ein Jahr darauf, 1927, berichtete Zdansky in der Fachzeitschrift Bulletin of the Geological Survey, China über diese Funde, die er zurückhaltend einer nicht näher bestimmbaren Art der Gattung Homo zuschrieb.Otto Zdansky: Preliminary notice on two teeth of a hominid from a cave in Chihli (China). In: Bulletin of the Geological Survey, China. Band 5, Nr. 3–4, 1927, S. 281–284, doi:10.1111/j.1755-6724.1926.mp53-4007.x.
Zur gleichen Zeit wie Zdansky waren einige nordamerikanische Geologen in Peking, um eine große Expedition des American Museum of Natural History in die Mongolei vorzubereiten. Stellvertretender Leiter und Chef-Paläontologe dieser Wissenschaftler war Walter W. Granger,The Granger Papers Project. der von Andersson eingeladen worden war, die Ausgrabungen am Drachenknochenhügel zu besichtigen. Auch Davidson Black, der damals als Professor für Anatomie am Rockefeller-Institut in Peking arbeitete, war von den Ausgrabungen beeindruckt, zumal nachdem er die beiden Zähne begutachtet hatte. Dank der Unterstützung durch amerikanische Kollegen gelang es ihm daher, eine großzügige Zuwendung der Rockefeller-Stiftung für ein Cenozoic Research Laboratory einzuwerben und am 16. April 1927 mit eigenen Ausgrabungen zu beginnen, die bereits am 16. Oktober zur Entdeckung eines weiteren unteren Molars führten.Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald, Begegnungen mit dem Vormenschen, S. 40–42. Gestützt auf diesen dritten Zahn definierte Black 1927 die neue Gattung und Art Sinanthropus pekinensis.Davidson Black: On a Lower Molar Hominid Tooth From the Chou Kou Tien Deposit. In: Paleontologia Sinica. Serie D, Band. 7 Faszikel I, 1927. Offizielle Leiter der Ausgrabungen waren zunächst die Geologen Ding Wenjiang und Wong Wenhao. In den Jahren bis 1937 wurden – unter Leitung von Davidson Black, Pei Wenzhong und Jia Lanpo (einer der Teilnehmer der Grabung war 1929 der Jesuit Teilhard de Chardin) – Teile von 13 Schädeln, darunter auch vollständige, 15 Unterkiefer, 157 Zähne und 11 weitere Knochen des Skeletts geborgen, die allesamt kurz darauf verloren gingen.Silvana Condemi und Françoi Savatier: Denisova. Die Entdeckung einer neuen Menschenart. C.H.Beck, München 2025, S. 93. ISBN 978-3-406-82697-9. diese Funde repräsentierten mehr als 40 Individuen beiderlei Geschlechts, ungefähr ein Drittel waren Kinder. Friedemann Schrenk: Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zu Homo sapiens. CH Beck, München 1997, S. 83. Nach dem frühen Tod von Davidson Black im Jahr 1934 führte Franz Weidenreich die detaillierte wissenschaftliche Bearbeitung der Funde von Zhoukoudian fort,Franz Weidenreich: The Skull of Sinanthropus pekinensis. A Comparative Study on a Primitive Hominid Skull. In: Palaeontologica Sinica. New Series D., No. 10. Whole Series No. 127, 1943, Volltext (PDF). Umfassender, bebilderter Übersichtsartikel, archiviert im Internet Archive. wobei er von sämtlichen Fossilien auch Abgüsse herstellen ließ.
Oberhalb der Locality 1 (= „Untere Höhle“) befindet sich eine weitere paläoanthropologische und archäologische Fundstelle, die „Obere Höhle“. Sie wurde 1933 und 1934 erforscht, entdeckt wurden fossile Knochen von mindestens acht Individuen des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens), darunter drei relativ intakte Schädel eines älteren Mannes, einer Frau mittleren Alters und eines Mädchens, ferner vier Unterkiefer, Dutzende einzelne Zähne und zahlreiche weitere Knochen vom Körper unterhalb des Kopfes. Die Schädel zeigten verwandtschaftliche Merkmale mit Europäern (der Mann), Eskimos (das Mädchen) und Melanesiern (die Frau), nicht aber mit den heutigen Chinesen. Für die Funde wurde ein Mindestalter von 35.100 bis 33.500 Jahren berechnet.Feng Li, Christopher J. Bae, Christopher B. Ramsey, Fuyou Chen und Xing Gao: Re-dating Zhoukoudian Upper Cave, northern China and its regional significance. In: Journal of Human Evolution. Band 121, 2018, S. 170–177, doi:10.1016/j.jhevol.2018.02.011.
Verlust der Fossilien mini|Der 2011 in Uppsala wiederentdeckte Eckzahn (Original) Die AbgüsseSie befinden sich heute im American Museum of Natural History in New York. sowie die zahlreichen Zeichnungen der Fossilien, die Franz Weidenreich für seine Fachveröffentlichungen anfertigte, sind heute fast das einzige, was von den Funden aus der Unteren Höhle erhalten blieb. Im Juli 1937 war Peking infolge des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs von japanischen Truppen besetzt worden. Im Dezember 1941 spitzte sich die militärische Situation in der Region zu, so dass man befürchtete, die Japaner könnten die Kontrolle über das Peking Union Medical College (Běijīng Xiéhé Yīxuéyuàn), den Verwahrungsort der Fossilien des Peking-Menschen, übernehmen. Um die Funde vor dem Zugriff der Japaner zu schützen und ihre mögliche Verschickung nach Japan zu verhindern, wurden alle Knochen – mit Ausnahme der von Zdansky entdeckten Zähne, die in Uppsala (Schweden) aufbewahrt worden waren – einzeln und aufwändig gepolstert in kleine Holzkästchen gepackt und diese in zwei Transportkisten reisefertig gemacht, um sie von Peking aus in die USA zu bringen. Lydia Pyne, Peking Man: A Curious Case of Paleo-Noir, S. 136–138. Am 5. Dezember 1941 wurden die beiden Transportkisten in einem Eisenbahnwaggon der US-Marine auf den Weg zur Hafenstadt Qinhuangdao gebracht, um dort auf die USS President Harrison verladen zu werden. Am 7. Dezember ereignete sich jedoch der japanische Angriff auf Pearl Harbor, den die USA mit einer Kriegserklärung gegen Japan und dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg beantworteten. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die USS President Harrison von ihrer Besatzung versenkt wurde und der US-Stützpunkt Qinhuangdao kapitulierte. Der Militärzug, der die Fossilien an Bord hatte, wurde von den Japanern erbeutet – der Verbleib der beiden Transportkisten ist unbekannt, keines der Fossilien tauchte jemals wieder auf.. Im Original publiziert auf nytimes.com vom 11. Oktober 2005. Auch der 2010 bekannt gewordene Hinweis eines früheren US-Soldaten, man sei 1947 im US-Stützpunkt Camp Holcomb in Qinhuangdao – zufällig beim Graben von Unterständen – auf die Kisten und ihren Inhalt gestoßen und habe sie umgehend wieder vergraben, führte bislang zu keiner Wiederentdeckung, obwohl das lokale Kulturamt bekundet hat, Bauarbeiten im Gebiet des ehemaligen US-Stützpunktes besonders zu überwachen.Lee Berger, Wu Liu und Xiujie Wu: Investigation of a credible report by a US Marine on the location of the missing Peking Man fossils. In: South African Journal of Science. Band 108, Nr. 3/4, 2012, Zugang zum Volltext (PDF).