mini|352x352px|Titelblatt der Leipziger Handschrift, welche von Wuttke u. a. für seine Edition gebraucht worden ist; Leipzig, Stadtbibl. Rep. I 4° 72, fol. 1v.; 1. Viertel des 9. Jh. Die sogenannte Kosmographie des Aethicus ist ein im 7. oder 8. Jahrhundert entstandenes mittellateinisches Pseudepigraph, das den im Titel erhobenen Anspruch, eine Kosmographie zu bieten, nur eingeschränkt einlöst. Das Werk gibt vor, auf einer antiken, griechischen Vorlage zu beruhen, die von einem aus Istrien stammenden, heidnischen Philosophen skythischer Herkunft namens Aethicus verfasst worden sein soll. Diese sei, so die Angabe des Textes, vom Kirchenvater Hieronymus (348/349–420) kommentiert, paraphrasiert, teilweise übersetzt und unter dem Titel Incipit liber Ethico translato philosophico, edito oraculo Hieronymo presbytero, dilatum ex Chosmografia, id est mundi scriptura veröffentlicht worden.
Aufgrund des freien und teils irreführenden Umgangs des Autors mit seinen Quellen – offenbar in dem Bestreben, Abhängigkeiten zu verschleiern – lassen sich die verwendeten Vorlagen nur in Teilen sicher identifizieren. Ebenso bleiben Identität, Herkunft und Absichten des Verfassers Gegenstand anhaltender wissenschaftlicher Diskussionen.
Im Mittelpunkt des Werkes steht die Gestalt des Aethicus, der – nach Art des philostratischen Apollonios von Tyana – als weitgereister Forscher und Entdecker auftritt. Seine Reisen führen ihn durch die gesamte Oecumene: von Indien bis zu den Säulen des Herkules, von Thule über Armenien bis nach Libyen. Beide Erzählerfiguren – Aethicus und „Hieronymus“ – sprechen im Werk in der ersten Person von sich. Die Stimme des „Hieronymus“ übernimmt dabei die narrative Kontrolle und fungiert als rahmender Erzähler, durch dessen Perspektive die Figur des Aethicus dem Leser vermittelt wird. Aethicus selbst tritt überwiegend in indirekter Rede auf; nur in wenigen Passagen wird ihm unmittelbare Sprechposition eingeräumt. Die als wörtliche Übersetzungen der angeblich griechischen Originalquelle ausgewiesenen Abschnitte zeichnen sich durch einen pathetisch überhöhten und bewusst orakelhaften Stil aus, der ersichtlich darauf abzielt, der vermeintlichen Vorlage einen geheimnisvollen, schwer zugänglichen Charakter zu verleihen.
Die Kosmographie eröffnet mit einer Darstellung der Schöpfung und der Beschreibung der Struktur des Kosmos. Es folgt eine ausführliche Schilderung der Reisen des Protagonisten, die ihn zu zahlreichen realen wie fiktiven Orten führen und den Hauptteil des Werkes bilden. Nur ein begrenzter Teil des Textes entspricht einer Kosmographie im engeren Sinne, die Gattungszuordnung ist Gegenstand einer Fachdebatte.
Übersicht Das Werk, das sich als vom Kirchenvater Hieronymus (348/49–420)Michael W. Herren: Wozu diente die Fälschung der Kosmographie des Aethicus? In: Lateinische Kultur im VIII. Jahrhundert. Traube-Gedenkschrift, hrsg. v. Albert Lehner/Walter Berschin, St. Ottilien 1989, S. 145–59, hier: S. 149f. redigierte und kommentierte Übersetzung einer Cosmographia eines skythischen Philosophen Aethicus bzw. EthicusDiese Namensvariante erscheint dabei im Werk selbst etwas häufiger als die erstgenannte; Prinz: Geistesgeschichte, MGH, 1993, S. 1. ausgibt, eröffnet mit der Darstellung der Schöpfung von Himmel, ErdeDiese tritt im Werk offenbar als flache Scheibe auf; Smyth: Universum, 1984, S. 170. und Hölle sowie der Rebellion und dem Sturz Satans. Es folgt eine Beschreibung der Reisen des Aethicus. Den Abschluss bildet ein angeblich von Aethicus erfundenes Alphabet.Vgl. dazu Heinz Löwe: Aethicus Ister und das alttürkische Runenalphabet. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 32/1 (1976), S. 1–22. Während Heinrich WuttkeHeinrich Wuttke: Die Kosmographie des Istrier Aithikos, Leipzig 1853. (1818–1876) das Werk noch der Antike und Hieronymus selbst zuschrieb und eine reale Vorlage eines istrischen Philosophen Aithikos annahm, gilt heute als gesichert, dass der Text im 7. oder 8. Jh. entstand, eine literarische Einheit bildet und sowohl Aethicus als auch die behauptete griechische Quelle frei erfunden sind. Hieronymus ist als Autor auszuschließen,Löwe: Widersacher, 1951, S. 907; und Brunhölzl: Zur Kosmographie, 1969, S. 85. das Werk somit als „doppelte Fälschung“Michael W. Herren: Wozu diente die Fälschung der Kosmographie des Aethicus? In: Lateinische Kultur im VIII. Jahrhundert. Traube-Gedenkschrift, hrsg. v. Albert Lehner/Walter Berschin, St. Ottilien 1989, S. 145–59, hier: S. 159. zu werten. Verfasserschaft, Herkunft und Intention des anonymen Autors bleiben ungeklärt. Der Text ist in schwer verständlichem Latein verfasst, das gelehrtes Vokabular mit protoromanischer Syntax verbindet und in pathetischen Partien in ein geradezu unverständliches „wirre[s] Kauderwelsch“Prinz: Überlieferung und Orthographie, 1981, S. 479. abdriftet.Michael W. Herren: Romance Elements in the Latinity of the Cosmography of Aethicus Ister. In: Latin vulgaire – latin tardif VIII. Actes du VIIIe colloque international sur le latin vulgaire et tardif (Oxford, 6–9 septembre 2006), hrsg. v. Roger Wright, Hildesheim u. a. 2008, S. 472–81.
Neben den fünf Haupthandschriften aus dem 8. und 9. Jh. existieren über 30 jüngere Überlieferungsträger, die sich auf den Zeitraum vom 8. bis zum 16. Jh. verteilen. Das genaue Abhängigkeitsverhältnis der Schrift zu anderen Werken bleibt aufgrund des freien Umgangs des Autors mit seinen Quellen undeutlich bis unklar, was auch die Datierung erschwert. Im frühen 20. Jh. wurde eine Verbindung des Werks zur fränkischen Hofgeschichtsschreibung des 7. oder 8. Jh. hergestellt. Diese Deutung ist insbesondere in der deutschen Forschung weitgehend Konsens, wurde teilweise aber auch bestritten.Krusch: Origo Francorum duplex, MGH, 1920, S. 517–28. Widersprechend Franz Brunhölzl: Zur Kosmographie, 1969, S. 78–84; und Michael W. Herren: The Cosmography of Aethicus Ister and Ancient Travel Literature. In: The World of Travellers. Exploration and Imagination, hrsg. v. Kees Dekker u. a., Löwen u. a. 2009, S. 5–30, hier: S. 5f., 18. Heinz Löwe schlägt auf Basis von Ähnlichkeiten mit den Chronicarum libri IV das Jahr 768 als frühestmöglichen Entstehungszeitpunkt vor,Löwe: Widersacher, 1951, S. 905; und ders.: Die „Vacetae insolae“ und die Entstehungszeit der Kosmographie des Aethicus Ister. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 31/1 (1975), S. 1–16, insbes. S. 13. während Michael W. Herren die Nutzung dieser Quelle ablehnt und die Vollendung des Werks um 727, also das Jahr der Fertigstellung des Liber Historiae Francorum datiert.Herren: Cosmography, 2011, S. lxviii–lxxiii; lxxvi–lxxviii.
Über kaum einen Aspekt der Kosmographie besteht Einigkeit. Neben der Frage nach den verwendeten Quellen standen und stehen insbesondere die Autorschaft und der Zweck des Werkes im Zentrum intensiver wissenschaftlicher Debatten, ohne dass sich bislang eine bestimmte Deutung durchsetzen konnte. Dabei lassen sich mehrere Hauptthesen unterscheiden:
Folgt man der von Heinz Löwe vertretenen These,Löwe: Widersacher, 1951, S. 899–988. die zum zentralen Bezugspunkt der Forschung zur Verfasserfrage geworden ist, so ist die Kosmographie als ein nach 768 im Umfeld des Arbeo von Freising entstandenes Werk zu deuten. Löwe sieht in ihr eine „geistige Rache“ des Iren Virgil von Salzburg an seinem Rivalen Bonifatius nach dessen Ermordung in Friesland. Zwischen beiden war es während Virgils Wirken in Baiern zu Konflikten gekommen, u. a. aufgrund einer Heterodoxie,Das genaue Wesen dieser Heterodoxie bleibt unklar. Im frühen 17. Jh. wurde sie im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um das kopernikanische Weltbild von Johannes Kepler erstmals mit der Lehre von Gegenfüßlern in Verbindung gebracht; Klaus Anselm Vogel: Sphaera terrae. Das mittelalterliche Bild der Erde und die kosmographische Revolution, phil. Diss., Göttingen 1995, S. 98. die schließlich zu einer Anzeige Virgils beim Papst führten. Verschiedene Forscher haben diese These aufgegriffen und modifiziert.Etwa Michaela Zelzer: Geheimnisvolles Dunkel, 1991, S. 183–207; und Winfried Stelzer: Ein Alt-Salzburger Fragment der Kosmographie des Aethicus Ister aus dem 8. Jahrhundert. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 100 (1992), S. 132–49. Eine Gegenposition vertritt Franz Brunhölzl.Brunhölzl: Zur Kosmographie, 1969, S. 75–89. Er verlegt die Herkunft des Verfassers an den Unterlauf der Donau und datiert den Textes in die zweite Hälfte des 7. Jhs. Als Entstehungsort vermutet er das Patriarchat von Aglar. Kurt HillkowitzHillkowitz: Zur Kosmographie II, 1973. verortet die Kosmographie – in Übereinstimmung mit Löwe – zwar ebenfalls in das Baiern des späten 8. Jhs., postuliert jedoch eine Herkunft des Verfassers aus Istrien. Seine „Wahlheimat“ habe er letztlich im „baierischen Istrien“ gefunden.
Eine in Grundzügen ähnliche Meinung vertritt Otto Prinz,Prinz: Überlieferung und Orthographie, 1981, S. 474–510, insbes. S. 508ff. der in dem Verfasser einen ursprünglich aus Istrien stammenden Kleriker erblickt, der später ins Frankenreich gelangt war und in seiner Kindheit oder Jugend mit der byzantinischen Deportationspolitik oder deren Folgen konfrontiert wurde. Die Abfassung der Reisebeschreibung sei wohl nach Alemannien zu verorten, möglicherweise in das Stift St. Gallen. In dessen Stiftsbibliothek hätte der Verfasser auch Zugriff auf das umfangreiche Quellenmaterial erhalten können, das für die Erstellung seines Werkes erforderlich gewesen ist. Die Größe des Konvents hätte es ihm ferner ermöglicht, sein im Falle einer Entdeckung rasch in den Verdacht der Häresie geratenes Treiben unbehelligt zu lassen. Das Werk sei Mitte des 8. Jh. entstanden und hätte das Ziel verfolgt zu unterhalten.
Michael W. HerrenMichael W. Herren: The Cosmography of Aethicus Ister and Ancient Travel Literature. In: The World of Travellers. Exploration and Imagination, hrsg. v. Kees Dekker u. a., Löwen u. a. 2009, S. 5–30. ist hingegen zu der Auffassung gelangt, dass es sich bei dem Werk um eine Satire auf die Weltbeschreibung des Kosmas Indikopleustes und die wörtliche Bibelexegese handelt und sie sich an eine gebildete Leserschaft richtet, welche sich für feinfühlige Fragestellungen der Bibelauslegung begeistert. Leichtgläubigkeit und oberflächliche Gelehrsamkeit sollen aufs Korn genommen werden. Aus dem Balkanraum stammend, habe der Autor große Teile des westlichen Europas bereist, darunter Irland und Cantwaraburg. Das Werk sei in der ersten Hälfte des 8. Jhs. in Bobbio vollendet worden.Dazu insbes. Herren: Cosmography, 2011, S. lxi–lxxiii. Im Abschnitt Forschungsgeschichte sollen die unterschiedlichen Hauptthesen detaillierter beleuchtet werden.
Überlieferung Das Werk wurde bereits im Frühmittelalter vielfach kopiert und fand rasche weite Verbreitung, verlor jedoch mit dem Hochmittelalter zunehmend an Bedeutung – vermutlich, weil durch die fortschreitende Christianisierung und die Kreuzzüge der vormals unbekannte Norden und Osten verstärkt in die Wissenssphäre des lateinischen Abendlandes einrückte, wodurch spekulativ-mythologische Darstellungen der Völkerschaften dieser Regionen an Reiz verloren. So trat die Kosmographie im späteren Mittelalter und der frühen Neuzeit trotz reichhaltiger Überlieferung zunehmend in den Hintergrund. Dies führte offenbar wiederum dazu, dass das Werk mit sachverwandten Texten verwechselt wurde.