Der Libanonkrieg 1982 war eine militärische Auseinandersetzung im Libanon zwischen der israelischen Armee und verbündeten Milizen auf der einen sowie im Wesentlichen Kämpfern der PLO und syrischen Truppen auf der anderen Seite. Es war der erste größere Arabisch-Israelische Konflikt, den Israel begann, ohne dass seine Existenz unmittelbar bedroht war. Israel nannte die Operation „Frieden für Galiläa“.Martin Stäheli: Die syrische Außenpolitik unter Präsident Hafez Assad, S. 321 Die israelische Offensive wurde jedoch, auch von vielen Israelis,Michael C. Desch: Power and Military Effectiveness: The Fallacy of Democratic Triumphalism, 2008, The Johns Hopkins University Press, ISBN 978-0-8018-8801-4, S. 31 als Angriffskrieg gewertet.Martin Stäheli: Die syrische Außenpolitik unter Präsident Hafez Assad, S. 320
Der Libanonkrieg 1982 fand vor dem Hintergrund des Libanesischen Bürgerkriegs statt; dieser trug nicht unwesentlich zur Eskalation bei und wurde durch Israels Eingreifen maßgeblich beeinflusst.
Vorgeschichte PLO
Die Vorgeschichte des Krieges bildeten Kämpfe zwischen der palästinensischen PLO und den israelischen Streitkräften. Diese Kämpfe hatten bereits 1967 begonnen, als die PLO, gestützt auf eine große Zahl palästinensischer Flüchtlinge in Jordanien, Angriffe auf israelisches Gebiet ausführte. Die von Syrien unterstützte PLO wurde von der jordanischen Armee aus Jordanien vertrieben, setzte sich im Libanon fest und führte von dort ihre Angriffe auf Israel fort (siehe auch Avivim-Schulbus-Anschlag, Maʿalot-Massaker).
Syrische Intervention Einerseits wie andere arabische Staaten der Sache der Palästinenser verpflichtet, andererseits besorgt, in einen erneuten, potentiell verheerenden Krieg mit Israel hineingezogen zu werden, beobachtete das syrische Regime die Instabilität des durch den Libanesischen Bürgerkrieg zerrütteten Nachbarlandes mit Argwohn. Hätte die PLO dort die Oberhand gewonnen, oder hätten sich die christlich dominierten Gebiete vom Restlibanon abgespalten und sich in der Folge, wie zu vermuten gewesen wäre, mit Israel verbündet, wäre ein offener Krieg wohl nicht zu vermeiden gewesen. Das veranlasste Syriens Staatschef Hafiz al-Assad, seine Truppen am 1. Juni 1976 in den Libanon zu entsenden, um derartige Entwicklungen zu verhindern und die Akteure im Libanon in einer Art Schiedsrichterrolle zu kontrollieren.Martin Stäheli: Die syrische Außenpolitik unter Präsident Hafez Assad, S. 271 und folgende Die syrische Truppenpräsenz von etwa 30.000 Mann wurde im Oktober 1976 in der Konferenz von Riad unter der Bezeichnung „Arab Defence Force“ oder einfach „ADF“ von den arabischen Staaten (mit Ausnahme von Libyen und dem Irak) sowie der PLO legitimiert und die Unteilbarkeit des Libanon von den Konferenzteilnehmern festgeschrieben.Martin Stäheli: Die syrische Außenpolitik unter Präsident Hafez Assad, S. 292 Israel und die USA äußerten sich nur vage über ihre Ansichten zum syrischen Eingreifen, waren aber bereit, die syrische Präsenz zu akzeptieren, solange die Syrer eine nicht näher definierte „rote Linie“ nicht überschritten.Martin Stäheli: Die syrische Außenpolitik unter Präsident Hafez Assad, S. 295 und folgende
Die syrischen Truppen hielten sich aus dem Süden des Libanon fern, so dass die dortigen Gebiete weitgehend unter der Kontrolle der PLO verblieben.Christopher A. Arantz: „Just“ War case study: The Israeli Invasion of Lebanon in 1982, S. 11 Hintergrund war ein inoffizielles, indirektes Übereinkommen, das US-Außenminister Henry Kissinger zu Beginn des syrischen Eingreifens ausgehandelt hatte. Demnach konnten die Syrer ohne militärische Intervention Israels im Libanon agieren, solange sie nördlich der Linie Beirut–Damaskus blieben und weder Luftfahrzeuge noch Flugabwehrraketen einsetzten. Israel übernahm diese Trennlinie zwei Jahre später selbst und blieb bei der Operation Litani südlich davon.
Neue Präsidenten und „Operation Litani“ Nach der Parlamentswahl in Israel am 17. Mai 1977 formierte Menachem Begin eine rechtsgerichtete Regierung, sein erstes Kabinett. Israel unterstützte von nun an offen die Milizen von Saad Haddad („Südlibanesische Armee“ (SLA)), um sie zur Befriedung des libanesischen Gebietes einzusetzen, von dem die PLO-Angriffe ausgingen. Neben vollständiger logistischer Unterstützung der SLA überquerten israelische Truppen 1977 auch die Grenze, um die SLA beim Vertreiben der PLO aus Mardsch Uyun zu unterstützen.Martin Stäheli: Die syrische Außenpolitik unter Präsident Hafez Assad, S. 305 Da aber syrische Truppen im Libanon ihrerseits keinen Versuch unternahmen, das Einsickern von Milizen aus dem Norden in die umkämpften Sektoren zu verhindern, und teilweise mit der PLO paktierten, engagierte sich Israel nun auch im Norden Libanons und unterstützte die Phalange-Miliz von Bashir Gemayel. Diese christlichen Milizen hatten begonnen, bestimmte Gebiete des Libanon mit vorwiegend christlicher Bevölkerung in Eigenregie militärisch zu kontrollieren, was wiederum Syrien nicht hinnehmen wollte und mit schwerem Beschuss christlicher Wohnviertel in Beirut beantwortete.
Nach einem schweren Terroranschlag der PLO im März 1978 startete Israel die Operation Litani und besetzte Teile des südlichen Libanon bis zum Litanifluss, musste sie aber auf internationalen und besonders auf Druck der Vereinigten StaatenIn den USA drohte die Verwendung von amerikanischen Waffen gegen zivile Ziele im Libanon durch Israel, welche im Rahmen der Militärhilfe geliefert worden waren, die Unterstützung für ebendiese Hilfen wegbrechen zu lassen. So von P. Edward Haley und Lewis W. Snider in Lebanon in Crisis: Participants and Issues auf Seite 104 beschrieben. wieder räumen und überließ seine Stellungen der SLA. In der Folge richteten die Vereinten Nationen eine Sicherheitszone durch die United Nations Interim Force in Lebanon an der Israelisch-Libanesischen Grenze ein. Dies beendete aber weder die Kämpfe zwischen PLO und SLA noch verhinderte es Angriffe der PLO auf israelisches Gebiet. Von 1975 bis 1982 starben etwa 108 Israelis durch PLO-Angriffe.
Am 4. November 1980 wurde Ronald Reagan zum US-Präsidenten gewählt. Seine Politik und Rhetorik richtete sich gegen alle Staaten, die mit der Sowjetunion zusammenarbeiteten, so auch gegen Syrien, dessen Anführer 1980 einen Freundschaftspakt mit der Sowjetunion unterzeichnet hatten. Da die USA traditionell der wichtigste Partner Israels waren, verschob Reagans Amtseinführung die Spielräume der Akteure im Libanon-Konflikt grundlegend.Martin Stäheli: Die syrische Außenpolitik unter Präsident Hafez Assad, S. 251 Israelische Politiker waren daher zunehmend überzeugt, dass sie die Rückendeckung der USA für eine erneute Intervention im Libanon haben würden – selbst wenn es im Zuge einer solchen Aktion zu Konflikten mit syrischen Truppen auf libanesischem Boden kommen sollte.
Raketenkrise und syrische Schwächung Nach einem Überfall auf syrische ADF-Truppen im März 1981 durch christliche MilizenItamar Rabinovich: The War for Lebanon: 1970–1985, S. 116 gingen die Syrer im April 1981 gegen erst kurz zuvor errichtete Stellungen der christlichen Milizen bei Zahlé vor, so dass diese ihrerseits um israelische Unterstützung ersuchten. Der folgende Abschuss von zwei syrischen Hubschraubern durch die Luftwaffe Israels veranlasste die Syrer, schwere Flugabwehrbatterien in den Libanon zu entsenden. Sie stationierten 2K12-„Kub“-Flugabwehrraketensysteme sowjetischer Bauart auf libanesischem Gebiet, was für Israel kaum hinnehmbar war, da man dort befürchtete, die Raketen könnten PLO-Terroristen im Libanon faktisch immun gegen israelische Vergeltungsangriffe aus der Luft machen. Zudem waren die Hubschrauber und die Raketen ein Bruch der 1976 ausgehandelten inoffiziellen Vereinbarung zwischen Israel und Syrien. Nur politischer Druck aus den USA hielt das israelische Militär davon ab, gegen die Raketen vorzugehen.Martin Stäheli: Die syrische Außenpolitik unter Präsident Hafez Assad, S. 313 US-Präsident Reagan fürchtete, dass durch einen Krieg zwischen Syrien und Israel die kurz bevorstehende Erfüllung der letzten Vereinbarungen aus dem Israelisch-ägyptischen Friedensvertrag von 1979 gescheitert wäre. Reagan ernannte den libanesischstämmigen Diplomaten Philip Habib zum Sondergesandten im Mittleren Osten. Dieser wirkte auf einen friedlichen Ausgleich zwischen den Kräften in der Region hin, befand sich damit aber in einer Minderheitsposition im US-Regierungsapparat, wo eine Mehrheit um Außenminister Alexander Haig auf einen militärischen Sieg Israels gegen Syrien setzte.
Nachdem sich die Kämpfe zwischen Milizen verschärft hatten, griffen am 17. Juli 1981 israelische Kampfflugzeuge Bürokomplexe in Beirut an, die von der PLO genutzt wurden. Wegen zahlreicher ziviler Opfer schalteten sich die USA ein und setzten Israel mit einem vorübergehenden Waffenembargo unter Druck. Habib vermittelte mit saudischer Unterstützung einen Waffenstillstand zwischen den Akteuren im Libanon, der am 24. Juli einsetzte und auch von der PLO eingehalten wurde. In diesem Rahmen akzeptierte Israel die syrischen Flugabwehrraketen und die Syrer sagten zu, diese nicht einzusetzen.
Innenpolitisch unter starkem Druck des islamischen Aufstands entwickelten sich in Syrien bürgerkriegsähnliche Zustände, die im Februar 1982 in das Massaker von Hama mündeten und die syrische Führung veranlassten, einen Teil ihrer Truppen aus dem Libanon abzuziehen, um sie gegen die Islamisten einzusetzen. Die syrischen Langstrecken-Flugabwehrsysteme im Libanon wurden auf der libanesischen Seite der syrischen Grenze in der Bekaa-Ebene konzentriert. Die Annexion der syrischen Golanhöhen durch Israel im Dezember 1981 blieb unbeantwortet.
„Grünes Licht“ aus Washington Die israelische Regierung war überzeugt, dass der vermittelte Waffenstillstand nicht lange halten würde und plante eine Offensive gegen die PLO in den Libanon hinein. Dies wurde Ende 1981 offensichtlich, weshalb Reagan den inzwischen abgezogenen Habib erneut als Sondergesandten tätig werden ließ. Im Mai 1982 stellten israelische Vertreter dem amerikanischen Außenminister Alexander Haig verschiedene Szenarien für ein Eingreifen Israels mit Bodentruppen im Südlibanon vor, um sich für den Fall der Fälle der amerikanischen Zustimmung für eine Offensive sicher zu sein. Kampfhandlungen mit syrischen Truppen waren dabei nicht geplant. Die USA wollten einer israelischen Intervention aber nur zustimmen, wenn sie als „angemessene Reaktion“ auf eine „international anerkannte Provokation“ der PLO erfolgte.Martin Stäheli: Die syrische Außenpolitik unter Präsident Hafez Assad, S. 319 Anderen Quellen zufolge bezeichnete der israelische Verteidigungsminister Ariel Scharon schon im Dezember 1981 Angriffe auf syrische Truppen als ein Ziel der Operation.
Die beschränkte Zustimmung aus Washington wurde als grünes Licht interpretiert, jedoch deuteten die engen Auflagen, die die USA für ein israelisches Vorgehen setzten, bereits die Besorgnis der Amerikaner an, der Konflikt könne eskalieren.H. Thomas Davis: 40 Km Into Lebanon: Israel’s 1982 Invasion, S. 84So interpretiert H. Thomas Davis in 40 Km Into Lebanon: Israel’s 1982 Invasion auf Seite 84 die beschränkte Zustimmung der Amerikaner als „Dunkelgelbes Licht“ (dim yellow light). Mit der vollständigen Erfüllung des Israelisch-ägyptischen Friedensvertrags am 26. April 1982 war allerdings ein wichtiger Sachgrund für den Widerstand von US-Präsident Reagan weggefallen.
Die arabischen Mächte, die eine israelische Aktion mit Krieg hätten beantworten können, hatten sich weitgehend selbst neutralisiert. So war Jordanien in einen bewaffneten Konflikt niedriger Intensität mit Syrien verstrickt, Ägypten war durch den Mord an seinem Präsidenten Anwar as-Sadat im Oktober 1981 und die laufenden Verhandlungen um die Rückgabe der Sinai-Halbinsel durch Israel handlungsunfähig, und Irak und Iran waren in einen Krieg verwickelt.Itamar Rabinovich: The War for Lebanon: 1970–1985, S. 131 und folgende
Auslöser und Krieg