Die Niederschlesische Operation () war eine Offensive der Roten Armee an der deutsch-sowjetischen Front des Zweiten Weltkrieges, die vom 8. Februar bis zum 24. Februar 1945 dauerte und von den Einheiten der 1. Ukrainischen Front gegen die deutsche Heeresgruppe Mitte in Niederschlesien durchgeführt wurde.Diese Definition folgt der offiziellen sowjetischen Militärgeschichtsschreibung, die auch in der aktuelleren englisch- und deutschsprachigen Literatur (z. B. Duffy: Red Storm oder Frieser: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg) benutzt wird. Dagegen wurde in der deutschen militärischen Literatur der Nachkriegszeit nur von der bereits am 12. Januar 1945 begonnenen und bis Ende Februar 1945 andauernden „Winteroffensive“ gesprochen, die nicht weiter unterteilt wurde.
Ausgangslage Schon Ende Januar 1945 hatte die Rote Armee im Rahmen der Weichsel-Oder-Operation die Vorkriegsgrenze des Deutschen Reiches im Bereich Oberschlesien überschritten. Die Verbände der Heeresgruppe Mitte befanden sich seit dem sowjetischen Durchbruch an der Weichsel Mitte Januar 1945 praktisch im ständigen Rückzug in Richtung Westen, verwickelt in andauernde Kämpfe mit den schnell vorrückenden und überholenden Einheiten der Roten Armee („Wandernde Kessel“). Die Herstellung einer stabilen Hauptkampflinie (HKL) entlang der Oder und das Aufhalten der feindlichen Kräfte war nicht gelungen. Der sowjetischen 3. Garde-Armee, 13. Armee und 4. Panzerarmee war es zwar misslungen, die Stadt Breslau einzunehmen, aber es waren Stellungen am westlichen Ufer der Oder im Raum Steinau erobert und ausgebaut worden. Ähnliches geschah im Raum Ohlau, wo sich die sowjetische 52. Armee und 3. Gardepanzerarmee festsetzten. Südlich von Oppeln bis Cosel in Oberschlesien lagen die sowjetische 59. und 60. Armee. Die Ausgangsstellungen dieser drei Gruppierungen dienten dann als Brückenköpfe für den kommenden sowjetischen Großangriff. Auf der sowjetischen Seite wurde ferner die 2. Luft-Armee eingesetzt.
Für die Reichsregierung war die Provinz Schlesien wegen ihrer zahlreichen Industriebetriebe von größter Bedeutung. Als das Oberschlesische Industriegebiet Ende Januar 1945 verloren ging, wies Rüstungsminister Albert Speer darauf hin, Schramm: Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht 1944–1945. Band 4, S. 1052. Lagebuch vom 29. Januar 1945. Niederschlesien und die Mährisch-Ostrauer Region waren aber nach wie vor als Zentren der Waffenproduktion und der Steinkohleförderung bedeutsam.
Ziele der Operation Der Operationsplan wurde Ende Januar von Stabsoffizieren der 1. Ukrainischen Front unter Marschall Iwan Konew und dessen Stabschef Wassili Sokolowski erarbeitet und vom sowjetischen Hauptquartier Stawka am 29. Januar gebilligt.Исаев: Берлин 45-го. Сражения в логове зверя. S. 124–128. Die eilige Planausarbeitung ist ein Hinweis auf den Wetteifer gegenüber dem Konkurrenten Georgi Schukow, der – stets von Stalin bevorzugt – im Alleingang die Reichshauptstadt erobern könnte. Die Operation sollte um den 25. bis 28. Februar mit dem Erreichen der Elbe enden.Штеменко: Генеральный штаб в годы войны. S. 221.
Es sollte also die letzte Erstürmung werden. Die Zerschlagung der deutschen Verbände um Breslau, der Vorstoß über die Niederlausitz in Richtung Sprottau und Cottbus, die südwestliche Umgehung von Berlin und ein koordiniertes Vorgehen mit der 1. Weißrussischen Front gegen die Hauptstadt waren als Ziele in der Direktive des 1. Kriegsrates vom 31. Januar 1945 erfasst.Шеин: Танки ведёт Рыбалко. Боевой путь 3-й Гвардейской танковой армии. S. 277.
Die Erfolge des bisherigen Vormarsches durch Weißrussland und Polen (ca. 150 km pro Woche in der Operationszeit) hatten das sowjetische Oberkommando zum Setzen dieser weitgesteckten Ziele verführt. Die Kampfkraft der Deutschen zu diesem Zeitpunkt wurde von der Roten Armee generell als gering eingeschätzt; es wurde mit einem eher schwachen Widerstand und einer schnellen Eroberung der Reichshauptstadt gerechnet.
Den Schwerpunkt des Angriffes bildeten auf dem rechten Frontflügel nordwestlich von Breslau vier Armeen (3. Garde-Armee, 13., 52. und 6. Armee), zwei Panzerarmeen (3. Garde-Panzer- und 4. Panzerarmee), sowie ein Panzer- (25.) und ein mechanisiertes (7.) Gardekorps. Die zweite Stoßgruppierung mit der 5. Garde-Armee, der 21. Armee und dem 4. Garde- und 31. Panzerkorps konzentrierte sich um den Brückenkopf bei Ohlau südlich von Breslau. Diese Gruppe erhielt den Auftrag, in Richtung Dresden vorzurücken und sollte die Elbe um den 25. Februar erreichen. Die dritte Stoßgruppierung konzentrierte sich auf dem linken Flügel der Front südöstlich von Oppeln und bestand aus der 59. und 60. Armee sowie dem 1. Garde-Kavalleriekorps. Sie sollte von dem Brückenkopf im Raum Cosel aus bis an die Sudeten vorrücken und die Handlungen der anderen Frontteile unterstützen.Конев: Сорок пятый. S. 56. Die sowjetischen Armeegruppierungen wurden in ihrer Tiefe entsprechend gestaffelt: Einer Panzerarmee folgte direkt eine Schützenarmee.
Sowjetische Angriffsvorbereitungen Die Vorbereitungszeit der neuen Offensive nach dem Beenden der Weichsel-Oder-Operation wurde von Marschall Konew knapp bemessen. Obwohl die Rote Armee seit Mitte Januar etwa 400 Kilometer nach Westen vorgestoßen war, standen nur einige Tage zur Umgruppierung und Auffrischung und zum Heranschaffen von Munition und Kriegsgerät zur Verfügung. Der Personal- und Ausrüstungsstand vieler sowjetischer Einheiten war erheblich abgesunken, jedoch bestand immer noch eine Übermacht gegenüber den Wehrmachtverbänden. Der Grund für die eilige Fortsetzung des Vormarsches lag in mehreren Grundsätzen. Zunächst wollte man den deutschen Kräften keine Möglichkeit und Zeit zur Stabilisierung der Front und zum Ausbau ihrer Verteidigung geben. Auch war die bisher erreichte Frontlinie, insbesondere am mittleren und unteren Lauf der Oder, für die sowjetische Armee ungünstig und erforderte entsprechende Sicherungen an den Frontflügeln. Die 1. Weißrussische Front war bereits weiter westlich bis nach Küstrin vorangekommen, abgegrenzt durch den Fluss Oder von den südlich liegenden deutschen Einheiten, die jederzeit eine Bedrohung für ihre linke Flanke darstellen konnten.
Das sowjetisch-deutsche Kräfteverhältnis an der Oderfront gestaltete sich je nach Frontabschnitt unterschiedlich. Laut offiziellen sowjetischen Quellen betrug es nördlich von Breslau bei Infanterieeinheiten 2,3:1, bei der Artillerie 6,6:1, bei Panzern 5,7:1. Südlich der Stadtfestung betrug die Überlegenheit bei der Infanterie 1,7:1, bei der Artillerie 3,3:1 und bei Panzern 4:1. Noch weiter südlich war das Verhältnis der Kräfte fast ausgeglichen.Конев: Сорок пятый. S. 59. Diese Angaben sind auch die einzigen Quellen über die Stärke der deutschen Truppen zu diesem Zeitpunkt, da Angaben von deutscher Seite nicht vorliegen. Insgesamt lagen aber Stärke und Ausrüstung der 1. Ukrainischen Front deutlich unter den Vorgaben des sowjetischen Oberkommandos. Zu Beginn der Operation wurden für Konews Truppen 2215 einsatzfähige Panzer und Selbstfahrlafetten gemeldet, gegenüber 3661 beim Beginn der Weichsel-Oder-Operation am 12. Januar. Auf die 3. Garde-Panzerarmee entfielen davon 379 Panzer und 188 Selbstfahrlafetten, was jeweils 56 % bzw. 72 % des Sollbestandes darstellte. Bei der 4. Panzerarmee gab es 414 Panzer und Geschütze (55 % vom Soll).Исаев: Берлин 45-го. Сражения в логове зверя. Die Panzerkorps zählten je etwa 120–150 Panzer.Wilczyński Lubań 1945. S. 19. Bei der Infanterie zählten die Divisionen durchschnittlich etwas über 4000 Soldaten (50 % vom Soll).Dolata: Wyzwolenie Dolnego Śląska w 1945. S. 49. Die unterstützende sowjetische 2. Luftarmee verfügte über 2815 einsatzfähige Flugzeuge.Dolata: Wyzwolenie Dolnego Śląska w 1945. S. ??. Ab Ende Januar wurden einige Kommandotrupps per Fallschirm im deutschen Hinterland abgesetzt, deren primäre Aufgabe das Erkunden der Lage der Wehrmachtverbände war.
Pläne der deutschen Parteiführung Nachdem die Kampfhandlungen immer weiter auf das Reichsgebiet übergegriffen hatten, stellte sich erneut die Frage der Befehlsführung in den betroffenen Heimatgebieten. Ein Operationsgebiet auf dem Reichsgebiet gab es laut den bisherigen Vorschriften eigentlich nicht. Die Wehrmacht war hier nur auf militärische Aufgaben beschränkt.Schramm: Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht 1944–1945. Band 4, S. 1290 ff. Bis zur Front hielten die Gauleiter als Reichsverteidigungskommissare die Verwaltungsbefugnisse und staatliche Hoheitsrechte in ihren Händen, was auch die Befehlsgewalt und ein Übergehen der Verantwortlichkeit von der Wehrmacht auf die von Hitler bevorzugte Partei beinhaltete.Hinze: Letztes Aufgebot – Zur Verteidigung des Reichsgebiets. S. 129 ff. Nur in einer Kampfzone von etwa 20 km Tiefe war das Feldheer gegenüber den Dienststellen der Gauleiter weisungsberechtigt.Schramm: Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht 1944–1945. Band 4, S. 1294. Die Unfähigkeit der eingesetzten Gauleiter Karl Hanke, Fritz Bracht und Hans Frank sowie ihre nicht abgestimmten AktionenVon Ahlfen: Der Kampf um Schlesien. S. 30: „Der Generalgouverneur Frank verbot nun zunächst den oberschlesischen Baukräften das Überschreiten der Grenze, richtete dann eine Polizeiaufsicht ein und unterzog die Fahrzeuge der Baustoffzufuhr einer Zoll-Kontrolle.“ führten zur Vernachlässigung der bereits bestehenden Wehranlagen oder deren unsachgemäßem Ausbau. Die Darstellungen Panzergräben schaufelnder Bevölkerung in den Wochenschau-Berichten sollte eher Durchhaltewillen demonstrieren als es der Vorbereitung auf die kommende Schlacht diente. Außer der „Oderstellung“ aus der Vorkriegszeit im mittleren Verlauf des Flusses (Breslau – Crossen) gab es seit Ende 1944 entlang der oberen Oder zwischen Breslau und Ratibor (Oberschlesien) eine große Anzahl von (anonymen) Kampfständen, Bunkern und Anlagen, die vor einem Angriff aus dem Osten schützen sollten. Hochwertige Kampfausrüstung und Waffen waren aber nicht vorhanden, da diese für den Atlantikwall abgegeben worden und somit verloren waren. Mit einer ausreichend ausgebildeten Besatzung würden die Anlagen ihren Zweck möglicherweise erfüllen können, aber das lag wiederum in der Verantwortung der militärischen Führer. Weitere Probleme mit der Kompetenz der Gauleiter ergaben sich vielfach bei der Versorgung oder Beurteilung der Lage und den damit verbundenen Maßnahmen der Räumung und Evakuierung der Zivilbevölkerung und der Einsatzplanung der Volkssturm-Verbände. Schlecht ausgebildet, zusammengerufen in nicht winterfester Zivilkleidung oder in alten kaiserlichen Uniformen, schwach ausgerüstet mit unterschiedlichen Beutewaffen und ohne ausreichenden Munitionsbestand konnten die überwiegend älteren Männer den übermächtigen Gegner nicht so aufhalten wie von den Gauleitern gewünscht. Die Kompetenzen waren nicht klar geregelt und die Volkssturmverbände anfangs nicht der militärischen Führungsorganisation unterstellt.Von Ahlfen: Der Kampf um Schlesien. S. 76. Erst nach und nach erkannte die höchste Parteiführung die Probleme beim Einsatz der Volkssturm-Verbände. Am 26. Januar 1945 erging der Befehl Hitlers, gemischte Kampfgruppen des Volkssturms zusammen mit Truppenteilen des Feldheeres unter einheitlicher Führung zu bilden.Schramm: Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht 1944–1945. Band 4, S. 1303. Am 10. Februar stellte das Oberkommando der Heeresgruppe Mitte in einer Beurteilung fest, dass sich die selbständigen Volkssturmeinheiten in der HKL wenig bewährt hätten und empfahl Schramm: Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht 1944–1945. Band 4, S. 1304.
mini|Ein Propagandafoto mit Volkssturmmännern an einem Maschinengewehr MG 34 – solche Waffenausrüstung gehörte eher zur Ausnahme. mini|Volkssturmmänner bei Ratibor Anfang Februar 1945
Eine wesentliche Erscheinung der Kampfhandlungen stellte die Flucht der deutschen Zivilbevölkerung vor der Roten Armee aus den Ostgebieten dar. Der Exodus erfasste ganze Kreise und Flüchtlingstrecks waren allgegenwärtig.