mini|Pyrrhon von Elis (Phantasieabbildung) Pyrrhon von Elis (altgriechisch Πύρρων Pýrrhōn; * um 362 v. Chr. in Elis; † um 270–275 v. Chr.) war ein antiker griechischer Philosoph. Er war der Stifter der älteren skeptischen Schule.

Die nach ihm benannte „pyrrhonische Skepsis“, eine der zwei Hauptrichtungen des antiken Skeptizismus, wird seit Michel de Montaigne und Blaise Pascal Pyrrhonismus genannt. Die Lehre war mindestens bis zum Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. lebendig; die jüngere, „akademische“, Skepsis, die im 3. Jahrhundert v. Chr. durch Arkesilaos in der Platonischen Akademie aufkam und von Karneades weitergeführt wurde, erwies sich als weniger langlebig.

Pyrrhon steht in der Ethik auf der Seite der rigorosen älteren Stoiker, die nur die Tugend selbst als gut anerkennen. In der Neuzeit wird Pyrrhons Name oft als ein Symbol für den Zweifel (griech. skepsis) schlechthin gebraucht. Insbesondere durch Diogenes Laertios sind eine Reihe von Anekdoten überliefert, die Pyrrhons Art des Denkens zu veranschaulichen suchen. Von Diogenes Laertius liegt daneben eine recht ausführliche Lebensbeschreibung Pyrrhons vor.

Quellen Von den meisten Werken der antiken Skeptiker sind nur Bruchstücke in Form von Zitaten, Zusammenfassungen oder Paraphrasen bei anderen Autoren erhalten geblieben. Pyrrhon selbst hinterließ keine eigenen schriftlichen Aufzeichnungen. Seine Lehren wurden in – verloren gegangenen – Schriften seiner Schüler, hauptsächlich von Timon von Phleius, aufgezeichnet.

Die wichtigste Quelle für seine Lebensdaten ist der Doxograph Diogenes Laertios (Buch IX, 61–108, Über Pyrrhon),Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt. Hrsg. Klaus Reich. 2. Auflage, Hamburg 1967. dessen Werk vermutlich aus der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts n. Chr. stammtRicken: Antike Skeptiker. S. 13. und in dem er sich teilweise auf Diokles bezieht. Diogenes Laertios überliefert auch Details aus dem Leben Pyrrhons, für die er auf die Biographiensammlung des Antigonos von Karystos zurückgriff, der wiederum andere hellenistische Autoren, wie Apollodor von Athen, Diokles von Magnesia, Nausiphanes von Teos, Pilon von Athen und Timon von Phleius, zitiert.Matthias Haake: Der Philosoph in der Stadt. C.H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-55856-6, S. 301. Der Wahrheitsgehalt der meisten Angaben ist indes nicht überprüfbar, sind die Aussagen des Diogenes Laertios doch unbelegt.Richard Bett: Pyrrho, his antecedents, and his legacy. 2000. S. 1/2.

Von dem Skeptiker Sextus Empiricus sind drei grundlegende Schriften erhalten, die die Lehre des Pyrrhon zusammenfassen, ihrerseits auf einer reichhaltigen skeptischen Literatur fußen und unter dem Originaltitel Πυρρωνείαι ὑποτυπώσεις (pyrrhoneíai hypotypôseis), übersetzt etwa: Grundzüge der pyrrhonischen Skepsis, drei Bücher umfassen.

Pyrrhon war auch Cicero ein Begriff, der sich selbst zu einer Variante des Skeptizismus bekannte und dessen philosophische Schriften, wie seine Akademischen Abhandlungen,Marcus Tullius Cicero: Akademische Abhandlungen. In einer Übersetzung von Christoph Schäublin. Band 479 der Philosophischen Bibliothek. Meiner Verlag, 1995, ISBN 3-7873-1350-8, Einleitung S. XXVII. wichtige Quellen zu Pyrrhons Lehre sind. In seiner Schrift Tusculanae disputationes erwähnt er Pyrrhon explizit im Zusammenhang mit der Erörterung von Gut und Schlecht.Onlineversion von Tusculanae disputationes

Leben mini|Pyrrhon in stürmischer See, Gemälde des Petrarcameisters, 16. Jahrhundert Pyrrhon stammte aus Elis auf der nordwestlichen Peloponnes im Ionischen Meer. Diogenes Laertios schreibt, er sei der Sohn des Pleistarchos gewesen, was schon Diokles berichtet habe. Nach der Chronik des Apollodoros sei er zunächst ein armer und unbekannter Maler gewesen. Er habe im Gymnasium von Elis Fackelträger gemalt und diese Bilder mäßiger Qualität in der Turnhalle ausgestellt. Er habe eine Schwester namens Philista gehabt, die Hebamme gewesen sei und zu der er sich sehr rücksichtsvoll verhalten habe, „denn er trug selbst vorkommendenfalls kleine Vögel und Schweinchen zum Verkauf nach dem Markt wie er denn auch das ganze Geschäft der Reinigung des Hauses unterschiedslos auf sich nahm.“Klaus Reich (Hrsg.): Diogenes Laertius. Leben und Meinungen berühmter Philosophen. In einer Übersetzung von Otto Apelt. F. Meiner Verlag. 1967. S. 194. Ansonsten habe er sich der Geselligkeit entzogen und die Einsamkeit gesucht, „so dass die Hausgenossen ihn nur selten sahen“.Uwe Schultz: Michel de Montaigne. Rowohlt, 1989, ISBN 3-499-50442-1, S. 105.

Durch Bryson von Herakleia, einen Schüler Stilpons, sei Pyrrhon auf das Werk des Demokrit und die Philosophie aufmerksam geworden. Er soll Demokrit und dessen ethische Ideale von innerer Harmonie hoch geschätzt haben. „Wie auch Alexandros in den Abstammungen“ sage, sei er darauf dem Anaxarchos von Abdera gefolgt, habe mit ihm an den Feldzügen Alexander des Großen teilgenommen und sei mit ihm „bis zu den Gymnosophisten“ nach Indien gereist, wo er mit Asketen und Magiern zusammengetroffen sei.Diogenes Laertius: Philosophische Geschichte. Schwickertscher Verlag, Leipzig 1806, S. 393. Die Asienfeldzüge Alexanders begannen 334 v. Chr.; um 327 v. Chr. rückte er bis Indien vor.

Auf Alexander den Großen soll Pyrrhon ein Gedicht verfasst und dafür 1000 Goldstücke erhalten haben.Ricken, S. 21. Diogenes Laertios rühmt Pyrrhons Anspruchslosigkeit und Zufriedenheit, aber auch seine innere Unangefochtenheit und das Selbstbewusstsein, mit dem er gegenüber Alexander dem Großen auftrat. Obwohl er in seiner Jugend selbst leicht erregbar gewesen sei, habe ihn später nichts aus der Fassung bringen können; selbst wenn sich jemand mitten in einer Diskussion entfernte, habe er seine Rede unbeirrt zu Ende geführt.

Die Reise nach Indien, das Studium der östlichen Philosophie und das Erlebnis der Körperbeherrschung und der Härte der Übungen der Gymnosophisten und Asketen mögen ihn inspiriert haben, sich von seiner bisherigen Lebensführung zu verabschieden. So lernte er wahrscheinlich Kalanos kennen, einen indischen Asketen und vielleicht buddhistischen Philosoph, der den Alexanderzug einige Jahre begleitete und dort schließlich einen stoischen Freitod beging, der die Makedonen nachhaltig beeindruckte.Georgios T. Halkias: The Self-Immolation of Kalanos and Other Luminous Encounters Among Greeks and Indian Buddhists in the Hellenistic World. In: Journal of the Oxford Center for Buddhist Studies. Band 8, 2015, S. 163–186 (online).

Es folgte seine Rückkehr nach Elis, wo er eine Schule gründeteMatthias Haake: Der Philosoph in der Stadt. S. 302 und „dort arm, ruhigen Gemütes, bis ins hohe Alter“Wilhelm Dilthey: Allgemeine Geschichte der Philosophie: Vorlesungen 1900-1905. In: Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Gabriele Gebhardt und Hans-Ulrich Lessing. Band 23, Vandenhoeck & Ruprecht, 2000, ISBN 3-525-30319-X, S. 53. lebte. Pyrrhon soll in der Bevölkerung ein hohes Ansehen genossen haben – auch bei den Athenern, die ihm das Bürgerrecht verliehen hätten. Man habe ihn zum Oberpriester gewählt und seinetwillen allen Philosophen Steuerfreiheit gewährt. Viele Bürger hätten ihm in Bezug auf seine Zurückhaltung von öffentlicher Tätigkeit nachgeeifert.Rolf Nölle (Hrsg.) Diogenes Laertios. altgriechisch/deutsch. Books on Demand, 2008, ISBN 978-3-8370-4053-1, S. 344–345.

Antigonos von Karystos berichtet, Pyrrhon habe sich im Alltag konsequent jeden Urteils enthalten. Er sei vor nichts ausgewichen und habe keinerlei Vorsicht gekannt. Alles sei ihm gleichgültig gewesen, er habe der Wahrnehmung keinen Einfluss auf sein Verhalten zugestanden. Oft habe er sich ohne Vorplanung auf Reisen begeben, nur seinen Schülern, die ihn begleiteten, habe er sein Überleben zu verdanken; weigerte er sich doch, entgegenkommenden Wagen, steilen Abhängen oder bissigen Hunden auszuweichen. Als Anaxarchos einmal in einen Sumpf gefallen war, sei er unbeirrt seines Weges weiter gegangen, ohne ihm zu helfen – ein Verhalten, das ihm manchen Tadel eingebracht, von Anaxarchos aber ausdrücklich gelobt worden sei.Paul Moraux: Der Aristotelismus bei den Griechen: von Andronikos bis Alexander von Aphrodisias. Walter de Gruyter, 1984, ISBN 3-110-09919-5, S. 173, Anm. 304. Dieser Darstellung lässt Diogenes allerdings eine andere Überlieferung folgen: Ainesidemos habe dargelegt, dass Pyrrhon zwar in seiner Philosophie die Urteilsenthaltung gelehrt, selbst aber nicht unvorsichtig gehandelt habe.Ricken, S. 14ff. nach DL IX 62; Als man ihn einmal dabei überraschte, wie er sich mit sich selbst unterhielt und man ihn nach der Ursache fragte, habe er erwidert, er befleißige sich, ein umgänglicher Mensch zu werden. Auch sei Pyrrhon einmal, von einem Hund verfolgt, auf einen Baum geklettert. Als die Anwesenden ihn auslachten, habe er gesagt, es sei „schwierig, den Menschen abzulegen“.Paul Moraux: Der Aristotelismus bei den Griechen: von Andronikos bis Alexander von Aphrodisias. Walter de Gruyter, 1984, ISBN 3-110-09919-5, S. 173.

Eine der vielen Anekdoten, die Diogenes Laertios über Pyrrhon zusammengetragen hat, erzählt von einer Überfahrt Pyrrhons im Ionischen Meer während eines starken Sturms. Die Schiffsbesatzung fürchtete sich zu Tode. Pyrrhon selbst blieb ganz ruhig und wies auf ein unbeeindruckt weiter fressendes Schweinchen mit den Worten hin, dass diese Unerschütterlichkeit und Seelenruhe ein Muster für das Verhalten von Weisen sei. Diese Anekdote ist vielfältig rezipiert und kommentiert worden, beispielsweise von Michel de Montaigne, dessen Skeptizismus ausdrücklich auf „pyrrhonischem Denken“ fußt. Bei ihm ist die Anekdote ein Beispiel dafür, dass die Vernunft weniger gegen die Übel auszurichten vermag als natürliche Gewohnheiten.Michel de Montaigne: Essais I, 14 (in Tietzes Übersetzung: I, 40). Im Gegensatz dazu versieht Hegel sie mit dem knappen Nachsatz, die empfohlene Verhaltensweise der Ataraxie "müsse nicht schweinisch sein, sondern aus der Vernunft geboren".G.W.F. Hegel: Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie. Frankfurt am Main 1969, Bd. 19, S. 370.

Diogenes Laertios schien es, Pyrrhon habe den besten Weg philosophischer Betrachtungsweise gewählt, indem er – wie Askanios von Abdera gesagt habe – „dem Standpunkt der Unbegreiflichkeit der Dinge und der Zurückhaltung des Urteils Eingang und Geltung verschaffte.“Rolf Nölle (Hrsg.): Diogenes Laertius. altgriechisch/deutsch. Books on Demand, 2008, ISBN 978-3-8370-4053-1, S. 344.

Während seine Teilnahme am Alexanderzug als historisch angesehen wird, sind einzelne – vorgebliche oder tatsächliche – Erlebnisse Pyrrhons wahrscheinlich erzählerisch ausgestaltet worden. Die auf Diokles von Magnesia zurückgehende Nachricht hingegen, Pyrrhon habe den odrysischen König Kotys ermordet und sei deswegen von den Athenern mit dem Bürgerrecht geehrt worden, ist definitiv auf eine Verwechslung mit Python von Ainos zurückzuführen. Die Aussagen, die Bewohner von Elis hätten Pyrrhon zum Archiereus bestimmt und allen Philosophen Abgabefreiheit gewährt, gehen vermutlich auf Nausiphanes von Teos, einen Schüler Pyrrhons und Lehrer Epikurs zurück. Doch auch eine weitere Quelle bezeugt Pyrrhons angesehene Stellung in Elis: Der Perieget Pausanias schreibt nämlich, dass sich auf der Agora von Elis eine Statue und im nahe gelegenen Petra das Grabmal des Philosophen Pyrrhon befinde. Haake bescheinigt diesen Informationen ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit, „weil dem Periegeten nicht die Intention von Philosophenbiographen eignet (sic!), ihre Helden in einem besonderen Licht erscheinen zu lassen.“Matthias Haake: Der Philosoph in der Stadt. S. 302. Es ist daher davon auszugehen, dass Pyrrhon in Elis eine angesehene Stellung innehatte, die sich in einer hohen kultischen Funktion manifestiert.