mini|300px|rechts|Klosterruine der Abtei Hersfeld Die Reichsabtei Hersfeld (lateinisch: Abbatia Hersfeldensis; Patrozinium: St. Simon und Judas Thaddäus, später Wigbert von Fritzlar), auch Kloster Hersfeld oder Stift Hersfeld war eine Benediktiner-Abtei in der nordhessischen Stadt (Bad) Hersfeld an der Fulda. Die Abtei bestand von 769 bis 1606 und hatte in diesen 837 Jahren 66 Äbte. Den Kern des Klosterlebens bildete die Stiftskirche, die heute nur mehr als größte romanische Kirchenruine Europas besteht. Die Geschichte der Abtei ist eng mit der Geschichte der Stadt Bad Hersfeld verbunden. Seit dem Wormser Konkordat gehörten die Äbte zu den Reichsfürsten und waren in der Lage, ein eigenes Territorium aufzubauen und verfügten über Sitz und Stimme auf den Reichstagen. Ab 1606 wurde das Stiftsterritorium von Administratoren aus dem Haus Hessen verwaltet, 1648 wurde es in das weltliche Fürstentum Hersfeld umgewandelt und den Landgrafen von Hessen-Kassel zugesprochen.

Gründung und Frühmittelalter mini|Standbild von Lullus auf Lullusbrunnen am Rathausplatz in Bad Hersfeld Im Jahre 769 gründete der Mainzer Bischof Lullus ein Benediktinerkloster in Hairulfisfeld an der Stelle einer Einsiedelei (Cella), die der Mönch und spätere Gründungsabt des Klosters Fulda, Sturmius dort zu einem nicht genauer bekannten Zeitpunkt – in der Wissenschaft diskutiert werden vor allem die Jahre 736 und 743 – noch vor der im Jahr 744 erfolgten Gründung Fuldas angelegt hatte.Die frühe Chronologie des Bonifatius und seiner Gründungen und Schüler ist überaus unsicher. Die Sturmi-Chronologie hängt an einer Reihe schwieriger und wohl niemals abschließend zu klärender Probleme: der Identifikation seines Fritzlarer Lehrers Wigbert mit Wigbert d. Ä. oder Wigbert d. J., der Sicherheit des erst spät überlieferten Todesjahres 746/747 des ersteren sowie der damit zusammenhängenden Datierung des Briefes 40 des Bonifatius, in dem ein Styrme (= Sturmi), der offenbar (noch) nicht Priester ist und mit Sturmi identisch sein könnte, als Küchenmeister von Fritzlar erwähnt wird, vgl. St. Schipperges: Bonifatius ac socii eius. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung des Winfrid-Bonifatius und seines Umfeldes. Mainz 1996, Anm. 282, S. 42 (Datierung Brief 40); S. 142–146 (Sturmi); S. 161–164 (Wigbert d. Ä. u. Wigbert d. J.), schließlich dem der Existenz und Datierung der sogenannten Annales Bonifatiani antiquissimi, vgl. Eckhard Freise: Die Anfänge der Geschichtsschreibung im Kloster Fulda. Diss. Münster 1979. Die entscheidende Stelle in der Vita Sturmi ist, abgesehen von dem problematischen Quellenwert eines mehr als zwei Generationen nach den Ereignissen entstandenen literarischen Textes für Fragen der Chronologie, textkritisch umstritten, vgl. G. Becht-Jördens: Sturmi oder Bonifatius. Ein Konflikt im Zeitalter der anianischen Reform um Identität und monastisches Selbstverständnis im Spiegel der Altartituli des Hrabanus Maurus für die Salvatorbasilika zu Fulda. Mit Anhängen zur Überlieferung und kritischen Edition der Tituli sowie zu Textquellen zur Architektur und Baugeschichte der Salvatorbasilika. In: Marc-Aeilko Aris, Susanna Bullido del Barrio (Edd.): Hrabanus Maurus in Fulda. Mit einer Hrabanus Maurus-Bibliographie (1979–2009) (Fuldaer Studien 13), Josef Knecht, Frankfurt am Main 2010, hier Anm. 8, S. 127 mit weiterer Lit.; L. Boschen: Die Annales Prumienses. Ihre nähere und weitere Verwandtschaft. Schwann, Düsseldorf 1972, S. 139 f. mit Anm. 221. Die Frage ist, ob die in den Hersfelder Annalen angegebene Datierung auf 736 auf die Kurzfassung der Vita Sturmi, c. 11 mit der Lesart nono iam tunc, ex quo eremo inhabitare coeperat anno (statt non ... anno, so die einzige Handschrift mit der ursprünglichen Langfassung Würzburg, Universitätsbibl., M. p. th. q. 13) für die Angabe des zeitlichen Abstandes zwischen der Gründung der Einsiedelei in Hersfeld und dem Abzug Sturmis nach Fulda zurückgeht oder unabhängig überliefert wurde. Zu den Hersfelder Annalen (Mitte 10. Jh.!) vgl. Wilhelm Wattenbach, Robert Holzmann: Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Die Zeit der Sachsen und Salier, Teil I Das Zeitalter des Ottonischen Staates (900–1050). Neuausgabe, besorgt von Franz-Josef Schmale. Wissenschaftl. Buchgesellsch., Darmstadt 1967, S. 40–42. Anstelle der Kapelle von Sturmius erbaute Lullus eine Kirche. Das Kloster und die Kirche wurden den Heiligen Simon dem Zeloten und Judas Thaddäus geweiht.

Lullus gründete das Kloster, nachdem er das Kloster Fulda, gegründet durch Sturmius 744, nicht in das Erzbistum Mainz eingliedern konnte (Trutzfulda). Er entsprach mit dieser Klostergründung den Plänen des Königs Karl (später Kaiser Karl der Große). Beide betrieben von Hersfeld aus die Unterwerfung und Christianisierung der Thüringer und der Sachsen. Das Hersfelder Kloster wurde so zum Missionszentrum, das vom Kaiser viel Macht und Einfluss erhielt.

Lullus war von 769 bis 786 in Personalunion Bischof (ab 782 Erzbischof) von Mainz und Abt von Hersfeld. Im Jahre 775 erhob Karl der Große das Kloster zur abbatia regalis, der Reichsabtei und stattete es mit Schenkungen aus. Es folgten im 8. und 9. Jahrhundert Schenkungen im ganzen Reichsgebiet, die die Macht und den Einfluss des Klosters mehrten. Besonders in Thüringen und Hessen bestanden große Besitzkomplexe (Breviarium Lulli). Lullus ließ 780 die Gebeine des heiligen Wigbert von Fritzlar nach Hersfeld überführen, und das Kloster wurde so zum Wallfahrtsort. 782 lebten im Kloster bereits 150 Mönche.

Am 16. Oktober 786 wurde Lullus neben seinem Wegbegleiter Bischof Witta von Büraburg in seiner Hersfelder Klosterkirche begraben. Das Güterverzeichnis Breviarium Sancti Lulli enthält den Besitz der Abtei zur Zeit von Lullus. Die Fundamente der Kapelle von Sturmius und der Lulluskirche fand man bei Ausgrabungen im 20. Jahrhundert unter dem Südflügel des Querhauses der Stiftsruine. Dabei fand man auch die Grabnische von Bischof Witta. Das Grab von Lullus wurde nicht gefunden.

Abt Bun (820–840) veranlasste einen neuen Kirchenbau anstelle der den Aposteln Simon und Judas geweihten sogenannten Lulluskirche, der von 831 bis 850 ausgeführt wurde. 850 fand unter Abt Brunwart II. (840–875) die Weihe dieser karolingischen, dem Andenken an Wigbert gewidmeten Klosterkirche mit einem Salvatorpatrozinium und die Umbettung der Gebeine von Lullus in die Bun-Kirche durch den Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus statt, der auch die Altartituli verfasst hatte.Hrsg. von Ernst Ludwig Dümmler. In: MGH Poetae. Bd. 2, Weidmann, Berlin 1884, S. 228–230. Seitdem wird das Lullusfest gefeiert. Seit der Zeit von Abt Bun stand die Klosterschule in hohem Ruf. Der Vorsteher war damals Haimo, der spätere Bischof von Halberstadt. Man vermutet, dass zu dieser Zeit der unbekannte Dichter des „Heliand“ (ein altsächsisches Epos des 9. Jahrhunderts, das Jesus als Herzog mit seinen Gefolgsleuten in die Welt der damaligen Zeit stellt) seine theologische Ausbildung in Hersfeld erhielt.

Während der Amtszeit von Abt Druogo (875–892) wurde ab 881 das erste noch bekannte Hersfelder Zehntverzeichnis der Reichsabtei geschrieben. Ein weiteres Zehntverzeichnis wurde spätestens 899 in der Amtszeit von Abt Harderat fertiggestellt. mini|Das Südtor, ein Tor in der Befestigung des Klosterbezirkes Im Jahr 908 erhielt das Hersfelder Benediktinerkloster das Recht der freien Abtswahl. Zur Zeit König Heinrichs I. unter Abt Diethart I. (912–927) wurden ab 925 zum Schutz gegen die Ungarneinfälle steinerne Befestigungsanlagen, ein Festungsring, um das Kloster gebaut. Ein Tor aus dieser Zeit war das Südtor, es wurde vermutlich im Mittelalter, im Zuge der Stadtbefestigung geschlossen. Während der Ausgrabungen durch das Landesamt für Denkmalpflege zwischen 1979 und 1981 wurde das Tor freigelegt und ist seitdem für Fußgänger wieder offen. In der Nähe des Tores wurde auch eine Salzsiederei aus dem 9. Jahrhundert gefunden. Daher ist anzunehmen, dass die Mönche eigene Werkstätten innerhalb des Klosters hatten.

Aus dem späten 9. Jahrhundert bzw. dem beginnenden 10. Jahrhundert stammen auch die Pfalzbauten. Ein 60 m langer Steinbau östlich der Stiftskirche, dessen Grundmauern man im Jahr 1976 beim Bau des Altenzentrums „Hospital Bad Hersfeld“ fand, wird als eine Aula der Pfalz interpretiert. Die dazugehörige Pfalzburg (bzw. Fliehburg) wird unter dem Marktplatz (früher Ebenheit genannt), nördlich der Aula, vermutet. Diese Annahme wird auch durch die ungewöhnliche Größe des Platzes erhärtet, die in der Region untypisch ist.

Abt Megingoz (932–935), nach dem das Dorf Mengshausen (heute Ortsteil von Niederaula) benannt ist, ließ die Wachsenburg bauen, um den thüringischen Besitz des Klosters zu schützen. Die Burg ist eine der „drei Gleichen“. Insgesamt sind das 10. und 11. Jahrhundert in Hersfeld durch einen steten wirtschaftlichen Aufstieg gekennzeichnet, zudem wurde der Abtei in dieser Zeit vom König das Recht der Münzprägung verliehen.

Hochmittelalter – Die Hochzeit der Abtei Abt Egilolf (963–970) erreichte mit einem Papstdekret 966/968, dass die Abtei direkt dem päpstlichen Stuhl unterstellt wurde, was eine Vollexemtion des Klosters bedeutete. Dies geschah durch unmittelbare Mitwirkung von Kaiser Otto I., dessen Freund und Ratgeber Egilolf war. Die Abtei war dadurch auch nicht mehr vom Mainzer Erzbistum abhängig. Die Klosterbibliothek wurde unter Abt Gozbert (970–985) gegründet, und Abt Bernhar (985–1005) gründete 1003 eine Benediktinerpropstei auf dem Petersberg, die dem heiligen Petrus geweiht wurde.

Noch während Abt Bernhar amtierte, verlieh König Heinrich II. am 30. Mai 1003 der Abtei den Wildbann im Reichsforst Eherinevirst (Knüllgebirge und Seulingswald). Somit erhielt die Abtei ein geschlossenes Gebiet um Hersfeld zugesprochen, das auch den territorialen Zusammenhang mit den thüringischen Besitzungen der Abtei herstellte. Diese Schenkung beinhaltete aber auch die Teilung des Eherinevirst (im heutigen Seulingswald) zwischen den Abteien Hersfeld und Fulda. Die Grenze verlief entlang der Herfa bis nach Wölf (heute Ortsteil von Eiterfeld), von da zur Eitra und zur Haune, dann über Odensachsen, Rhina (heute Ortsteile von Haunetal) und Mengshausen bis zur Mündung der Aula in die Fulda. Dies stellte nunmehr die Südgrenze der Abtei Hersfeld dar, und daran änderte sich über die Jahrhunderte nur wenig. (Sie war in diesem Bereich auch die Südgrenze des Altkreises Hersfeld und ist bis heute die Südgrenze des Landkreises Hersfeld-Rotenburg.)

Die Äbte Gozbert und Bernhar ließen die harten benediktinischen Klosterregeln verkommen. Sie lebten wie Kanoniker in eigenen Häusern und mit Privatvermögen. Dies hatte zur Folge, dass der spätere Kaiser Heinrich II. unter Missachtung der freien Abtswahl 1005 Godehard als Abt einsetzte. Er kam vom Kloster Niederaltaich und blieb bis 1012 als Abt in Hersfeld. Godehard reformierte das Klosterleben, setzte die Regeln Benedikts nach der Gorzer Reform wieder durch, und stellte die Mönche vor die Wahl, die Regeln zu befolgen oder das Kloster zu verlassen. 50 Mönche gingen. Godehards Nachfolger war Abt Arnold (1012–1031), der ebenfalls aus dem Kloster Niederaltaich kam und das Reformwerk fortsetzte. Er gründete eine Benediktinerpropstei, die er von 1012 bis 1024 auf dem Johannesberg erbauen und den heiligen Johannes (Apostel Johannes und Evangelist Johannes) weihen ließ. Von der Klosterkirche und dem Brüderhaus (Dormitorium) sind heute noch Ruinen zu sehen, in dem ehemaligen Amtshaus sind heute Wohnungen. Während der Amtszeit Arnolds erhielt das Kloster 1015 und 1016 weitere Schenkungen von Kaiser Heinrich II., darunter das Kloster Memleben,MGH DD HII 321. Digitalisat. was die wirtschaftliche Grundlage und ihre Bedeutung der Abtei weiter steigerte. Darüber hinaus standen die Klosterschule und die Klosterbibliothek in jener Zeit in Blüte.

links|mini|Das Innere der Stiftsruine Bad Hersfeld