Kasan (; ) ist die Hauptstadt der Republik Tatarstan in Russland. Mit 1,33 Millionen Einwohnern (Stand: 2025) und knapp 2 Millionen im Ballungsraum ist Kasan die fünftgrößte Stadt Russlands und die größte Stadt an der Wolga, sowie im Wolga-Föderationskreis. Sie liegt etwa 720 km Luftlinie östlich von Moskau an der Mündung der Kasanka in die Wolga.
Historisch gesehen war Kasan die Hauptstadt des Khanats von Kasan und wurde im 16. Jahrhundert von Iwan dem Schrecklichen erobert, woraufhin die Stadt Teil des Russischen Zarenreichs wurde. Während des Pugatschow-Aufstands (1773–1775) erobert und weitgehend zerstört, wurde Kasan später während der Herrschaft von Katharina der Großen wiederaufgebaut. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich Kasan zu einem wichtigen industriellen, kulturellen und religiösen Zentrum Russlands, insbesondere für den Islam. Nachdem Sowjetrussland 1920 Teil der Sowjetunion geworden war, wurde Kasan zur Hauptstadt der Tatarischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (Tatarische ASSR). Nach der Auflösung der Sowjetunion blieb Kasan die Hauptstadt der Republik Tatarstan. mini|Kasaner Kreml erbaut am strategischen Punkt, an dem die beiden Flüsse Kasanka und Wolga sich vereinigen
Kasan ist bekannt für seine lebendige Mischung aus tatarischer und russischer Kultur und ein beliebtes Touristenziel. So besuchten im Jahr 2023 4 Millionen Touristen die Stadt. Der Kasaner Kreml wurde im Jahr 2000 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt und die 2005 errichtete Kul-Scharif-Moschee gilt als die zweitgrößte Moschee Europas. Im April 2009 verlieh das russische Patentamt Kasan das Recht, sich als „Dritte Hauptstadt Russlands“ zu bezeichnen, was die Bedeutung der Stadt hinter den internationalen Aushängeschildern Moskau und St. Petersburg verdeutlicht. Kasan war Gastgeber der Sommeruniversiade 2013 und einer der Austragungsorte der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2018.
Etymologie Der Begriff Kazan bedeutet „Kessel“ in der tatarischen und türkischen Sprache.
Geschichte Die Stadt Kasan wurde von den Wolgabulgaren um das Jahr 1005 gegründet. Mit dem Einfall der Goldenen Horde verloren die Wolgabulgaren im 13. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit. Der Niedergang der mongolischen Herrschaft führte 1393 zur Bildung des Khanats von Kasan (ca. 1437–1552). Als Hauptstadt des islamischen Khanats entwickelte sich Kasan zur Mitte des 15. Jahrhunderts zu einem wichtigen Handels- und Handwerkszentrum. Die an Handelsrouten gelegene Stadt war bekannt für ihre prächtigen Paläste und Moscheen, durch Lederwaren und Goldschmiedearbeiten.
Die jahrzehntelangen Moskau-Kasan-Kriege endeten im Jahre 1552 mit der Einnahme der Stadt durch die russischen Truppen von Iwan IV. Kasan brannte infolge der Kampfhandlungen vollständig ab, wurde aber wieder aufgebaut und entwickelte sich zu einem wirtschaftlichen Zentrum. Iwan IV. ließ den Kasaner Kreml auf den Ruinen der alten Burg des Khanats erbauen und baute die Stadt zur Festung gegen Angriffe aus dem Osten aus. Die Stadt zählte etwa 15.000 Einwohner, die Garnison mit eingeschlossen. Die tatarische Bevölkerung betrug nur 6000 Einwohner, von denen nicht alle völlig sesshaft waren.
17. und 18. Jahrhundert mini|Adam Olearius: Moskowitische und Persianische Reise (1647), Vierter Teil, 6. Kapitel, Beschreibung des Aufenthalts der schleswig-holsteinischen Gesandtschaft in Kasan Bezogen auf die 1630er Jahre gibt es über Kasan schriftliche Zeugnisse aus einer Reisebeschreibung in deutscher Sprache, die auch Abbildungen enthält.Adam Olearius (1656): Vermehrte Newe Beschreibung Der Muscowitischen und Persischen Reyse : So durch gelegenheit einer Holsteinischen Gesandschafft an den Russischen Zaar und König in Persien geschehen ; Worinnen die gelegenheit derer Orter und Länder/ durch welche die Reyse gangen/ als Liffland/ Rußland/ Tartarien/ Meden und Persien/ sampt dero Einwohner Natur/ Leben/ Sitten/ Hauß, Welt uns geistlichen Stand/ mit fleiss auffgezeichnet/ und mit vielen meist nach dem Leben gestelleten Figuren gezieret/ zu befinden. Welche Zum andern mahl heraus gibt Adam Olearius Ascanius/ der Fürstlichen Regierenden Herrschafft zu Schleßwig Holstein Bibliothecarius und Hoff Mathematicus. (bzw. ). Katalogeintrag Wolfenbütteler Digitale Bibliothek (WDB) 1672 und 1684 entvölkerten Feuersbrünste ganze Straßenzüge von Kasan. Der Wiederaufbau der Stadt wurde bis zum Ende des Jahrhunderts abgeschlossen. 1708 erklärte Peter I. Kasan zur Hauptstadt des Gouvernements Kasan.
In den 1770er Jahren wurde Kasan zu einem Zentrum des Pugatschow-Aufstands (1773–75). Eine Feuersbrunst zerstörte zum dritten Mal große Teile der mehrheitlich aus Holz erbauten Stadt. Der Wiederaufbau Kasans erfolgte nach einem von Katharina II. autorisierten Generalplan. In einer Mischung aus östlicher und westlicher Architektur wurde das Stadtzentrum in Stein neu aufgebaut und die Straßen begradigt. Kasan entwickelte sich schnell wieder zu einem Handelszentrum für Porzellan, Keramik, Gewürze, Stoffe, Lederwaren, Wein und Früchte. Der Handel brachte Wohlstand in die Stadt. 1791 eröffnete das erste ständige Theater.
mini|Nezāmi: Sieben Schönheiten (um 1200). Iran, Aquarell, 19. Jahrhundert In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich Kasan zum industriellen, Handels- und Kulturzentrum der Wolgaregion entwickelt. Öffentliche und geistliche islamische Schulen wurden gebaut. Tatarische Verlage in Kasan, die ihre Publikationen in großer Zahl an Muslime in den verschiedenen Teilen Russlands verkauften, erleichterten die Verbreitung islamischer Literatur.Vgl. Michael Kemper, Raoul Motika, Stefan Reichmuth (Hrsg.): Islamic Education in the Soviet Union and Its Successor States. Routledge, London 2010, S. 4.
19. Jahrhundert mini|links|Hauptgebäude der Universität Kasan im Jahr 1832 Die Universität Kasan gehört zu den ältesten Russlands. Nennenswert ist, dass Kasan zwischen 1807 und 1854 ein Zentrum für Orientalistik war. Hier konnte man Türkisch, Persisch und Arabisch sowie seit 1844 Mongolisch studieren. Es gab deutsche Dozenten, die kein Russisch sprachen und in lateinischer Sprache unterrichteten. An der Universität Kasan wirkte seit 1826 der junge Gelehrte Mirza Kazem-Bek, der persische Wurzeln hatte.David Schimmelpenninck van der Oye: Mirza Kazem-Bek and the Kazan School of Russian Orientology. In: Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East. Band 28, Nr. 3, 2008, , S. 443–458 (muse.jhu.edu [abgerufen am 15. September 2018]). 1843 wurde hier erstmals eine zweisprachige Ausgabe mit klassischer persischer Literatur publiziert (Persisch-Deutsch), und zwar eine Teilausgabe von Nezāmis Sieben Schönheiten (um 1200).Renate Würsch: Niẓāmīs Schatzkammer der Geheimnisse. Eine Untersuchung zu ‹Maẖzan ul-asrār›. Reichert, Wiesbaden 2005, ISBN 3-89500-462-6, S. 25 f.
Ab 1844 studierte Tolstoi in Kasan Orientalistik. 1870 erschien in Kasan die erste gedruckte Version des heute in viele Sprachen übersetzten Buches Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers, eines Klassikers der ostkirchlichen Spiritualität, durch das das Jesusgebet weltweit bekannt wurde. Der Jurastudent Wladimir Iljitsch Uljanow, später bekannt als Lenin, beteiligte sich hier 1887 aufgrund des Einflusses seines Bruders in Kasan an Studentenprotesten.
20. Jahrhundert Nach der Oktoberrevolution von 1917 begann der Russische Bürgerkrieg, in dessen Verlauf Kasan am 6. August 1918 von Truppen der auf der Seite der Komutsch (Komitee der Mitglieder der konstituierenden Versammlung) stehenden Tschechoslowakischen Legionen eingenommen wurde. Am 10. September 1918 eroberte die Rote Armee die Stadt zurück. (→Kasaner Operation) mini|Blick in die Bolschaja Prolomnaja mit der Straßenbahn und dem neuen Glockenturms der Epiphanie-Kathedrale zu Beginn des 20. Jahrhunderts mini|Blick auf die Bauman-Straße mit dem Glockenturm, eine Fußgängerzone Kasans
Am 27. Mai 1920 wurde Kasan mit Gründung der Tatarischen ASSR deren Hauptstadt.
Im Rahmen der deutsch-sowjetischen Militärkooperation gemäß dem Vertrag von Rapallo erprobte die deutsche Reichswehr (Inspektion 6 Kraftfahrwesen) zusammen mit der Roten Armee von 1926 bis 1933 im Geheimen in der nahegelegenen Panzerschule Kama Panzer, bildete an ihnen aus und entwickelte neue Panzertaktiken. Unter anderem wurde dort der Großtraktor umfangreichen Tests unterzogen. Die Übungen bildeten den Grundstein für das später erfolgreich angewandte Blitzkrieg-Konzept. Mit der Machtübernahme der nationalsozialistischen Regierung endete die Zusammenarbeit. Zahlenmäßig wurden insgesamt lediglich 30 Panzerfachleute ausgebildet.Walter Görlitz: Kleine Geschichte des deutschen Generalstabes. Haude und Spener, Berlin 1967, , S. 251. mini|Rathaus von Kasan In der Stadt bestand das Kriegsgefangenenlager 119 für deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs.Erich Maschke (Hrsg.): Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1962–1977, .
Seit dem Zerfall der Sowjetunion ist Kasan Hauptstadt der Autonomen Republik Tatarstan innerhalb Russlands.
21. Jahrhundert Am 11. Mai 2021 wurden bei einem Angriff auf eine Schule in Kasan acht Menschen getötet. Weitere Menschen wurden verletzt, sechs davon schwebten in Lebensgefahr. Der 19-jährige Schütze wurde durch die Sicherheitsbehörden verhaftet.
Vom 22. bis 24. Oktober 2024 fand das 16. Gipfeltreffen der BRICS in Kasan statt. Dessen Ergebnisse wurden in der Kasan Erklärung festgehalten. Bereits im Juni 2024 fanden in Kasan die BRICS Spiele statt. An der Sportveranstaltung nahmen mehr als 2800 Sportler aus 84 Staaten teil.
Wappen Beschreibung: In Silber steht auf einem grünen Schildfuß ein goldgekrönter, goldbewehrter, rotflügliger schwarzer Silant mit roter Schwanzspitze.
Der Schild der Stadt ist ohne Krone. Diese gibt es nur über dem Wappen des Königreichs Kasan (Khanat Kasan).
Das erste offizielle Wappen von Kasan wurde am 18. Oktober 1781 genehmigt. Modernisiert wurden Wappen und Flagge im Jahr 2005.
Im Jahr 1926 wurde dieses Wappen verboten, da Basilisk und Drache Stärke, Weisheit und Unbesiegbarkeit symbolisieren. Auch die Erde, das Leben und den Reichtum symbolisiert diese Wappenfigur in diesem Kulturkreis.
Bevölkerung Ethnische Gruppen Die Bevölkerung besteht laut russischem Zensus aus dem Jahr 2010 zu 48,6 % aus Russen und zu 47,6 % aus Tataren In: tatstat.ru. 10. Juli 2012, abgerufen am 14. September 2018 (PDF; 208 kB).. Daneben leben in Kasan zahlreiche weitere, kleinere Minderheiten wie Tschuwaschen, Ukrainer, Mari, Russlanddeutsche, Juden und andere.
Religionen mini|Tempel aller Religionen in Kasan – Symbol für religiöses Zusammenleben Die am stärksten vertretenen Religionen sind das Christentum mit der Russisch-Orthodoxen Kirche sowie der Islam. Die Religionen koexistieren in dieser Stadt, die auch „Istanbul an der Wolga“ genannt wird, wobei die türkische Metropole zudem eine Partnerstadt von Kasan ist.
1898 eröffnete die Russisch-Orthodoxe Kirche in Kasan ihr erstes Institut zur Ausbildung von Missionaren.Joseph Schmidlin: Katholische Missionsgeschichte. Missionsdruckerei, Steyl 1924, , S. 532.
Islam mini|hochkant|Kul-Scharif-Moschee Die Sultanowskaja-Moschee besteht seit 1868.
Während der sowjetischen Zeit gab es in Kasan nur eine einzige geöffnete Moschee, nämlich die Mardjani-Moschee.Vgl. Usmanova u. a.: Islamic Education in Soviet and Post-Soviet Tatarstan. 2010. Sie wurde von Mullahs unterhalten, die über eine gewisse theologische Ausbildung verfügten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden in Kasan zahlreiche neue Moscheen. Im Frühsommer 2005 wurde mit der Kul-Scharif-Moschee die größte Moschee Europas in Kasan eröffnet.