Der Libanesische Bürgerkrieg () dauerte von 1975 bis 1990. In seinem Verlauf bekämpften sich verschiedene Gruppierungen im Libanon in wechselnden Koalitionen. Darüber hinaus kam es zu mehreren Interventionen durch weitere Staaten.

Die Vielfalt der libanesischen Bevölkerung spielte eine Rolle bei den Konflikten vor und während des Bürgerkriegs: In den Küstenstädten waren sunnitische Muslime und meistens rum-orthodoxe Christen die Mehrheit, während schiitische Muslime überwiegend im Süden des Libanons und im nördlichen Beqaa-Tal im Osten ansässig waren. Die Drusen und maronitischen Christen lebten noch im 19. Jahrhundert vorwiegend in den bergigen Regionen des Landes (besonders Libanongebirge) und Umgebung.

In der Zeit vor dem Bürgerkrieg war die libanesische Regierung stark von alteingesessenen Eliten der maronitischen Christen beeinflusst.Inhorn, Marcia C., and Soraya Tremayne: Islam and Assisted Reproductive Technologies. Berghahn 2021. S. 238, ISBN 978-0-85745-490-4. Die Verbindung von Politik und Religion war unter dem französischen Mandat von 1920 bis 1943 verstärkt worden, und die parlamentarische Struktur des Landes bevorzugte eine führende Position für die libanesischen Christen, die damals die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Dennoch war die muslimische Minderheit groß und der Libanesische Nationalpakt 1943 sollte eine proportionale Beteiligung aller Religionsgemeinschaften garantieren. Dadurch bildete sich ein komplizierter Religionsproporz in allen Bereichen der Politik, den die alten Führungsfamilien der Religionsgemeinschaften (genannt zaʿīm „Führer, Anführer“, Plural: zuʿamāʾ) für eine Aufteilung der Macht im Staat unter ihren Familien und Anhängern nutzten. Der Proporz des Nationalpakts verlor aber Legitimität, weil sich die Mehrheiten allmählich zugunsten der Muslime und innerhalb der Muslime zugunsten der Schiiten verschoben und die Zuwanderung von tausenden Palästinensern – zunächst 1948 und erneut 1967 – trug weiter zu einem demografischen Wandel im Libanon bei. Die von Christen dominierte Regierung des Libanon traf zunehmend auf Widerstand von Muslimen, Panarabisten und verschiedenen linksgerichteten Gruppen. Die meistens von zuʿamāʾ gegründeten politischen Parteien bildeten außerdem seit den 1930er Jahren zunehmend Parteimilizen, was die Verteilungskämpfe im damals wohlhabenden Libanon verschärfte. Im Kalten Krieg trugen diese Spannungen zur politischen Polarisierung bei, was schon die Libanonkrise 1958 verursacht hatte. Während die Christen meist auf der Seite der westlichen Welt standen, unterstützten Muslime, Panarabisten und Linke vorwiegend die mit der Sowjetunion verbündeten arabischen Länder und das arabische Vereinigungsstreben Gamal Abdel Nassers.David Hirst: Beware of Small States: Lebanon, Battleground of the Middle East. Nation Books 2010. S. 62, ISBN 978-1-56858-422-5 Die Krise konnte zwischen 1958 und 1970 durch die umfassende Reformpolitik des Schihabismus von dem neuen libanesischen Präsidenten und ehemaligen Armeebefehlshaber Fuad Schihab entschärft und der Libanon hierdurch stabilisiert werden. Die Beseitigung des Schihabismus durch eine rechts-linke, christlich-muslimische Parteienkoalition 1970 ließ den Machtverteilungskonflikt jedoch erneut aufleben.

Kurz danach wurde die Führung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) im Schwarzen September aus Jordanien in den Libanon vertrieben, den sie wieder zu Angriffen gegen Israel nutzte und verbündete libanesische Milizen massiv aufrüstete, um eine erneute Vertreibung zu verhindern, was christliche Milizen mit einer Gegenaufrüstung beantworteten. Die Kämpfe zwischen libanesischen christlichen Milizen auf der einen Seite und palästinensischen Guerillas der PLO und verbündeten, vorwiegend muslimischen und drusischen Milizen auf der anderen begannen schrittweise ab 1971 mit gegenseitigen Übergriffen, und der Bürgerkrieg brach im April 1975 voll aus. Die „rechten“, christlichen Milizen der Libanesischen Front forderten die Vertreibung der PLO, zumeist aller Palästinenser, um den Libanon aus dem Nahostkonflikt herauszuhalten. Die „linken“, vorwiegend (aber nicht nur) muslimischen Milizen der Libanesischen Nationalbewegung forderten die Reform oder Abschaffung des Nationalpakts. Kamal Dschumblat drohte sogar wiederholt mit Vertreibung der Christen aus dem Libanon. Es bildete sich eine Allianz zwischen Palästinensern und libanesischen Muslimen, Panarabisten und Linken gegen christliche, prowestliche, prolibanesische Milizen. Diese gegensätzlichen Ziele führten zur Eskalation des Konflikts.Fred Halliday: The Middle East in International Relations: Power, Politics and Ideology. Cambridge University Press 2005. S. 117.

Im Laufe des Konflikts wechselten jedoch die Allianzen und Feindschaften der Milizen schnell und unvorhersehbar. Der Bürgerkrieg verschärfte sich weiter, als ausländische Mächte wie Syrien, Israel und Iran sich einmischten und verschiedene Fraktionen unterstützten oder gegen sie kämpften. Verschiedene Friedenstruppen wie die Multinationale Truppe im Libanon (1982–84 mit Kontingenten aus den USA, UK, Frankreich und Italien) und die United Nations Interim Force in Lebanon (UNIFIL) und anfangs die Interarabische Sicherheitstruppe (Arab Deterrent Force) waren ebenfalls während dieser Zeit im Land stationiert. Israel gelang es 1982, die PLO-Führung aus Beirut nach Tunis zu vertreiben, woraufhin die Koalitionen der Bürgerkriegsmilizen noch wechselhafter wurden.

Die Verhältnisse verschoben sich, als 1988–90 der Oberbefehlshaber der libanesischen Armee Michel Aoun versuchte, alle Milizen mit Waffengewalt zu besiegen. Daraufhin schmiedete die seit Kriegsbeginn im Osten und Norden des Libanon, seit 1987 auch in Westbeirut, stehende syrische Armee ein loses Bündnis mit gegen Aoun eingestellten Einheiten der libanesischen Armee und allen Milizen (von den traditionell prosyrischen Amal und Marada über die mit der Islamischen Republik Iran verbündete Hisbollah und die zuvor mit der PLO verbündeten Milizen bis hin zu den eigentlich antisyrisch eingestellten Forces Libanaises), welche schließlich gemeinsam Aoun besiegten. 1989 markierte das Abkommen von Taif den Beginn des Endes der Kampfhandlungen, als ein von der Arabischen Liga ernannter Ausschuss begann, Lösungen für den Konflikt zu entwickeln. Der Bürgerkrieg endete 1990, mit einer faktischen syrischen Kontrolle und Besetzung des Libanon bis zur Zedernrevolution 2005. Im März 1991 verabschiedete das libanesische Parlament ein Amnestiegesetz, das alle politischen Verbrechen, die vor Inkrafttreten des Gesetzes begangen worden waren, begnadigte. Im Mai 1991 wurden alle bewaffneten Fraktionen, die im Libanon operierten, aufgelöst, mit Ausnahme der Hisbollah, einer von Iran unterstützten schiitischen Islamisten-Miliz, die auch Syrien gegen Israel weiter tolerieren wollte. Seitdem im Mai 2000 die von Israel unterstützte Südlibanesische Armee (SLA) zusammenbrach, ist heute nur noch die Hisbollah vollständig bewaffnet.

Obwohl die libanesischen Streitkräfte nach dem Konflikt langsam wieder aufgebaut wurden und die einzige große nicht-sektiererische bewaffnete Institution des Libanon darstellten, war die Zentralregierung weiterhin nicht in der Lage, die bewaffnete Stärke der Hisbollah herauszufordern (und hatte bis 2005 auch kein Interesse daran). Religiöse Spannungen, insbesondere zwischen Schiiten und Sunniten, hielten im Libanon seit dem formalen Ende der Feindseligkeiten im Jahr 1990 an.Rolland, John C. 2003. Lebanon: Current Issues and Background. S. 144, ISBN 978-1-59033-871-1. Der Nationalpakt wurde in Kompromissform reformiert: Das Verhältnis christlicher und muslimischer Parlamentsabgeordneter beträgt seither 1:1 statt vorher 6:5, und das politisch mächtigste Amt ist der sunnitische Ministerpräsident, nicht mehr der christliche (meistens maronitische) Präsident. Aber der Religionsproporz des Nationalpakts wurde trotz Zweifel an seiner Zukunftsfähigkeit nicht aufgehoben, was den damit verbundenen Klientelismus, Nepotismus und die Korruption im Nachkriegslibanon noch deutlich aufleben ließ und zunehmend die infrastrukturellen Staatsaufgaben behindert und das vor dem Krieg reiche Land verarmen lässt (Müllkrise, Verkehrskrise, Wasser- und Elektrizitätskrise, siehe Proteste im Libanon 2019–20).

Vorgeschichte und Ursachen

Osmanische und europäische Herrschaft

Im Jahr 1860 brach im Osmanischen Mutasarrifatsgebiet des Libanon ein Bürgerkrieg zwischen Drusen und Maroniten aus. Der Krieg führte zum Massaker an etwa 10.000 Christen und mindestens 6.000 Drusen. Der Erste Weltkrieg stellte für die Libanesen eine schwere Zeit dar. Die meisten Araber kämpften in der Armee des Osmanischen Reiches gegen die britischen und französischen Soldaten. Mit der Niederlage und Auflösung des Osmanischen Reiches (1908–1922) übernahm eine französische Verwaltung die Kontrolle über das Gebiet unter dem Französischen Mandat für Syrien und den Libanon gemäß dem Völkerbund. Die Franzosen schufen den Staat Großlibanon als Zufluchtsort für die Maroniten, schlossen jedoch eine große muslimische Bevölkerung innerhalb der Grenzen ein. 1926 wurde der Libanon zur Republik erklärt, und eine Verfassung wurde verabschiedet. Diese Verfassung wurde jedoch 1932 ausgesetzt. Verschiedene Fraktionen strebten nach einer Vereinigung mit Syrien oder der Unabhängigkeit von den Franzosen. 1936 wurde die maronitische Phalange-Partei von Pierre Gemayel gegründet, der sich bei der Gründung seiner Partei von der Inszenierung und der Disziplin der nationalsozialistischen Sturmabteilung bei den olympischen Sommerspielen 1936 inspirieren ließ.

Libanesische Unabhängigkeit

Der Zweite Weltkrieg und die 1940er Jahre brachten tiefgreifende Veränderungen für den Libanon und den Nahen Osten. Dem Libanon wurde die Unabhängigkeit versprochen, die am 22. November 1943 erreicht wurde. Die Freien Französischen Truppen, die 1941 in den Libanon einmarschiert waren, um Beirut von den Vichy-Franzosen zu befreien, verließen das Land 1946. Die Maroniten übernahmen die Macht im Land und in der Wirtschaft. Es wurde ein Parlament geschaffen, in dem sowohl Muslime als auch Christen jeweils eine feste Anzahl von Sitzen erhielten. Demnach sollte der Präsident ein Maronit, der Ministerpräsident ein sunnitischer Muslim und der Parlamentspräsident ein schiitischer Muslim sein.

Der Teilungsplan der Vereinten Nationen für Palästina führte zum Bürgerkrieg in Palästina, zum Ende des britischen Mandats für Palästina und zur israelischen Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948. Der andauernde Bürgerkrieg verwandelte sich im Arabisch-Israelischen Krieg von 1948 in einen Staatenkonflikt zwischen Israel und den arabischen Staaten, was dazu führte, dass palästinensische Flüchtlinge die Grenze zum Libanon überquerten.

Im Juli 1958 wurde der Libanon von einem drohenden Bürgerkrieg zwischen maronitischen Christen und Muslimen bedroht. Präsident Camille Chamoun hatte versucht, die Macht der traditionellen politischen Familien im Libanon zu brechen. Diese Familien sicherten sich ihre Wahlerfolge durch enge Klientelverhältnisse mit ihren lokalen Gemeinschaften. Obwohl es ihm gelang, alternative politische Kandidaten für die Wahlen 1957 zu fördern, was dazu führte, dass die traditionellen Familien ihre Positionen verloren, begaben sich diese Familien anschließend in einen Krieg gegen Chamoun, der als „Krieg der Paschas“ bezeichnet wird.