Jekaterinburg, romanisiert auch Ekaterinburg (, ; 1924–1991 Swerdlowsk, russisch , historisch auch Katharinenburg), ist eine wichtige Industrie- und Universitätsstadt am Uralgebirge in Russland mit 1,55 Millionen Einwohnern (Stand: 2025).
Jekaterinburg liegt am Fluss Isset knapp 40 Kilometer östlich der imaginären Trennlinie zwischen Europa und Asien, welche im Westen bei der Stadt Perwouralsk verläuft. An dieser Stelle steht eine Europa-Asien-Säule.Europa-Asien-Säule von Jekaterinburg, Bild und Beschreibung Die natürliche Grenze bildet der Ural. Der Zeitunterschied zu Moskau beträgt zwei Stunden und zu Mitteleuropa vier Stunden (bzw. drei Stunden während der mitteleuropäischen Sommerzeit).
Nach Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk ist Jekaterinburg die viertgrößte Stadt und Zentrum der drittwichtigsten Region Russlands. In der Stadt bestehen mehrere Generalkonsulate, darunter eines der USA, von Tschechien, Großbritannien, Deutschland (seit 2005) und seit 2006 auch von Österreich.
Geschichte Die Region erschlossen im 11. Jahrhundert die Nowgoroder. Die industrielle Erschließung begann Ende des 17. Jahrhunderts. Gegründet hat die Stadt am . Ekaterinburg Travel, abgefragt am 6. November 2011 Wassili Tatischtschew zusammen mit dem deutschstämmigen Offizier und Kaufmann in russischen Diensten Georg Wilhelm Henning (1676–1750). Der Name der Stadt leitet sich von der Kaiserin Katharina I. (1684–1727) ab.
Jekaterinburg war eine der ersten russischen Fabrikstädte, die ab Beginn des 18. Jahrhunderts auf Zarenerlass zur Entwicklung des metallverarbeitenden Gewerbes gebaut wurden. Den Siedlungskern von Jekaterinburg bildeten eine Eisenhütte und im Quadrat angeordnete Wohngebäude. Umgeben wurde der Kern von einer Befestigungsanlage. Jekaterinburg war somit zugleich Fabrik- und Festungsstadt, von der aus die weitere Erschließung des Urals erfolgen sollte. Während der Baschkiren-Aufstände 1735–1740 wurden die zwangsgetauften Baschkiren Toigildy Schuljakow 1738 und Kissjabika Bairjassowa 1739 als Apostaten in Jekaterinburg auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Mit der Anbindung an den sogenannten Sibirischen Trakt 1763, der als eine der ersten großen West-Ost-Achsen Russlands von Moskau ins an Bodenschätzen reiche Sibirien führte, übernahm Jekaterinburg zunehmend Handels- und Mittlerfunktionen zwischen Europa und Asien („Fenster nach Asien“). Damit begann die eigentliche städtebauliche Entwicklung und Ausbildung städtischer Funktionen. Die Bebauung löste sich langsam von den Erfordernissen der Eisenproduktion, zunehmend bestimmten Gesellschaftsbauten das Stadtbild, und Stein wurde das vorherrschende Baumaterial für die wichtigeren Bauten. Neben Fabrikbesitzern und Arbeitern siedelten sich nun auch Kleinunternehmer, Beamte und Kaufleute, Geistliche und Militärs an. Zwischenzeitlich verlegte man die Verwaltung der Uralhütten aus der Gouvernementshauptstadt Perm nach Jekaterinburg. 1781 ernannte Katharina II. Jekaterinburg zur Stadt. Im gleichen Jahr wurde sie zur Hauptstadt des Ujesd Jekaterinburg, einer Unterverwaltungseinheit im Gouvernement Perm. Im Juni 1829 besuchte Alexander von Humboldt die Stadt während seiner achtmonatigen Russlandexpedition und besichtigte nahegelegene Gruben.Andreas W. Daum: Alexander von Humboldt. C. H. Beck, München 2019, ISBN 978-3-406-73435-9, S. 93.
Die industrielle Funktion der Stadt blieb auch im 19. Jahrhundert bestimmend. Seit 1840 galt Jekaterinburg als Zentrum der Metallverarbeitung, und bereits Anfang des 19. Jahrhunderts lag es hinsichtlich der Industrieproduktion an der Spitze der Uralstädte. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte infolge einer Krise im Metallsektor eine Diversifikation der lokalen Wirtschaftsstruktur. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts siedelten sich zahlreiche russische Banken in der Stadt an, und Jekaterinburg übernahm zunehmend überregionale Funktionen im Banken- und Kreditwesen. Die Stadt wurde auch kulturell Zentrum des Uralgebietes und hatte 1897 43.000 Einwohner. Nach dem Ausbruch der Oktoberrevolution wurde die Stadt von Weißgardisten des Admirals Koltschak besetzt. Am 25. Juli 1918 nahmen Jekaterinburg Truppen der auf der Seite der Komutsch (Komitee der Mitglieder der konstituierenden Versammlung) stehenden Tschechoslowakischen Legionen unter Stanislav Čeček ein. Erst im Juli 1919 gelang es der Roten Armee, die Stadt zurückzuerobern. Weltweit bekannt ist sie durch die Ermordung der Zarenfamilie im Verlauf des Russischen Bürgerkrieges 1918.
Ab 1914 gab es Pläne, die östlich des Urals liegenden Teile des Gouvernements Perm zu einem eigenen Gouvernement mit der Hauptstadt Jekaterinburg zusammenzufassen. Am 5. Juli 1919 verkündete man die Gründung des Gouvernements Jekaterinburg offiziell. Jekaterinburg wurde bei Gründung der Oblast Ural am 3. November 1923, in der die Gouvernements Jekaterinburg, Perm, Tjumen und Tscheljabinsk aufgingen, zu deren Hauptstadt. Die Erhebung der Stadt zum überregionalen Verwaltungszentrum (seit der Auflösung der Oblast Ural 1934 Hauptstadt der bis heute bestehenden Oblast Swerdlowsk) und ihre steigende wirtschaftliche Bedeutung führten zu einem starken Bevölkerungsanstieg. Damals im Stile des Konstruktivismus errichtete öffentliche Einrichtungen und Wohnhäuser prägen bis heute das Stadtbild.
Zu Ehren von Jakow Swerdlow trug die Stadt von 1924 bis 1991 den Namen Swerdlowsk. Während des Großen Vaterländischen Krieges lagerten hier die Kunstschätze der Eremitage. In der Stadt bestanden die Kriegsgefangenenlager 377 und 531 für deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkrieges.Erich Maschke (Hrsg.): Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1962–1977. Das im Zuge der Industrialisierung der Sowjetunion 1928 gegründete Werk Uralmasch wurde im Zweiten Weltkrieg zu einem wichtigen Produzenten von Rüstungsgütern für die Rote Armee. Neben anderen Rüstungsbetrieben fertigte das Werk den Panzer T-34, die Selbstfahrlafetten SU-85, SU-100 und SU-122 sowie die Haubitzen M-30.
Swerdlowsk war auch nach dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiges Produktionszentrum des militärisch-industriellen Komplexes der Sowjetunion. Dort produzierte man Panzer, Atomraketen und andere Waffen. Am 2. April 1979 ereignete sich der Milzbrand-Unfall in Swerdlowsk. Der Rüstungsbetrieb Swerdlowsk-19, der dem Netzwerk von Biopreparat angehörte, stellte biologische Waffen her. Wegen eines Fehlers beim Unterhalt der Luftfilter gelangten Milzbrand-Sporen in die Umgebung. Mindestens 100 Menschen kamen dabei ums Leben, die genaue Zahl ist bis heute unbekannt.Ken Alibek, Stephen Handelman: Biohazard: The chilling true story of the largest covert biological weapons program in the world – Told from inside by the man who ran it. 1999. Delta (2000) ISBN 0-385-33496-6. Die sowjetische Regierung leugnete die Ursache des Unfalls jahrelang und machte den Verzehr von verseuchtem Fleisch aus der Umgebung für diesen Ausbruch von Milzbrand verantwortlich.
Während des Putschversuchs 1991 befand sich hier der Bunker mit der „Ersatzregierung“ der Sowjetunion. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 war die Stadt für Ausländer unzugänglich. Sowjetbürger konnten nur mit Genehmigung einreisen. Eine berühmte mit Jekaterinburg verbundene Persönlichkeit ist Boris Jelzin (1931–2007), der ehemalige Präsident Russlands. Er stammte aus Butka in der Oblast Swerdlowsk, studierte am Swerdlowsker Polytechnikum und war 1976–1985 Erster Sekretär des Oblastkomitees der KPdSU.
Die Stadt war Spielstätte der Fußball-Weltmeisterschaft 2018.
Im Jahr 2019 war Jekaterinburg Schauplatz von Protesten der russischen Bürgerrechtsbewegung; Anlass war der Plan der Behörden, in einem Park im Zentrum der Stadt eine orthodoxe Kathedrale zu errichten.Kerstin Holm: Nur Rohstoffkolonie? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Juli 2019, S. 11. mini|Jekaterinburg City Bevölkerungsentwicklung
Anmerkung: 1897, 1939–2010 Volkszählungsdaten
Klima Das Klima der Region ist kontinental mit großen Temperaturschwankungen. Die Sommer sind bis zu 35 °C warm, aber kürzer als in Mitteleuropa. Frühjahr und Herbst sind ausgesprochen kurz. Die Winter hingegen können bis zu 6 Monate dauern und erreichen Temperaturen bis −40 °C.
Verwaltungsgliederung und Einwohnerentwicklung mini|Die acht Rajons Jekaterinburgs (Nummerierung entsprechend der nebenstehenden Tabelle)
+ Einwohner Nr. Verwaltungseinheit (Rajon) 1989demoscope.ru Всесоюзная перепись населения 1989 г. Численность городского населения РСФСР, ее территориальных единиц, городских поселений и городских районов по полу: Свердловский горсовет 2002demoscope.ru Всероссийская перепись населения 2002 г. Численность городского населения России, ее территориальных единиц, городских поселений и городских районов по полу: г. Екатеринбург с подчиненными его администрации населенными пунктами 2010 1 Akademitscheski rajon () – – – 2 Werch-Issetski rajon () 199.195 180.852 187.732 3 Schelesnodoroschny rajon () 143.490 143.167 147.686 4 Kirowski rajon () 234.461 212.587 211.271 5 Leninski rajon () 177.056 152.970 156.307 6 Oktjabrski rajon () 135.293 119.286 135.346 7 Ordschonikidsewski rajon () 287.445 261.985 270.944 8 Tschkalowski rajon () 187.681 222.690 240.486
Den Akademitscheski rajon bildete man 2020 aus Teilen des Leninski und des Werch-Issetski rajon.
Sehenswürdigkeiten mini|hochkant|Kathedrale auf dem Blut mini|Sewastjanow-Haus mini|Blick auf die Innenstadt Die bekannteste historische Sehenswürdigkeit der Stadt ist die Kathedrale auf dem Blut. Sie steht an der Stelle, an der sich bis 1977 das Ipatjew-Haus befand, in dessen Keller in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 die Bolschewiki den letzten Zaren Nikolaus II. und seine Familie ermordeten. Dieser Ort ist mittlerweile ein Wallfahrtsort für Anhänger der russischen Monarchie.
Es gibt in der Stadt noch weitere architektonisch wertvolle Gebäude, neben der 1739 erbauten Bergkanzlei mehrere Kathedralen im russischen Stil, deren bekannteste die im 19. Jahrhundert erbaute Christi-Himmelfahrts-Kathedrale (Wosnessenski sobor) ist. – Im Stil des sozialistischen Klassizismus ist das Rathaus erbaut, bedeutend auch das Universitätsgebäude und mehrere Institute sowie das Zirkusgebäude aus den 1980er Jahren und die prächtige Oper vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Bemerkenswert sind auch eine Reihe konstruktivistischer Bauten, so das Hotel Issetj und das dahinter befindliche Tschekisten-Städtchen. Ein Wahrzeichen war bis zu seiner Sprengung 2018 der unvollendete Fernsehturm, eines der höchsten unvollendeten Bauwerke der Welt.
Wirtschaft und Infrastruktur Wirtschaft Die Stadt Jekaterinburg ist die wichtigste Industriemetropole des Urals. Bereits seit dem frühen 18. Jahrhundert gibt es in der Stadt Ansiedlungen der Metallindustrie. Die Industrialisierung intensivierte man in den 1930er Jahren. Uralmasch ist das führende russische Unternehmen für Schwermaschinenbau (Stahlwerks- und Bergwerksausrüstung, Bohrgeräte, Bagger, Kräne usw.). Das Unternehmen entstand 2007 aus mehreren Vorgängerunternehmen mit Uralmaschplant in Jekaterinburg als Kern und war bis 2015 Teil des OMS-Konzerns. Neben dem Maschinenbau sind Metallverarbeitung und -verhüttung (Unternehmenssitz von VSMPO-AVISMA), Lebensmittelproduktion, Holzverarbeitung und chemische Industrie vertreten. Einen Schwerpunkt bildet mit über 40 angesiedelten Unternehmen die Produktion von Rüstungsgütern.
Jekaterinburg ist auch ein Zentrum des russischen Banken- und Finanzwesens.
Verwaltung In der Stadt gibt es weiterhin eine Reihe ausländischer Konsulate und den Sitz des Präsidenten des russischen Föderationskreises Ural.
Verkehr Nahverkehr Den öffentliche Personennahverkehr tragen hauptsächlich Buslinien, Trolleybusse und die Straßenbahn Jekaterinburg, die ein Netz von 180 Kilometern und 29 Linien umfasst.