mini|Baltische Stämme im 12. Jahrhundert

Als Balten (abgeleitet von Ostsee oder Baltische See) werden Stämme im Nordosten Europas bezeichnet, deren Sprachen u. a. neben denen der Kelten, Germanen, Slawen und Romanen einen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie bilden. Dieser Zweig gliedert sich in mehrere Einzelsprachen, darunter die der Letten, Litauer, Prußen (Altpreußen) und Kuren sowie ein ausgestorbenes Idiom im Narew-Gebiet der Sudauer-Jatvinger. Bis auf Lettisch und Litauisch sind fast alle baltischen Sprachen heute ausgestorben.

Im Norden des Baltikums leben die Esten, die keine baltische Sprache sprechen, sondern mit den Finnen und Ungarn zur Familie der finno-ugrischen Sprachgemeinschaften gerechnet werden. Somit zählt Estland nur geografisch und politisch, nicht jedoch linguistisch zum Baltikum. Wird heute von den baltischen Staaten gesprochen, sind Estland, Lettland und Litauen gemeint.Rainer Eckert, Elvira-Julia Bukevičiute, Friedhelm Hinze: Die baltischen Sprachen, eine Einführung. 5. Auflage. Langenscheidt, 1998, S. 15.

Als Baltendeutsche wurde die deutschsprachige Bevölkerung in Estland und Lettland bezeichnet, die dort seit dem Hochmittelalter siedelte und bis ins 19. Jahrhundert die adlige und bürgerliche Oberschicht bildete.

Ursprung und Verbreitung mini|hochkant=1.4|Osteuropa 3.–4. Jahrhundert. Baltische Kulturen (graulila) mit den Grenzen des häufigen (Doppelband) und sporadischen (Doppelpunkt-Strich-Band) Auftretens baltischer Hydronyme. Von West nach Ost: Westbaltische Hügelgräberkultur, Strichkeramik-Kultur, Dnepr-Dwina-Kultur, Moschtschiny-Kultur und Moskauer Kultur (schraffiert). Grün: finno-ugrische Kulturen, ocker: slawische frühe Prag-Kortschak-Kultur (heller, nach jüngeren Forschungen wahrscheinlich weiter verbreitet) und Kiewer Kultur (dunkleres ocker). Schwarze Schrift: iranische Stämme, graue Schrift: sonstige Kulturen und Stämme mit Expansion der Goten (grauer) und Hunnen (brauner Pfeil). Karte des Linguarium-Projektes der Lomonossow-Universität.In leicht vergrößerter und veränderter Variante hier auf der Website von Linguarium zu finden.

Wie bei vielen frühen Völkern liegt der Ursprung der Balten im Dunkeln. Zu ihrer Entstehung gibt es verschiedene Theorien. Die einflussreiche litauische Wissenschaftlerin Marija Gimbutas ging davon aus, dass die ersten Indogermanen das Baltikum um 3000 v. Chr. erreichten, wobei es sich nicht zwingend um die Vorfahren der Balten gehandelt haben muss, welche das Baltikum spätestens um 2800 v. Chr. mit der Schnurkeramik-Kultur erreicht hätten. Die Balten seien daraufhin aus einer Mischung mit den ansässigen Alteuropäern entstanden.

Jerzy Okulicz-Kozary bezeichnete als Urheimat der Balten das obere Dneprgebiet (Zentralweißrussland), da sich dort die ältesten baltischen Gewässernamen befänden. Von dort hätten sie sich nach und nach in andere Gebiete verbreitet.Jan Jaskanis u. a.: Die Balten, Die nördlichen Nachbarn der Slawen. Karl Schillinger, Freiburg 1987, S. 12–13. Łucja Okulicz-Kozaryn greift diese These auf und geht wie Kazimierz Buga davon aus, dass die Balten erst spät die Ostsee erreicht hätten. Nach ihr hätten sich die westbaltischen Stämme erst entlang der Memel Richtung Masuren verbreitet. Nördliche küstennahe Gebiete wie Samland und Natangen seien erst zu Beginn der europäischen Völkerwanderung baltisiert worden. Spätestens mit Beginn der Eisenzeit im 5. Jahrhundert v. Chr. kann in Ostpreußen und im Narew-Gebiet von einer baltischen Bevölkerung gesprochen werden; für Litauen und Lettland spätestens um Christi Geburt. Beide Bevölkerungsschübe kamen möglicherweise aus dem hypothetischen urbaltischen Dnepr-Gebiet.

Bis zum Beginn der Völkerwanderung erstreckte sich das baltische Siedlungsgebiet über ein riesiges Areal von der unteren Weichsel im Westen bis zum Oka bei Moskau im Osten und dem Pripet und dem Sejm im Süden. Während der Völkerwanderung kam es allerdings zu einer Slawisierung weiterer ehemals baltischer Räume. Die genauen Umstände dieser Landnahme sind nicht bekannt. Die archäologischen Befunde sprechen jedoch für einen friedlichen Vorgang. Es gibt weder Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen, noch wurden bisher auffallend häufig vergrabene Wertgegenstände gefunden, wie sie in unruhigen Zeiten auftauchen. Die Slawen scheinen sich an neuen Siedlungsorten innerhalb der baltischen Gebiete angesiedelt zu haben, während Bestattungsplätze von beiden Gruppen gleichwohl genutzt wurden. Durch neue Techniken und die höhere Bevölkerungszahl der Slawen gingen die Balten nach einer Zeit des friedlichen Zusammenlebens in ihnen auf. Inwiefern es dennoch Konflikte oder Ressentiments zwischen den beiden Völkerschaften gab, kann nicht gesagt werden. Durch Krieg wurden später im 13. Jahrhundert indes die westbaltischen Völker (Prußen, Sudauer, Galinder) vom Deutschen Orden durch Kreuzzüge fast ausgerottet und im Laufe des Mittelalters schließlich assimiliert, wodurch die letzten Vertreter der Balten, die heutigen Letten und Litauer, übrig bleiben.

Innere Unterteilung Die Balten werden traditionell in die Gruppen der Westbalten und Ostbalten unterteilt. Deren kulturelle und sprachliche Unterschiede im Laufe der Geschichte wuchsen. In den 1980ern wurde von Walentin W. Sedow eine Dreiteilung der Balten vorgeschlagen, welche sich in die Westbalten, Mittelbalten (lettische und litauische Stämme) und Ostbalten (die unbekannten Stämme des Dnepr- und Okagebiets) teilte. Dieser Vorschlag konnte sich letztendlich, wohl auch wegen fehlender linguistischer Untermauerung, bisher nicht durchsetzen. Im Allgemeinen weiß man über die untergegangenen ostbaltischen Stämme sehr wenig, da schriftliche Quellen fehlen und man sich auf allein archäologische Befunde stützen kann. Insgesamt lässt sich ein gewisser Traditionalismus in der Entwicklung der baltischen Kulturen und eine Beständigkeit des Siedlungswesens feststellen. Gleichzeitig gab es eine beträchtliche kulturelle Gliederung und Differenzierung in kleine Räume.

Geschichte Eisenzeit Das Eisen erreicht den westbaltischen Raum in der Periode Hallstatt D (etwa 550 bis 440 v. Chr.). Zu dieser Zeit beginnt auch die Teilung zwischen West- und Ostbalten, da der ostbaltische Raum an diesen Entwicklungen erst später, etwa um Christi Geburt, teilnahm. Mit der Einführung des Eisens und der vermuteten Einwanderung baltischer Völker entsteht in Ostpreußen, im Narewgebiet und an der litauischen Küste die westbaltische Hügelgräberkultur. Trotz der Eiseneinführung tauchen selbstgefertigte Eisengegenstände erst im 2. Jahrhundert n. Chr. in größeren Mengen auf. Von der nahen Lausitzer Kultur unterscheidet sich die westbaltische Hügelgräberkultur Kultur durch rundbögige Tongefäße und kleine Wehrsiedlungen anstelle größerer „Burgen“. Durch das Eisen setzen viele Veränderungen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben ein. Aus Grabbeigaben ist abzulesen, dass die Fürsten an Macht und Einfluss gewinnen und die sozialen Unterschiede wachsen.Jan Jaskanis u. a.: Die Balten, Die nördlichen Nachbarn der Slawen. Karl Schillinger, Freiburg 1987, S. 34. Dem gegenüber steht die ostbaltische Burgbergkultur, welche zahlreiche verwandte Kulturen bis zum Gebiet des Oka bei Moskau vereint. Von dieser Kultur ist bisher nur ein Urnenfeld gefunden worden. Es kann daher nur wenig über ihre Bestattungsbräuche und ihre materielle Kultur gesagt werden.Jan Jaskanis u. a.: Die Balten, Die nördlichen Nachbarn der Slawen. Karl Schillinger, Freiburg 1987, S. 27.

Römische Eisenzeit (Zeitenwende bis 400) Die Vertreter der westbaltischen Hügelgräberkultur lebten an der sehr wichtigen Bernsteinstraße, über die der an der Ostsee gewonnene Bernstein in weite Teile Europas und des Mittelmeerraums befördert wurde. Durch den Bernsteinhandel standen sie – zumindest indirekt – mit vielen Völkern in Kontakt, unter anderem mit dem römischen Reich. Die baltischen Stämme boten wohl neben Bernstein auch Pelze, Honig und Wachs an und erhielten dafür Bronze und Silber, oft in Form von Münzen. Durch den Handel kommt es im westbaltischen Gebiet und im Westteil Litauens und Lettlands zu neuen Impulsen und einer Blütezeit. Eisen verbreitet sich immer weiter und es entsteht eine große Bronze- und Goldschmuckherstellung von seltener Qualität.Jan Jaskanis u. a.: Die Balten, Die nördlichen Nachbarn der Slawen. Karl Schillinger, Freiburg 1987, S. 36. Diese Veränderungen führten dazu, dass sich die Siedlungsstruktur zugunsten offener Siedlungen verschob, welche die Wehrsiedlungen größtenteils ablösten.Jan Jaskanis u. a.: Die Balten, Die nördlichen Nachbarn der Slawen. Karl Schillinger, Freiburg 1987, S. 34. In diese Zeit fällt auch die erste schriftliche Erwähnung der Balten bei Tacitus unter der Bezeichnung aestii (Ästier), der später auf die finno-ugrischen Esten übergeht. Die später überlieferten baltischen Stämme des Mittelalters bestehen vermutlich schon um diese Zeit, da der Geograph Claudius Ptolemäus bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. auf seinem Atlas die Stämme der Galindai und Soudinoi auf dem Gebiet eintrug,Ptolemäus, Geographike Hyphegesis 3,5,9. welches später von den Galindern und Sudauern bewohnt wurdeTarasov I. The balts in the Migration Period. P. I. Galindians, S. 99–109.. Östlich der genannten Gebiete fehlen diese Impulse oder werden nur vereinzelt aufgenommen. Ausnahmen bilden hier das Land um die Memel und die litauischen Küstengebiete, die ebenfalls am Handel beteiligt sind. Im Osten verharrt die materielle Kultur auf der Stufe der Strichkeramikkultur. Aus dieser Zeit sind auch mehr Funde aus Hügelgräbern bekannt, weswegen man mehr über die damaligen Lebensumstände sagen kann. Das litauische Material unterscheidet sich wesentlich vom prußischen und jatwingischen und weist deutlich mehr örtliche, vom europäischen Stil abweichende, Eigenheiten auf.Jan Jaskanis u. a.: Die Balten, Die nördlichen Nachbarn der Slawen. Karl Schillinger, Freiburg 1987, S. 39.

Völkerwanderungszeit und ostbaltische mittlere Eisenzeit (400–800) mini|hochkant=1.4|Osteuropa 5.–6. Jahrhundert. Balten (violett), v. W. n. O.: Pruzzisch-jatwingische Stämme, lettisch-litauische Stämme, Tuschemlja-Kultur und Moschtschiny-Kultur. Hellbraun, rosa und gelb: expandierende slawische Gruppen, dunkles braun: germanische Restgruppen u. a. Linguarium-Karte.

Die westbaltische Kultur erlitt während der Völkerwanderungszeit keine größeren Störungen. Stattdessen breiten sich die Westbalten auf der Elbinger Hochfläche und im Gebiet der unteren Weichsel aus. Die Ausbreitung auf der Hochebene scheint friedlich verlaufen zu sein, während an der unteren Weichsel zahlreiche vergrabene Edelmetallfunde durchaus für ein gewaltsames Eindringen der Prußen sprechen. Später breiten sich auch die Kuren nach Norden in bisher livisches Gebiet aus. mini|Europa im Jahr 814 - Zu Zeiten von Karl des Großen