mini|300px|Polnische Zivilisten als Opfer des Massakers vom 26. März 1943, das von der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) mit Hilfe ukrainischer Bauern im Dorf Lipniki begangen wurde Mit Massaker in Wolhynien (auch: Wolhynien-Massaker, Massaker von Wolhynien,Polen: Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag des Massakers von Wolhynien. polnisch Rzeź wołyńska, ukrainisch Волинська трагедія) werden Massaker an der polnischen Bevölkerungsgruppe in den ehemaligen polnischen Ostgebieten durch die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) während des Zweiten Weltkrieges bezeichnet. Die Massaker in Wolhynien stehen im direkten Zusammenhang mit der nationalistischen Politik der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und ihres militärischen Armes, der UPA, die die Schaffung eines unabhängigen, vereinten ukrainischen Staates anstrebte, der alle ethnischen ukrainischen Gebiete einschließen sollte. Die vom 9. Februar 1943 bis Kriegsende durchgeführten Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung durch die UPA in den im deutschen Machtbereich liegenden Gebieten Polens und der Ukraine nahmen Formen ethnischer Säuberungen an.Ewa Siemaszko: S. 2–3 A document of the Polish underground provides a condensed account of this terrible savagery.Timothy Snyder: A fascist hero in democratic Kiev. NewYork Reviev of Books. February 24, 2010Timothy Snyder: The Reconstruction of Nations. Yale University Press, New Haven 2003, S. 168–169, 176.Sofia Grachova: (PDF; 152 kB) Danyliw Seminar Paper, Harvard University Bei den Massakern wurden je nach Quelle 50.000 bis 80.000 oder annähernd 100.000 Polen von ukrainischen Nationalisten ermordet, aber auch andere ortsansässige ethnische Gruppen sowie Flüchtlinge waren betroffen. Bei Racheaktionen polnischer Milizen gab es ca. 10.000 bis 15.000 ukrainische Todesopfer.

Vorgeschichte Galizien und Wolhynien, im Mittelalter Teile des Fürstentums Halytsch-Wolhynien, standen seit dem Ende des 14. Jahrhunderts unter der Herrschaft des Königreichs Polen und des Großfürstentums Litauen bzw. mit der Vereinigung beider Länder und der Begründung der polnisch-litauischen Adelsrepublik in der Lubliner Union 1569 unter der Polen-Litauens. Erst mit den Teilungen Polens im 18. Jahrhundert wurden beide Gebiete herrschaftlich getrennt. Galizien fiel an die Habsburgermonarchie, Wolhynien an das Russische Reich.

Ostgalizien und Wolhynien in der Zweiten Polnischen Republik mini|hochkant=1.3|Verteilung der Volksgruppen und Sprachen in der Zweiten Polnischen Republik mini|hochkant=1.3|Wolhynien und Ostgalizien als Teile der Zweiten Polnischen Republik

Die Niederlage der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg und die damit verbundene Auflösung Österreich-Ungarns versuchten sowohl Ukrainer als auch Polen zur Bildung von Nationalstaaten zu nutzen. Dem am 14. November 1918 zum polnischen Staatschef ernannten Józef Piłsudski (1867–1935) hatte zunächst die Errichtung einer von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichenden, Międzymorze (poln. für „Zwischenmeerland“) genannten slawischen Konföderation vorgeschwebt, die de facto eine Erneuerung der alten polnisch-litauischen Adelsrepublik gewesen wäre. Die miteinander konkurrierenden Nationalismen der slawischen Völker ließen dieses Projekt schon früh scheitern. Schließlich entstand der polnische Nationalstaat, dessen Ostgrenze zunächst noch nicht feststand und dessen Gebietsansprüche hier mit denen der Ukrainer und des sich formierenden Sowjetrusslands konkurrierten.Jerzy Lukowski, Hubert Zawadzki: A Concise History of Poland. Cambridge University Press 2001, ISBN 0-521-55917-0, S. 26f., 194f., 197 und 200.

In Galizien, wo sich die nationalukrainischen Kräfte wesentlich früher organisiert hatten und die Nationenbildung weiter fortgeschritten war als im russisch beherrschten Teil der Ukraine, wurde am 13. November 1918 eine Westukrainische Volksrepublik (ukr.: Західноукраїнська Народна Республіка, Sachidno-Ukrajinska Narodna Respublika; SUNR) mit Lemberg als Hauptstadt proklamiert. Politisch nahezu völlig auf sich allein gestellt, vermochte sich diese im bald darauf ausbrechenden und bis Sommer 1919 andauernden Polnisch-Ukrainischen Krieg gegen die Zweite Polnische Republik militärisch allerdings nicht zu behaupten. Auch in dem zu Russland gehörenden Teil der Ukraine scheiterte die Bildung eines ukrainischen Nationalstaates im Zuge der Ereignisse des Russischen Bürgerkrieges und des Polnisch-Sowjetischen Krieges. Am 18. März 1921 wurde mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Riga die Ostgrenze Polens neu definiert und die Gebiete östlich des Bug, die nicht mehrheitlich von Polen bewohnt waren, zu Teilen der Zweiten Polnischen Republik gemacht.Kappeler (2000), S. 174f. und 184.

Der sich fortan in den Grenzen des polnischen Staates befindliche Westteil Wolhyniens umfasste rund 36.000 km², die Fläche Ostgaliziens rund 47.000 km². In Wolhynien lebten damals rund 2,3 Millionen Menschen, von denen nur etwa 350.000 bzw. knapp 17 % der Gesamtbevölkerung Polen waren. 70 % der Bevölkerung waren Ukrainer, 10 % Juden. Ganz ähnlich war die ethnische Situation auch in Ostgalizien, dessen polnischer Bevölkerungsteil mit 25 % zwar etwas größer war, wo auf die Ukrainer aber dennoch 64 % der Gesamtbevölkerung entfielen und der jüdische Bevölkerungsanteil ebenfalls 10 % betrug.Hryciuk (2010), S. 529. Die polnische Regierung versuchte, dieses numerische Ungleichgewicht „mit einer gezielten Boden- und Siedlungspolitik“ auszugleichen, indem sie polnische Bauern in beiden Gebieten ansiedelte.Kappeler (2000), S. 208. Diesen wurden Teile des polnischen Großgrundbesitzes übereignet und finanzielle Unterstützungen gewährt. Obwohl auch ukrainische Bauern von der Aufteilung polnischen Großgrundbesitzes profitierten, sorgten die übrigen Maßnahmen der polnischen Regierung wie die Einführung der polnischen Sprache im orthodoxen Gottesdienst, die Beschneidung des ukrainischen Schulwesens, die Unterdrückung politischer Regungen und die Verhaftung zahlreicher Aktivisten bei den Ukrainern für steigendes Unbehagen und Hass.Kappeler (2000), S. 208 und 212.

Die Ukrainer Galiziens gingen schon bald zu offenem Widerstand gegen die polnische Politik über, der sich in den zwanziger Jahren zu einem regelrechten Kleinkrieg auswuchs, bei dem polnische Gutshöfe verbrannt sowie Sabotageakte und Anschläge auf polnische Politiker verübt wurden. 1929 kam es in Wien zur Gründung der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die vor allem unter der Jugend Galiziens zahlreiche Anhänger fand. Unter Oberst Jewhen Konowalez (1891–1938) wurde sie zu einer disziplinierten militärischen Untergrundbewegung ausgebaut, die ab 1930 Terroranschläge auf polnische Einrichtungen, Beamte und Gutsbesitzer sowie Ukrainer, die mit den Polen zusammenarbeiteten, ausführte. Spektakulärer Höhepunkt dieser Angriffe war die Ermordung des polnischen Innenministers Bronisław Pieracki im Juni 1934 in Warschau. Der polnische Staat reagierte darauf mit einem noch härteren Vorgehen gegen jegliche Opposition und weiteren Verhaftungen sowie einer Verschärfung seiner Nationalitätenpolitik. Die polnische Politik gegenüber den Ukrainern und anderen Minderheiten, die „im ganzen gesehen assimilatorisch und repressiv“ war, vermochte aber auf diese Weise bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges weder die polnische Vorherrschaft zu festigen, noch die ukrainische Mehrheitsbevölkerung zu loyalen und in die polnische Republik integrierten Staatsbürgern zu machen.Kappeler (2000), S. 211f.

Die Sowjetherrschaft

Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wurde die Zweite Polnische Republik gemäß den im geheimen Zusatzprotokoll des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts abgesteckten Interessensphären in Ostmitteleuropa aufgeteilt. Ostgalizien und Wolhynien fielen wie die übrigen Woiwodschaften Ostpolens der sowjetischen Besatzung anheim. Die „neu gewonnenen“ Gebiete wurden konsequent in das Sowjetsystem integriert. Die wichtigsten Wirtschaftszweige wurden verstaatlicht, die Exponenten der alten Eliten verhaftet und deportiert. Da diese Maßnahmen überwiegend Polen betrafen und die ukrainischen Bauern zunächst von der Enteignung und Aufteilung polnischen Großgrundbesitzes profitierten, wurde den Sowjets vonseiten der Ukrainer anfangs durchaus auch Sympathie entgegengebracht. Die 1940 einsetzende Kollektivierung der Landwirtschaft und die rigorose Unterdrückung aller ukrainischen nationalstaatlichen Bestrebungen sorgten jedoch auch hier für einen Stimmungsumschwung und zunehmende Desillusionierung bei breiten Bevölkerungskreisen. Die nationale ukrainische Intelligenz setzte ihre Hoffnungen bald verstärkt auf die OUN, die es als einzige antisowjetische Kraft geschafft hatte, im Untergrund weiter zu bestehen. Sie hatte sich allerdings nach 1933 immer stärker auf das nationalsozialistische Deutschland ausgerichtet und nach der Ermordung ihres Leiters Jewhen Konowalez 1940 in „Melnykisten“ und „Banderisten“ gespalten. Bei ersteren, als OUN-M bezeichnet, handelte es sich um die zumeist aus Emigranten bestehenden Anhänger von Oberst Andrij Melnyk (1890–1964), bei letzteren, als OUN-B bezeichnet, um die Anhänger Stepan Banderas (1909–1959), die ihre Basis in Galizien hatten und den bewaffneten Kampf für die Eigenstaatlichkeit der Ukrainer befürworteten.Kappeler (2000), S. 215f.

Die Zeit der deutschen Besatzung

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 wechselten beide Gebiete abermals den Besatzer. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee im September 1944 befanden sich Ostgalizien als Teil des Generalgouvernements und Wolhynien als Teil des Reichskommissariats Ukraine unter deutscher Herrschaft. Nach den Erfahrungen der kurzen Sowjetherrschaft weckte der deutsche Einmarsch bei nicht wenigen Ukrainern zunächst Hoffnungen auf eine Besserung der Lage. Nicht wenige Angehörige der national eingestellten ukrainischen Intelligenz sahen in den Deutschen ihre Befreier und meinten, die Verwirklichung ihres Traumes von der ukrainischen Eigenstaatlichkeit stehe nun unmittelbar bevor. Zwei von der OUN aufgestellte Militäreinheiten mit den Bezeichnungen Roland und Nachtigall waren mit der Wehrmacht in die Ukraine einmarschiert, und bereits am 30. Juni 1941 proklamierten Mitglieder der OUN-B in Lemberg einen unabhängigen ukrainischen Staat. Von deutscher Seite reagierte man auf diese Proklamation jedoch mit der Verhaftung Banderas und seiner Mitkämpfer und ihrer Einweisung ins KZ Sachsenhausen. Trotz dieser Maßnahme kam es in der Folgezeit aufgrund der weitgehenden Zurückhaltung der deutschen Besatzungsmacht auf vielen Ebenen zu einer relativ guten Zusammenarbeit mit den Ukrainern. Diese nutzten die ihnen gebotenen Freiräume für vielfältige national-kulturelle Aktivitäten, belebten ihr Schulwesen neu und schafften es besonders in Ostgalizien, zahlreiche Posten in der Lokalverwaltung und in den von den Deutschen aufgestellten ukrainischen Hilfspolizeieinheiten zu besetzen. Die Bezeichnungen für diese aus Einheimischen rekrutierten Einheiten variierten. Im Süden der deutsch besetzten Sowjetunion sprach man meist von Hilfspolizei, im Heeresgebiet Mitte hingegen von Ordnungsdienst. Nachdem sich die Polizeiorganisation (und hier vor allem die Dienststellen der Ordnungspolizei) vollständig in den besetzten Ostgebieten etabliert hatte, ging die Hilfspolizei, nun offiziell Schutzmannschaft genannt, in den Kompetenzbereich des SS- und Polizeiapparates über.Dieter Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941–1944. R. Oldenbourg Verlag, München 2008, ISBN 978-3-486-58065-5, S. 174. Als Angehörige letzterer waren Ukrainer hier auch von Anfang an in die Vernichtung der Juden als einer der tragenden ethnischen Gruppen des Landes involviert.Kappeler (2000), S. 217 und 219.