mini|Euripides
Euripides (; * 480 v. Chr. oder 485/484 v. Chr. auf Salamis; † 406 v. Chr. im makedonischen Pella) ist einer der großen klassischen griechischen Dramatiker.
Euripides ist nach Aischylos und Sophokles der jüngste der drei großen griechischen Tragödiendichter. Von seinen etwa 90 Tragödien sind 18 erhalten. Außerdem ist eines seiner Satyrspiele überliefert. Mit seinen Stücken, vor allem Medea, Iphigenie in Aulis, Elektra und Die Bakchen, ist Euripides einer der am meisten gespielten Dramatiker der Weltliteratur.
Leben Vom Leben des Euripides ist wenig Sicheres überliefert. Einige Informationen ergeben sich aus einem Vorwort zu byzantinischen Euripides-Handschriften.Zur byzantinischen Vita samt einer englischen Übersetzung siehe: Mary R. Lefkowitz: The Euripides Vita. In: Greek, Roman, and Byzantine Studies. Band 20, 1979, S. 187–210, hier: S. 189 (PDF). Demnach war er der Sohn des Mnesarchos und der Kleito aus dem Binnen-Demos Phlya der attischen Phyle Kekropis. Während des zweiten Perserkriegs flohen seine Eltern 480 v. Chr. nach Salamis, und so wurde er hier geboren. Er soll immer wieder nach Salamis zurückgekehrt sein, um in einer Höhle zurückgezogen seine Dramen zu verfassen.So in der Vita 62–65, siehe etwa Anton Westermann: Delectus vitarum graece scriptarum. In: Archiv für Philologie und Pädagogik. Band 9, 1843, S. 485–532, hier: S. 517–525 zur griechischen Ausgabe (online); Mary R. Lefkowitz: The Euripides Vita. In: Greek, Roman, and Byzantine Studies. Band 20, 1979, S. 187–210, hier: S. 191 zur englischen Übersetzung. Die Höhle des Euripides konnte 1997 im Süden der Insel identifiziert werden. Auch soll er Fackelträger bei den Riten des Apollon Zosterios gewesen sein. Zudem soll er bei dem Naturphilosophen Anaxagoras und den Sophisten Prodikos und Protagoras Vorträge gehört haben.
Wichtige Lebensdaten ergeben sich vor allem aus seiner Teilnahme an den Tragödienwettbewerben, die in Athen anlässlich der Dionysien (einer städtischen Kultveranstaltung für den Theatergott Dionysos) ausgerichtet wurden. Zwischen 455 und 408 v. Chr. brachte Euripides im tragischen Agon regelmäßig Tetralogien (bestehend aus drei Tragödien und einem Satyrspiel eher grotesken Charakters) auf die Bühne. Mit seinem ersten Wettbewerbsbeitrag Die Peliaden (verschollen) belegte er den dritten Platz. Sein erster Sieg fällt in das Jahr 441 v. Chr. Im Jahre 428 v. Chr. siegte er mit dem erhalten gebliebenen Der bekränzte Hippolytos, der die Bearbeitung eines einige Jahre zuvor aufgeführten und heftig kritisierten anderen Hippolytos-Stückes war. Insgesamt siegte er zu Lebzeiten viermal und mit einer postum aufgeführten Tetralogie, zu welcher das berühmte Stück Die Bakchen gehört.
Der Dichter war ein Freund des Sokrates, der – obwohl er kein Freund derartiger Veranstaltungen war – sogar bis zum Peiraius ging, wenn Euripides ein Stück dort aufführen ließ.Aelian, Varia historia 2,13; William James Durant: Kulturgeschichte der Menschheit. Band 3 Das klassische Griechenland, Südwest, München 1978, Seite 178.
Kurz nach den Dionysien 408 v. Chr. folgte Euripides der Einladung des makedonischen Königs Archelaos I., in dessen Hauptstadt Pella er zu Frühjahrsbeginn 406 v. Chr. starb. Der Sage nach wurde er in Bromiskos von wilden Hunden zerrissen;Aulus Gellius, Noctes Atticae 15,20,9 diese Sage ist jedoch eher sinnbildlich zu verstehen als Umschreibung seines Werkes, in dem die dionysisch-eruptive Ekstase eine zentrale Rolle spielt.Erwin Laaths: Geschichte der Weltliteratur. Bd. 1, S. 93.
Werke mini|Statuette des Euripides aus dem 2. Jahrhundert mit einer zu seinen beiden Seiten eingemeißelten alphabetischen Liste einiger seiner Werke; gefunden auf dem Esquilin in Rom, heute im Louvre mini|Die Hekabe des Euripides. Originaltext mit einer lateinischen Übersetzung und Randbemerkungen des Humanisten Leonzio Pilato in einer 1362 geschriebenen Handschrift. Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, San Marco 226, fol. 1r mini|Euripides, Orestes, Verse 1–23 mit Scholien in der Handschrift Oxford, Bodleian Library, MS. Barocci 120, fol. 32r (frühes 14. Jahrhundert)
Überlieferte Stücke Liste der verlorenen, erhaltenen oder fragmentarisch überlieferten Stücke des Euripides mit den überlieferten oder erschlossenen Aufführungsdaten.
NameJahrAnmerkungAigeus– verlorenAiolos423, vorvon Aristophanes erwähnt, verlorenAlexandros415fragmentarisch, erstes Stück der Tetralogie Alexandros / Palamedes / Die Troerinnen / Satyrspiel Sisyphos als ErgänzungAlkestis438viertes Stück der Tetralogie Die Kreterinnen / Alkmaion in Psophis / Telephos / Alkestis (vertritt ergänzendes Satyrspiel) Alkmaion in Korinth406, nachverloren, zweites Stück der Tetralogie Iphigenie in Aulis / Alkmaion in Korinth / Die BakchenAlkmaion in Psophis438verloren, zweites Stück der Tetralogie Die Kreterinnen / Alkmaion in Psophis / Telephos / Alkestis (vertritt ergänzendes Satyrspiel) Alkmene– verlorenAlope– verlorenAndromache424 ca.Andromeda412 verloren, erstes Stück der Tetralogie, zu der auch Helena gehörteAntigone– verlorenAntiope408 ca. verlorenArchelaos407 ca.Festspiel für König Archelaos I. von Makedonien, verlorenAuge– verlorenAutolykos– Satyrspiel, verlorenBellerophontes 425, vorvon Aristophanes erwähnt, verlorenBusiris– Satyrspiel, verlorenChrysippos410/409zweites Stück der Tetralogie Oinomaos / Chrysippos / Die Phönikerinnen, verlorenDanaë– verlorenDie Bakchen406, nach drittes Stück der Tetralogie Iphigenie in Aulis / Alkmaion in Korinth / Die BakchenDie eingekerkerte Melanippe– Ausschnitte erhaltenPapyrussammlung des Berliner Ägyptischen Museums Inv.Nr. P 5014Die Herakliden430 ca.Die Hiketiden (Hiketides)421 ca.Die Temeniden– verlorenDie kluge Melanippe– verlorenDie Kreter– verlorenDie Kreterinnen438verloren, erstes Stück der Tetralogie Die Kreterinnen / Alkmaion in Psophis / Telephos / Alkestis (vertritt ergänzendes Satyrspiel) Die Leute von Skyros– verlorenDie Phönikerinnen410/409 drittes Stück der Tetralogie Oinomaos / Chrysippos / Die PhönikerinnenDie Schnitter431Satyrspiel der Tetralogie Medea / Philoktetes / Diktys / Die Schnitter, schon in der Antike verlorenDie Töchter Pelias’455 erstes Stück, dritter Platz, verlorenDie Troerinnen415drittes Stück der Tetralogie Alexandros / Palamedes / Die Troerinnen / Satyrspiel Sisyphos als ErgänzungDiktys431verloren, drittes Stück der Tetralogie Medea / Philoktetes / Diktys / Satyrspiel Die Schnitter als ErgänzungElektra420 ca.Erechtheus423 ca. verlorenEurystheus– Satyrspiel, verlorenHekabe424 ca.Helena412 zweiter Platz; war Teil einer Tetralogie, zu der auch Andromeda gehörteHerakles421–416 ca.Der bekränzte Hippolytos428 erster PlatzDer verhüllte Hippolytos434 ca. verloren, wahrscheinlich dritter PlatzHypsipyle408 ca. umfangreiche Fragmente eine Tragödie, auf Papyrus erhaltenP.Oxy VI 852Ino– Ein Teil des Textes war auf Felsen in Armenien eingraviert, im modernen Konflikt zerstört, doch durch Abzeichnungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts erhalten. Ein weiteres Fragment auf Papyrus wurde 2022 ausgegraben.Clay Bonnyman Evans: Uncovered Euripides fragments are 'kind of a big deal'. CU Boulder Classics scholars identify previously unknown fragments of two lost tragedies by Greek tragedian Euripides., Artikel vom 1. August 2024, Website der University of Colorado Boulder, abgerufen am 10. August 2024. (englisch)Ion412–408 ca.Iphigenie bei den Taurern414–412 ca.Iphigenie in Aulis406, nach erstes Stück der Tetralogie Iphigenie in Aulis / Alkmaion in Korinth / BakchenIxion– verlorenKadmos– verlorenKresphontes– verlorenKyklops412–408 ca.SatyrspielLikymnios– verlorenMedea431 erstes Stück der Tetralogie Medea / Philoktetes / Diktys / Satyrspiel Die Schnitter als ErgänzungMeleagros– verlorenOidipus– verlorenOineus– verlorenOinomaos410/409 erstes Stück der Tetralogie Oinomaos / Chrysippos / Die Phönikerinnen, verlorenOrestes408Palamedes415verloren, zweites Stück der Tetralogie Alexandros / Palamedes / Die Troerinnen / Satyrspiel Sisyphos als ErgänzungPeliaden– verlorenPhaethon– verlorenPhiloktetes431 verloren, zweites Stück der Tetralogie Medeia / Philoktetes / Diktys / Satyrspiel Die Schnitter als ErgänzungPhoinix (I)– verlorenPhoinix (II)– verlorenPhrixos– verlorenPleisthenes– Satyrspiel, verlorenPolyidos– Tragödie um König Minos, Königin Pasiphae und ihren Sohn Glaukos mit relativ glücklichem Ende, Fragmente erhaltenProtesilaos– verlorenRhesos– Euripides zugeschrieben, Autorschaft ist aber umstritten; ein verlorenes Stück Rhesos ist aber für Euripides bezeugt.Sisyphos415verloren, Satyrspiel der Tetralogie Alexandros / Palamedes / Die Troerinnen / Satyrspiel Sisyphos als ErgänzungSkiron– Satyrspiel, verlorenSteneboia– verlorenSyleus– Satyrspiel, verlorenTelephos438verloren, drittes Stück der Tetralogie Die Kreterinnen / Alkmaion in Psophis / Telephos / Alkestis (vertritt ergänzendes Satyrspiel) Temenos– verlorenTheseus– verlorenThyestes– verloren
Entdeckungen im 21. Jahrhundert Am 1. August 2024 wurde die Entdeckung von neuen Fragmenten aus Euripides’ Werk bekanntgemacht. Es handle sich um bisher teils unbekannte Abschnitte aus zwei seiner größtenteils verlorenen Tragödien Polyidos und Ino, insgesamt 98 Zeilen. Im November 2022 hatte Basem Gehad, ein Archäologe des ägyptischen Ministeriums für Tourismus und Altertümer, ein hochauflösendes Foto eines an der antiken Stätte von Philadelphia (Ägypten) ausgegrabenen Papyrus an die Altphilologin Yvona Trnka-Amrhein von der Staatlichen Universität in Boulder (Colorado, USA) gesendet. Gemeinsam mit dem Euripides-Experten John Gibert identifizierte und übersetzte Trnka-Amrhein die Fragmente.
Rezeption mini|Euripides auf einer Sammelmarke für Langenscheidts Bibliothek der Klassiker
Sophokles soll auf die Nachricht vom Tod des Euripides Trauergewänder angelegt haben; seine Schauspieler und Choristen traten unbekränzt auf.Harenberg: Lexikon der Weltliteratur. S. 89. In Athen wurde ihm zu Ehren ein Kenotaph – ein (leeres) Erinnerungsgrabmal – errichtet und drei seiner nachgelassenen Stücke wurden postum gekrönt.Erwin Laaths: Geschichte der Weltliteratur. Bd. 1, S. 94.
Schon bald nach dem Tod des Euripides erkannte man seine überragende Bedeutung an, was sich unter anderem darin niederschlug, dass er während der gesamten Antike der am häufigsten aufgeführte und gelesene Tragiker war. Von besonderer Bedeutung ist sein Einfluss auf die Neue Komödie, insbesondere deren Hauptvertreter Menander.
Im Römischen Reich wurden manche Verse aus dem Werk des Euripides zum nicht selten zitierten Allgemeingut gebildeter Kreise,Susan P. Mattern: Galen and the Rhetoric of Healing. Baltimore 2008, S. 268 f. und auch Galenos hat umfangreich aus ihm geschöpft.Ferdinand Peter Moog: Euripides und die Heilkunde (= Kölner Beiträge zu Geschichte und Ethik der Medizin. Band 3). Kassel University Press, Kassel 2017, bes. S. 386–413 (PDF); derselbe: Galen liest „Klassiker“ – Fragmente der schöngeistigen Literatur des Altertums im Werk des Pergameners. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2020), S. 12–16 (Euripides), hier etwa: S. 12.