mini|links|Dreiteiliges Dornblatt mini|Illustration mini|Zweig mit Blättern und Dornen mini|Blütenstand mini|Blütenstand mini|Blütenstand mini|Blüte mini|Berberitzenstrauch Die Gewöhnliche Berberitze (Berberis vulgaris), auch Sauerdorn, Essigbeere oder Echte Berberitze genannt, ist ein Strauch aus der Familie der Berberitzengewächse (Berberidaceae). Die Gewöhnliche Berberitze ist in Europa und Asien verbreitet. Der deutsche Name stammt wie der Gattungsname von gleichbedeutend berberisOtto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 136 (Berberis: Berberis vulgaris L.) bzw. mittellateinisch berbaris, aus arabisch barbarīs. Die kurz auch Berberitze genannte Art ist der in Europa bekannteste Vertreter der Gattung der Berberitzen (Berberis).

Beschreibung Die Berberitze ist ein sommergrüner, mit Blattdornen bewehrter Strauch, der Wuchshöhen von 1 bis 3 Metern erreicht. Die Zweige weisen ein- bis siebenteilige Dornen (umgewandelte Blätter der Langtriebe) auf, aus deren Achseln Laubblätter an Kurztrieben entspringen. An der Sprossbasis werden drei- und mehrteilige, an der Sprossspitze nur einteilige Dornblätter ausgebildet. An Schösslingen lässt sich anhand von Übergangsblättern die Entstehung der Dornblätter aus normalen Laubblättern verfolgen. Die Rinde ist äußerlich gelbbraun bis grau, innerlich leuchtend gelb. Die wechselständig bis büschelig angeordneten, einfachen, kurz gestielten, stachelig gesägten und abgerundeten bis spitzen sowie stachelspitzigen, kahlen Laubblätter sind kurz gestielt und verkehrt-eiförmig bis elliptisch. Die Blätter sind bis 7 Zentimeter lang. Die Basis ist keilförmig bis herablaufend, die Oberseite ist teils „bereift“.

Die zwittrigen und duftenden Blüten sind gelbe, halbkugelig-glockige, nektarführende Scheibenblumen. Sie finden sich in bis zu dreißigblütigen und hängenden, traubigen Blütenständen, die sich endständig an Kurztrieben befinden. Die Blüten besitzen jeweils bootförmige, sechs grünlich-gelbe Kelchblätter in zwei Kreisen, drei äußere kleinere und drei größere innere, sowie sechs, etwas kleinere, gelbe Kronblätter mit kleinen, basalen, orangen Nektardrüsen, wobei die Endblüte im Blütenstand fünfzählig ist.Jakob Graf: Tafelwerk zur Pflanzensystematik. Lehmanns, 1975, ISBN 978-3-540-79804-0, S. 34. Vor den Petalen stehen sechs kurze, freie Staubblätter mit klappig aufspringenden Staubbeuteln. Die Staubfäden sind im unteren Teil der Innenseite druckempfindlich (Seismonastie). Es liegt ein Turgormechanismus mit einer Alles-oder-Nichts-Reaktion vor: Ab einem bestimmten Druck erfolgt in Sekunde eine schlagartige (reversible) Bewegung der Staubblätter zum Griffel hin. Dadurch wird der klebrige Pollen auf die bestäubenden Insekten gedrückt. Vor dem Abblühen erfolgt auch spontane Selbstbestäubung. Der intensive spermatische Geruch der Blüten wird von manchen als unangenehm empfunden. Der einkammerige, längliche Fruchtknoten mit (fast) sitzender und scheibenförmiger Narbe ist oberständig.

Die Blütezeit reicht von Mai bis Juni.

Die Früchte sind scharlachrote, bis zu 1 Zentimeter lange, glatte und glänzende, eiförmige bis ellipsoide Beeren mit Narbenresten an der Spitze. Diese sind genießbar, aber durch den Gehalt an 6 % Äpfelsäure und anderen Fruchtsäuren sehr sauer. Die ab August roten Früchte sind z. T. Wintersteher, es findet Verdauungsverbreitung der Samen durch Vögel statt. In den Früchten werden ein oder zwei, schmal-eiförmige, bräunliche und glatte Samen ausgebildet, selten befinden sich mehr als zwei Samen in einer Frucht.

Die Chromosomenzahl der Art ist 2n = 28.

Ökologie Die Blüten sind homogam, das heißt Staubblätter und Narben reifen gleichzeitig heran. Die Nektar sammelnden Insekten – Fliegen, Hautflügler und Käfer – besuchen die waagrecht bis schräg abwärts gerichteten und dadurch vom Regen geschützten Blüten. Im ungereizten Zustand sind die Staubblätter von den konkaven Kronblättern völlig umhüllt. Saugt nun ein Insekt am Grunde der Blüte den Nektar auf, wird das Staubblatt gereizt und schlägt mit der geöffneten Anthere auf den Kopf des Tieres. In der Regel verlässt das Insekt hierauf die Blüte und besucht eine andere, dort bleibt der Pollen am klebrigen Rand der als Scheibe auf dem Fruchtknoten sitzenden Narbe hängen und bewirkt die Fremdbestäubung. Bei ausbleibendem Insektenbesuch berühren beim Verwelken der Blüte die Antheren von allein die Narben, dadurch kommt es zur Selbstbestäubung.

Die Gewöhnliche Berberitze ist der Zwischenwirt des Getreiderostes. Er verursacht im Sommer die rostroten Pusteln auf der Unterseite der Blätter.

Die Früchte werden von Vögeln gefressen, die Samen später wieder ausgeschieden und so ausgebreitet.

Die Dornen dienen der Vermeidung von Tierverbiss. Die Berberitze zählt zu den SO2-empfindlichen Straucharten.

Einer Studie zufolge ist Berberis vulgaris in der Lage, bei einem Insektenbefall durch die Sauerdorn-Bohrfliege (Rhagoletis meigenii) befallene Samen abzutöten.Katrin M. Meyer, Leo L. Soldaat, Harald Auge, Hans-Hermann Thulke: Adaptive and Selective Seed Abortion Reveals Complex Conditional Decision Making in Plants. In: The American Naturalist. Vol. 183, No. 3, 2014, doi:10.1086/675063. Dabei unterscheidet die Pflanze sogar zwischen Früchten mit einem oder zwei Samen. Nur bei befallenen Früchten mit zwei Samen wird vorbeugend einer abgetötet, um die Larve der Bohrfliege an der Entwicklung und dem unweigerlichen Auffressen beider Samen zu hindern. Ist nur ein Samen in der befallenen Frucht angelegt, unterbleibt das Abtöten des Samens, um die Chance zur Fortpflanzung zu nutzen, falls die Larve aus anderen Gründen absterben sollte.

Giftigkeit Mit Ausnahme der Beeren ist die ganze Pflanze giftig, besonders die Wurzel; der Alkaloidgehalt von zirka 15 % ist in der Wurzelrinde am größten.

Die giftigen Hauptwirkstoffe sind etwa 1–3 % Berberin, weiterhin Jatrorhizin, Palmatin, Columbamin, Isotetrandin, Magnoflorin und Berbamin.

Vergiftungserscheinungen sind: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Nierenreizung, Nephritis. Nach Literaturangaben waren vorwiegend Ein- bis Fünfjährige in den Monaten Mai bis Januar betroffen, nur bei 10 % der Kinder traten Symptome im Magen- und Darmbereich auf.

Vorkommen Die Berberitze kommt in West-, Mittel- und Südeuropa natürlich vor, nicht aber auf den britischen Inseln und Skandinavien. Nach Osten reicht die Verbreitung bis zum Kaukasus. In den Alpen steigt die Berberitze bis in 2500 Meter Seehöhe. In den Allgäuer Alpen kommt sie nur bis zu 1900 m Meereshöhe im Tiroler Teil am Südfuß der Roten Flüh vor. Im Oberengadin erreicht sie sogar 2660 Meter Meereshöhe.

Diese Art bevorzugt kalkhaltige, trockene bis mäßig feuchte Standorte sowohl im Licht als auch im Halbschatten. Sie bevorzugt Waldränder, Gebüsche, lichte Auen. Nach Ellenberg ist sie eine Halblichtpflanze, subozeanisch verbreitet, auf stickstoffarmen Standorten wachsend und eine Verbandscharakterart wärmeliebender Berberitzengebüsche (Berberidion vulgaris).

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 2 (mäßig trocken), Lichtzahl L = 3 (halbschattig), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 3 (montan), Nährstoffzahl N = 2 (nährstoffarm), Kontinentalitätszahl K = 4 (subkontinental).

Allgemeine Verbreitung Die Gewöhnliche Berberitze ist eine südeuropäisch-westasiatische Pflanze. Die Nordgrenze ihres Areals liegt bei Schottland, Norwegen (Trondheim), Südschweden und dem Baltikum; die Ostgrenze liegt im unteren Wolga-Gebiet, im Kaukasus, in Usbekistan und im Nordiran. Auch in Marokko und in Algerien hat sie ursprüngliche Vorkommen.

Taxonomie und Systematik Die Gewöhnliche Berberitze wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum Band 1 Seite 330-331 als Berberis vulgaris erstbeschrieben. Man kann drei Unterarten unterscheiden: Berberis vulgaris subsp. australis (Syn.: Berberis vulgaris var. australis ): Sie kommt im südlichen Spanien, in Marokko und in Algerien vor. Berberis vulgaris subsp. seroi : Sie kommt im zentralen und im östlichen Spanien vor. Sie wurde 1874 erstbeschrieben. Berberis vulgaris subsp. vulgaris: Sie kommt in Europa und Westasien vor.

Krankheiten Die Berberitze ist Zwischenwirt des Getreideschwarzrosts (Puccinia graminis) und wurde deshalb in Europa stellenweise nahezu ausgerottet. Infizierte Berberitzenblätter weisen auf der Unterseite orangegelbe bis rostbraune Pusteln auf, aus denen Sporen des Getreideschwarzrostpilzes vom Wind verbreitet werden. Als man im 18. Jahrhundert begann, den Zusammenhang zwischen der Berberitze und dem Schwarzrost zu erkennen, brach in Frankreich ein heftiger Streit zwischen Bauern und Konfitüre-Kochern aus, die die Bauern des Aberglaubens bezichtigten. Wissenschaftlich bestätigt wurde die Funktion der Berberitze als Zwischenwirt durch den Botaniker und Mykologen Heinrich Anton de Bary im Jahr 1866. Neben dem Getreideschwarzrost besiedeln aber noch andere Rostpilze die Berberitze: Puccinia arrhenatheri (bildet Hexenbesen ausA. Naef, B. A. Roy, R. Kaiser, R. Honegger: Insect-mediated reproduction of systemic infections by Puccinia arrhenatheri on Berberis vulgaris. In: New Phytologist. 2002; 154, S. 717–730, doi:10.1046/j.1469-8137.2002.00406.x. und es findet ein Wirtswechsel mit Glatthafer statt), Puccinia brachypodii (Wirtswechsel mit Zwenken), Puccinia pygmaea (Wirtswechsel mit Reitgräsern, selten auch Straußgräsern) und Puccinia poae-nemoralis (Wirtswechsel mit Rispengräsern und anderen Süßgräsern). Zudem kommen die Echten Mehltaupilze Phyllactinia berberidis und Erysiphe berberidis auf den Blättern vor.

Verwendung mini|Früchte der Berberitze

Die roten Früchte der Berberitze sind weitgehend frei von Berberin und Berbamin und daher essbar. Sie waren früher laut dem Circa instansHans Wölfel: Das Arzneidrogenbuch „Circa Instans“ in einer Fassung des XIII. Jahrhunderts aus der Universitätsbibliothek Erlangen: Text und Kommentar als Beitrag zur Pflanzen- und Drogenkunde des Mittelalters. Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation, Berlin 1939 (A. Preilipper, Hamburg 1939), S. 24. offizinell,Vgl. auch Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 371. sind sehr vitaminreich und schmecken säuerlich. Traditionell werden sie in Europa zur Konfitürenbereitung genutzt. Getrocknet werden sie wie Rosinen z. B. in Müsli gegessen. Die Beeren der Berberitze werden in orientalischen Ländern, vor allem in Iran, zum Kochen verwendet. Dort werden sie vor allem zum süß-sauren Würzen von Reis (z. B. Sereschk Polo – „Berberitzenreis“), aber auch von Fisch und Braten verwendet. Allein in der Region Chorasan, dem Zentrum des Anbaugebietes im Nordosten des Iran, werden pro Jahr etwa 4500 Tonnen Früchte geerntet. Die kernlose Sorte „Asperma“ wird in dieser Provinz seit etwa 200 Jahren kultiviert. Es sind aber vermutlich alte Gewöhnliche Berberitzen, deren Früchte – wie Clusius beobachtet hatte – mit zunehmendem Alter kernlos werden.

Im Kaukasus werden die Beeren fermentiert.Andrea Pieroni, Renata Sõukand: Ethnic and religious affiliations affect traditional wild plant foraging in Central Azerbaijan. In: Genet. Resour. Crop. Evol. 66, 2019, S. 1495–1513, doi:10.1007/s10722-019-00802-9, PDF.