mini|Das Gleichnis im Codex aureus Epternacensis Das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus ist eine biblische Beispielerzählung aus dem Lukasevangelium . Die Figur des Lazarus ist nicht identisch mit dem nach dem Johannesevangelium von Jesus Christus auferweckten Lazarus .

Inhalt Das Gleichnis beginnt unvermittelt ohne jegliche Einleitung. Auch fehlt eine Deutung durch Jesus oder den Evangelisten. Durch die Inszenierung im Hades und das Auftreten Abrahams wird jedoch klar, dass es sich um eine fiktive Beispielerzählung handelt. Sie führt zwei literarische Figuren ein, die sich an den entgegengesetzten Enden des sozialen Spektrums befinden:

Ein Mensch,Vgl. Jutta Leonhard-Balzer: Wie kommt ein Reicher in Abrahams Schoß? (Vom reichen Mann und armen Lazarus) – Lk 16, 19–31, Gütersloh 2007, S. 651: Der Reiche bleibt wie alle anderen in neutestamentlichen Gleichnissen auftretenden Personen namenlos, erhielt aber in der Auslegungstradition unterschiedliche Namen: Nevis, d. h. der Ninivite oder Finaeus (Phineus aus der Argonautensage). an dessen Kleidung sein Reichtum ablesbar ist, verbringt sein Leben damit, sich prächtig zu vergnügen. Das purpurgefärbte Obergewand, das in der Antike königliche Konnotationen hatte, ist kombiniert mit einem Untergewand aus feinem Leinen (Byssos).Hans-Georg Gradl: Von den Kosten des Reichtums: Die Beispielerzählung vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31) textpragmatisch gelesen, 2005, S. 310. mini|Essensreste, die beim Bankett auf den Boden geworfen wurden, zeigen den Reichtum des Gastgebers (Mosaikfußboden, frühes 2. Jahrhundert n. Chr., Museo Gregorio Profano, Vatikan)Jutta Leonhard-Balzer: Wie kommt ein Reicher in Abrahams Schoß? (Vom reichen Mann und armen Lazarus) – Lk 16, 19–31, Gütersloh 2007, S. 652. Der arme Lazarus liegt vor der Tür des Reichen. Er ist der einzige Akteur in einem Gleichnis des Neuen Testaments, der einen Namen hat.Vgl. Bauer/Aland: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. De Gruyter, 6. völlig neu bearbeitete Auflage Berlin / New York 1988, Sp. 939: , eine auch bei Flavius Josephus bezeugte Kurzform des Personennamens . Ihn kennzeichnen nicht etwa Lumpen, sondern seine Geschwüre. Ist Reichtum etwas, das mit einem Kleider-Code nach außen gezeigt wird, so betreffen Armut und Krankheit den Körper direkt und machen ihn abstoßend. Passivität kennzeichnet den Armen. Er beobachtet hungrig (durch die anscheinend offene Tür), dass BrotstückeWohl keine Krümel, sondern Fladenbrot, das man in die Schüssel tunkte und mit dem man nach damaliger Sitte die Hände beim Essen reinigte. Vgl. Joachim Jeremias: Die Gleichnisse Jesu. 11. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, S. 183. (Online) vom Tisch des Reichen auf den Boden fallen. Die hätte er gerne. Aber sie bleiben unerreichbar. Die einzige Aufmerksamkeit, die sein Zustand findet, ist die von streunenden Hunden. Sie lecken seine Geschwüre.Hans-Georg Gradl: Von den Kosten des Reichtums: Die Beispielerzählung vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31) textpragmatisch gelesen, 2005, S. 311. Dies ist aber nicht als eine Art Zuwendung zu verstehen, sondern zeigt, dass Lazarus bereits so schwach ist, dass er sich dieser aggressiven Tiere nicht erwehren kann.Jutta Leonhard-Balzer: Wie kommt ein Reicher in Abrahams Schoß? (Vom reichen Mann und armen Lazarus) – Lk 16, 19–31, Gütersloh 2007, S. 652 f.

Lazarus’ Sterben ist aufgrund dieser Zustände absehbar und wird geradezu behutsam geschildert. Engel tragen ihn in Abrahams Schoß (wörtlich: „Brust“.) Er hat einen Ehrenplatz an der jenseitigen Tafel; Lazarus liegt an der Brust Abrahams wie der Lieblingsjünger an der Brust Jesu . Damit wird die enge Gemeinschaft beider ausgedrückt.Bauer/Aland: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. De Gruyter, 6. völlig neu bearbeitete Auflage Berlin / New York 1988, Sp. 898.

Der Reiche stirbt, wird begraben und findet sich im Hades wieder, wo ihn Schmerzen quälen. Von ferne sieht er Abraham und Lazarus in dessen Schoß. „Lazarus ist drinnen, der Reiche draußen. Lazarus ist umsorgt (vgl. Vers 24), der Reiche darbt und wird … zum Bettler.“Hans-Georg Gradl: Von den Kosten des Reichtums: Die Beispielerzählung vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31) textpragmatisch gelesen, 2005, S. 312. Mit Vers 23 ändert sich die Erzählperspektive; der Leser verfolgt das Geschehen nun aus der Sicht des Reichen. Sein Dialog mit Abraham zeigt, wie der reiche Mensch denkt. Zunächst wendet er sich bescheiden an seinen „Vater Abraham“ mit dem Wunsch, er möge Lazarus senden, damit dieser seine Qual mit einem Tropfen Wasser lindere. Der Wunsch nach Wasser korrespondiert mit Lazarus’ unerfülltem Wunsch nach Brot. Der Reiche zeigt damit auch, dass er Lazarus zu Lebzeiten zwar ignoriert, aber gleichwohl bemerkt hat. Abraham stellt sich nun sozusagen schützend vor Lazarus und weist den Zugriff des Reichen auf Lazarus’ Dienstleistung ab:Hans-Georg Gradl: Von den Kosten des Reichtums: Die Beispielerzählung vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31) textpragmatisch gelesen, 2005, S. 313.Mein Kind, erinnere dich daran, dass du schon zu Lebzeiten deine Wohltaten erhalten hast, Lazarus dagegen nur Schlechtes. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest große Qual. () Abraham wirbt um Verständnis, weniger bei dem Reichen, denn der hat keine Handlungsoptionen mehr, umso mehr aber beim Leser, der verstehen soll: Zwischen Lazarus und dem Reichen befindet sich eine große Kluft (), die unüberwindlich ist. Im Jenseits ist die hilfreiche, mitmenschliche Kontaktaufnahme unmöglich, dafür ist es zu spät. Implizit heißt das auch: zu Lebzeiten der beiden wäre sie möglich gewesen, der Reiche hätte nur zu seiner Tür hinaus gehen müssen.Hans-Georg Gradl: Von den Kosten des Reichtums: Die Beispielerzählung vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31) textpragmatisch gelesen, 2005, S. 314.

Hier könnte die Erzählung zu Ende sein, aber der Reiche hat noch einen Wunsch. Abraham möge den Lazarus aus dem Jenseits zu den fünf Brüdern des Reichen schicken, um sie davor zu warnen, welches Schicksal sie ereilen könnte. Abraham lehnt das ab mit dem Verweis auf die heiligen Schriften Israels („Mose und die Propheten“), in denen alles steht, was für die Brüder zu wissen nötig ist. Ein letztes Mal verwendet sich der Reiche für die noch lebenden Brüder: Ein Mensch, der aus dem Totenreich zurückkehrt, wäre doch überzeugender als heilige Schriften. Abraham weist das zurück: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht. () Diese Information über die im Jenseits geltenden Kriterien, die der Reiche seinen lebenden Brüdern nicht übermitteln kann, bietet ironischerweise die lukanische Beispielerzählung dem Leser an. Er bleibt mit der Frage zurück, ob für die Geschwister des Reichen noch Hoffnung besteht.Hans-Georg Gradl: Von den Kosten des Reichtums: Die Beispielerzählung vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31) textpragmatisch gelesen, 2005, S. 316.

Struktur Die Beispielerzählung hat eine chiastische Struktur. Im Diesseits und im Jenseits gibt es einen guten und einen qualvollen Ort; Lazarus und der Reiche tauschen nach dem Tod ihre Plätze:Jutta Leonhard-Balzer: Wie kommt ein Reicher in Abrahams Schoß? (Vom reichen Mann und armen Lazarus) – Lk 16, 19–31, Gütersloh 2007, S. 648. Positiver OrtZwischenraumNegativer OrtIrdisches LebenHaus des ReichenTürVor dem Haus des ReichenLeben nach dem TodAbrahams Schoßunüberwindbare KluftHades

Das Gleichnis im Kontext des Lukasevangeliums Der Aufbau des Kapitels 16 im Evangelium nach Lukas ist eher locker, am ehesten verbindet die einzelnen Abschnitte das Motiv des rechten Umgangs mit dem Besitz. Als negativer Kontrast dienen in die „geldgierigen“ Pharisäer. Ihnen gegenüber betont Jesus die Geltung der heiligen Schriften („Mose und die Propheten“); zugleich tritt Jesus in den Versen, die zum Lazarus-Gleichnis überleiten, als autoritativer Ausleger dieser Schriften auf.Hans-Georg Gradl: Von den Kosten des Reichtums: Die Beispielerzählung vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31) textpragmatisch gelesen, 2005, S. 309.

Am Ende des Gleichnisses bleiben die Leser mit der Frage zurück, ob und wie reiche Menschen der jenseitigen Qual entgehen können. Wenn sie die Tora und die Prophetenbücher richtig lesen würden, würden sie dort an ihre soziale Verantwortung erinnert. Indem am Ende das Stichwort Auferstehung fällt, wird im Kontext des ganzen Evangeliums auch deutlich, dass der Glaube an Jesus Christus, den Auferstandenen, den Sinn der heiligen Schriften neu erschließt.Jutta Leonhard-Balzer: Wie kommt ein Reicher in Abrahams Schoß? (Vom reichen Mann und armen Lazarus) – Lk 16, 19–31, Gütersloh 2007, S. 657 f. Im Lukasevangelium wird die Kritik am Reichtum immer wieder aufgenommen, siehe beispielsweise das Gleichnis vom Nadelöhr in . Hans-Georg Gradl betont, dass die Lösung nicht darin besteht, so wie Lazarus leben zu wollen. Dieser diene als Kontrastfigur, angesprochen seien reiche Leser. Die Frage, wie Wohlhabende sich angesichts der Armut anderer Menschen verantwortlich verhalten sollen, sei im Evangelium „hinein verwoben“ in einen Lebensentwurf: Der christliche Glaube solle im Alltag Wirkung zeigen.Hans-Georg Gradl: Von den Kosten des Reichtums: Die Beispielerzählung vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31) textpragmatisch gelesen, 2005, S. 316 f.

Rezeptionsgeschichte Neues Testament Die Rezeption der lukanischen Beispielerzählung beginnt nach Meinung mancher Exegeten bereits innerhalb des Neuen Testaments. Im Johannesevangelium kommt ein Freund von Jesus namens Lazarus vor, der insbesondere im Mittelalter oft mit Lazarus aus dem Gleichnis verwechselt wurde. Aber unter der Annahme, dass Johannes die synoptischen Evangelien kennt und sein Evangelium eine Art Kommentar zu ihnen ist, besteht möglicherweise eine Beziehung zwischen dem lukanischen und dem johanneischen Lazarus. So sieht Hartwig Thyen in Joh 11,1 bis 12,11 ein intertextuelles Spiel mit : Johannes kennt die Geschichte von der Totenerweckung des namenlosen jungen Mannes von Nain durch Jesus und erzählt sie neu, wobei dieser den Namen Lazarus aus dem Gleichnis erhält. Was der Reiche im Gleichnis vergeblich wünscht, dass jemand aus dem Jenseits zurückkehrt, erfüllt sich in der Auferweckung des Lazarus, und es bestätigt sich, was Abraham im Gleichnis dazu sagt: Die Auferweckung bewirkt keine Umkehr, sondern bestärkt die jüdischen Autoritäten in ihrem Widerstand gegen Jesus. Er gipfelt im Todesplan für Jesus, aber auch für Lazarus, seinen Freund und Zeugen.Hartwig Thyen: Das Johannesevangelium. 2. Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 2015, S. 508–551.

Alte Kirche Origenes verwies auf , um zu erklären, warum der Reiche namenlos bleibt, der Arme aber einen sprechenden Namen trägt. Lázaros bedeute „der, dem geholfen wurde.“ Ijob sei dagegen ein reicher und frommer Dulder, der in der Bibel deshalb auch eines Namens gewürdigt werde. Dass das Gleichnis empfiehlt, Mose und die Propheten zu studieren, war in der Auseinandersetzung mit Marcion ein willkommenes Argument für die bleibende Bedeutung des Alten Testaments auch für Christen. Die allegorische Deutung des Gleichnisses, die sich bei Ambrosius von Mailand und Augustinus von Hippo findet, machte dieses für antijüdische Polemik brauchbar: Der Reiche stehe für die „stolzen“ Juden, Lazarus für die demütigen Christen.