Die Schlacht um Rostow war eine der ersten Angriffsoperationen der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg und dauerte vom 17. November bis zum 2. Dezember 1941. In ihrem Verlauf gelang es erstmals, eine größere Stadt zurückzuerobern, die zuvor von der Wehrmacht eingenommen worden war.
Hintergrund Gemäß den ursprünglichen Angriffsplänen der Wehrmacht sollte die 11. Armee gleichzeitig die Halbinsel Krim und Rostow erobern und anschließend in den Kaukasus vorstoßen. Nach der für die deutsche Seite erfolgreichen Schlacht am Asowschen Meer wurde der Plan jedoch geändert: Während die 11. Armee von ihrer Doppelaufgabe entbunden wurde und nur noch die Krim einnehmen sollte, fiel die Eroberung von Rostow nun der 1. Panzerarmee zu, die zu diesem Zweck durch das XXXXIX. Gebirgs-Korps und die SS-Brigade „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ verstärkt wurde. Die 1. Panzerarmee stieß entlang des Asowschen Meeres vor, überschritt am 17. Oktober den Mius, nahm am selben Tag Taganrog ein. Starker Herbstregen und die dadurch verursachte Schlammperiode ließen den Angriff gegen die sowjetische 9. Armee vorläufig zum Erliegen kommen. Anfang Oktober wurde wegen der akuten Bedrohung von Rostow durch das Oberkommando der sowjetischen Kaukasusfront mit der Aufstellung einer neuen 56. Armee begonnen. Zur Unterstützung der 9. Armee nahmen die ersten beiden Schützendivisionen der 56. Armee ab 17. Oktober einen Verteidigungsabschnitt 25 km westlich von Rostow am Don auf der Linie Generalskoje – Sinjawka ein. Generaloberst Jakow Tscherewitschenko, der Oberbefehlshaber der Südfront, hatte vom Marschall Timoschenko die Anweisung erhalten, die Stadt Rostow, das „Einfallstor zum Kaukasus“, unter allen Umständen zu halten.
Einleitungskämpfe Die Armeen der sowjetischen Südfront standen vor der Aufgabe, den weiteren Vormarsch der deutschen Heeresgruppe Süd auf Rostow aufzuhalten. Anfang November 1941 befand sich die deutsche Gruppe Schwedler (Gen. Kdo. IV.) mit der 76., 94. und 97. Infanterie-Division zusammen mit dem italienischen Expeditionskorps auf einer Frontbreite von bis zu 80 km im Vormarsch auf Woroschilowgrad. Die Truppen rückten entlang der Bachmutka von Sakotnoje bis Dscherschinsk vor und sollten den Vorstoß beidseitig der Bachmutka nach Osten und Südosten weiterführen, um Woroschilowgrad und den nördlichen Donez zu erreichen. Rechts vom italienischen Korps operierte die 198. Infanterie-Division und das XXXXIX. Gebirgskorps (General der Gebirgstruppen Ludwig Kübler) an der Linie Gribowka, Andrejewka, Nowo-Pawlowka, Dmitriewka. Südlich davon befand sich die deutsche 1. Panzerarmee im Vorstoß über den Mius, um die dort sichernden Einsatzgruppen der Roten Armee zurückzudrängen und das Hauptziel Rostow zu erreichen. Das vorne angesetzte XIV. Armeekorps (mot.) operierte dabei zusammen mit der 14. Panzerdivision und der 60. motorisierten Division (Teile des III. Armeekorps mot.) an der Spitze, während Einheiten des XXXXIX. Gebirgskorps aus der Frontlinie Dmitriewka-Kuibyschewo gegen die rechte Flanke der 9. Armee und an der Naht zur 18. Armee mit der allgemeinen Stoßrichtung auf Schachty agierten.
Bis Mitte Oktober hielten drei sowjetische Armeen – die 12., 18. und 9. – die Front im Raum Woroschilowgrad bis zur Küste des Asowschen Meeres. Links von der 12. Armee befand sich die 18. Armee (Generalmajor Wladimir Jakowlewitsch Kolpaktschi), bestehend aus der 296., 383. und 395. Schützendivision und der 96. Gebirgs-Schützendivision, welche an der Linie Kondratiewsk-Olchowatka bis in den Nordosten von Nowo-Pawlowka verteidigten. An der linken Flanke der Südfront operierte die 9. Armee (Generalmajor F. M. Charitonow), zu der die 136. und 30. Schützendivision, die 132. Panzerbrigade, die 150. und 339. Schützendivision, die 66. Kavalleriedivision und die 2. Panzerbrigade gehörten. Sie verteidigte an der Linie von Djakowo, Lysogorka, Bolschekrepinskaja, Generalskoje. Nach der Bildung der 56. separaten Armee änderte sich das Kräfteverhältnis.
Während dieser Zeit erhielten die deutschen Truppen keine Verstärkungen, wodurch sich das Kräfteverhältnis zu Gunsten der Roten Armee verschob. Mit dem Erscheinen der 56. Armee verfügte die sowjetische Südfront auf engem Raum wieder über eine Operationsmasse von 17 Schützen-, 7 Kavalleriedivisionen und 3 Panzerbrigaden. Am 5. November war die sowjetischen Südfront neu gruppiert: Die 12. Armee (Generalmajor Konstantin Apollonowitsch Korotejew) operierte an der rechten Flanke der Front, bestehend aus der 230., 261., 15. und 74. Schützendivision. Sie verteidigte die Linie am östlichen Ufer der Bachmutka entlang der Linie Jama, Nikitowka und hielt den Vormarsch der Gruppe Schwedler auf. Die neue 56. Armee (Generalleutnant F. N. Remesow), zu der fünf Schützendivisionen (31., 317., 343., 347., 353.), vier Kavalleriedivisionen (62., 64., 68., 70.), eine Panzerbrigade (6.) gehörten, bildete jetzt den linken Flügel der Südfront.
Am 5. November wurde die sowjetische 9. und 18. Armee erneut angegriffen: Die 136. Schützendivision wurde nordwärts über Djakowo nach Darjewka zurückgedrängt, Teile der 30. Schützendivision mussten auf Boldyrewo zurückgehen, dazwischen bildete sich eine 30 Kilometer breite Frontlücke. Die links der 30. S.D. eingesetzte 150. Schützendivision ging kämpfend auf Nowoschachtinsk und die südlich davon stehende 339. Schützendivision wich nach Schachty und Nowotscherkassk zurück. Die 18. Armee konnte erste Durchbruchsversuche des italienischen Expeditionskorps in Richtung Debalzewo und Woroschilowsk erfolgreich zurückweisen.
Auf Initiative von Marschall Timoschenko wurden im Abschnitt des Sewerski Donez die Voraussetzungen für eine geplante sowjetische Gegenoffensive geschaffen. Auf der Linie Krasnodon bis Kamensk-Schachtinski wurde die zweite Formation der 37. Armee unter Generalmajor A. I. Lopatin aufgestellt, welche aus Abgaben verschiedener Armeen der Südwestfront (51., 96., 99., 176., 216., 253. und 295. Schützen-Division) und der allgemeinen Reserve bestand. Die ersten Einheiten dieser Armee wurden im Vorfeld der aufgerissenen Frontlücke zwischen der 18. und 9. Armee an der Linie Rowenka – Dolschanskaja – Birjukewo eingeschoben. Der von Timoschenko favorisierte Hauptschlag sollte nach Süden zum Asowschen Meer geführt werden, der Angriff sollte die nördliche Flanke der deutschen 1. Panzerarmee durchbrechen und Taganrog erreichen.
Beteiligte Streitkräfte Das Generalkommando über alle sowjetischen Truppen in der südwestlichen Richtung hatte Marschall der Sowjetunion, S. K. Timoschenko. Seine Truppen zählten ab Mitte November 26 Schützen-Divisionen, 7 Kavallerie-Divisionen sowie 6 Panzerbrigaden.
Sowjetische Südfront (Generaloberst Jakow T. Tscherewitschenko, Stabschef: Generalmajor A. I. Antonow)
12. Armee, Generalmajor K. A. Korotejew mit 4., 218., 230., 74. und Reste der 15. und 261. Schützen-Division, 15. Panzer-Brigade 18. Armee, W. Ja. Kolpaktschi mit 130., 164., 218., 274. und 395. Schützen-Division 6. Kavalleriekorps, General Bytschkowski mit 35., 56. und 64. Kavallerie-Division 37. Armee, Generalleutnant Anton Lopatin mit 51., 96., 99., 176., 216., 253. und 295. Schützen-Division, 3., 132. und 142. Panzer-Brigade 9. Armee, Generalleutnant F. M. Charitonow mit 30., 136., 150., 176., 317. und 339. Schützen-Division 8. Kavalleriekorps, General Chorsun mit 68. und 70. Kavallerie-Division 56. Armee, Generalleutnant F. N. Remesow mit 31., 343., 347. und 353. Schützen-Division sowie 6. Panzerbrigade Mobile Gruppe Gretschkin mit 62. und 64. Kavallerie-Division sowie 54. Panzerbrigade Asowsche Militärflottille, Konteradmiral S. G. Gorschkow
Deutsche Heeresgruppe Süd
Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt verfügte im Donbass-Gebiet (ohne AOK 6) über 18 Infanterie- 4 motorisierte und 3 Panzer-Divisionen sowie 9 verschiedene Brigaden.
17. Armee, Generaloberst Hermann Hoth XI. Armeekorps, General der Infanterie Ott mit 73. und 125. Infanterie-Division, rumänische 5. und 6. Kavallerie-Brigade LII. Armeekorps, General von Briesen mit 9., 298., 100., 101. Infanterie-Division Ungarisches Mobiles Korps, Generalmajor Béla Miklós-Dalnoki XXXXIV. Armeekorps, General Koch mit 68., 257., und 295. Infanterie-Division IV. Armeekorps, General von Schwedler mit 76., 94., 97. und 111. Infanterie-Division
1. Panzerarmee, General der Panzertruppe Ewald von Kleist Italienisches Expeditionskorps, General Giovanni Messe mit Division Celere, Torino und Pasubio XXXXIX. Gebirgskorps, General Kübler mit 1. und 4. Gebirgs- sowie 198. Infanterie-Division XIV. (mot.) Armeekorps, General von Wietersheim mit 13. und 16. Panzer-Division sowie Slowakische schnelle Division und SS-Division Wiking III. (mot.) Armeekorps, General von Mackensen mit 14. Panzer-Division, SS-Brigade Leibstandarte und 60. mot. Division
Verlauf Um die Aufmerksamkeit des sowjetischen Oberkommandos von Rostow abzulenken, gingen am 16. November auch die Truppen der deutschen 17. Armee in Richtung auf Woroschilowgrad in die Offensive. Mit zahlenmäßiger Überlegenheit durchbrachen sie die Verteidigung der 12. Armee (Generalmajor Korotejew) und rückten in Richtung Perwomaisk vor. Dieser Angriff wurde jedoch bald gestoppt und dieser Abschnitt von der Roten Armee bis zum 24. November stabilisiert. Dieser Erfolg ermöglichte es den Truppen der sowjetischen 18. Armee, den Angriff der 37. Armee am 18. November wirksam zu unterstützen und die von Timoschenko gesteckten Ziele der Gegenoffensive zu verwirklichen.
Nach einsetzendem Bodenfrost hatte die deutsche 1. Panzerarmee am 17. November gegenüber der sowjetischen 9. Armee (Generalleutnant Charitonow) ihren Angriff in Richtung auf Rostow wieder aufgenommen. Dabei erhielt sie Luftunterstützung vom V. Fliegerkorps der Luftflotte 4.Percy Ernst Schramm: Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht 1940–1941, Bernard & Graefe Verlag, ISBN 3-7637-5933-6, S. 770 Der Vormarsch der Deutschen war jedoch nur von kurzer Dauer, denn die neu formierte sowjetische 37. Armee hatte gleichzeitig die Offensive gegen die nördliche Flanke der 1. Panzerarmee eröffnet. Bei der sowjetischen 56. Armee musste die 353. Schützen-Division (Oberst Grigori Filippowitsch Panchenko) am Morgen des 20. November auf das Dorf Kamenolomni in den nördlichen Außenbezirken von Rostow zurückgehen und wurde auf das südliche Don-Ufer zurückgezogen, hielt aber noch die wichtige Eisenbahnbrücke in der Stadt. Die Reste der sowjetischen 31. Schützen-Division (Oberst Michail Iwanowitsch Ozimin) und das Schützen-Regiment 1175 der 347. Schützen-Division hielten sich in den nördlichen Außenbezirken von Rostow in verstreuten Gruppen. Gleichzeitig stieß die 343. Schützen-Division (Oberst Pjotr Pawlowitsch Tschuwaschow) den deutschen Truppen im Zentrum der Stadt erfolgreich in die Flanke. Um 14 Uhr durchbrach die deutsche 14. Panzer- und 60. Infanterie-Division (mot.) die Verteidigung der 347. Schützen-Division (Oberst Nikolai Iwanowitsch Seliverstow). Die sowjetischen Einheiten, die in der Mitte von Rostow und am Don operierten, drohten von den Hauptstreitkräften der Armee abgeschnitten zu werden. Letztere Division wurde mit dem Schützen-Regiment 1145 verstärkt und versuchte vergeblich, den Gegner in der Nähe des Hauptbahnhofs aufzuhalten.
Am 21. November war Rostow durch das deutsche III. Armeekorps (mot.) (von Mackensen) vollständig eingenommen und die sowjetische 56. Armee (Generalleutnant Remesow) hinter den Don zurückgedrängt. Währenddessen war die sowjetische 37. Armee (Generalleutnant Lopatin) im Rücken der deutschen Verbände etwa 35 Kilometer weit vorgedrungen und hatte den Fluss Tuslow nordöstlich von Rostow erreicht. Die bereits in Rostow kämpfenden deutschen Einheiten drohten nun von ihren rückwärtigen Verbindungen abgeschnitten zu werden. Die 13. Panzer- und SS-Division „Wiking“ wurden entsandt, um dem deutschen XIV. Armee-Korps (mot.) Hilfe zu leisten.