mini|William Skelton: Lady Flora Hastings, Öl auf Leinwand, um 1836 Lady Flora Elizabeth Rawdon-Hastings, auch bekannt als Lady Flora Hastings (* 11. Februar 1806 auf Loudoun Castle bei Galston, East Ayrshire; † 5. Juli 1839 im Buckingham Palace, London) war eine britische Adlige und Hofdame (Mistress of the Robes) der Victoria von Sachsen-Coburg-Saalfeld, Duchess of Kent, deren Tochter Victoria ab 1837 britische Königin war.
Die ungerechtfertigte Vorverurteilung wegen einer angeblichen unehelichen Schwangerschaft löste 1839 die „Flora-Hastings-Affäre“ aus, die die junge Königin Victoria in ihrem zweiten Regierungsjahr in der Öffentlichkeit Ansehen und Sympathien kostete.
Herkunft Lady Flora Hastings’ Familie stammt aus der schottisch-englischen Aristokratie. Sie war die älteste Tochter von Francis Rawdon-Hastings, 1. Marquess of Hastings (1754–1826), einem britischen General und Generalgouverneur von Indien, und seiner Ehefrau Lady Flora Mure-Campbell (1780–1840), der späteren 6. Countess of Loudoun. Sie erhielt eine umfassende und vorzügliche Ausbildung, sprach mehrere Fremdsprachen und zeigte sich an Literatur, Musik und Malerei interessiert. Sie war regelmäßiger Gast bei Empfängen von Queen Adelaide, während ihr Bruder einer der Gentlemen of the Bedchamber von König William IV. war.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 217.
Rolle im Kensington System mini|hochkant|Sir John Conroy. 1837 Im Februar 1834 wurde Flora Hastings offiziell zur Hofdame der verwitweten Duchess of Kent ernannt. Die Historikerin Kathryn Hughes weist allerdings darauf hin, dass Flora Hastings weniger als Gesellschafterin der Duchess vorgesehen war, sondern in die Rolle einer Vertrauensperson der voraussichtlichen Thronnachfolgerin Victoria hineinwachsen und damit den Einfluss von deren Erzieherin und engen Vertrauten Louise Lehzen schwächen sollte.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 190. Flora Hastings war damit Teil des sogenannten Kensington Systems, mit dem John Conroy, der Nachlassverwalter des 1820 verstorbenen Edward Augustus, Duke of Kent and Strathearn, Einfluss auf die Familie der Duchess nehmen wollte. Conroy setzte seit dem Tod des Duke of Kent darauf, dass die Ehen der älteren Brüder des Duke kinderlos bleiben und damit Prinzessin Victoria auf dem britischen Thron nachfolgen würde. Angesichts des hohen Alters der Brüder würde dies vermutlich zu einem Zeitpunkt erfolgen, zu dem die Prinzessin noch unmündig war. In diesem Falle würde mit hoher Wahrscheinlichkeit die Duchess of Kent zur britischen Regentin ernannt werden, die an Stelle ihrer noch nicht volljährigen Tochter die Herrschaft ausüben würde. Auf Grund des großen Einflusses, den Conroy auf die Duchess of Kent hatte, würde dies ihm indirekt Einfluss und Macht sichern. Conroy setzte daher alles daran, die Duchess und ihre Tochter weitestgehend von anderen Hofkreisen zu isolieren. Sein Einfluss auf die Duchess war so groß, dass im Haushalt der Herzogin bis auf wenige Ausnahmen nahezu ausschließlich von Conroy ausgesuchte Personen verkehrten.
Die in höfischen Umgangsformen erfahrene Flora Hastings gehörte zu den von John Conroy sorgfältig ausgewählten Personen und wurde eingestellt, nachdem höfische Kreise die mangelhaften Umgangsformen der Prinzessin Victoria beklagten.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 210. Die Familien Conroy und Hastings waren seit langem eng miteinander verbunden. Conroys Bruder war während der Zeit, in der Lord Hastings als Generalgouverneur von Indien fungierte, dessen Aide de camp gewesen. Beide waren in einem Finanzskandal verwickelt gewesen, der ihren Ruf schädigte. Beide Familien fühlten sich außerdem von der britischen Krone ausgenutzt: 20 Jahre vor dem Antritt von Flora Hastings als Hofdame im Haushalt der Duchess of Kent hatte Lord Hastings dem damaligen Prinzregenten George eine so große Geldsumme persönlich geliehen, dass deren Nicht-Rückzahlung die Familie Hastings an den Rand des Ruins brachte. In ähnlicher Weise fühlte sich Conroy für seine Dienste an der unmittelbaren Familie der Thronfolgerin nicht hinreichend gewürdigt.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 356.
Die voraussichtliche Thronfolgerin selbst zählte dagegen mit ihrer Erzieherin zu den Personen, die Conroy ablehnten. Diese Ablehnung übertrug Prinzessin Victoria auch auf Flora Hastings, die sie im Auftrag der Duchess of Kent neben ihrer Erzieherin Louise Lehzen nun ständig begleitete und die von der Prinzessin als Spionin eingestuft wurde.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 225.
Als zunehmend wahrscheinlicher wurde, dass König William so lange leben würde, dass Prinzessin Victoria bei der Thronbesteigung volljährig sein würde, versuchte John Conroy im Verlauf des Jahres 1835 die Prinzessin zur Unterschrift unter ein Dokument zu zwingen, das ihm nach ihrer Thronbesteigung die Ernennung zum Privatsekretär der Königin zusicherte. Die Rolle des Privatsekretärs in einem königlichen Haushalt stellte eine der einflussreichsten Positionen dar, die ein Bürgerlicher oder Kleinadeliger zu diesem Zeitpunkt erreichen konnte. Mit Unterstützung ihrer Erzieherin Louise Lehzen widersetzte sich die Prinzessin dieser Unterschrift, was zu einem Bruch mit ihrer Mutter und allen mit ihrem Haushalt assoziierten Personen führte.
Thronbesteigung Victorias mini|hochkant|Königin Victoria im Krönungsornat, Gemälde aus dem Jahr 1838 Victorias Onkel William starb im Juni 1837, nur wenige Wochen, nachdem seine Thronfolgerin 18 Jahre und damit mündig war. Ihre neue Unabhängigkeit nutzte Königin Victoria, um sich dem dominierenden Einfluss ihrer Mutter und vor allem John Conroys zu entziehen. Ihrer Mutter wurde lediglich die Rolle bei Hofe zugebilligt, die das Protokoll für sie vorsah. Sie zog zwar gemeinsam mit ihrer Tochter aus dem Kensington Palace aus, wurde aber in einem Flügel im Buckingham Palace untergebracht, der weit entfernt von den privaten Räumlichkeiten der jungen Königin lag. Mutter und Tochter sahen sich nur noch bei offiziellen Anlässen und stets in Anwesenheit anderer Personen. Conroy erhielt keine offizielle Stellung am Hof und wurde 1838 bewusst noch nicht einmal zu den Krönungsfeierlichkeiten eingeladen.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 371. Er blieb aber weiterhin Mitglied des Haushalts der Duchess of Kent. Louise Lehzen dagegen wurde die Leitung des königlichen Haushalts übertragen und sie fungierte nun als „Lady Attendant“ der jungen Königin.
26 Frauen wurden zu Gesellschaftsdamen der jungen Königin ernannt. Bis auf Mary Davis, die Tochter des Bischofs von Peterborough, kamen die Gesellschaftsdamen der jungen Königin ausschließlich aus aristokratischen Familien, die der Partei der Whigs nahe standen.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 239. Flora Hastings dagegen wurde unzweideutig mitgeteilt, dass ihre Dienste als Gesellschafterin der jungen Königin nicht erwünscht seien. Wie Conroy blieb sie allerdings Mitglied des Haushalts der Duchess of Kent und zog ebenfalls mit in den Buckingham Palace. Die Zurücksetzung, die sowohl John Conroy als auch Flora Hastings erfuhren, stärkte das Band zwischen ihnen. Conroy vertraute ihr in einem Brief gegen Ende des Sommers 1837 an, wie sehr es ihn verletze, dass Königin Victoria und ihr Premierminister Lord Melbourne ihm die Erhebung in den Stand eines Peers und damit die Anerkennung seiner Verdienste um die Familie der Duchess of Kent verweigerten. Die sonst eher zurückhaltende Flora Hastings zeigte sich von diesem Vertrauensbeweis zutiefst berührt, nannte Conroy in ihrem Antwortschreiben ihren engsten Freund und hielt fest, wie sehr er sie an ihren Vater erinnere, dem von königlicher Seite ebenfalls so viel Unrecht widerfahren sei.
Flora Hastings nahm ihre Aufgabe – wie für Hofdamen durchaus üblich – mit Unterbrechungen wahr. Sie verbrachte immer wieder Monate bei ihrer verwitweten Mutter in Schottland um dann für mehrere Monate im Haushalt der Duchess zu leben. So war Flora Hastings im August 1837 nach Schottland zurückgekehrt und kam erst im April 1838 wieder an den britischen Hof zurück.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 325.
Angesichts ihrer Rückkehr hielt Königin Victoria in ihrem Tagebuch fest:
Die Flora Hastings-Affäre Der Schwangerschaftsverdacht mini|Baronin Louise Lehzen (1842), engste Vertraute der englischen Königin Im August 1838 reiste Flora Hastings erneut zu ihrer Familie, die im Loudon Castle in der Nähe der Stadt Kilmarnock im Südwesten von Schottland ihren Stammsitz hatte. Sie blieb dort bis Weihnachten und zeigte sich zunehmend kränklich. Trotz ihrer angegriffenen Konstitution nahm sie zu Beginn des Jahres 1839 die viertägige Rückreise nach London auf sich: Lady Mary Stopford, mit der sich Flora Hastings den Dienst bei der Duchess of Kent teilte, war schwer an Tuberkulose erkrankt und die Duchess ohne Hofdame. Ab dem 10. Januar 1839 war sie wieder im Buckingham Palace.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 514. Noch am Tag ihrer Rückkehr wandte sie sich an James Clark, den Leibarzt sowohl von Königin Victoria als auch der Duchess of Kent, weil sie an Schmerzen in ihrer linken Körperseite litt und ihr Bauch stark geschwollen war. Clark, der Flora Hastings untersuchte, während diese wie üblich vollständig bekleidet blieb, verschrieb ihr ein Mittel gegen Verstopfung.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 521.
Aus Tagebucheinträgen der Königin Victoria geht hervor, dass der stark geschwollene Bauch der ansonsten schlanken Hofdame bereits am 12. Januar bei ihr und ihrer Vertrauten Luise Lehzen den Verdacht erweckte, dass Lady Flora schwanger sei. Am 2. Februar hielt die Königin außerdem im Tagebuch fest, dass sie John Conroy als den Vater verdächtigte.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 542. An diesem Verdacht war Lady Flora nicht völlig unschuldig – das gute Verhältnis zwischen der Hofdame und Conroy war am Hofe bereits länger Gespräch. Darüber hinaus hatte Flora Hastings sich bei ihrer letzten Abreise nach Schottland nur von John Conroy begleitet in einer Kutsche vom Palast zum Hafen von London bringen lassen, wo sie das Dampfschiff nach Edinburgh bestieg. Den vergleichsweise ungewöhnlichen Schritt, sich ohne weitere Anstandsperson mit einer nicht verwandten männlichen Person die Kutsche zu teilen, erklärt die Historikerin Kathryn Hughes damit, dass Flora Hastings sich mit ihren 32 Jahren bereits als alte Frau empfand und in dem verheirateten Conroy einen väterlichen Freund sah, der eine Anstandsperson unnötig mache.Hughes: The Victorians Undone. Kapitel: Lady Flora’s body, Ebook-Position 507. Darauf weist auch ein Brief hin, in dem sich Flora Hastings’ Mutter für die Fürsorge um ihre Tochter bei dem Ehepaar Conroy bedankt.
Reaktionen am Hofe mini|Die Herrschaft der Königin Victoria sollte im Gegensatz zu der Herrschaft ihrer Vorgänger – karikiert ist hier das Liebesleben ihres Vorgängers Georg IV – über moralische Zweifel erhaben sein. Die vermeintliche Schwangerschaft der Lady Flora gefährdete diesen Ruf und drohte auch die zu schädigen, die an ihrem Hofe Dienst taten