Die Geschichte des Libanon umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der heutigen Libanesischen Republik von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.
Libanon im Paläolithikum und in der Antike Das Gebiet des heutigen Libanon war bereits vor mindestens 40.000 Jahren vom anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) besiedelt. Belegt ist dies unter anderem durch Ausgrabungen in der archäologischen Fundstätte Ksar Akil nordöstlich von Beirut.
Der Libanon wurde nach dem Eroberungsfeldzug des Gnaeus Pompeius Magnus 63 v. Chr. Teil der römischen Provinz Syria.
Herrschaft der Araber und der Kreuzfahrer (636–1517)
Der Libanon wurde nach der Schlacht am Jarmuk im August 636, in der muslimische Araber die Byzantiner besiegten, an das Kalifat angeschlossen und teilte bis ins 19. Jahrhundert das Schicksal Syriens. So wurde er nacheinander bis ins 11. Jahrhundert von den Kalifen der Umayyaden, Abbasiden und Fatimiden regiert. Unter den Fatimiden entstand in Kairo im Jahr 1010 die Religionsgemeinschaft der Drusen unter al-Labbad, die den Fatimidenkalifen al-Hakim (996–1021) als Inkarnation Gottes ansahen. Nach der Ermordung al-Hakims wurden die Drusen in Ägypten und Syrien verfolgt, konnten sich aber im Libanongebirge behaupten. Unter der muslimischen Herrschaft konnten sich die christlichen und jüdischen Bevölkerungsteile Syriens weitgehend behaupten. Die aramäischsprachigen syrisch-orthodoxen Christen (im Gegensatz zu den damals Griechisch sprechenden orthodoxen Christen) und die Juden übernahmen relativ schnell (allerdings nicht vollständig) das ihren liturgischen Sprachen verwandte Arabisch als Umgangs- und Bildungssprache. Jahrhunderte später, gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren es im Wesentlichen syrische Christen und Juden, die die kulturelle Erneuerung der arabischen Sprache (al-nahda) betreiben sollten.
Zwar vertrieben die Seldschuken nach 1071 die Fatimiden aus Syrien und dem Libanon, doch konnten sie keine stabile Herrschaft errichten, so dass die Kreuzfahrer nach dem 1. Kreuzzug nach der Eroberung von Tripolis (1109) die Grafschaft Tripolis errichten konnten. Erst unter dem mameluckischen Sultan Chalil konnten die Kreuzfahrer um 1291 vertrieben werden. 1517 kam der Libanon mit Syrien nach dem Untergang des Mameluckenreichs unter die Herrschaft der Osmanen.
Osmanische Herrschaft (1517–1860) Unter den Osmanen errangen noch im 16. Jahrhundert die Emire der Drusen unter dem Man-Clan großen Einfluss und konnten den Libanon weitgehend unabhängig regieren (siehe auch: Emirat Libanonberg). Gegen 1800 gewannen die Maroniten zunehmend an wirtschaftlichem Einfluss, da sie von ihren Handelskontakten stark profitieren konnten. Die wirtschaftliche Entwicklung der damals sogenannten Levante weckte aber auch das Interesse der europäischen Großmächte, vor allem von Frankreich und England. Während Frankreich traditionell die christlich-katholische Bevölkerung der Levante unterstützte (vor allen Dingen die Maroniten), interessierte sich England für die Minderheit der Drusen, die vor allem in den südlicheren Gebieten die Notabeln stellten. Nicht zuletzt auf Grund der Intrigen der Franzosen und der Briten, die um größeren Einfluss rangen, und auf Grund der relativen Besserstellung der Maroniten besonders in den letzten Jahren des Emirates kam es ab 1820 zu ersten Zusammenstößen mit konfessionellem Charakter. Durch die ägyptische Invasion unter Ibrahim Pascha, Sohn von Muhammad Ali Pascha, wurden diese Spannungen nur intensiviert, denn seine Reformen hatten einen weiteren Aufschwung gerade der maronitischen Bauern zur Folge. Vor allem durch die Unterstützung der Europäischen Mächte (bis auf Frankreich) war es dem Osmanischen Reich möglich, die Herrschaft über die syrischen Provinzen wieder zu erlangen. Bei konfessionellen Unruhen nach dieser Rückeroberung wurde die Stadt Dair al-Qamar von Drusen erobert. Der letzte Emir, Baschir III., wurde daraufhin von der Hohen Pforte abgesetzt und ins Exil gesandt.
Nach dem Ende des Emirates wurde das Libanongebirge in zwei Distrikte unter der Oberherrschaft des Wali von Sidon aufgeteilt. Der nördliche Distrikt bekam einen maronitischen und der südliche Teil einen drusischen Gouverneur. Im Zuge einer Reform dieses Systems im Jahr 1845 durch Schakib Efendi, wurden Räte gebildet, die den Gouverneuren unterstellt waren. Die Mitglieder dieser Räte repräsentierten die jeweiligen Religionsgemeinschaften des Libanongebirges. Diese Räte sind insofern bedeutend, als sie die konfessionelle Aufteilung der politischen Ämter, die bis heute fortbesteht, einläutete.
Dieses System brachte einen unruhigen Frieden mit sich. Besonders in der nördlichen Provinz, die von einem maronitischen Gouverneur verwaltet wurde, nahmen die Spannungen zwischen Bauern und Feudalherren drastisch zu. Im Jahr 1858 schließlich führten die Bauern im Distrikt Keserwan einen Aufstand durch und vertrieben die Feudalfamilie Khazin und ihre Verbündeten. Damit waren die letzten bedeutenden Feudalherren vertrieben, und die maronitische Kirche gewann an Einfluss über die Bauern.
Auch im südlichen Distrikt eskalierte zwei Jahre später der Konflikt zwischen drusischen Feudalherren und den in der Regel maronitischen Bauern. Vor allem unter dem Einfluss des maronitischen Bischofs in Beirut wurde die Unzufriedenheit der Bauern auf alle Drusen gerichtet. Den drusischen Notabeln gelang es im Gegenzug, ihre Glaubensgenossen (und auch andere Muslime, sowie einige Griechisch-Orthodoxe) gegen die Maroniten aufzuhetzen, indem sie die Ängste vor einer Errichtung eines maronitischen Emirats schürten. Zusätzlich sorgte die Parteinahme von Briten und Franzosen für eine Verschärfung der Ressentiments. Seit den 1840er Jahren kam es zu schweren bewaffneten Zusammenstößen der beiden Gruppen, wobei die osmanische Armee einseitig Partei für die Drusen ergriff. Bei einem drusischen Angriff wurde die von Maroniten bewohnte Stadt Dair al-Qamar in Brand gesteckt und die Zivilbevölkerung massakriert.
Im Jahr 1860 eskalierte der Konflikt zum Bürgerkrieg im Libanongebirge zwischen Maroniten und Drusen.Encyclopædia Britannica: Ottoman period (from Lebanon) Die osmanischen Truppen unternahmen nichts, um die Massaker an Christen zu verhindern, und leisteten den angreifenden Drusen sogar indirekte Unterstützung. Nach Ansicht der modernen Geschichtsforschung war die Zahl der dabei ermordeten maronitischen Christen sehr hoch. Die Schätzungen über die Anzahl maronitischer Opfer schwanken zwischen 7.000 und 20.000 Toten; Zehntausende weitere Christen wurden obdachlos. Das Blutvergießen endete erst mit der Intervention Frankreichs, der Schutzmacht der Maroniten, das zudem die Autonomie des betroffenen Sandschak unter einem christlichen Gouverneur durchsetzte.
Selbstständige osmanische Provinz (1860–1915) mini|hochkant|Osmanische Karte von 1907, welche das Mutesarriflik Libanonberg zeigt
Nach den Pogromen von 1860 wurde das Mutesarriflik Libanonberg errichtet und von einem selbständigen osmanischen Gouverneur verwaltet. Ab 1864 war das Gebiet Teil der Großprovinz Beirut. Der Gouverneur des Libanon musste dabei immer ein katholischer (mit Rom unierter) Christ sein, der nicht aus dem Libanon kam. Die Einsetzung bedurfte der Zustimmung der europäischen Mächte. Die Autonomie des Libanon wurde von einer internationalen Kommission überwacht. Dennoch wurde der Sturz des Sultans Abdülhamid II. im Jahre 1908 auch im Libanon begeistert gefeiert. In das neugeschaffene Parlament in Konstantinopel wurden auch aus dem Libanon Abgeordnete entsandt. Der letzte osmanische Zivilgouverneur, Johannes Kouyoumdjian Pascha, ein aus Istanbul stammender Armenier und ehemaliger osmanischer Vize-Außenminister, der allerdings katholisch war und eine maronitische Mutter hatte, trat 1913 sein Amt an, das er bis zur Abschaffung der Zivilverwaltung 1915 ausübte.
Wirtschaftlich und kulturell blühte der Libanon in dieser Zeit auf, Beirut mit seiner französisch geprägten Kultur wurde ein Schmuckstück des Osmanischen Reiches und begründete seinen Ruf als „Paris des Nahen Ostens“. Dichter und Intellektuelle wie Khalil Gibran erlangten Weltruf.
Die Konzentration auf die Seidenraupenzucht zur Belieferung vorwiegend der französischen Seidenindustrie ging zu Lasten des Getreideanbaus. Die bäuerliche Wirtschaft konzentrierte sich auf Großgrundbesitzer und die Stiftungen der Kirchen, letztere besaßen rund ein Drittel des kultivierbaren Landes. Für die Nahrungsmittelversorgung wurde der Libanon zunehmend von Lieferungen aus Syrien abhängig. Gleichzeitig setzte nach 1860 ein Bevölkerungswachstum ein, welches die einheimische Wirtschaft nicht aufnehmen konnte. Infolgedessen setzte eine Auswanderungsbewegung ein, bei der die Auswanderer vor allem nach Übersee gingen. Zwischen 1860 und dem Ersten Weltkrieg wanderten rund ein Drittel der Bewohner des Libanon aus. Die Rücksendungen der Migranten machten einen gewichtigen Teil der Geldflüsse in das Land aus.Fawwaz Traboulsi: A History of Modern Lebanon., 2. Auflage, London, 2012, S. 45–47
Osmanisch-deutsche Militärverwaltung, Hungerkatastrophe (1915–1919) mini|right|Mémorial de la Grande Famine Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die selbständige Verwaltung abgeschafft und der Libanon Ende 1915 unter osmanische (türkische) Militärverwaltung gestellt. Der osmanische Zivilgouverneur wurde nach Konstantinopel abberufen. Neben Kairo und Damaskus war Beirut eines der Zentren der Nationalbewegung, die während des Ersten Weltkrieges von den Osmanen blutig unterdrückt wurde. Unter anderem wurden auf dem Place des Canons in Beirut 1916 zahlreiche Menschen hingerichtet, der seit 1931 Place des Martyrs, um an die Hinrichtungen zu erinnern. Erst 2018 wurde ein Denkmal (mémorial de la Grande famine) zur Erinnerung an die über 100.000 Hungertoten geschaffen.
Die alliierte Seeblockade (Mittelmeerküste des Libanon und Syriens) und Lebensmittelrequirierungen der im Libanon operierenden deutschen und osmanischen Heeresverbände verursachten Hungersnöten und Seuchen, in deren Folge über 100.000 der damals im Libanon lebenden 450.000 Menschen, vor allem Christen, umkamen (siehe Hungersnot im Libanon 1916–1918). Während die deutschen Stellen deren Schicksal weitgehend tatenlos zusahen (die orientalisch aussehenden, aber überwiegend Französisch sprechenden und katholischen „Levantiner“ waren der protestantisch-preußisch dominierten deutschen Elite suspekt), kam es vor allem in den USA zu gewaltigen Protestaktionen, die u. a. von libanesischen Emigranten wie Khalil Gibran organisiert wurden. Viele Libanesen wanderten in dieser Zeit aus, vor allem in die USA, Kanada, Lateinamerika, Australien und nach Südafrika. Heute gibt es weltweit allein circa sechs Millionen aus dem Libanon stammende Maroniten. Als die Türkei 1915 den Völkermord an den Armeniern beging, begann der Libanon, armenische Flüchtlinge aus Anatolien aufzunehmen. Diese kamen auch nach dem Ersten Weltkrieg. Sie sind bei Beibehaltung eigener sprachlicher und kultureller Traditionen seit langem in die libanesische Gesellschaft integriert und leben vor allem im Beiruter Stadtteil Bourj Hammoud.
Französisches Mandat (1919–1943) mini|150px|23pxLibanesische Flagge während des Mandats
Nach der Niederlage der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg besetzten die Ententemächte 1918/19 auch den Libanon.