Hirzenhain ist eine Gemeinde im hessischen Wetteraukreis. Der Ort liegt östlich der Wetterau im westlichen Vogelsberg und wird von der Nidder durchflossen.
mini|hochkant=1.3|Hirzenhain im Juli 2010: Blick von der Klostermauer, rechts von der Bildmitte das Buderus-Hauptgebäude
Geographie Hirzenhain grenzt im Norden an die Stadt Schotten (Vogelsbergkreis), im Osten an die Stadt Gedern, im Süden an die Stadt Ortenberg sowie im Westen an die Stadt Nidda.
Hirzenhain besteht aus den Ortsteilen Glashütten, Hirzenhain und Merkenfritz. Der Ortsteil Glashütten hat noch die angegliederten Ortsteile Streithain und Igelhausen.
Ortsgeschichte Mittelalter Die älteste erhaltene Erwähnung des Ortes datiert auf den 13. Januar 1330.Friedrich Battenberg: Isenburger Urkunden 1. Regesten zu Urkundenbeständen und Kopiaren der fürstlichen Archive in Birstein und Büdingen. 947 - 1500. Darmstadt 1976. Nr. 383, S. 105. 1375 entstand das Augustiner-Chorherren-Stift und eine Waldschmiede. Hirzenhain gehörte zum Amt Ortenberg, einem Kondominat, dessen drei Herren sich alle der Reformation anschlossen, so dass auch der Ort lutherisch und das Stift 1554 in eine Lateinschule umgewandelt wurde, die bis 1595 bestand. Neuzeit Hirzenhain gehörte zu den Gebieten, in denen das Solmser Landrecht von 1571 gewohnheitsrechtlich, aber nur teilweise, rezipiert wurde. Das galt insbesondere für die Bereiche Vormundschaftsrecht, Erbleihe und eheliches Güterrecht. Im Übrigen galt das Gemeine Recht.Arthur Benno Schmidt: Die geschichtlichen Grundlagen des bürgerlichen Rechts im Großherzogtum Hessen. Curt von Münchow, Giessen 1893, S. 108, Anm. 36 und S. 25, Anm. 82, sowie beiliegende Karte. Erst das Bürgerliche Gesetzbuch, das einheitlich im ganzen Deutschen Reich galt, setzte zum 1. Januar 1900 das alte Partikularrecht außer Kraft.
Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1830 über Hirzenhain:
Die einstige Waldschmiede entwickelte sich zu einem Eisenwerk, das von der Familie Buderus im Jahre 1678 gepachtet und 1869 gekauft wurde.
Im Zweiten Weltkrieg bestand das Arbeitserziehungslager Hirzenhain, eine Außenstelle des Arbeitserziehungslagers Heddernheim im Norden von Frankfurt am Main. Dort mussten deutsche und ausländische Häftlinge unter KZ-Bedingungen in der Produktion der Breuer-Werke arbeiten und Panzerteile herstellen. Am 23. März 1945, kurz vor Kriegsende, wurden 49 Frauen aus dem Arbeitserziehungslager in Frankfurt-Heddernheim zur Außenstelle nach Hirzenhain transportiert. Während des Transports flohen 5 Frauen. Die verbliebenen 44 wurden mit 37 weiteren Frauen und 6 Häftlingen aus dem Lager am 26. März 1945 durch die SS erschossen. Sie wurden später im Kloster Arnsburg auf dem dortigen Kriegsopferfriedhof beigesetzt.Michael Keller: »Das mit den Russenweibern ist erledigt« – Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit, Gestapo-KZ, Massenmord einer SS-Kampfgruppe und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit am Tatort in Hirzenhain wie auf dem Kriegsgräberfriedhof im Kloster Arnsburg. 1943-1996. 2. durchges. und stark erw. Aufl. Bindernagel, Friedberg 2000, ISBN 3-87076-087-7 (= Wetterauer Geschichtsblätter 47). In der Gemeinde selbst hielten sich unabhängig von den Breuer-Werken im Juli 1944 dreiundzwanzig Zwangsarbeiter auf, darunter zwölf Letten. Im März 1945 waren es 25 Zwangsarbeiter.Klaus D. Rack, Monica Kingreen, Dirk Richhardt: Fern der Heimat unter Zwang: der „Einsatz fremdländischer Arbeitskräfte“ während des Zweiten Weltkriegs in der Wetterau. Geschichtsverein für Butzbach und Umgebung, Butzbach 2004, S. 112–114, ISBN 3-9802328-8-3
Hessische Gebietsreform (1970–1977)
Im Zuge der Gebietsreform in Hessen fusionierten zum 1. Oktober 1971 die bis dahin selbständigen Gemeinden Hirzenhain und Merkenfritz zur erweiterten Gemeinde Hirzenhain. Am 1. April 1972 kam Glashütten hinzu. Als Sitz der Gemeindeverwaltung wurde der Ortsteil Hirzenhain bestimmt. Ortsbezirke nach der Hessischen Gemeindeordnung wurden nicht errichtet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Hirzenhain angehört(e):
vor 1601: Heiliges Römisches Reich, Amt Ortenberg (Kondominat des Wetterauer Grafenvereins) ab 1601: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Stolberg-Wernigerode, Amt Ortenberg ab 1645: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Stolberg-Stolberg, Amt Ortenberg ab 1706: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Stolberg-Roßla, Amt OrtenbergGrafschaft Stolberg. Abgerufen im Mai 2024. ab 1806: Großherzogtum Hessen (Souveränitätslande), Fürstentum Oberhessen, Amt Gedern (zur Standesherrschaft Stolberg gehörig) ab 1815: Großherzogtum Hessen (Souveränitätslande), Provinz Oberhessen, Amt Gedern (zur Standesherrschaft Stolberg gehörig) ab 1821: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk NiddaTrennung zwischen Justiz (Landgericht Ortenberg) und Verwaltung. ab 1832: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Nidda ab 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Nidda ab 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Nidda ab 1867: Norddeutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Nidda ab 1871: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Nidda ab 1874: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Büdingen ab 1918: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Büdingen ab 1938: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Landkreis Büdingen ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Büdingen ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Büdingen ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Büdingen ab 1972: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Wetteraukreis
Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011 Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag, dem 9. Mai 2011, in Hirzenhain 2893 Einwohner. Darunter waren 179 (6,2 %) Ausländer, von denen 118 aus dem EU-Ausland, 40 aus anderen europäischen Ländern und 21 aus anderen Staaten kamen. (Bis zum Jahr 2020 erhöhte sich die Ausländerquote auf 11,8 %.) Nach dem Lebensalter waren 533 Einwohner unter 18 Jahren, 1170 zwischen 18 und 49, 618 zwischen 50 und 64 und 574 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 1244 Haushalten. Davon waren 377 Singlehaushalte, 342 Paare ohne Kinder und 395 Paare mit Kindern sowie 109 Alleinerziehende und 21 Wohngemeinschaften. In 265 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 794 Haushaltungen lebten keine Senioren.
Einwohnerentwicklung
Religionszugehörigkeit • 1829: 301 evangelische (= 98,69 %), 4 katholische (= 1,31 %) Einwohner • 1961: 876 evangelische (= 65,37 %), 393 katholische (= 29,33 %) Einwohner • 1987: 1839 evangelische (= 69,0 %), 451 katholische (= 19,9 %), 375 sonstige (= 14,1 %) Einwohner • 2011: 1677 evangelische (= 58,0 %), 409 katholische (= 14,1 %), 807 sonstige (= 27,9 %) Einwohner
Politik Gemeindevertretung Für die Gemeindevertretung der Gemeinde Hirzenhain erbrachte die Kommunalwahl am 15. März 2026 folgendes amtliche Endergebnis,Votemanager: Amtliches Endergebnis der Gemeindewahl am 15. März 2026 - 23° Election Manager: Hirzenhain 2026 in Vergleich gesetzt zu früheren Kommunalwahlen:
Wahlvorschläge%2026Sitze2026%2021Sitze2021%2016Sitze2016%2011Sitze2011%2006Sitze2006%2001Sitze2001 UWG Unabhängige Wählergemeinschaft 61,9 9 45,9 7 25,2 4 23,2 3 — — — — 38,1 6 44,2 7 33,3 5 31,4 5 42,0 6 31,0 7 — — 9,9 1 41,5 6 45,4 7 52,2 8 61,1 14 — — — — — — — — 5,8 1 — — HWI Hirzenhainer Wählerinitiative — — — — — — — — — — 7,9 2 Gesamt 100,0 15 100,0 15 100,0 15 100,0 15 100,0 15 100,0 23 Wahlbeteiligung in % 53,6 46,5 54,9 45,5 49,6 56,4
Bürgermeister Nach der hessischen Kommunalverfassung wird der Bürgermeister für eine sechsjährige Amtszeit gewählt, seit dem Jahr 1993 in einer Direktwahl, und ist Vorsitzender des Gemeindevorstands, dem in der Gemeinde Hirzenhain neben dem Bürgermeister und dem Ersten Beigeordneten weitere fünf ehrenamtliche Beigeordnete angehören.Gemeindevorstand Bürgermeister ist seit dem 1. Dezember 2017 der parteiunabhängige Timo Tichai. Sein Amtsvorgänger Freddy Arthur Kammer war am 8. Mai 2017 nach einem Bürgerentscheid über seine Abwahl aus der zweiten Amtszeit vorzeitig ausgeschieden. Somit musste die Wahl des neuen Bürgermeisters vorgezogen werden. Timo Tichai erhielt am 8. Oktober 2017 in einer Stichwahl bei 57,7 Prozent Wahlbeteiligung 52,6 Prozent der Stimmen. Es folgte eine Wiederwahl im Oktober 2023.
Amtszeiten der Bürgermeister 2017–2029 Timo TichaiFNP, 21. März 2023: Bürgermeisterwahl im Herbst 2009–2017 Freddy Arthur Kammer 1991–2009 Elfriede Pfannkuche (SPD)FNP, 11. August 2023: Elfriede Pfannkuche: »Fahrradverleih käme gut an«: „von 1991 bis 2009 Bürgermeisterin“ 1979–1990 Reinhold Medebach (SPD) (1952–2024)FNP, 15. März 2024: Früherer Bürgermeister Reinhold Medebach gestorben: „Der frühere Rosbacher und Hirzenhainer Bürgermeister Reinhold Medebach ist im Alter von 71 Jahren verstorben. … Mit gerade einmal 26 Jahren wurde der gelernte Bürokaufmann von der SPD zum Bürgermeister in Hirzenhain bestimmt. … Zwölf Jahre lang blieb er im Rathaus“
+ Ergebnisse der Bürgermeister-Direktwahlen Jahr Wahlbeteiligungin % Kandidaten Partei Stimmenin % 2023Votemanager: Bürgermeisterwahl Hirzenhain 2023 65,38 Timo Tichai 55,49 Marcel Weber UWG 44,51 2017Stichwahl 57,7 Timo Tichai 52,6 Stefan Endisch 47,4 2017 73,1 Willi Wirth 6,0 Stefan Endisch 22,5 Michael Höhl 20,0 Harald Otto 7,9 Jörg Gottwals 20,1 Timo Tichai 23,5 2017Bürgerentscheid 64,5 Abwahl JA 60,8 Abwahl NEIN 39,2 2014Stichwahl 70,5 Freddy Arthur Kammer(1) 55,5 Klaus Heusohn SPD 44,5 2014 61,8 Klaus Heusohn SPD 48,0 Nicole Seitz Piraten 9,5 Freddy Arthur Kammer 42,6 2008Stichwahl 62,3 Elfriede Pfannkuche SPD 47,7 Freddy Arthur Kammer 52,3 2008 63,2 Elfriede Pfannkuche SPD 36,7 Mario Müller CDU 28,3 Freddy Arthur Kammer 34,9 2002 75,6 Elfriede Pfannkuche SPD 71,1 1996 75,0 Elfriede Pfannkuche SPD 67,8 Jörg Scherbarth HWI 21,8 Andreas Müth CDU 10,3 (1) Kammer ist SPD-Mitglied, trat aber als unabhängiger Bewerber an. Aufgrund von Wahlfälschungsvorwürfen erklärte die Gemeindevertretung Hirzenhains am 21. Juli 2014 die Wahl Kammers für ungültig. Die zuständige Staatsanwaltschaft klagte Kammer wegen Wahldelikten (Urkundenfälschung und Wahlfälschung) im Zusammenhang mit der Wahl an, die Anklage wurde vom Amtsgericht Büdingen zugelassen. Gießener Anzeiger vom 27. April 2015; VGH Kassel, Beschl. v. 5. Februar 2015 – 8 B 2099/14 = KommJur 2015, 210. Am 7. Mai 2017 wurde Kammer durch einen Bürgerentscheid abgewählt. In: hessenschau.de. 7. Mai 2017. Seine Amtsgeschäfte endeten am 8. Mai 2017, 24:00 Uhr, mit der Feststellung des amtlichen Endergebnisses durch den Gemeindewahlausschuss. Am 2. August 2023 erklärte der Hessische Verwaltungsgerichtshof die Abwahl Kammers für rechtswidrig, hatte aber an der Gültigkeit der anschließenden Neuwahl keine Zweifel.
Wappen und Flagge Im November 1951 wurde der Gemeinde Hirzenhain durch das Hessische Staatsministerium das Recht zur Führung eines Wappens verliehen.
Am 5. September 1969 ist der Gemeinde durch den Hessischen Minister des Innern die nachstehend beschriebene Flagge genehmigt worden: „Auf dem von Schwarz und Gelb geteilten Flaggentuch das Gemeindewappen.“
Kultur und Sehenswürdigkeiten Museen Eisenkunstgussmuseum
Bauwerke mini|Ev. spätgotische Hallenkirche1439–1534 Augustinerkloster „St. Maria“
Augustinerkirche mit dreijochigem Kirchenschiff. Der Lettner ist ein Meisterwerk spätgotischer Steinmetzarbeit.
Naturdenkmäler Siehe Liste der Naturdenkmäler in Hirzenhain
Wirtschaft und Infrastruktur Ansässige Unternehmen